Musterexemplar der Gnade

1. Timotheus 1, 12 – 20

12 Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt, 13 mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben.

Es geht um die Wende, den Wechsel im Leben des Paulus. Dabei spielen Ort und Zeitpunkt vor Damaskus, die biographischen Einzelheiten, keine Rolle. Zumindest werden sie nicht erwähnt. Auch von den Empfindungen des Paulus erfahren wir nichts. Worauf es aber sehr stark ankommt, ist, was Christus getan hat – er hat Paulus stark gemacht, für treu erachtet, in das Amt eingesetzt. Man könnte sagen: alles, was Paulus ist, ist er durch Christus. Nur ein Nebengedanke: Es ist ein wenig unglücklich, εἰς διακονίαν mit in das Amt einsetzen zu übersetzen, weil das beim heutigen Leser falsche Assoziationen auslöst. Es geht um Dienst, um eine Aufgabe, die Paulus übertragen wird. Er bekommt keine Stelle in einer Behörde, einem Amt.

Darüber hinaus ist auffällig, dass die Vergangenheit des Paulus sehr deutlich benannt wird. Weil er wert erachtet ist, muss er nichts beschönigen. Weil er stark ist, muss er nicht die dunklen Punkte seiner Vergangenheit zudecken. Er kann stehen zu dem, was er war. Für die Wende in einem Leben „gibt es nur eine einzige Erklärung: Mir ist Erbarmung widerfahren.“ (J. Jeremias, Die Briefe an Timotheus und Titus, NTD 9, Göttingen 1975, S. 16)

Es klingt nach Entschuldigung: ich habe es unwissend getan, im Unglauben. Es könnte wirken, als sei die Unwissenheit – ἄγνοια – eine Voraussetzung dafür, dass ihm doch Barmherzigkeit zuteil geworden ist. Es ist eine Sicht, die auch in der Apostelgeschichte sichtbar wird. Da sagt Petrus in der Begegnung mit den Juden, gewissermaßen entschuldigend und Brücken bauend: „Nun, liebe Brüder, ich weiß, dass ihr’s aus Unwissenheit getan habt wie auch eure Oberen.“(Apostelgeschichte 3,17) Und in der Rede auf dem Areopag in Athen hören wir von Paulus:  „Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun.“(Apostelgeschichte 17,30)

Also: Es macht einen Unterschied, ob einer weiß, was er tut oder ob er unwissend handelt. Der Unglaube, so die freundliche Deutung hier, kommt aus der Unwissenheit und nicht aus einen sich bewusst dem Glauben verweigern. So über den Unglauben zu denken, könnte helfen, ein wenig barmherziger mit denen umzugehen, die nicht oder noch nicht oder nicht mehr glauben. Es ist keine Bosheit. Es ist nur fehlende Einsicht. Die aber überwunden werden kann durch das Erbarmen. ἐλεέω, sich erbarmen. Das ist der Wurzelboden für das neue Leben.

14 Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist. 15 Das ist gewisslich wahr und ein teuer wertes Wort: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin. 16 Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben.

Um den jetzigen Zustand des Paulus darzustellen, muss er von Christus, seiner Gnade, dem Glauben und seiner Liebe reden. χάρις, πίστις, ἀγάπης – es sind alles Hauptworte im Glaubensverständnis des Paulus. Während die Vergangenheit durch Paulus bestimmt ist, ist die Gegenwart durch Christus bezeichnet. Nicht mehr Taten des Paulus sind zu berichten, sondern was Jesus Christus getan hat – an ihm, durch ihn. Aus dem selbst handelnden Saulus ist der Paulus geworden, an dem Gott in Christus gehandelt hat und handelt. So wird Paulus in der Gegenwart nur passivisch beschrieben. Der eigentliche Akteur im Leben des Paulus ist Jesus Christus.

Paulus ist das Muster dafür, wie Christus handelt. „Paulus hat in seiner Lebenswende die Gültigkeit jener Zusagen erfahren, auf die alle Christen ihre Existenz gründen, dass nämlich das alleinige Ziel der Sendung Jesu Christi in die Welt dieRettung von Sündern ist.“ (J. Roloff, Der erste Brief an Timotheus, EKK 15, Neukirchen 1988, S. 95). Menschen, die ihr Lebensziel verfehlt haben, sollen zurecht gebracht werden. ἁμαρτωλοὺς σῶσαιSünder retten. Einmal mehr – selig machen ist ein wenig blass – es geht um ein Herausreißen aus dem Untergang, um retten. „Die Gottlosen zu retten“(K. Berger/C. Nord, Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, Frankfurt 1999. S. 745) Es steckt im griechischen Wort drin: Sünder sein ist sein Ziel verfehlen. Das Ziel, das Gott mit uns hat, die dreifache Liebe: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«(Matthäus 22, 37-39) Daran vorbeileben heißt in Wahrheit: Sünder sein.

