Prvatsphäre – Nein. Danke?

1. Timotheus 3, 1 – 13

Das ist gewisslich wahr: Wenn jemand ein Bischofsamt begehrt, der begehrt eine hohe Aufgabe.

Wenn jemand Bischof werden will, ἐπισκοπῆς, diese Aufgabe anstrebt, so ist das nichts Ehrenrühriges. Auch nicht falscher Ehrgeiz. Sondern er will ein schönes Werk – so wörtlich καλον ἔργον  – übernehmen. Womöglich, weil er sich dazu befähigt und berufen fühlt. So viel geistliches Denken darf man schon unterstellen. Mit dem Amt des Gemeindeleiters geht es „eben nicht – noch nicht – um ein Amt mit Ehre und Würde oder um eine schönen Titel, sondern um ein schönes Werk.“(H. Bürki, aaO. S.96)

Wir tun als Lesende heute gut daran, hier nicht unsere Bischöfe, Bischöfinnen oder Kirchenpräsidenten oder gar auch Kardinäle im Blick zu haben. Die Kirche und die Zeit, in die hinein dieser Brief an Timotheus gerichtet ist, hat noch nicht diese ausgeprägten Strukturen, wie sie unsere Kirchen heute haben und wie sie oft genug dem Leben im Weg stehen. Es gibt noch keine strenge Hierarchie, nur die Anfänge von Ämtern sind zu spüren. Wenn wir nach Parallelen zu dem Bischofsamt suchen, von dem hier die Rede ist – eine Etage tiefer, bei den Kirchenvorstehern und Gemeindeältesten sind wir gedanklich gut aufgehoben.

2 Ein Bischof aber soll untadelig sein, Mann einer einzigen Frau, nüchtern, besonnen, würdig, gastfrei, geschickt im Lehren, 3 kein Säufer, nicht gewalttätig, sondern gütig, nicht streitsüchtig, nicht geldgierig, 4 einer, der seinem eigenen Haus gut vorsteht und gehorsame Kinder hat, in aller Ehrbarkeit. 5 Denn wenn jemand seinem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie soll er für die Gemeinde Gottes sorgen?

Die Ermahnungen des Paulus zielen auf konkrete Aufgaben, auf Leitung und Ordnung der Gemeinde. Das darf unterstellt werden. Umso auffälliger: das „Amt“, wenn man denn so reden will, wird nicht von den gemeindlichen Aufgaben her beschrieben. Sondern im Vordergrund stehen sittlichen Anforderungen an die Episkopoi. Anforderungen, die wir alle dem Privat-Bereich zuordnen würden. Sowohl die eigene Lebensführung als auch der Zustand der Familie sind gefragt. Es sind Tugenden, Verhaltensmuster, die auf lebensdienlichen sozialverträglichen Umgang hoffen lassen.

Unabhängig vom Amt wird hier die Überzeugung sichtbar, dass nur der ordentlich seinen Dienst tun kann, der auch privat ordentlich lebt. Unsere moderne Aussage: Das ist doch Privatsache! ist dieser Einstellung völlig fremd. In der Gemeinde gibt es keine Privatangelegenheiten mehr, sondern nur noch Angelegenheiten des Leibes Christi. Von daher nimmt sich Paulus auch das Recht zu diesen Ermahnungen. Es geht im Lebenswandel des Einzelnen um die Auferbauung der Gemeinde und das Zeugnis des Lebens der Einzelnen fällt auf die Gemeinde zurück.

Deshalb: Kein Unmaß, keine Streitsucht, friedfertig, keiner, der Frauen verschleißt, nicht geldgierig, keiner, der Gewalt ausübt, handgreiflich wird. Oder seine Macht missbraucht. Es fällt mir schon auf: Hier werden Punkte angesprochen, die über viele Zeiten hin wie selbstverständlich im kirchlichen Kontext kein Thema waren. Weil sie ungefragt als Standard übernommen worden sind, ungefragt auch, ob die Lebens-Wirklichkeit diesen Standards entspricht. Als ob sich wie von selbst mit der Übernahme eines Amtes Männer in Lämmer verwandeln würden. Weit entfernt von allen Versuchungen der Macht und allen Versuchungen zum Machtmissbrauch. Solchem Denken gegenüber wirken diese Mahnungen ausgesprochen nüchtern. Sagen sie doch: das versteht sich nicht wie von selbst, dass alle, die so ein Amt begehren, diesem Werte-Katalog entsprechen.

Auch der Blick auf die Familie hat guten Sinn. Es geht in der Familie wie in der Gemeinde um das gut vorstehen. καλῶς προϊστάμενον. Um Autorität, die nicht autoritär ist. Und da gilt; „Nur wer wirklich Autorität hat, kann den Gehorsam würdig fördern; wer unfrei und unsicher ist, wird zu Gewaltmitteln greifen und dadurch die Kinder zur Rebellion, nicht aber zur freien Unterordnung führen.“(H. Bürki, aaO. S.103) Es gehört zu meinen Erfahrungen mit Hans Bürki, in den Jahren der Debatte um antiautoritäre Erziehung – er hatte solche echte wirkliche Autorität, die stärkt und ermutigt. Die darum auch Gemeinde stark machen kann.

