Starke Frauen sind gefragt

1. Timotheus 2, 8 – 15

8 So will ich nun, dass die Männer beten an allen Orten und aufheben heilige Hände ohne Zorn und Zweifel.

Es ist eine Konsequenz aus dem zuvor Gesagten: Die Männer, die in der Gemeinde sind, sollen Beter sein. Offensichtlich ist dieses öffentliche Beten Männersache und die Gemeinde überall, ἐν παντὶ τόπῳ, wo immer sie sich versammelt, der Ort, an dem sie auch tatsächlich präsent sind. Fürbitte üben. Gott loben, indem sie ihre Dankbarkeit zeigen. Ohne Zorn und Zweifel. Auch hier wieder: Beten zuerst. „Mit den Händen wirken, was Gottes Geboten entspricht, das ist mehr als diskutieren und „Untersuchungen“ anstellen.“(W. Brandt, aaO.; S.45) An die Stelle fruchtloser Debatten und ermüdender Besserwisserei tritt die Einigkeit im Gebet. Es geht um die Tat des Betens, die keinesfalls das Tun des Gerechten ersetzt oder überflüssig macht. Allerdings auch umgekehrt: Das Tun des Gerechten macht das Gebet nicht zur Marginalie, zur Randerscheinung. Männerspiritualität ist Gebet!

9 Desgleichen, dass die Frauen in schicklicher Kleidung sich schmücken mit Anstand und Besonnenheit, nicht mit Haarflechten und Gold oder Perlen oder kostbarem Gewand, 10 sondern, wie sich’s ziemt für Frauen, die ihre Frömmigkeit bekunden wollen, mit guten Werken. 11 Eine Frau lerne in der Stille mit aller Unterordnung. 12 Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann Herr sei, sondern sie sei still.13 Denn Adam wurde zuerst gemacht, danach Eva. 14 Und Adam wurde nicht verführt, die Frau aber wurde verführt und übertrat das Gebot.

Es ist ein wenig verblüffend. Von der konzentrierten Darlegung des Heilswillens Gottes, vom umfassenden Gebet, von der Aufforderung an die Männer, in einer großen Weite für Stat und Land Beter zu sein – die Frauen werden da nicht eigens erwähnt; ein Mangel! – geht der Brief zu Kleiderfragen und Accessoires über. Das mag ein Wechsel sein. Sind Kleiderfragen wirklich so wichtig, dasssie in einem apostolischen Schreiben zur Sprache kommen müssten? Und warum dann nicht auch die Kleidung der Männer?

In diesen Worten zeigt sich ein Frauenbild, das mich nicht nur ein bisschen ratlos macht. Es ist deutlich konservativ, patriarchalisch, um nicht zu sagen reaktionär. Ich kann verstehen, dass Frauen heute sagen: So nicht. Sie sollen unauffällig sein, im Hintergrund, sich nicht schmücken, in der Stille mit aller Unterordnung lernen. Gefordert ist „Schamhaftigkeit in der Kleidung der Frau, wenn sie am Gottesdienst teilnimmt, ein Wort, das den natürlichen Trieb der Frau, sich zu schmücken nicht unterdrückt, aber heiligt. Der wahre Schmuck einer Gottesfürchtigen Christin, der sie mehr ziert als Gold und Edelstein, sind Werke der Liebe.“(J.Jeremias, aaO. S.21)

Ich ahne, was gemeint sein könnte mit diesen Worten des von mir verehrten Auslegers, aber ich bin gleichzeitig verblüfft: das schreibt er im Jahr 1975! Und folgt Klischees wie: Frauen haben den natürlichen Drang, sich zu schmücken! Man muss sie anhalten zur Schamhaftigkeit in Kleiderfragen. Weltfremd kommt mir das vor in einer Zeit, in der Pflegemittel und Duftwässerchen, die Schönheitsmittel für Männer ohne Ende beworben werden und ein blühendes Geschäftsfeld darstellen.

Ohne Umschweife läuft es auf Rangforderungen hinaus: Frauen sollen Männern gegenüber immer in einer unten-oben-Beziehung bleiben. Das versteht heute kein Mensch mehr. Und wo es durchgesetzt werden soll, wirkt es, als seien die Leute aus der Zeit gefallen. Dieses Frauenbild hat fatale Folgen gehabt, wo es dazu benützt wurde, Frauen zum Ursprung der Sünde zu machen, sie regelrecht zu verteufeln. Der Autor bewegt sich in traditionellen Bahnen jüdisch-patriarchalischer Gedanken. Da konnte Eva zum Einfallstor der Sünde gemacht werden. Das hatte wohl auch den klaren Sinn, Männerherrschaft zu festigen und zu sanktionieren durch die Schrift.

. 15 Sie wird aber gerettet werden dadurch, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie bleiben mit Besonnenheit im Glauben und in der Liebe und in der Heiligung.

„Mitten in ihren alltäglichen, irdischen und natürlichen Mühen und Schmerzen vermag sie die Heiligung in jeder Hinsicht zu verwirklichen.“(H. Bürki, aaO. S.92) Es ist eine in den Texten des Neuen Testamentes ziemlich aus dem Rahmen fallende Sicht: Sie wird aber selig werden dadurch, dass sie Kinder zur Welt bringt. Gerettet werden – σωθσεται ist sonst ausschließlich an die Heilstat Christi gebunden. An seine Selbsthingabe. Es ist in der Tat befremdlich: „Die Mutterschaft wird als Mittel zur Rettung bezeichnet.“ (J.Jeremias, aaO., S.22) Aber nur unter der Voraussetzung, dass die Kinder dann auch tatsächlich den Weg des Glaubens gehen, besonnen und in der Heiligung.

