Witwen!!!

1. Timotheus 5, 3 – 16

3 Ehre die Witwen, die allein sind. 4 Wenn aber eine Witwe Kinder oder Enkel hat, so sollen diese lernen, zuerst im eigenen Hause fromm zu leben und sich den Eltern dankbar zu erweisen; denn das ist wohlgefällig vor Gott. 5 Das ist aber eine rechte Witwe, die allein steht, die ihre Hoffnung auf Gott setzt und beharrlich fleht und betet Tag und Nacht. 6 Eine aber, die ausschweifend lebt, ist lebendig tot. 7 Dies gebiete, damit sie untadelig seien.

Die ersten christlichen Gemeinden hatten eine große Anziehungskraft auf Witwen. Χήρας. Das lag wohl nicht nur an der Fürsorge, die sie dort erfahren haben, sondern auch daran, dass sie sich entfalten konnten in den intensiven Beziehungen der Gemeinde. In diese Richtung weist auch die Aufforderung an Timotheus: Ehre die Witwen, die rechte Witwen sind. τιμάω – „ehren, schätzen, in Ehren halten.“(Gemoll, aaO. S.740) Die folgende Übersetzung ist hilfreich, weil sie konkretisiert: „Halte die Witwen durch Unterstützung in Ehren wie Eltern, doch nur, wenn sie mittelos sind.“ (K. Berger/C. Nord, aaO. S. 749) Sie sind nicht lästige Objekte der Fürsorge, sondern Reichtum der Gemeinde. Die Frage muss erlaubt sein: Wer definiert, was eine rechte Witwe ausmacht. Die Beschreibung läuft auf einen prekären sozialen Status hinaus, nicht auf eine moralische Einschätzung.

Von den rechten Witwen werden die unterschieden, deren Lebenssituation eine andere ist. Die ein eigenes Haus haben – damit ist sowohl der Ort als auch der Familienverbund gemeint. Sie sollen an diesem Ort und in diesen Zusammenhängen ihren Glauben leben. Das ist keine Zurückstufung oder geringere Wertschätzung, sondern nur ein Ernst-nehmen der anderen Lebenssituation und Aufgabe.

Eine dritte Witwengruppe wird nur angedeutet – die ausschweifend lebt. Ein Versuch zu verstehen: „die ihr Leid durch haltloses Leben betäubt.“(J.Jeremias, ebda.) Hier urteilt Paulus ausgesprochen hart: sie ist lebendig tot. Ich würde vorsichtiger sagen: Sie stellt sich wohl dem nicht, ihren Schmerz auszuhalten und – irgendwann – ihn auch zu verarbeiten.

Es gibt die Gefährdung, dass die Gemeinde zum Tummelplatz wird für Leute, die sich zur Geltung bringen wollen, die nur ihre Probleme in sie hineintragen, aber nicht wirklich die anderen mittragen wollen. Das ist allerdings kein spezifisches Frauenproblem, auch wenn es hier so erscheint. Darum ist eine Aufgabe des Gemeindeleiters, zu einer persönlich authentischen Lebensführung – die untadelig, ἀνεπίλημπτοι, wörtlich: „unangreifbar“ ist – anzuhalten. Das gilt wohl sowohl nach innen, in der Gemeinde als auch nach außen, damit die Gemeinde nicht ins Gerede kommt.

8 Wenn aber jemand die Seinen, besonders seine Hausgenossen, nicht versorgt, hat er den Glauben verleugnet und ist schlimmer als ein Ungläubiger. 9 Es soll keine Witwe anerkannt werden unter sechzig Jahren; sie soll eines einzigen Mannes Frau gewesen sein 10 und ein Zeugnis guter Werke haben: wenn sie Kinder aufgezogen hat, wenn sie gastfrei gewesen ist, wenn sie den Heiligen die Füße gewaschen hat, wenn sie den Bedrängten beigestanden hat, wenn sie allem guten Werk nachgekommen ist.

Es gibt Aufgaben in der Gemeinde, die zu erfüllen sind. Die Kriterien, die hier als Auswahlkriterien genannt werden, um Menschen für diese Aufgaben zu finden, zielen auf eine Lebensführung, die Verantwortung erkennen lässt. Wer in der Gemeinde aktiv ein Amt übernimmt, soll zuvor schon seine „diakonischen“ Qualitäten zum Einsatz gebracht haben. Und: Wer die Fürsorge für die Seinen verweigert, ist nicht einfach nur lieblos. Er beschädigt das Zeugnis des Glaubens.

