Achtsam sein – nicht nur mit anderen

1. Timotheus 4, 6 – 5,2

6 Wenn du die Brüder und Schwestern dies lehrst, so wirst du ein guter Diener Christi Jesu sein, genährt durch die Worte des Glaubens und der guten Lehre, der du gefolgt bist. 7 Die ungeistlichen Altweiberfabeln aber weise zurück; übe dich selbst aber in der Frömmigkeit!

Jetzt wechselt die Blickrichtung. Es geht nicht mehr um die anderen, sondern nur um Timotheus, um seine persönliche Lebensführung als Christ. Zum einen wird Timotheus erinnert an das, was er als Grundlagen empfangen hat. An die gute Lehre – καλῆ διδασκαλία. Gut ist die Lehre, weil sie schön ist, heilsam. Darin ist er selbst ja unterwiesen worden – im Glauben und in der Lehre. Glauben „ist immer verbunden mit bestimmten Aussagen über Jesus Christus, mit klarem Verständnis für biblische Zusammenhänge, mit fest formulierten Bekenntnisworten; mit anderen Worten: Er ist nicht zu trennen von Lehre.“(W. Brandt aaO. S.66) Wenn Timotheus also das, was er da gelernt hat, weitergibt, ist er ein guter Diener Christi. Auch hier wieder καλὸς διάκονος: Das Gute ist auch das Schöne, das Wahre, das Nützliche. Diese Gedanken erinnern ein bisschen an eine Passage aus dem Brief des Paulus nach Korinth: „Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.“(. Korinther 4,2)

Zum anderen wird Timotheus auf das Leben des Glaubens als Aufgabe hingewiesen. Im griechischen Text steht hier einmal mehr das Wort, das der Briefschreiber„liebt“: έυσέβεια: Frömmigkeit, Gottseligkeit, Gottesfurcht. Sie ist der zentrale Punkt, auf den Timotheus seinen Wandel konzentrieren soll. Er soll ein frommes Leben führen. Was allerdings die Frömmigkeit als Inhalt hat, wird hier nicht weiter ausgeführt. Aber: sie ist das positive Maß, das mehr als alle negativen Abgrenzungen Gewicht hat.

8 Denn die leibliche Übung ist wenig nütze; aber die Frömmigkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens. 9 Das ist gewisslich wahr und wert, dass man es beherzigt.

Das ist ein wesentliche Abgrenzung, die schon vorher angelegt ist: leibliche Übung, σωματικὴ γυμνασία, ist nicht unbedingt angesagt. Sie ist allenfalls ein zeitlich Gut. Aber sie hat keine Bedeutung für dieses und das zukünftigen Leben. Ob damit der Sport – in antiker Form, nicht in der Art, wie unsere Zeit Sport treibt – gemeint ist oder eine asketische Grundhaltung – beides fällt unter das gleiche, in unseren Augen wohl herbe Urteil: Nicht heilsnotwendig. Auch nicht unbedingt förderlich für ein geistliches Leben. Diese Relativierung des Leiblichen hat gewichtige Parallelen: „Wenn dich deine rechte Hand zum Abfall verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre.“(Matthäus 5,30; vgl Matthäus 18,8)

Stattdessen braucht es Frömmigkeit. Noch einmal Gottesfurcht. Für unsere Zeit, in der kaum noch einer „fromm“ sein will, ist das eher verstörend. Wie anders die biblischen Texte. Wenn man weit zurückgreift:

Die Furcht des HERRN ist der Weisheit Anfang.                                                             Klug sind alle, die danach tun. Sein Lob bleibet ewiglich.              Psalm 110,10

Und die Sprüche Salomo können sich gar nicht genug damit tun, die „Furcht des HERRN“ zu rühmen als den Schlüssel zu einem frommen, Gott gefälligen Leben.(Sprüche 2,5;8,13; 9,10 usw.) „Leibliches Trainieren kann niemals Weg zum Heil werden; zum Heil führt allein die geistliche Übung, der Wandel in der Zucht des Geistes.“(J.Jeremias, aaO. S.33) Was aber das praktisch bedeutet – Beten, Umgang mit den Worten der Schrift, Einüben von Regeln wie schweigen, wie sich nicht verteidigen, wie nicht das letzte Wort behalten müssen – das wird nicht gesagt. Weder von Paulus, noch von den meisten seiner Auslegern.

