He came from heaven to earth

1. Timotheus 3, 14 – 16

14 Dies schreibe ich dir und hoffe, bald zu dir zu kommen; 15 wenn ich aber erst später komme, sollst du wissen, wie man sich verhalten soll im Hause Gottes, welches ist die Gemeinde des lebendigen Gottes, ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit.

Es wirkt, als würde der Schreiber das Ende seines Briefes einleiten. Er kündigt sein Kommen an. In der Zwischenzeit aber soll Timotheus dafür sorgen, dass alle sich verhalten sollen, wie es sich im Haus Gottes gehört. Das scheint für mich klar: Es geht nicht um das Verhalten des Timotheus. Der weiß, was sich gehört. Aber er soll es an die Gemeinde vermitteln. Damit sie sein kann, was sie sein soll: ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit. So sieht Paulus die Gemeinde: In einer Welt, in der alles im Fluss ist, in der nichts klar ist, ist die Gemeinde ein Pfeiler im Strom. Halt und Orientierungspunkt. Weil sie für die Wahrheit steht.

Es ist eine schöne Zusammenstellung: Das Haus Gottes, οἴκος θεοῦ, ist die Gemeinde des lebendigen Gottes, ἐκκλησία θεοῦ ζῶντος Das Haus Gottes ist eben nicht dadurch schon gegeben, das eine Kirche mitten im Ort steht. Darum ist das griechische Wort ἐκκλησία so stimmig als Wort für die Gemeinde. Es meint immer konkret versammelte Menschen, nie nur eine Kartei oder ein Bauwerk oder eine Organisationseinheit. Es knüpft an an das jüdische Erbe: „Das griechische Wort synagogē steht in seiner ursprünglichen Bedetung für Versammlung und lässt sich damit treffend als Synagogengemeinschaft wiedergeben, erst später als Synagogengebäude.“(C. Claußen, Sabbat im Angesicht des Jupiter, in Welt und umwelt der Bibel, 1/2020, S. 33) Auch die Ekklesia, auch die Kirche ist zuerst leibhafte Versmmlung und erst danach Gebäude. Es braucht eine Gemeinde, die sich sammelt, versammelt. Menschen vor Ort, die miteinander singen, beten, weinen, klagen, hoffen, handeln.

16 Und groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens: Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.

Wie ein Einschub in den Brief wirken diese Worte. Mir scheint, sie werden ausgelöst dadurch, dass der Verfasser das Bedürfnis hat, die Wahrheit, die für ihn das Herz der Gemeinde ausmacht, noch einmal näher und grundlegend zu benennen. Dazu greift er auf Sprachmaterial zurück, das im Leben der Gemeinde vorhanden ist. „Wir haben hier einen Christushymnus vor uns, der verwandte Züge aufweist zu anderen Christushymnen im NT.“ (H. Bürki, aaO. S.120) Das macht Hymnen so stark, auch tragfähig, dass sich die Stimmen aller in ihnen vereinen und dass sie Sprachmaterial für den sind, der nach eigenen Worten sucht und sie manchmal nicht findet.

Groß ist das Geheimnis des Glaubens – diese Formulierung ist nicht von ungefähr in die Abendmahlsliturgie mancher Gemeinden aufgenommen worden. Sie spürt dem Staunen nach, das in diesen Worten liegt. Streng genommen müsste und dürfte man noch einmal anders übersetzen: Groß ist das Geheimnis der Gottesfurcht, der Gottseligkeit, der Frömmigkeit. Denn da steht nicht πίστις, das neutestamentliche Hauptwort für Glauben, sondern εσεβεα. Und dieses Wort meint: „Gottesfurcht, Frömmigkeit, fromme Pflicht, Pietät.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S.344)

Frömmigkeit ist, so wird man zu verstehen haben, ist mehr als ein Gefühl. Mehr auch als das „Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit.“(F. D. Schleiermacher) Sie gründet in einem Geschehen, das vom Himmel auf die Erde reicht, dass die Erde dem Himmel nahebringt und nahe hält. Auch das ist festgehalten: Der Grund des Glaubens, der Frömmigkeit, entzieht sich dem definierenden Zugriff durch Wörter oder Formeln. Er führt zur Anbetung oder er bleibt unbegriffen. Er ist und bleibt Geheimnis. μυστήριον, aber nie mysteriös. Über alles Singen und Sagen hinaus.

