Wenn es knirscht …

1. Timotheus 5, 17 – 25

17 Die Ältesten, die der Gemeinde gut vorstehen, die halte man zweifacher Ehre wert, besonders, die sich mühen im Wort und in der Lehre. 18 Denn die Schrift sagt (5.Mose 25,4): »Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden«; und: »Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert«.

Es geht um die Ältesten. Πρεσβύτεροι. Das griechische Wort ist bis heute in manchen Regionen die Bezeichnung für die Kirchenältesten, die Presbyter, den Kirchenvorstand. Sie stehen als Vorbilder besonders im Blickpunkt. Ihre Aufgabe schützt und fordert zugleich. Es scheint, als gebe es Älteste, die ihre Arbeit besonders sorgfältig tun. Sie sollen zweifache Ehre erfahren. Vom nachfolgenden Wort über den Ochsen, dem man das Futter nicht verwehren soll, liegt es nahe, bei der zweifachen Ehre an höheres Gehalt zu denken. Nur, ist das vorstellbar? „Es würden also zwei Gehaltsstufen der Presbyter je nach der Leistung unterschieden!“(J.Jeremias, aaO.; S.41) Mir klingt das zu sehr von heute her gedacht, in Ämter-Kategorien und Gehaltsstufen. Ist es wirklich vorstellbar, in der Frühzeit, dem 1. Jahrhundert nach Christus, dass Älteste in der Gemeinde entlohnt werden? Ich stimme zu: „Das klingt nicht eben wahrscheinlich.“(J.Jeremias, ebda. )

Was aber dann? Wenn es beim Wort „Älteste“ nur vordergründig um eine Amtsbezeichnung geht, aber gleichzeitig um eine Altersbezeichnung? Wenn die Ältesten tatsächlich Ältere, Alte sind, angewiesen auf die Fürsorge der Gemeinde. Dann sagt der Satz womöglich nur: „Die Gemeinde soll freigiebig und großzügig im Unterhalt der alten Männer und Frauen und erst recht nicht zurückhaltend sein, wenn diese einen guten Dienst für die Gemeinde tun.“(H. Bürki, aaO. S.178) Dieser Gedanke hilft, den Blick ein wenig von der Geldfrage zu lösen. Das klingt gut: Nicht Lohn, sondern Unterhalt. Das Einzige, was diese schöne Lösung ein wenig stört, ist das griechische Wort für Lohn μισθός. Selbst wenn man statt Lohn „Honorar“(Gemoll, aaO. s. 507) sagt – es bleibt eine Entlohnung und nicht nur Unterhalt.

19 Gegen einen Ältesten nimm keine Klage an ohne zwei oder drei Zeugen. 20 Die da sündigen, die weise zurecht vor allen, damit sich auch die andern fürchten. 21 Ich ermahne dich inständig vor Gott und Christus Jesus und den auserwählten Engeln, dass du dich daran hältst ohne Vorurteil und niemanden begünstigst.

Gerede ist rasch entzündet. Klagen über die Alten auch, erst recht, wenn sie ein Amt so ausüben, dass sie nicht alles akzeptieren. Und der Generationenkonflikt ist keine Erfindung unserer Zeit. Gegen das Gerede und falsche Klagen schützt sie die Forderung nach mehreren Zeugen. Μαρτύροι. Das kann verhindern, dass einer, warum auch immer, einen Ältesten in Misskredit bringt. Umgekehrt allerdings da Verfehlungen bei den Ältesten besonders ins Gewicht fallen, ist auch ihre „Zurechtweisung“ eine öffentliche Gemeinde-Angelegenheit. ἐνώπιον πάντων – vor aller Augen. Es scheint, der Schreiber hält nicht so viel von den Hinterzimmern, in denen Probleme unter den Teppich gekehrt werden können. Im Hintergrund mag der biblische Grundsatz mitschwingen: „Bei dem HERRN, unserm Gott, ist kein Unrecht, weder Ansehen der Person noch Annehmen von Geschenken.“(2. Chronik 19,17)

Es geht Paulus um die Wahrnehmbarkeit und Glaubwürdigkeit des christlichen Lebens. Beim Einzelnen und in der Gemeinde. Wo nichts wahrnehmbar ist, ist da noch christlicher Glaube?

22 Die Hände lege niemandem zu bald auf; habe nicht teil an fremden Sünden! Halte dich selber rein! 23 Trinke nicht mehr nur Wasser, sondern nimm ein wenig Wein dazu um des Magens willen und weil du oft krank bist.

Der so zum Ermahnen und Ermutigen gemahnt wird, muss Acht haben auf sich selbst. Wer nicht auf sich selbst achtet, wird rasch auch andere nicht mehr achten. Es geht auch darum, die Freiheit zu bewahren, sich nicht abhängig machen von Menschen. Sich auch nicht gemein machen. Sich nicht unbedacht mitreißen zu lassen.

Mitten in den Worten, die zur Achtsamkeit im Blick auf sich selbst mahnen, stellt der Schreiber die anderen Worte: Geh vorsichtig mit dem Handauflegen um. Es geht bei dieser Warnung wohl nicht um das Handauflegen in einer Segenshandlung, bei der zur Fürbitte für einen Menschen noch das dazu kommt, dass er berührt wird, mit dem Kreuz gezeichnet. Sondern es wird eher um die Beauftragung zu einem Dienst gehen, der einem anderen übertragen wird. An dieser Stelle soll Timotheus zögerlich Sorgfalt walten lassen. Das liegt auf der Linie, die Paulus schon vorher bei den Kriterien für die Gemeindevorsteher angezeigt hatte: Er soll kein Neugetaufter sein, damit er sich nicht aufblase.“(3,6) Nur bewährte Leute, nur nach sorgfältiger Prüfung.