Selbst wenn ich unterstelle, dass der Autor „gefährlichen Auswüchse einer missbrauchten Emanzipation beseitigen und der ehefeindlichen Askese der Irrlehrer entgegen treten will“(J.Jeremias, ebda.) – hier ist er auf einer falschen Fährte. Man darf das Heil von Müttern, auch nicht das Heil von Vätern an das Wohlverhalten der Kinder binden. Man darf es auch nicht an die Weitergabe des Lebens durch die Geburt von Kindern binden. Das Heil ist an Christus, an ihn allein gebunden.

Zum Weiterdenken

Es gibt ein pauschales Reden – die Bibel sei im Ganzen und in allem einzelnen Wort Gottes, das hier an seine Grenzen stößt. Das soll auch für die Briefe des Neuen Testamentes gelten, allesamt von ihren Verfassern in die Zeit hinein geschrieben und verantwortet. Wer wollte ernsthaft die Sicht auf die Frau in diesem Brief als „Wort Gottes“ proklamieren? Das macht das Problem im Umgang nicht nur mit dem Brief an Timotheus deutlich. Es gibt Passagen, die sind bleibend gültig, mir für meinen Glauben Wegweisung und Haftpunkt. In einer Gelegenheitsschrift aus der 2. Hälfe des 1. Jahrhunderts nach Christus. So wenn der Autor hier den absoluten Vorrang der Gnade beschreibt. Das Erbarmen als Herzstück Gottes benennt. Es gibt aber auch die Passagen, in denen der Brief schlicht sehr konservative Positionen im Gesellschaftsbild seiner Zeit spiegelt. Das soll mir doch nicht „Wort Gottes“ sein.

Daraus ergibt sich die Daueraufgabe, für mein Verstehen und mein Glauben, auch für mein öffentliches Auslegen, an dieser Stelle klar zu sein, sorgfältig zu differenzieren. Nicht alles im „Wort Gottes“, in der Schrift, im Alten und im Neuen Testament, ist in gleicher Weise Wort Gottes. Wer das alles gleich machen wollte, gleich gültig, steht zumindest in der Gefahr, auch vieles gleichgültig zu machen. Es gibt, auch und gerade für den/die, der/die im Glauben seinen Halt sucht und finden will, die Herausforderung zu unterscheiden. Zwischen den Worten, die über alle Zeiten hinweg trösten, ermutigen, freisprechen und an den lebendigen Gott binden und den Worten, die zeitgebunden sind. Nur so gewinnen wir die Freiheit zu verantwortlicher Nachfolge heute.

Was mir hilft, mit diesen so fremden Anweisungen trotz meiner inneren Widersprüche umzugehen, ist etwas, was leicht überlesen werden kann. Es fällt erst bei genauerem Hinsehen auf, dass Paulus in den Anweisungen an die Gemeinde klar sagt: Ich will.., ich gestatte nicht…. Er knüpft an seine Zeit an, macht dabei auch deutlich, dass diese Weisungen nicht das Gewicht der Offenbarungen Gottes haben, sondern seine, des Paulus Setzungen sind.

Auch Paulus ist ein Kind seiner Zeit. So wahrt er auch sprachlich das Gefälle und relativiert seine Weisungen durch deren Kennzeichnung als seine Weisungen. Das ist Demut, die aber auch bitter nötig ist. Und das öffnet den Raum für eine ganz andere Sicht auf die Frauen, für ein anderes Frauenbild. Eines, das unserer Zeit verpflichtet ist. Das ist kein Abfall vom Evangelium, sondern sein Lesen in unsere Zeit hinein. So wie der Autor des Briefes für seine Zeit einen Anschluss an die geltende Moral sucht, so sollen und dürfen wir für unsere Zeit diesen Anschluss suchen – darin frei, zu prüfen, was dem Geist Jesu entspricht und nicht dem Buchstaben früherer Schriften, auch wenn sie den Rang heiliger Schriften haben.

Ich habe Frauen vor Augen, meine eigene, Frau, unsere Tochter und unsere Schwiegertochter. Starke Frauen, nicht festgelegt auf vorgegebene Rollen, die den Männern das Sagen sichern. Nicht eingeschränkt in ihrem Spielraum, den eigenen Weg zu suchen und zu gehen. Nicht angewiesen darauf, sich das Heil zu erwerben durch Gebären und Erziehen, durch das Erfüllen einer Reproduktions-Quote und erfolgreicher Erziehungsarbeit. Sondern frei zu sein, weil über ihnen das Versprechen Gottes steht, das Ja zu ihnen vor aller Leistung, in allen Schwierigkeiten, trotz allen Ängsten. Sie sind in allem uns Männern, gleichwertig, gleichwürdig, gleichberechtigt und – Gott sei Dank – anders als wir.

Herr Jesus, Du hast anders über Frauen gedacht, bist anders mit ihnen umgegangen als ich es hier lese. Du hast in ihnen die gleichwertige Gefährtin gesehen, Jüngerinnen so gut wie die Jünger. Du hast Frauen gewürdigt, die ersten Zeugen Deiner Auferstehung zu sein.

Wie könnten sie da jemals in Deiner Gemeinde zum Schweigen angehalten werden. Amen

Ein Gedanke zu „Starke Frauen sind gefragt“

  1. Dass grosse Personen im Reich Gottes „blinde Flecken“ haben, gefällt uns gar nicht. Bei Paulus sind es z.T. die Frauen oder bei Luther die Einstellung zu den Juden. Paulus hatte sich zu Jesus bekehrt, aber seine Erziehung im Judentum der damaligen Zeit konnte er nicht ganz abwerfen.
    Ich wünsche mir manchmal,das der Heilige Geist bei der Abfassung des NT etwas mehr eingriffen hätte.

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