Christsein geht nicht ohne Kampf

1. Petrus 5, 8 – 14

8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. 9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder und Schwestern in der Welt gehen.

Es ist der Blick in den Hintergrund der Welt, der hier sichtbar gemacht wird. Im Vordergrund agieren Menschen. Petrus aber sieht im Hintergrund den anderen Akteur – den Teufel. Den Widersacher – Gottes und der Menschen. Ἀντίδικος – der Widersacher vor Gericht. Es ist die Rolle, die ihm zukommt – Verkläger zu sein, Prozess-Gegner, der auflistet, was dem Beklagten fehlt, Schwachpunkte aufzeigt.

So wie es schon der Satan in der Hioberzählung tut: „Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet?  Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher bewahrt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: Was gilt’s, er wird dir ins Angesicht fluchen!(Hiob 1, 9-11) Es ist nicht das Anliegen des Petrus: Menschen verteufeln – aber sie, die die Christengemeinde bedrängen, verleumden, anklagen, die Christen in Ängste jagen, treiben das Geschäft des Gegenspielers Gottes.

Das ist keine Kleinigkeit, die Petrus hier anspricht. Keine Belanglosigkeit. Sondern hier ist Wachsamkeit und Widerstandskraft gefordert. Doch auch nicht zu viel Respekt. Seid nüchtern und wacht. Petrus ruft zum Widerstand auf – fest im Glauben. Das ist kein Aufruf zu einem vergeblichen Kampf. Wohl aber ein Aufruf zu einem Kampf, in dem sie nicht allein sind. Im Aufruf zum nüchternen Wachen steckt das Zutrauen: Ihr könnt das.

Christen stehen nicht alle an einer, der gleichen Front – aber es gibt Gemeinsamkeit in den Leiden und in den Kämpfen: Was ihr erfahrt, kennen die andern auch. Wir wissen aus den Märtyrerberichten des 2. Jahrhunderts: „Man teilte sich gegenseitig mit, was örtlich, regional vorgefallen war, um zu informieren, zu ermutigen und um den einzelnen in die Standhaftigkeit der Gemeinden einzubinden.“(N. Brox, aaO. S.239) Immer wieder dieser Hinweis: Ihr seid nicht die einzigen, die das erleben. Es ist ja die große Anfechtung: so wie ich zu leiden habe, so leidet sonst kein Mensch.

Nein, sagt Petrus: Ihr seid nicht die einzigen. Es ist ein Herausführen aus der gefühlten Einsamkeit – so wie es auch bei Elia am Berg Horeb war. Der glaubte sich am Ende allein, samt seiner neuen Gotteserfahrung. Und wird eines Besseren belehrt: Elia „sprach: Ich habe für den HERRN, den Gott Zebaoth, geeifert; denn Israel hat deinen Bund verlassen, deine Altäre zerbrochen, deine Propheten mit dem Schwert getötet und ich bin allein übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir das Leben nehmen. Aber der HERR sprach zu ihm: Geh wieder deines Weges durch die Wüste nach Damaskus…. Und ich will übrig lassen siebentausend in Israel, alle Knie, die sich nicht gebeugt haben vor Baal, und jeden Mund, der ihn nicht geküsst hat.“ (1.Könige 19, 14-15.18)

So wie Gott es Elia nicht gestattet, erlaubt es Petrus seinen Lesern und Leserinnen nicht, dem Irrglauben zu folgen, dass sie in ihrem Leid die Einzigen sind, die es so trifft. Da sind andere, die das Gleiche durchmachen. Das macht das eigene Leiden nicht ungeschehen, auch nicht schmerzfrei. Aber es löst die Einsamkeit des eigenen Leidens auf. Es läst auch darauf hoffen, die Leiden zu bestehen.

10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. 11 Ihm sei die Macht in aller Ewigkeit! Amen.

Diesen Kampf bestehen zu helfen, ist vor allem anderen Gottes Sache. Darin bewährt er sein Berufen und seine Gnade. Er ist es, der aufrichten, stärken, kräftigen, gründen wird. Er ist es, aus dem die Widerstandskraft sich nährt. Er lässt doch seine Berufung nicht hinfallen. So bezeugt es auch Paulus: „Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“(Römer 11,29) Gott lässt die, die er will, denen seine Liebe gilt, für die er sich zu Tode geliebt hat, nicht fallen.

Mag sein – jetzt ist Zeit der Leiden. Aber es ist nur eine kleine Zeit. Ὀλίγος„klein, kurz, gering.“(Gemoll, aaO. S. 538) Nichts gegen das, was kommt. Nichts gegen die Freude, die auf die Christen wartet. Nichts gegen die Herrlichkeit, die über ihnen aufleuchten wird. Weil er auf diese kommende Vollendung traut und sie seinen Lesenden nahe bringen will, schließt Petrus mit dem Gebetsruf. Gott wird an sein Ziel kommen – mit uns. Dieser Gebetsruf nimmt vorweg, was sie alle, die jetzt leiden, in der Herrlichkeit Gottes rufen werden. Gott loben ist nie nur Rückblick auf erfahrene Wohltaten, es ist immer auch Vorwegnahme des ewigen Lobes.