Insgesamt steht hinter diesen Worten eine eigentümliche Sicht von Kirche, die uns heute ein wenig fehlt: „Die Kirche wird als Hauswesen gesehen, als eine eng gefügte Lebensgemeinschaft, deren Mitglieder in einem festen Zuordnungsverhältnis zueinander stehen.“ (J.Roloff, Der erste Brief an Timotheus, EKK XV, Neukirchen 1988, S.159) Das ist ein starkes Gegenbild gegen die eher anonyme Wirklichkeit von Kirche als Großorganisation.

6 Er soll kein Neugetaufter sein, damit er sich nicht aufblase und dem Urteil des Teufels verfalle. 7 Er muss aber auch einen guten Ruf haben bei denen, die draußen sind, damit er nicht geschmäht werde und sich nicht fange in der Schlinge des Teufels.

Wieder, wie nüchtern wird hier gedacht. Es ist gefährlich, Leute dadurch zu überfordern, dass man sie zu früh in Verantwortung stellt. Dass man ihnen zu früh Menschenführung zumutet, wenn sie selbst noch geführt werden müssen. Darum verbietet es sich ie von selbst, Neugetaufte – wörtlich: „neugepflanzt“νεόφυτος – mit solchen Aufgaben zu betrauen. Wer jemand, ob Mann oder Frau, zu früh in leitende Aufgaben stellt, die mit Macht verbunden sind, riskiert, dass er/sie überfordert und gefährdet wird. Womit nicht gesagt ist, dass ältere Menschen nicht auch der Gefahr des Machtmissbrauches anheim fallen können.

Dazu das andere: Es braucht auch einen guten Leumund. Nicht nur in der Gemeinde, sondern auch im Umfeld, damit er und mit ihm seine Aufgabe nicht geschmäht, verspottet werden. Was gemeint ist, wird rasch deutlich, wenn man sich die unterschiedlichen Skandale der letzten Jahre vor Augen hält – Missbrauchsgeschichten. Maßlos überteuerte Bischofssitze. Immer wird die Glaubwürdigkeit der Gemeinde mit beschädigt. Und die eigene Reputation geht buchstäblich zum Teufel.

8 Desgleichen sollen die Diakone ehrbar sein, nicht doppelzüngig, keine Säufer, nicht schändlichen Gewinn suchen; 9 sie sollen das Geheimnis des Glaubens mit reinem Gewissen bewahren. 10 Und man soll sie zuvor prüfen und wenn sie untadelig sind, sollen sie den Dienst versehen.

Neben den Episkopoi, den Vorstehern, stehen die Diakone. Es ist ein hochwertiges Wort und eine hochwertige Sache, die hier zur Sprache kommen: „Die Obrigkeit ist „“Gottes Dienerin“( (=Diakon, Römer 13,4). Christus ist „Diener (=Diakon) der Beschneidung“ (Römer 15,8). Paulus ist ein Diener (Diakon des neuen Bundes, 2. Korinther 3,6), Diener Gottes (2. Korinther 6,4), Diener Christi (2. Korinter 11,23).“(W. Brandt, aaO.; S.50) Allein diese Häufung des Wortes Διακόνος macht schon deutlich, welch ein Gewicht diese Aufgabe in der ersten Gemeinde hat.

Darum kann es auch nicht wirklich verwundern, dass die gleichen Maßstäbe wie bei den Vorstehern auch hier genannt werden. Auch hier wieder: Persönliche Unbescholtenheit und Integrität stehen in der Mitte der Qualifikationen. Sachliche Qualifikationen scheinen wie nebenher vorausgesetzt. Was aber sicherlich mit eine Rolle spielt: Hier geht es immer um Aufgaben, die in einem überschaubaren Umfeld wahrgenommen werden, sozusagen von Angesicht zu Angesicht. Es geht nicht um Stellen in der Region, nicht um Aufgaben, die andernorts zu erfüllen sind. Der Nahbereich ist im Blick und stellt das Aufgabenfeld dar.

11 Desgleichen sollen ihre Frauen ehrbar sein, nicht verleumderisch, nüchtern, treu in allen Dingen. 12 Die Diakone sollen ein jeder der Mann einer einzigen Frau sein und ihren Kindern und ihrem eigenen Haus gut vorstehen.