Oder anders gesagt: Paulus ist ein Musterexemplar für die Gnade. Sie reicht über alle Grenzen hinweg bis zu dem, der ihr feind ist, der sie nicht will, der sie als Schwäche verhöhnt, als eine Vorliebe, die selbst krank ist, weil sie allen Kranken, Gebrochen, Gescheiterten gilt. Spötter mögen diese Art der Gnade verhöhnen, sie als Affenliebe diffamieren, als Angriffe auf alles Starke, Heldenhafte. Das ist an Paulus zu lernen: die Gnade Gottes, sein Erbarmen kennt keine Grenze.

Auch dafür ist Paulus ein Musterbeispiel: Die Gnade hat die Kraft, Menschen zu verändern. Nicht durch Appelle, nicht durch Befehle, nicht durch kluge Argumentation, sondern einfach dadurch weil sie in ein Menschenherz einzieht. Wer die Gnade Gottes in sein Herz lässt, wird von innen her verwandelt. Aus dem kalten Herz wird ein warmes Herz. Aus einem Herzen, das nur das eigene Maß in seinen engen oder auch weiten Grenzen kennt, wird ein Herz in der Weite Gottes. „Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Umkehr leitet?“ (Römer 2,4) Erzwungene Wandlungen bleiben günstigstenfalls ein neuer Habitus. Aber sie bringen kein neues Leben hervor.

Und so zurecht gebracht zu werden, dass diese Liebe Raum gewinnt, ist zu seiner Bestimmung finden, ist der Weg zum ewigen Leben. Das ist das Ergebnis der Lebenswende, die hier ständig mit erzählt wird: Aus dem eigensinnigen Weg wird der Weg zum ewigen Leben. „So ist Paulus ein lebendiges, unwiderlegbares Zeugnis dafür, dass kein Mensch sich für so verloren zu halten braucht, dass ihn nicht das Erbarmen Dessen erreichen könnte, der kam, um Sünder selig zu machen.“(J. Jeremias, aaO. S. 17)

Nur von daher lassen sich auch der Mut und die Schärfe zugleich begreifen, mit der Paulus die Trennung der Gemeinde von der Irrlehre vollzieht. Paulus hat den Mut, sich als Modell des Handelns Jesu Christi zu verstehen. Nur insofern interessiert seine Vergangenheit noch.

17 Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.

Es ist öfters so in den Briefen, gerade auch in Briefen des Paulus. Plötzlich steht da ein Lobpreis. Als würde der Schreibende sich selbst erinnern: Was ich jetzt aufgeschrieben habe, das kann ich gar nicht anders sagen als betend, lobend, tief dankbar gegen den ewigen Gott. „Diese Anbetung ist zugleich Grundlage und Ziel der Gemeinde Gottes.“(H. Bürki, aaO. S. 69) Es gibt ein Staunen über Gott, das sich Bahn bricht, im Nachdenken, im Befasst-sein mit dem eigenen Leben. Dieses Staunen, das zum Beten wird, ist ein ganz ursprünglicher Ausdruck des Glaubens.

18 Dieses Gebot gebe ich dir, mein Sohn Timotheus, nach den Weissagungen, die früher über dich ergangen sind, damit du in ihrer Kraft einen guten Kampf kämpfst 19 und den Glauben und ein gutes Gewissen hast.

Dafür soll Timotheus stehen. Für diesen Weg ist er berufen worden, vermutlich auch unter Handauflegung gesegnet, ausgesondert, – so wie es in den Gemeinden Usus war: „Als sie aber Gottesdienst hielten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Sondert mir aus Barnabas und Saulus zu dem Werk, zu dem ich sie berufen habe. Da fasteten sie und beteten und legten ihnen die Hände auf und ließen sie ziehen.“Apostelgeschichte 13, 2 – 3) Berufen, um das Gebot – besser für παραγγελία:Botschaft, Kunde, Lehre“(Gemoll, aaO. s. 570) weiterzugeben – vom Erbarmen Gottes, das ganz nach unten reicht, bis in die tiefsten Tiefen, bis dahin, wo der Widerspruch gegen Gott sich findet. Wo der Unglaube immer noch das Wort führt.