Gleichwohl finden der Hymnus und der Schreiber mit ihm Worte. Zwei dreigliedrige Ausdrücke beschreiben den Weg Jesu Christi. Sie scheinen sich in ihren Gliedern jeweils zu entsprechen, so dass „Er ist offenbart im Fleisch“ korrespondiert mit „er ist gepredigt den Heiden“, er ist gerechtfertigt im Geist mit er ist geglaubt in der Welt, und schließlich er ist erschienen den Engeln hat seine Entsprechung im er ist aufgenommen in die Herrlichkeit.

Ein Christushymnus, der drei Schritte des Weges Jesu nachvollzieht: Fleischwerdung – Rechtfertigung – Einsetzung in die Macht. In die Sprache der christlichen Feste übersetzt: Weihnachten – Ostern – Himmelfahrt. Die Linie, die in den beiden Ketten beschrieben wird, ist dabei jeweils die der Erniedrigung und der daran anschließenden Erhöhung. Es geht um das Zusammenbinden des Weges Jesu Christi in die Welt mit seinem Weg in die Herrlichkeit Gottes. Himmel und Erde werden miteinander verbunden.

Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude;                                                                               A und O,  Anfang und Ende steht da.
Gottheit und Menschheit vereinen sich beide;                                                                 
Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah!
Himmel und Erde, erzählet’s den Heiden:                                                                             
Jesus ist kommen, Grund ewiger Freuden.                                                                                                                            J. K. L. Allendorf 1736, EG 66

Dabei ist es nicht von ungefähr, dass die Reihe eine gehobene Sprache aufweist. Sie ist Lobpreis der Tat Gottes, des Geheimnisses, vor dem es nur Ehrfurcht und Anbetung gibt. Man darf gewiss von diesen Worten her darüber nachdenken, ob die Gemeinde je näher an ihre Mitte, an Christus herantreten kann als in der staunenden Anbetung. Mir fällt nur eine andere gleichwertige Annäherung ein – die selbstvergessene Hingabe in den Werken der Barmherzigkeit, in den Taten der Liebe und des Erbarmens.

Hier liegt auch die Verbindung zu V. 15, der ja die Gemeinde als Ort der Wahrheit nennt. Dieser Wahrheit Gottes wird man nur gerecht im Lobpreis, im Hymnus. Die lobende Gemeinde ist die Grundfeste der Wahrheit. Wo das Lob Gottes – auch aus der Tiefe – verstummt ist, da ist die Gemeinde ins Wanken geraten. Aber gerade da gilt es, neu den Schrei nach der erbarmenden Hilfe Gottes zu üben.

Zum Weiterdenken

Wir tun gut daran, in einer Zeit und Welt, in der sich Kommunikation immer mehr in virtuelle Welten und Social Medias verflüchtigt, zäh daran fest zuhalten: Es geht in der Gemeinde des lebendigen Gottes um Begegnung und Beziehung von Angesicht zu Angesicht. Wenn die Kirchen das preisgeben, haben sie nichts mehr zu bieten. Das Evangelium wird im Lobpreis der versammelten Gemeinde besungen und es wird im Zeugnis von Angesicht zu Angesicht vermittelt.

Das so festzuhalten ist sich den Schmerz vergegenwärtigen, der im Verzicht auf Gottesdiesnt gelegen hat, die der Virus erzwungen hatte.  Gott sei Dank nicht für immer.

Mein Herr Jesus, aus dem Staunen über Dich komme ich nie heraus. Aus dem Staunen über Deinen Weg nach unten nährt sich mein Glaube. Du bist es ja, auf den ich vertraue, herab gekommen aus dem Himmel und wieder dorthin zurück gekehrt, um uns den Weg zu bereiten, uns die Tür zu öffnen, uns den Platz am Vaterherzen Gottes zu schenken. Ich lobe und preise Dich, mein Herr und Heiland. Amen