Es ist eine gewichtige Klage, die der mir so lebendig vor Augen stehende geistliche Lehrer Hans Bürki führt: „Aus Angst und Abwehr vor falsch verstandener Mystik hat man weithin den biblischen Sinn der Meditation verloren und damit die Gemeinde der geistlichen Unterernährung ausgesetzt; in gleicher Weise konnte der Sinn der Übung im Glauben dort nie überzeugend deutlich gemacht und dazu nicht angeleitet werden, wo man falsche Sicherheit, falsches Besitzen und Verfügen des Glaubens befürchtete.“(H. Bürki, aaO. S.143) Es sind viele, die Hans Bürki zu danken haben, dass er ihnen einen Weg des geistlichen Übens gezeigt und eröffnet hat.

Wie viel Paulus an der Frömmigkeit liegt, zeigt sich in der mit der alten Luther-Übersetzung sprichwörtlich gewordenen Sentenz, die er anschließt: Das ist gewisslich wahr und ein teuer wertes Wort. Der Glaube nährt sich auch aus den Übungen der Frömmigkeit, in denen er sich an Gott hält und nach ihm ausstreckt.

10 Denn dafür arbeiten und kämpfen wir, weil wir unsre Hoffnung auf den lebendigen Gott gesetzt haben, welcher ist der Heiland aller Menschen, besonders der Gläubigen. 11 Dies gebiete und lehre.

Es ist Paulus offenbar wichtig, dass Timotheus nicht in der negativen Auseinandersetzung stecken bleibt, sondern zur eigenen Gestaltung seines Lebens durchdringt. Das aber geht nicht ohne Arbeiten und Kämpfen. Noch einmal: So gewiss die Gnade Geschenk ist, so gewiss ist es auch: Dass sie das eigene Leben durchdringt und gestaltet, hat mit dem Tun, dem Arbeiten des Menschen zu tun. Unsere Lebensgestalt fällt nicht vom Himmel, sie wird erworben, eingeübt, durch das tägliche Tun geformt.

In diesem täglichen Tun zeigt sich die Hoffnung, die in den Christen wohnt. Die Hoffnung auf den lebendigen Gott, der unsere Arbeit nicht vergeblich sein lässt. Die Hoffnung auf den Gott, der der Heiland aller Menschen ist. Und als wäre er erschrocken über diese so weite Formulierung, fügt Paulus hinzu: besonders der Gläubigen.

Davon aber, von diesem täglichen Tun, erwartet Paulus auch Vorbildwirkung. Andere Christen werden sehen, wie Timotheus in der Führung seines Lebens auf Christus hin-wächst. Timotheus aber darf so viel Zutrauen zu seinem eigenen Leben haben, dass er nicht stumm bleibt, sondern dass er in Worte fasst, was Sache ist: Dies gebiete und lehre.

12 Niemand verachte dich wegen deiner Jugend; du aber sei den Gläubigen ein Vorbild im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Glauben, in der Reinheit.

Im Hintergrund können reale Erfahrungen stehen: „Aus der Jugend des Timotheus haben sich Schwierigkeiten in seinem Amt der Leitung der kleinasiatischen Gemeinden ergeben… Von einem jungen Mann nimmt niemand gern Belehrung oder gar Zucht an, dazu kam, dass üblicherweise ältere Männer die Gemeinde leiteten.“(J.Jeremias, aaO. S.34) Wenn das so ist, dann haben wir hier ausgeübte Seelsorge vor Augen. Der ältere Bruder stärkt dem Jüngeren den Rücken. Ermutigt ihn.

Auf der einen Seite also: lass dich nicht verrückt machen. Nicht klein machen. Auf der anderen Seite aber auch: Achte auf dich selbst. Lebe so, dass du ein Vorbild sein kannst. Τύπος, typisch. Ein Beispiel, an dem andere sich orientieren können. Einer, an dem man sieht, wie Christsein gehen kann. Ein paar christliche Außenseiter haben bewahrt, worum es Paulus geht. Einer davon dichtet:

O Jesu, dass dein Name bliebe im Herzen tief gedrücket ein;
möcht deine süße Jesusliebe in Herz und Sinn gepräget sein.
Im Wort, im Werk und allem Wesen sei Jesus und sonst nichts zu lesen.                                                     
G. Tersteegen 1751; EG-EKHN 617

Aber es sind aufs Ganze gesehen eher einzelne Stimmen, die so das Vorbild Jesu und das Vorbild der Zeugen Jesu als Wegweisung des Glaubens in die Mitte rücken. „Was würde Jesus dazu sagen“ (M.Niemöller) ist halt eine gefährliche Frage, weil die Antwort anders ausfallen könnte, als es einem lieb ist.