Die Worte wirken wie ein regelrechter Kriterienkatalog. Es gibt die Überlegung, ob es nicht einen regelrechten Witwenstand in den Gemeinden gab und hinter diesen Worten so etwas wie eine „Witwenordnung“ stehen könnte. „In der Gestalt der Hanna wird (Lukas 2, 36 – 38) der Idealtyp einer solchen „wirklichen Witwe“ geschildert… Die Anforderungen, die als Vorbedingung für die Auswahl zur „Gemeindewitwe“ genannt werden (V.9f.) berühren sich mit denen die an die Episkopen (Vorsteher) und Diakonen gestellt wurden.“(J.Jeremias aaO. S.37) Mir scheint über die historische Frage hinaus nur bleibend wichtig: Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Bewährung im familiären Umfeld und der Bewährung in der Gemeinde.

11 Jüngere Witwen aber weise ab; denn wenn sie sich wegen ihrer Begehrens von Christus abwenden, so wollen sie heiraten. 12  Sie stehen dann unter dem Urteil, dass sie die erste Treue gebrochen haben. 13 Daneben sind sie faul und lernen, von Haus zu Haus zu laufen; und nicht nur faul sind sie, sondern auch geschwätzig und vorwitzig und reden, was nicht sein soll. 14 So will ich nun, dass die jüngeren Witwen heiraten, Kinder zur Welt bringen, den Haushalt führen, dem Widersacher keinen Anlass geben zu lästern. 15 Denn schon haben sich einige abgewandt und folgen dem Satan.

Für manche ist es besser verheiratet zu sein. So schreibt Paulus nach Korinth, obwohl er selbst mit seinem Stand als Eheloser einig ist. Auf dieser Linie liegt wohl auch der Ratschlag hier. Es ist für manche – ich ergänze aus heutiger Sicht: auch für manchen – eine gute Entscheidung, eine Ehe zu schließen, weil sie klare Aufgaben mit sich bringt und eine gute Lebensordnung ist.

Dass sich der durchaus vernünftige Rat mit harschen Urteilen verbindet, macht ihn noch nicht falsch, lässt aber den Ratgeber schon ein wenig ins Zwielicht geraten: Daneben sind sie faul und lernen, von Haus zu Haus zu laufen; und nicht nur faul sind sie, sondern auch geschwätzig und vorwitzig und reden, was nicht sein soll. Ein großer Frauenversteher ist dieser Briefschreiber Paulus jedenfalls nicht. Es sind Stereotypen, die als Vorurteile auch in der Umwelt unterwegs sind, die hier bedient werden. Männer-Sprüche. Es wird ein Frauenbild hinter den Worten sichtbar, das problematisch ist, ärgerlich, nicht erst heute, schon damals.

Christen, so wird hier erschreckend deutlich, sind nicht gefeit, Vorurteile zu haben und sie auch zu bedienen. Lautstark und kräftig. Mit dem besten Gewissen der Welt zu sagen, was alle sagen. Das wird auch dadurch nicht besser, dass Paulus sein Urteil darin bestätigt sieht, dass manche der jungen Witwen der Gemeinde den Rücken gekehrt haben. Der Schmerz über diese Abkehr rechtfertigt nicht die moralisch so harten Aburteilungen.

16 Wenn eine gläubige Frau Witwen in ihrem Hause hat, so versorge sie diese, die Gemeinde aber soll nicht beschwert werden, damit sie für die rechten Witwen sorgen kann.

Noch einmal: die Fürsorge für Witwen nimmt in der Gemeinde einen hohen Rang ein. Es ist ein kluger Schritt: Frauen sind für Frauen da – die Nähe und das gegenseitige Verständnis ist so leichter. Diese Fürsorge ist so etwas wie ein Aushängeschild der Gemeinde. „Die Witwenfürsorge einer lebendigen Gemeinde beschränkt sich nicht auf die materielle Hilfe, sondern sie ruft die Vereinsamten zur vollen Hingabe an Christus auf und zum Gebetsdienst für die Gemeinde.“(J.Jeremias, aaO. S.39) Die Anweisungen folgen dem Subsidiaritätsprinzip – alles auf der Ebene zu regeln, die am nächsten dran ist. Erst wenn diese Ebene – die gläubige Frau im Haus – überfordert ist, soll die Gemeinde – ἐκκλησίαübernehmen. Das wehrt eine Allzuständigkeit der damals ohnehin nicht sehr hervorgehobenen Amtsträger und gibt den normalen Gemeindegliedern ihre Ehre.