12 Durch Silvanus, den treuen Bruder, wie ich meine, habe ich euch wenige Worte geschrieben, zu ermahnen und zu bezeugen, dass es die rechte Gnade Gottes ist, in der ihr steht.

Silvanus wird hier als Schreiber des Briefes genannt. Wohl nach dem Diktat des Petrus. Das könnte ein wenig das sprachgewandte Griechisch erklären, das man einem einfachen Fischer vom See Genezareth nicht so recht zutrauen mag. Skeptiker, die glauben, dass der Name „Petrus“ im ganzen Brief nur ein Pseudonym ist, um die Autorität des Briefes zu untermauern, halten auch den Hinweis auf Silvanus für eine Fiktion. Andere, die mit der „Echtheit“ des Briefes rechnen, verweisen gerne darauf: Silvanus dürfte wohl der Silas sein, der mit Paulus im Gefängnis von Philippi einsitzen muss. (Apostelgeschichte 16, 19 – 25)

Mir liegt an dieser Verfasserfrage nicht wirklich viel. Wichtiger ist mir die Intention des ganzen Briefes, die hier noch einmal benannt wird: Dem Verfasser geht es darum, dass die Christen, die diesen Brief lesen – leidende, verfolgte, bedrängte Leute – in ihrem Glauben befestigt werden. Dass sie allem Leiden zum Trotz sich in der wahren Gnade Gottes – so besser statt rechten Gnade – geborgen wissen. Für diese wahre Gnade – im Griechischen ἀληθῆ χάρις steht auch Silvanus in seiner Treue ein, die ihm Petrus bestätigt. Petrus und Silvanus sind treue Leute, auf deren Worte man sich verlassen kann.

13 Es grüßt euch aus Babylon die Gemeinde, die mit euch auserwählt ist, und mein Sohn Markus. 14 Grüßt euch untereinander mit dem Kuss der Liebe. Friede sei mit euch allen, die ihr in Christus seid!

Es bleibt der Abschluss – ein Gruß von Gemeinde zu Gemeinde. Aus Babylon – das mag ein Symbol- und Tarnname für Rom sein. Es ist nicht nur ein Gruß eines einsamen Apostels. Der Kuss der Liebe – mitten in einer Welt, die den Angeschriebenen feindlich begegnet, geben sie einander ein Zeichen der Verbundenheit. Dabei wissen sie sehr wohl, dass dieses Zeichen in der Alltagspraxis gelebt sein will, damit es nicht zum leeren Symbol wird.

Am Ende: Friede sei mit euch allen, die ihr in Christus seid! Es ist ein Anknüpfen an die Weise, wie der Auferstandene seine Jünger grüßt: „Friede sei mit euch!“ (Johannes 20, 26) Es ist mehr als ein frommer Wunsch, mehr auch als ein gut gemeinter Gruß. „Die neue Welt Gottes ist keine Utopie, sondern lässt sich bereits jetzt in der Kraft des Geistes existenziell erfahren.“ (T. Popp, aaO. S.454) Mit seinem Gruß stellt Petrus seine Gemeinden in die Wirklichkeit des Friedens Gottes, der durch Jesus Christus in die Welt gekommen ist und aller Friedlosigkeit der Welt zum Trotz Raum gewinnt in der Gemeinde.

Zum Weiterdenken

Es ist eine vergessene Wahrheit: Christsein geht nicht ohne Kampf. Dieser Kampf richtet sich nicht gegen Menschen, wohl aber gegen alles, was die Christen vom Glauben abbringen will, was ihnen den Weg zu Gott versperren will. Es ist merkwürdig genug: das schändlich missbrauchte Wort vom „Dschihad“ birgt darin einen Wahrheit, die frühere Generationen der Christenheit durchaus noch kannten, wenn es den Weg des Glaubens als eine kämpferische Auseinandersetzung charakterisiert – mit dem eigenen ungezügelten Trieben, mit Mächten, mit Lebensumständen, mit Herausforderungen, die vom Glauben entfremden können.

Der Widersacher versucht, sich größer zu machen, als er ist. In den Augen des Petrus ist er nicht nur ein Scheinriese, der kleiner wird, je näher man ihm kommt. Aber auch als brüllender Löwe ist er dennoch einer, dem die Christen widerstehen können. Es ist die Eigenart biblischer Autoren, dass sie nie in aussichtslose Kämpfe schicken. Sondern immer nur so, dass sie daran erinnern: du bist nicht allein. Wenn der Glaubende kämpft, auch sich abkämpft, hat er doch Christus zur Seite.

Luther hat von solchem Kämpfen gewusst, die eigene Angst davor auch gekannt – und deshalb sich selbst und anderen zum Trost geschrieben:

Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,wie sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nichtdas macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen. M. Luther 1529, EG 362

Ich finde es großartig: Es ist nicht so, dass alle Furcht wie weggeblasen wäre. Aber sie wird kleiner, vielleicht sogar beherrschbar: so fürchten wir uns nicht so sehr. Jedenfalls: sie darf das Leben nicht mehr überwältigend bestimmen. Worte und Gedanken, die ermutigen können für die schweren Zeiten, die vor uns liegen.