13 Fahre fort mit Vorlesen, mit Ermahnen, mit Lehren, bis ich komme. 14 Lass nicht außer Acht die Gabe in dir, die dir gegeben ist durch Weissagung mit Handauflegung des Rates der Ältesten. 15 Dies lass deine Sorge sein, damit gehe um, auf dass dein Fortschreiten allen offenbar sei.

Noch einmal: Stärkung des Selbstvertrauens. Durch eine Kette von Zusagen: Du bist berufen. Hinter dir steht nicht nur der ewige Gott im Himmel, sondern auch die irdischen Ältesten stehen für dich ein.

Wer die Anfechtungen des geistlichen Dienstes, die Anfechtungen im Predigtamt kennt, der weiß, wie wichtig solche Erinnerung ist: Ich habe mir das nicht selbst gesucht. Es verleiht innere Stabilität, sich die eigene Beauftragung auch in ihrer äußeren Gestalt neu zusagen zu lassen.

Wenn sich Timotheus so seiner Herkunft vergewissert, „der Säulen, auf denen seine Tätigkeit steht“ (W. Brandt, aaO.; S.69), dann werden andere in der Gemeinde das sehen können – und, so darf man wohl ergänzen, dadurch selbst gestärkt werden.

Das ist eine der Neuentdeckungen in unseren Kirchen in den letzten Jahren: Pfarrerinnen und Pfarrer dazu zu helfen, sich ihrer Ordination, ihrer Beauftragung neu zu vergewissern, ist nicht vertane Zeit, sondern dient den Gemeinden! Und auch für die Ehrenamtlichen gilt; der immer neu zugesprochene Segen, die Erneuerung des Glaubens. kommt anderen zugute. Es ist keine Form christlicher Selbstsucht, zu singen und zu beten:

Take me back, take me back dear Lord
To the place where I first received you.
Take me back, take me back dear Lord where I first believed.                                                                            A. Crouch 1993; Classics, Vol. 1

16 Hab Acht auf dich selbst und auf die Lehre; beharre in diesen Stücken! Denn wenn du das tust, wirst du dich selbst retten und die, die dich hören.

Die Hinweise des Paulus, auf sich selbst zu achten und an sich selbst zu arbeiten, fordern nicht die Vervollkommnung der individuellen, idealistischen Persönlichkeit, sondern den Gehorsam des Jüngers und den wortlosen Zeugendienst des Gehorsamen. Und sie fordert zu dieser Achtung auf sich selbst auf um der anderen willen.

Achtsam mit sich selbst umgehen ist kein Luxus, den man sich auch einmal leisten darf, wenn alles andere getan ist. Sondern es ist ein einstimmen in die Botschaft, die auch zum Evangelium gehört: „Du bist ein geliebter Mensch Gottes, ihm wertvoll, von ihm geachtet. Darum darfst du auch auf dich selbst achten, auf deine Begabungen und deine Grenzen.“

Ganz so, wie es Bernhard von Clairvaux verstanden und an Papst Eugen III. geschrieben hat: „Wenn Du ganz und gar für alle da sein willst, nach dem Beispiel dessen, der allen alles geworden ist (1 Korinther 9,22), lobe ich Deine Menschlichkeit ‑ aber nur, wenn sie voll und echt ist. Wie kannst Du aber voll und echt Mensch sein, wenn Du Dich selbst verloren hast? Auch Du bist ein Mensch. Damit Deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst Du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für Dich selbst ein aufmerksames Herz haben.“(zit. nach K.Roos, Geh deinen Weg und sei ganz; Mainz 1993, S. 140)

Wer nur nach außen orientiert ist, wird am Ende auch sich selbst verlieren und keinen anderen retten können. Es gilt es bis heute in der Tat, sich selbst zu prüfen, ob wir in der Heiligung wachsen, ob wir beharrlich sind in diesen Stücken. Nicht um das Heil Gottes zu ergänzen, wohl aber, um ihm Raum zu lassen im eigenen Leben.

1 Einen Älteren fahre nicht an, sondern ermahne ihn wie einen Vater, die jüngeren Männer wie Brüder, 2 die älteren Frauen wie Mütter, die jüngeren wie Schwestern, mit allem Anstand.

