Der Mittler

1. Timotheus 2, 1 – 7

1 So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, 2 für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.

Παρακαλῶ – ich ermutige, ich ermahne. „Meine erste Bitte“(K. Berger/C. Nord, aaO. S. 746) Es hat Vorrang, es ist vor allem anderen, πρῶτον πάντων, wichtig. Daran liegt ihm: Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen. Ganz weit setzt Paulus an, bei Gottes Heilsplan für alle, bei seiner Hingabe für alle. Dreimal in den ersten sechs Versen steht „für alle Menschen“, dazu einmal „alle Obrigkeit“. Gottes Werk und Tat zielen nicht auf den Winkel ab, auf ein bisschen und vielleicht bequemt sich jemand. Gott geht es um alle. Hier Gott nicht zu folgen, heißt ihn klein zu machen.

Es ist schon bemerkenswert: Die Aufforderung zu Bitte, Fürbitte und Danksagung geht an Christen, die es mit ihrem Staat, damals dem römischen Reich, nicht leicht haben. Sie geht an Leute, die keinerlei Einfluss haben auf den Gang der Dinge. Sie sollen fürbittend einstehen für Könige, die ihnen das Leben schwer machen, für eine Obrigkeit, staatliche Beamte, die sie schikanieren. Sie sollen Danksagung – εὐχαριστίαvor Gott bringen, für alles Gute, das sie doch auch mit der staatlichen Ordnung empfangen. Das griechische Wort hat Gewicht, benennt es doch wenig später im Sprachgebrauch der Christenheit die Feier des Herrenmahls, die Eucharistie.

Die Gedanken hier sind nahe bei den Worten, die im Brief des Paulus an die Römer zu finden sind: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. … Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut.“(Römer 13, 1+4)

Es ist eine Linie in der ersten Christenheit – sich dankbar vor Augen zu halten, dass es, allen Schwierigkeiten zum Trotz, die nie verdrängt werden, doch eine gewisse Rechtssicherheit im römischen Reich gibt. Man ist nicht der Willkür von Staatsorganen ausgeliefert. Ob das jemand in Rom oder in Jerusalem oder in Korinth beeindruckt hätte: Die Christen bitten ihren Christus für den Kaiser, für den König, für den Statthalter, für den Präfekten.

 Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, 4 welcher will, dass alle Menschen gerettet werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. 5 Denn es ist „ein“ Gott und „ein“ Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, 6 der sich selbst gegeben hat als Lösegeld für alle, als sein Zeugnis zur rechten Zeit.

Dabei ruht das „für alle“ im Handeln der Gemeinde auf dem „für alle“ in Jesus Christus. Deshalb geht Paulus auch nun ganz konsequent nach dem Abstecken des Rahmens ins Detail, in die Gemeinde. Dass Gott alle meint, wird darin deutlich, dass er konkret Einzelne ruft und verändert. Der Weg zu allen geht über das einzelne Glied der Gemeinde.

Es ist ein Schlüsselwort, hinter das die Christen aller Zeiten nicht zurückfallen dürfen: Allen, wirklich allen gilt das Suchen Gottes. Alle sollen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Welcher Wahrheit? fragen wir sofort. Die Antwort: dass Gott einer, dass nur ein Gott ist und dass er die Brücke zu uns geschlagen hat in dem einen, dem Mittler, dem Menschen Jesus Christus. „Als Mensch ist er der Mittler, weil er sich solidarisch, eins macht mit allen Menschen. Vor Gott tritt er für die in ihm repräsentierte Menschheit ein.“(H. Bürki, aaO. S.82)

Sein Brückenschlag hat eine bestimmte Form: er hat sich selbst gegeben für alle zur Erlösung. ὑπὲρ πάντων. Das macht ihn zum Mittler – seine Selbsthingabe. In dieser Selbsthingabe des Menschen Jesus die Liebe Gottes zu entdecken, das ist die Erkenntnis der Wahrheit. Das Wort Lösegeld ἀντίλυτρον – ist nicht von ungefähr gewählt. Es signalisiert Freikauf auf dem Sklavenmarkt. Es signalisiert ein freiwilliges Engagement zugunsten dessen, der ein Gefangener ist, unfähig, sich selbst auszulösen. Es ist schließlich auch das Wort, das Jesus selbst für sein Kommen und sein Tun verwendet:“Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“(Markus 10, 45) Auch dort: λυτρον.