Zum Weiterdenken

Erst einmal: Es ist ein faszinierendes Bild einer lebendigen Gemeinde. Da sind Frauen aktiv. Sie bringen sich ein. Sie sitzen nicht als „graues Meer“(P. O. Enquist, Lewis Reise, Frankfurt 2005) still im Gottesdienst und hören zu. Sie nehmen Aufgaben in der Gemeinde wahr und der „Hauptamtliche“ Timotheus hat nur die eine Aufgabe:Sie in ihren Dienst zu unterstützen. Das alles ist so weit entfernt von der Sterilität unserer Gemeinden, in denen eine Pfarr-Person für alles all-zuständig ist und die Gemeinde nur ein Charisma hat: Still zu halten und zuzuhören.

Manchmal kann es helfen, sich selbst mit ins Spiel zu bringen. Subjektive Meinungsbildung zu betreiben. Mein Frau ist kommunikativ um ein Vielfaches besser unterwegs als ich. Sie kann Small Talk – ich nicht. Sie kann „Kontakt“, kann Beziehung stiften. Mir fällt das eher schwer. So wie sie habe ich das nie gekonnt. Oder nie gewollt? Es könnte sein, in den Worten des Briefschreibers schwingt – unbewusst – auch ein wenig Neid mit, auf diese soziale Kompetenz, die ihm so nicht zu eigen ist, aber ein wenig unheimlich bei Frauen, auch deshalb, weil sie ihm nicht zu eigen ist.  Ob er deshalb so streng urteilt?

Es ist eine Herausforderung an heutige Arbeitsteilung. Bei uns ist die Fürsorge, das diakonische Handeln längst in Fachstellen ausgewandert. Sie ist professionalisiert. Das ist eine wohl kaum wieder umkehrbare Entwicklung. Aber es gilt dennoch oder gerade deshalb neu zu entdecken, wo die Felder sind, die nicht durch Diakonische-Werk-Stellen abgedeckt werden können, sondern wo wieder die Gemeinde vor Ort gefordert ist. In nachbarschaftlicher Aufmerksamkeit. Im Nahesein. Im Trösten und Begleiten. Auch bei uns wird wohl gelten: Gelebte Fürsorge ist ein Aushängeschild der Gemeinde. Umso wichtiger, dass sie in guter Weise geübt wird.

Im Ganzen lässt sich sagen: Paulus sieht seinen Timotheus nicht ohne Sorge in der Gemeinde am Werk. Eine Gemeinde ist schließlich eine Sammlung sehr menschlicher Menschen. Darum die Ratschläge des Paulus. Sie setzen sich nie leichtfertig über die Realitäten hinweg. Paulus redet hier von menschlichen Schwächen als etwas Gegebenem, mit dem man rechnen muss. Die Ratschläge stellen das in Rechnung und wollen so zum Handeln befreien. Durch die nüchterne Beurteilung der Sachverhalte und die Berücksichtigung der natürlichen Gegebenheiten wird Timotheus befreit zu vernünftigem Dienst. Schwärmerei, die keine Grenzen kennt, kennt auch ihre eigenen Möglichkeiten nicht.

In meiner Zeit als Gemeindepfarrer gab es eine starke „Witwengruppe“ in der Gemeinde. Nicht organisiert, aber informell und wirkungsstark. Nie hatten wir Pfarrer eine solche Machtposition, um auf ihr Verhalten einzuwirken. Um ihnen irgendwelche Verhaltensregeln aufzuerlegen. Das hätten sie sich eindeutig verbeten.

Ich bin nicht sicher, ob Timotheus so eine „Machtposition“ hatte, als Zieh-Sohn des Paulus. Trotz der vielen Imperative war es vermutlich mit einer geistlichen „Befehls-Gewalt“ nicht weit her. In den winzig kleinen Gemeinden des Anfangs gab es auch für einen Timotheus wie für Paulus nur ein „Machtmittel“: Sein Wort. Das Werben um Einsicht und Einverständnis.

Mein Gott. Gib mir die richtigen Worte. Mit jedem und jeder lass mich so reden, wie es gut ist, wie es unserer Beziehung entspricht. Mein Gott, lehre mich den Respekt vor jedem Menschen, auch vor dem, den ich in einem Irrtum erlebe. Bewahre mich vor Hochmut, der alles besser weiß und dem Leben gegenüber unbarmherzig ist. Gib mir die richtigen Worte. Amen