Darüber hinaus: Es ist eine verführerische Kraft darin, einem anderen die Hände aufzulegen. Da werden Gefühle, Emotionen freigesetzt. Da geschieht etwas. Das kann auch zur Selbstbestätigung dessen missbraucht werden, der die Hände auflegt: Durch mich handelt Gott. Das weiß Paulus und auch darum warnt er: Das sind starke Erfahrungen – für den, der so gesegnet wird und auch für die, die so segnen, die Hände auflegen.

Und dann – zugewandt, sorgsam: Sei selbst nicht so asketisch. Gönne Dir selbst auch etwas. Denn wer sich selbst nichts Gutes gönnt, wird auch anderen nicht zugestehen, dass sie genießen dürfen, was sie haben – frei nach Theresa von Avila: „Wenn Fasten, dann Fasten, wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn.“ Oder mit Luther: „Darf unser Herr Gott gute große Hechte, auch guten Rheinwein schaffen, so darf ich sie wohl auch essen und trinken.“

24 Bei einigen Menschen sind die Sünden offenbar und gehen ihnen zum Gericht voran; bei einigen aber werden sie hernach offenbar. 25 Desgleichen sind auch die guten Werke stets offenbar, und die anderen bleiben auch nicht verborgen.

Timotheus soll sich nicht als Spürhund betätigen. Es genügt: Gott kennt die Herzen. Gott weiß um die Wirklichkeit eines Menschenlebens. Es wird alles noch einmal zur Sprache kommen, Gutes und Schweres. Aus dieser Sicht heraus ist Zurückhaltung geboten. Das Wissen um die verborgenen Sünden führt eben nicht zur Aufforderung: Sei Du investigativ unterwegs. Es genügt, dass es offenbar werden wird. Es ist Gott vorbehalten, das Verborgene des Menschenlebens aufzudecken. Darum ist es ein Zeichen von Gottvertrauen, darauf zu setzen, dass Gott schon weiß.

Zum Weiterdenken

In dem ganzen Abschnitt geht es nicht um das Ideal einer sündlosen Gemeinde. Aber es geht um Ordnung in der Gemeinde, um Klarheit. Für Paulus ist Gemeindezucht etwas Selbstverständliches, nichts Außergewöhnliches. Die Benennung und Bereinigung von Schuld gehört zum Christenleben und damit in die Gemeinde hinein. Dabei ist es ganz wichtig, deshalb die feierliche Beschwörung, dass hier keine Unterschiede gemacht werden. „Weder Rücksichtnahme noch Sympathie, weder Feigheit noch Liebe dürfen daran hindern, die Sünde zu strafen; denn die Zucht in der Gemeinde ist zerbrochen, wenn sie nicht bei den Angesehenen und Amtsträgern einsetzt.“(J.Jeremias, aaO. S.42)

Hinter diesen Worten leuchtet eine heute so moderne Forderung auf: Nach Transparenz, nach einem Umgang, in dem klare Kriterien zu erkennen sind. Nach Schutz von Persönlichkeitsrechten und auch nach Schutz vor falschen Verdächtigungen. Niemand darf durch seine Stellung von der Forderung nach Rechenschaft entbunden sein – Immunität für Amtsträger ist dem Text fremd. Aber umgekehrt darf auch niemand Angriffen ausgesetzt werden, die auf bloßes Hörensagen und Gerüchte zurückgehen. Was wäre das für ein Dienst der Kirche an der säkulare Gesellschaft, wenn sie diese Prinzipien, die hier anklingen, nach innen leben würde.

Herr Jesus, wir leben in Deiner Welt, in der es Gute gibt und Böse, in der manches gut erscheint und sich doch als zweifelhaft herausstellt und manches Böse wird am Ende gut.

Gib mir die Gelassenheit, die Dir das Urteil überlässt. Bewahre mich davor, jetzt schon wissen zu wollen als mein Urteil, was gut und böse ist. Gib mir die Geduld, die glaubt, dass jede und jeder noch einmal umkehren kann. Amen

Ein Gedanke zu „Wenn es knirscht …“

  1. Lieber Herr Lenz,
    Ich sitze hier und unendlich viele Tränen strömen aus meinen Augen!!
    Was Sie wieder an unglaublich guten, weisheitlichen und segensreichen Gedanken zu Papier gebracht haben!!!! Sie sind auch bereit, Fehler oder irriges menschliches Verhalten zuzugeben…..
    Was für eine Stärke…..Sie wären sicherlich jetzt ein unglaublich „guter“ Diener Jesu in einer
    Gemeinde!!!! Aber auf diesem Weg gebraucht Sie Gott wohl auch sehr……ich weiss nicht wieviel
    Leser an Ihren Texten und Ausarbeitungen „hängen“
    Ich bin im Glauben unterwegs und strecke mich unendlich nach dem göttlichen Heil aus!!!
    herzliche Segensgrüsse
    Barbara König

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