Tag um Tag Gottes Gabe

1. Timotheus 4, 1 – 5

1 Der Geist aber sagt deutlich, dass in den letzten Zeiten einige von dem Glauben abfallen werden und verführerischen Geistern und Lehren von Dämonen anhängen, 2 verleitet durch Heuchelei der Lügenredner, die ein Brandmal in ihrem Gewissen haben.

Der Geist sagt deutlich“ – nichts von unklarem Gemunkel und den Spekulationen, wie sie sonst im Umfeld der Gemeinde gängig sein mögen. Es werden inhaltlich festgelegte Aussagen gemacht. Das berührt sich mit Aussagen, die sich auch in den Endzeit-Reden Jesu, überliefert im Evangelium finden: „Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen.Und weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten.Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden.“(Matthäus 24, 11-13) Es gehört zur Wirklichkeit der ersten Gemeinde, dass es nicht nur die Hinwendung zum Glauben gibt, sondern auch den Abfall vom Glauben, die Abkehr von der Gemeinde. Immerhin – in den Endzeitreden Jesu heißt es „viele“. Hier nur: einige. Τινες. Aber jede*r Einzelne, der/die geht, ist eine schmerzende Wunde im Leib der Gemeinde.

Diesen Abfall vom Glauben sieht Paulus mit verursacht durch Heuchelei der Lügenredner. Pseudowahrheiten könnte man ψευδολόγων auch übersetzen. Fake News. Sie fangen Menschen mit ihren Worten, mit ihren Forderungen, mit ihren dämonischen Lehren. Es ist eine „heuchlerische, überhebliche Scheinfrömmigkeit“(J.Jeremias, aaO. S.30), die andere in ihren Bann zieht.

3 Sie gebieten, nicht zu heiraten und Speisen zu meiden, die Gott geschaffen hat, dass sie mit Danksagung empfangen werden von den Gläubigen und denen, die die Wahrheit erkannt haben.

Hinter dieser asketischen Forderung steht ein bestimmtes Denken: Die Erlösung Christi wird erst dann wirksam, wenn sie von Menschen umgesetzt wird. Die Hingabe am Kreuz reicht nicht aus. Sie muss gewissermaßen ergänzt und vollendet werden durch die eigene Askese. Durch Weltabwendung. Es ist deutlich: „Ihre Lehre und ihre asketischen Forderungen tasten das Heiligste des Glaubens an, nämlich das „allein aus Gnaden.“ Es ist die selbstgemachte Erlösung, eine künstliche Heiligkeit, die sie predigen.“(J.Jeremias, aaO. S.31) Die in der Gemeinde, die aus der Gnade leben, sind die, die Gottes Wahrheit erkannt haben.

Ein wichtiges Element des endzeitlichen Abfalls ist die Abwendung von den guten Gaben Gottes. Die Verneinung der Ehe, die Verweigerung der Speise (des Abendmahles!) zeigen, dass die Schöpfung Gottes nur noch negativ gesehen wird. Die Danksagung – εὐχαριστίαfür die Schöpfung ist verstummt. Was bleibt, ist die eigene Anstrengung.

4 Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; 5 denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Wie anders ist dagegen die Einstellung des Paulus. „Nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.“ Wo Gott über der Gabe gedankt wird, da kann sich die Gabe nicht gegen Gott kehren. Da wird Gott im rechten Gebrauch der Gabe und im Dank dafür geehrt. „Wer dem Schöpfer wieder danken kann, weil sein Herz aus der danklosen und gedankenlosen Selbstherrlichkeit erlöst worden ist, der wird befreit von den Tabus alter und neuer, religiöser und säkularer Art.“(H. Bürki, aaO. S.136) Hier wird nicht schrankenlosem Genuss das Wort geredet, auch nicht leichtfertigem Umgang mit den Gaben der Schöpfung. Aber die Überzeugung wird sichtbar: Beten, Danken hat konkrete Folgen für den Umgang mit allem – mit den Lebensmitteln, mit der Sexualität, mit den Ressourcen, die uns die Welt als Gaben Gottes bereit hält.

Eine Frage über die Auslegung des Textes hinaus: Was bedeutet „ein Brandmal in ihrem Gewissen“ angesichts der Unfähigkeit, die ich bei mir, aber nicht nur bei mir, beobachte, über allen möglichen Fragen zur Ruhe zu kommen? Trifft dieser Ausdruck auch uns, die Verzweiflung an sich selbst? Ein getröstetes Gewissen ist doch eine der Wirkungen des Evangeliums. Dass die anklagende Stimme in uns zum Schweigen kommt. Dass ich es wirklich glauben lerne: Das Heil des Lebens ist Christus. Seine Hingabe, die ich mir gefallen lasse – sie macht allen, wirklich allen Schaden gut.

Das ist die Schwierigkeit in Sachen Glauben. Es gibt immer wieder den Versuch, die eigene Glaubensgewissheit durch „Zusatzleistungen“ zu sichern. Das mögen Frömmigkeitsübungen sein – Gebetszeiten, Bibellese, Gottesdienst. Das kann genauso leibhafte Praxis sein – Fasten, Sex-Verzicht, veganges Leben, diakonisches Engagement. Wann immer das eigenen Tun so überfrachtet wird mit der Anforderung, die eigene Gewissheit zu sichern, wird aus dem Tun ein Verlust des Evangeliums. Das Evangelium vom Erbarmen Gottes ist Geschenk. Pur.

Genau damit haben wir es schwer. „Wie kann ich mich revanchieren? So fragen wir, wenn uns eine*r Gutes getan hat. Wie sieht es mit Gegenleistung als Dankeschön aus? Dass unsere „Gegenleistung“ schlicht darin bestehen könnte, sich das Geschenk gefallen zu lassen, das ist irgendwie nicht im Blick . Und doch ist es das einzig sachgemäße Verhalten dem Evangelium, dem schenkenden Gott gegenüber.

Zum Weiterdenken

Mit diesen Worten ist die Frage nach unserem Weltverhältnis und nach unserem Empfangen  gestellt. Sind wir wirklich noch Empfangende? Reißen wir nicht die Schöpfung von Gott weg? Erklären sie zur bloßen Rohstoff-Quelle? Sehen sie nur unter dem Aspekt, was die uns für unseren Lebensstandard liefern kann? Und gleich nebendran, sozusagen als Kontrastpunkt: Ist nicht in unseren Tagen das Verhältnis zu den guten Gaben sehr negativ geworden?

Es ist die tiefe Überzeugung hinter solchen Worten: Glaube ist immer ganz Geschenk, ganz empfangen, ganz Gottes Gabe. Dass aber dieses Geschenk ins Leben hinein ausgepackt wird, das ist eine Sache der Frömmigkeit. Die Mahnungen in diesen Passagen geben einen Hinweis auf ein Glaubensverständnis, das etwas unserer Zeit Fremdes sagt: Du bist für dein Bleiben im Glauben auch selbst verantwortlich. Es ist die Sache jedes/jeder Einzelnen, sich um den Erhalt des eigenen Glaubens zu mühen.

Herr, in Deinen Gaben empfangen wir Dich. Im Brot und im Wein schenkst Du Dich. Sie sind beides, Frucht der menschlichen Arbeit und Geschenk des Himmels.

Lass es mich nicht vergessen, wenn ich mich zu Tisch setze, wenn ich an den Tisch des Herrn gehe. Lass mich über den Gaben, die den Leib nähren immer daran erinnert werden: Du bist die eine Gabe Gottes, von der ich lebe. Tag um Tag. Amen