Diese Botschaft ist zugleich die Kraft, aus der Timotheus handeln soll. Auch Kämpfen. Einen „guten, schönen, angenehmen, glücklichen, günstigen“ (Gemoll, aaO. S. 405)Kampf – καλὴν στρατείαν. Der Glaube ist auch Kampf, nicht nur eine beliebige Überzeugung, die man haben kann oder auch nicht. „Auch seinen eigenen Glauben hat Paulus einen „Kampf“ genannt.“(W. Brandt, Apostolische Anweisung für den kirchlichen Dienst, Die urchristliche Botschaft, 15. – 17 Abteilung, Berlin 1941, S.36) Später in einem anderen Brief wird er schreiben: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten.“(2. Timotheus 4,7)

Wenn Timotheus also diesen Kampf auf sich nimmt, die Botschaft weiterträgt, dann stärkt er damit den eigenen Glauben und gewinnt ein gutes Gewissen. ἀγαθὴν συνείδησιν. Weil er sich birgt in Gott, in seinem Erbarmen und nicht in sich selbst. Das Gewissen ist biblisch betrachtet nie eine autonome Instanz und hat auch nicht das letzte Wort. Es ist getröstet, wenn und weil es seinen Halt in Gott hat.

Das haben einige von sich gestoßen und am Glauben Schiffbruch erlitten. 20 Unter ihnen sind Hymenäus und Alexander, die ich dem Satan übergeben habe, damit sie in Zucht genommen werden und nicht mehr lästern.

Es ist Schmerz, der hier das Wort führt. Keine kalte Abrechnung. Man kann am Glauben Schiffbruch erleiden, scheitern. Niemand macht das willentlich, aber es geschieht. Es steht nicht da: „Mit laxer Lebensführung begann ihr Verderben. Ein Spielball der Leidenschaften, musste ihr Lebensschiff Schiffbruch erleiden, ihr Glaube zerbrechen.“(J. Jeremias, aaO. S. 18) Der Ausleger weiß mehr als der Text erzählt! Es tut unendlich weh, wenn sich Menschen abwenden und den angefangenen Weg des Glaubens verlassen. Und es bleibt festzuhalten: „Auch für diese beiden Abtrünnigen soll der Kampf ein positives Ziel behalten; nicht Verderben, sondern Rettung bleibt die Absicht.“(W. Brandt, aaO.; S.37) Wie sollte es auch anders sein können, wenn doch der Erbarmende das letzte Wort hat und nicht Paulus oder unsereiner.

Zum Weiterdenken

Rettungsgeschichten sind verpönt. Zu Recht, wenn sie plakativ eingesetzt werden. Aber sie haben ihr Recht, wenn sie zeigen, wie aus einem verpfuschten Leben ein neuer Weg werden kann. So wie im Buch „Der Prediger“ – „Aus der Scheiße meines Lebens soll Gold werden.“(Anonym, Der Prediger, 2015, S. 9) Es ist gut, wenn einem solche Wege erspart geblieben sind, wenn es diesen krassen Wechsel zwischen früher und jetzt so nicht gegeben hat. Die Frage stellt sich gleichwohl und ist nur persönlich zu beantworten: Ist meine Vergangenheit zu häufig Gegenstand selbst-verliebter Betrachtung? Beschönige ich, was war? Sehe ich mich realistisch, als einen der auf Rettung angewiesen ist und bleibt?

Und, auch das ist eine Frage zu der der Brief hier führen kann: Wer ist das handelnde Subjekt meines Lebens?

Herr Jesus, ich war nicht der große Sünder, eher ein braver Junge. Ich bin kein Musterexemplar für Atheismus gewesen, nur unberührt, gleichgültig, traditionsgeleitet auf Abstand.

Aber Du bist in meinem Leben nicht vorgekommen. Du warst eine Figur religiöser Gedankenspielereien, die nichts mit dem Alltag meines Lebens zu tun hatten.

Ich danke Dir, dass Du mich gesucht und gefunden hast, mich gerufen und mir das Ohr geöffnet hast, so das ich Deinen Ruf gehört habe. Amen