Respekt ist ein Wort, das heute neu buchstabiert wird, gelernt werden will. `Paulus` mahnt den Gemeindeleiter Timotheus zum Respekt. Vor allem denen gegenüber, die älter sind als er selbst, mehr Leben hinter sich haben. Aber Respekt gilt auch denen, die im gleichen Alter sind. Wie Geschwister soll Timotheus sie behandeln, wobei vorausgesetzt ist, dass unter Geschwistern ein sorgfältiger Umgang Usus ist. Gemeindeleiten ist kein Herrschaftsauftrag, sondern eine Aufgabe. Die nicht zuletzt Demut erfordert.

So wie es Luther geschrieben hat: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“( M.Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen 1520, in Luther Deutsch, Bd. 2, Göttingen 1981, S. 251)

Zum Weiterdenken

Im zweiten Nachdenken fällt mir auf: Niemand hat mich am Anfang meines Pfarrerlebens darauf aufmerksam gemacht: Hab Acht auf dich selbst und auf die Lehre. Es gab nicht im Ansatz den Versuch, dem jungen Mann zu sagen: So verhält man sich in geistlichen Dingen in der Sorge um die eigene Seele. Das war wohl im Predigerseminar wie bei dem Lehrpfarrer der – verständlichen – Scheu geschuldet, als übergriffig zu erscheinen. Keine Aufforderung: Jeden Tag eine halbe Stunde vor Gott, Zeit zum Beten. Zeit, der Frage nachzugehen: Wie steht es um meinen eigenen Glauben? Was ist mit meinem Gottvertrauen? Erst seit ein paar Jahren gibt es vorsichtige Ansätze, die geistliche Existenz von Pfarrer*innen überhaupt als Thema in den Blick zu nehmen. Es ist ein Satz, der mich vor Jahren getroffen und berührt hat: „Die erste Seele, die uns anvertraut ist, ist die eigene.“ Wenn wir Den Brief an Timotheus als Leitfaden unter anderen für Aufgaben in der Pfarrer*innen-Ausbildung gelesen hätten, hätten wir früher darauf kommen können, auch wenn wir nicht so formulieren müssen wie der Briefschreiber. In der Sache ist es ein wichtiger, hilfreicher Hinweis.

Es gibt – auch in den Kirchen – eine weit verbreitete Angst davor, vorbildlich zu sein. Beispielhaft. Dabei ahnen wir immer mehr: Wir haben einen Mangel an Vorbildern; die zur Orientierung helfen könnten – wie Leben einen guten Weg gehen kann. Vorbilder auch dafür, was sagbar ist und was unsäglich. Wenn man ehrlich mit sich selbst umgeht, wird man sich eingestehen: Wir lernen mehr durch Nachmachen als durch Theorien über das Leben. Mehr durch das Beispiel als durch Vorträge.

„Alle Briefe des Paulus, vom ersten bis zum letzten, alle Evangelien, Synoptiker und Johannes, das ganze NT ist geprägt durch die Erfahrung des Vorbildes. Jesus, das Urbild Gottes, ist ihnen zum Vorbild des Menschseins überhaupt geworden. Man muss sich fragen, wieso dieses zentrale Thema fast völlig in Vergessenheit geraten konnte.“(H. Bürki, aaO. S.150) Eine Antwort könnte sein: An die Stelle des gelebten Glaubens, des Handelns und Betens, des Tuns des Gerechten, ist irgendwann die abfragbare Zustimmung zu Glaubenssätzen als die fast alleinige Gestalt des Glaubens getreten. Eine andere Antwort, die nahe bei der ersten ist: Das Glauben an Jesus hat das Glauben wie Jesus völlig verdrängt. Beides aber gehört zusammen!

Herr Jesus, Du willst, dass ich Deine Güte widerspiegele. Du willst, dass Deine Güte in meinem Leben Gestalt gewinnt. Du willst, dass ich Dir entspreche in meinen Worten und meinem Tun, im Üben der Nachfolge.

Lass mich darauf achten, Disziplin üben, in Deinem Wort Heimat finden, es so in mich aufnehmen, dass es mich prägt nach Deinem Bild. Bewahre mich vor aller angestrengten Frömmigkeit. Lehre mich leben aus Deiner Freiheit. Amen

Ein Gedanke zu „Achtsam sein – nicht nur mit anderen“

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