7 Dazu bin ich eingesetzt als Prediger und Apostel – ich sage die Wahrheit und lüge nicht -, als Lehrer der Heiden im Glauben und in der Wahrheit.

Man könnte es Paulus vorwerfen, das er einseitig ist, dass er nur die eine Wahrheit – ἀλήθεια – kennt und an anderen Wahrheiten nicht wirklich Interesse hat, kein kleines und erst recht kein großes. Alles ist dem untergeordnet, dass er seine Aufgabe wahrnimmt, für die er eingesetzt ist. Daran allerdings hat er alles Interesse, das ist seine Lebensaufgabe, die er sich nicht selbst gesucht hat, dazu ist er bestimmt – an anderer Stelle sagt Paulus es ganz steil: „von meiner Mutter Leib an ausgesondert und durch seine Gnade berufen (Galater 1,15) Hier dagegen geradezu zurückhaltend und nüchtern: ἐτέθην von τίθημι – „setzen, stellen, legen, zu etwas machen!“ (Gemoll, aaO. S. 730). Ein Allerweltswort, nichts religiös Gefärbtes. Aber es gilt: eingesetzt als Prediger und Apostel, dass alle es hören, es erfahren können durch seinen Dienst: Jesus Christus ist der Mittler, der uns mit Gott versöhnt. Uns den Zugang zu ihm neu öffnet. Uns rettet.

Zum Weiterdenken

Das ist kein unverbindlicher geistlicher Ratschlag, dem Timotheus und seine Leute folgen können oder auch nicht: Παρακαλῶ. Ich ermahne nun vor allen Dingen.Das griechische Wort wird immer da verwendet, wo es um die verbindliche Weisung und Ermutigung geht. Es ist dringlich, ernst gemeint: Beten statt Jammern. Für Regierung und Opposition danken und Fürbitte tun statt immer nur maulen, nörgeln: „Wenn die da oben doch endlich tun würden, was ich mir denke…“ Anders, ein wenig provozierend gesagt: Der sicherste Weg zur positiven Einflussnahme auf das Handeln der Obrigkeit ist nicht der Wahlzettel, sondern die Dankbarkeit und die Fürbitte vor Gott.

Ob es die Kanzlerin beeindruckt: In den Kirchen gibt es im Gebet die Fürbitte für mich, für die Regierung, für die Opposition. Sie schicken keine Lobbyisten ins Kanzleramt, aber sie sie schicken ihre Gebete in den Himmel. Es gibt bei den Christen Menschen, die du nicht mit Protest-Plakaten auf der Straße siehst – für Freiheit, gegen Impf-Zwang, gegen Masken-Pflicht – aber in ihrem Gebet bitten sie darum, dass wir al Regierung gute Entscheidungen finden, auch jetzt, in diesen schwierigen Corona-Zeiten. Beten kann die Welt verändern. Fürbitte für die Regierung vielleicht deren Entscheidungen beeinflussen. Glaube ich das?

Um den Blick nicht auf die Obrigkeit, die Könige und Beamten einzuengen: Es geht um ein Beten auch für die, die mir zu schaffen machen. Es liegt auf der Hand, dass wir für die beten, die uns lieb sind, an denen unser Herz hängt. Aber in der Spur Jesu gilt es, auch ein Bitten zu lernen für die, die uns fremd sind, die uns manchmal gar feind sein mögen oder denen gegenüber wir zu freundlichen Gefühlen uns außerstande fühlen. Die uns, warum auch immer, Last sind. Das ist nicht leichte, sondern harte Arbeit. Aber es kann auch zu der Einsicht führen, dass Beten grundsätzlich, so einfach es auch erscheinen mag, am Ende doch auch harte Arbeit ist und „unserer Seele große Kraft (Psalm 138,3) abnötigt.

Jesus, dafür danke ich Dir, dass Du der Mittler geworden bist, Gott bei uns vertrittst, uns bei Gott vertrittst. Dafür danke ich Dir, dass wir durch Dich einen freien Zugang zu Gott haben, dass nichts und niemand uns diesen Weg versperren darf, den Du für uns geöffnet hast, der Du für uns bist. Amen.