Eine Frage, auf die man nicht gleich kommt, hängt an dieser Formulierung: Desgleichen die Frauen. Wie ist sie zu verstehen? „Sind es die Frauen der Diakone? Sind es weibliche Diakone?“(W. Brandt, aaO. S.51)Deutlich schreibt Paulus: Ich befehle euch unsere Schwester Phöbe an, die im Dienst der Gemeinde von Kenchreä ist, dass ihr sie aufnehmt in dem Herrn, wie sich’s ziemt für die Heiligen, und ihr beisteht in jeder Sache, in der sie euch braucht; denn auch sie hat vielen beigestanden, auch mir selbst.“(Römer 16, 1 – 2)und nennt ihre Aufgabe Dienst. Διακόνον. Von daher ist es möglich, dass hier von einem weiblichen Diakonat die Rede ist. Das den gleichen Anforderungen unterliegt wie es bei den Männern der Fall ist. Ein frühes Beispiel für Gleichwertigkeit und dass es nicht nur schöne, abgehobene Theorie und Theologie ist, wenn Paulus geschrieben hat: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“(Galater 3,28)

Auch für die Diakone gilt: ihre Glaubwürdigkeit fängt im engen Familienkreis an und sie wird dort entweder gestärkt oder unterminiert.

13 Welche aber ihren Dienst gut versehen, die erwerben sich selbst ein gutes Ansehen und große Zuversicht im Glauben an Christus Jesus.

Gute Arbeit, so denkt Paulus, hat ihren Lohn in sich selbst. Sie strahlt aus. Sie bleibt nicht verborgen. Sie mehrt das Lob Gottes. Und schließlich: sie stabilisiert den eigenen Glauben, weil sie die Zuversicht stärkt. παρρησία. Zuversicht als Freimütigkeit zum Reden und Handeln und als starke Hoffnung, die sich ihrer Erfüllung gewiss ist.

Zum Weiterdenken

Der gesamte Abschnitt stellt uns vor die Frage nach unseren wechselseitigen Ermahnungen wegen unseres Lebenswandels. Trauen wir uns zu Ermutigungen und Ermahnungen oder überlassen wir einander uns selbst? „Jeder muss wissen, was er tut“ – ist zuletzt die Zementierung einer ethischen Einsamkeit. Und der Verzicht auf die mühsame Suche nach Verständigungen. Es geht auch heute dabei nicht um Moral, sondern um das glaubwürdige Zeugnis.

Die eigentliche Herausforderung für uns heute besteht darin, dass hier ein Widerspruch gegen unsere Trennung formuliert ist: Hier öffentliches Amt, dort Privatbereich.  Es gibt keine geteilte Existenz als Christ*in, auch nicht im Beruf. Es gibt nicht den Bereich, in dem die Gültigkeit des Evangeliums außer Kraft gesetzt wäre, in dem es die Möglichkeit gäbe zu sagen: Das geht keinen etwas an. Sehr plastisch: Der Pfarrer, der sich daheim betrinkt, beschädigt damit auch sein Amt. Das habe ich als junger Pfarrer hautnah miterlebt. Auch das gehört zur Wahrheit: Pfarrerskinder stehen bis heute in kleinen Orten unter Beobachtung. Ihr Verhalten fällt auf das Amt des Vaters, der Mutter zurück. Die Gemeinde akzeptiert, dass sie nicht im Pfarrhaus Dauergast ist. Aber sie erwartet, dass die ethischen Standards der Predigt auch im Pfarrhaus alltäglich gelten .

Ob das in unserer Zeit, in der die fachliche Qualifikation von Mitarbeitenden in Kirche undDiakonie mancherorts so etwas wie als das einzige Kriterium für eine Einstellung wirkt, nicht ein Umdenken oder wenigstens ein neues Nachdenken auslösen könnte? Es mag sein, dass es schwierig ist, diese persönliche Faktoren in ein Prüfverfahren einzubeziehen. Erst recht, wenn man mit berücksichtigt, dass Wohnort und Dienstort vielfach auseinanderfallen. Die Residenzpflicht gilt nicht für Diakone. Wir möchten den privaten Bereich auch schützen.

Und doch gibt es ein Gespür dafür, dass es wünschenswert ist, bei einem kirchlichen Arbeitsverhältnis, dass es da ein positives Verhältnis zum Glauben gibt und gleichzeitig so etwas wie persönliche Integrität. Erst recht, wenn es in diesem Zusammenhang heißt: sie sollen das Geheimnis des Glaubens mit reinem Gewissen bewahren. Nicht verschweigen, sondern bewahren – und damit bewähren. Diakonische Arbeit ist Arbeit aus Glauben, am Glauben und in der Weitergabe des Glaubens. Darum ist der Blick auf den Glauben der Diakone auch heute kein falscher Seitenblick, sondern rührt ein zentrales Kriterium an.

Alles, was ich lebe, mein Herr, geschieht unter Deinen Augen. Und alles, was ich tue, denke, rede, wirkt weiter. Nichts bleibt nur privat.

Lass mich darauf achten, dass mein Leben in meinen vier Wänden, im Umgang mit meinen Leuten, so ist, dass es Deinen Maßstäben entspricht, dass es vor Dir Recht ist und ich es vor Menschen nicht schön-reden muss. Amen