            Sorgt nicht hat Petrus unmittelbar zuvor geschrieben und jetzt: Seid nüchtern und wacht. Sorgt nicht war keine Aufforderung zu sorglosem Leichtsinn, der Gefahren missachtet, übergeht und geringschätzt, bis hin zur Selbstgefährdung und zur Gefährdung anderer. Die Aufforderung zur Wachsamkeit ist ihrerseits keine Aufforderung zur Ängstlichkeit. Es gilt, Sprache von heute, ein nüchternes Krisen-Management zu üben. Es drängt sich auf: Wir haben es heute nicht mit einem oder vielen brüllenden Löwen zu tun. Unser umherschleichender Feind ist ein stummer Virus. Die Aufgabe des Widerstandes allerdings ist gleich – fest im Vertrauen, Fest in der Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern. Unter gegenseitigem Schutz.

            Solche Nüchternheit darf sich in Krisenzeiten wie dieser auf Gott berufen, Sie steht der Gnade nicht im Weg, sondern ist ihre Ausführungsgehilfin. Es ist ein Zerrbild, die nüchterne menschlichen Vernunft in Konkurrenz zur göttlichen Gnade zu setzten.

Ein süditalienischer Witz, von Umberto Eco weiter erzählt, leicht eingedeutscht und auf den neuesten Stand der Dinge gebracht.

             Wieder einmal waren die drei Flüsse, der Inn vor allem, über die Ufer getreten und Passau stand unter Wasser. Diesmal war es besonders schlimm und in den zu Kanälen gewordenen Straßen der unteren Stadt war hektische Betriebsamkeit erwacht. Schlauchboote wurden durch die gefährdeten Häuserzeilen geschickt, um Eingeschlossene zu retten, in einem kleinen Gartenhaus, unten am Ufer wohnte der fromme Korbinian. Er vertraute auf Gottes Hilfe, immer schon, und diesmal noch stärker, denn als er, sobald das Wasser stieg, vor dem Bild der heiligen Jungfrau eine Kerze angezündet hatte, war ihm, als lächele die Madonna ihm zu. Da wusste er, dass ihm nichts geschehen werde bei dem Hochwasser.

             Als das Schlauchboot kam, um ihn abzuholen, rief er deshalb unbekümmert durch die Tür‑. »Fahrt weiter, rettet die, die es nötiger haben, ich komm schon klar!« Das Wasser stieg. Korbinian blickte das Heiligenbild an und wusste: Mir wird nichts geschehen.

             Als das zweite Schlauchboot kam, rief er: »Ich brauch euch nicht, rettet andere, die brauchen euch.« Das Wasser stieg und abermals kam, nun schon mit Mühe gegen die Wassermassen ankämpfend, ein Boot. »Korbinian, komm jetzt, wir können bald nicht mehr mit dem Boot hierher kommen, steig ein, schnell.« Da rief Korbinian, der schon auf den Tisch gestiegen war, weil das Wasser höher und höher kam: »Lasst gut sein, ich komm klar, mir passiert nichts. Ich brauch‘ euch nicht.«

             Das Wasser stieg weiter und Korbinian ertrank natürlich. Im Himmel zeterte er mächtig. Wie man es denn mit ihm so böse getrieben hätte! Hätte nicht die heilige Jungfrau persönlich ihm zu verstehen gegeben, dass ihm nichts geschehe? Ein Unrecht sei das und man solle sich schämen im Himmel, ihn so zu betrügen.

             Petrus schaute etwas verwirrt, er wirkte gekränkt und unsicher. »Einen Moment, Korbinian, das werden wir gleich haben.« Petrus öffnete die Datei »Korbinian.doc«. Ein kurzer Blick aufs Ende: »Was sagst du? Unrecht? Drei Schlauchboote haben wir dir geschickt!«

Auch die Gnade kommt manchmal in einem sehr irdischen Gewand daher. Heutzutage womöglich ausgerüstet mit Schutzkleidung und Atemmaske.

 

Heiliger Gott, gib Du uns den langen Atem, der uns im Glauben beständig werden lässt. Herr Jesus, präge Du uns die Bilder ein, die unser Durchhalten stärken, die uns festen Grund unter die Füße geben. Dein Bild, wie Du Dich erbarmst, wie Du aufrichtest, wie Du Dich hingibst bis in den Tod, damit wir leben.

Lass Du uns durch den engen Horizont der Zeit schauen, dass wir das helle Licht der Ewigkeit aufleuchten sehen und es uns leuchtet, so dass wir auf dem Weg bleiben mit Dir zu Dir. Amen

Ein Gedanke zu „Christsein geht nicht ohne Kampf“

  1. Herzlichen Dank!!! Die Worte machen auch heute noch Mut auf dem Weg mit Jesus zu bleiben!!

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