Hirten sein – füreinander

1. Petrus 5, 1 – 7

1 Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll:

Nach den vielen Worten an die ganze Gemeinde, aber auch an einzelne Gruppen, Männer, Frauen, Sklaven, wendet sich Petrus jetzt an die Ältesten. Πρεσβύτεροι. Die Presbyter. Sie sind, vermutlich auch nach Lebensjahren die Älteren, die, die die Gemeinde leiten sollen. „Für die Leitung der Gemeinde ist Reife des Alters und Reife in geistlicher Hinsicht nötig.“(U. Holmer, aaO. S.162) Sie sind sicherlich auch solche, die schon lange bei der Gemeinde dabei sind.

Es wirkt als eine Neuvorstellung ihnen gegenüber eher seltsam, wenn Petrus hervorhebt: ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi. Es ist jedoch vielmehr ein Hinweis: Er steht sich mit ihnen auf eine Stufe, in eine gemeinsame Verantwortung. Weil es ihm um die Gemeinsamkeit geht, betont er auch, dass er ΜάρτυςZeuge der Leiden Christi ist. Das muss nicht meinen: Augenzeuge der Passion und auf Golgatha. Sondern: „Er steht wie die Adressaten und Adressatinnen in der Gemeinschaft der Leiden Christi(4,13) und ist wie sie ein Teilhaber der Herrlichkeit, die im Begriff ist, offenbart zu werden.“(T. Popp, aaO. S.400)

Weil er sich so mit ihnen im Leiden und der Hoffnung verbunden weiß, nimmt er sich heraus, sie zu ermahnen, zu ermutigen. Beides klingt im Wort παρακαλ an. Nicht die „Amtsautorität““ als „Apostel“ (1,1), sondern die gemeinsame Erfahrung stellt Petrus in den Vordergrund. Diese Gemeinsamkeit gibt ihm das Recht zu seinem Ermahnen. Mahnen und Ermutigen geht nicht aus der Distanz, nicht von oben herab, sondern es geht nur aus tiefer Verbundenheit heraus.

2 Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist und achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt, nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund, 3 nicht als solche, die über die Gemeinde herrschen, sondern als Vorbilder der Herde.

Das ist ihr Auftrag: Da zu sein für die Gemeinde, die ihnen anvertraut ist, anbefohlen. Zu treuen Händen übergeben, so wie ein Herr seinen Hirten seine Herde anvertraut. Ποιμάνατεweidet. Seid Hirten könnte man auch übersetzen. ποίμνιον ist die Herde, ποίμνη der Hirte So verdichtet die Sprache schon das urvertraute Bild, das hier angedeutet wird, mit dem einen Wort weiden.

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.                                                            Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.             Er erquicket meine Seele.                                                                                                         Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.         Psalm 23,2-3

In der Septuaginta-Fassung des Psalms steht wie bei Petrus für weiden ποιμαίνω. So also sollen die Ältesten mit der Gemeinde umgehen, dass sie in ihrem Weiden die Arbeit Gottes an ihr tun. Und das nicht gezwungen und zwanghaft, nicht ehrgeizig, nicht ehrsüchtig, sondern freiwillig und aus Herzensgrund. Sie sollen in ihrer Art und ihrem Verhalten Vorbilder sein τποι „Typen“ könnte man salopp sagen. Leute von denen andere in der Gemeinde sagen können: An denen sehen wir, was „typisch“ ist für Christen.

Daran liegt Petrus: nicht über die Gemeinde herrschen. Die Christen erleben so viele Herren um sich herum, so viele, die Macht über sie ausüben wollen, sie bedrängen, einengen, dass solches Verhalten in der Gemeinde keinen Raum haben soll. Die Gemeinde gehört dem einen Herrn, Christus, dem κυριός. Vielleicht darf man so weit gehen und sagen: Gemeinde soll ein herrschaftsfreier Raum sein – um des einen Herren willen. Darum darf sich keiner in ihr als Herr aufspielen. Es ist gut sich zu erinnern: „Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht.“(Matthäus 10,26-27) Durch ihr Sein sollen die Ältesten leiten, nicht durch Herrschen oder Anherrschen.

Eine Besonderheit soll nicht übersehen werden: Wo Luther übersetzt über die Gemeinde steht das griechische Wort κλρος. „Mit dem Wort κλρος, von dem sich unser Wort „Klerus“ ableitet, werden also nicht die Amtsträger, sondern die Gemeindeglieder bezeichnet.“(T. Popp, aaO. S.405) Nicht auszudenken, was das heißen könnte – die ganze Gemeinde ist der Klerus, nicht nur einzelne Leute. Alle sind „Kleriker“! Alle sind gerufen, das Evangelium zu leben und weiterzusagen. Um sie dazu zu befähigen, braucht es den Dienst der Ältesten. Ihre Aufgabe: die Gemeinde mündig machen. Auskunftsfähig. Gottesdienst-bereit. Tüchtig, den Glauben alltäglich zu leben.

4 So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen.

„Für die Erfüllung solcher Amtsführung wird Lohn und Heil zugesagt.“(N. Brox, aaO. S.232) Was sie tun, wie sie es tun, findet sein Echo in der Anerkennung durch den Erzhirten, durch Christus. Sie werden zu bekränzten, gekrönten Häuptern – ein Bild, das die damalige Zeit aus den Stadien der Welt gut kennt. „Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen.“(1. Korinther 9, 24-25)

Es ist eine ungewöhnliche Bezeichnung für Jesus Christus – Erzhirte. Ἀρχιποίμενος. Im griechischen Wort steckt der Anfang Ἀρχή mit drin – der Hirte von Anfang an. Es geht wohl weniger um Hierarchie, wie wir sie bei dem Wort leicht hören, sondern darum, dass der die Krone verleiht, der Anfang und Ende ist, der dieses „Amt“ schon immer im Auftrag Gottes inne hat.

Paulus sieht diesen Lohn, die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit, für alle – Petrus sieht ihn gewiss nicht nur für die Presbyter, aber auch für sie. Ihr Arbeiten wird anerkannt werden. Selbst wenn die Gemeinde es nicht wahrnimmt. Was für ein Trost für so manche Kirchenvorsteherin und manchen Kirchenvorsteher, der/ die die eigene Arbeit nie durch die Gemeinde gewürdigt erfährt. Der Herr der Gemeinde übersieht ihre Mühen nicht. Von ihm erhalten sie den Kranz, die Krone. Στέφανος – „Lohn, Preis, Schmuck, Ruhm.“(Gemoll, aaO. S. 688) Sie gehen nicht leer aus.

5 Desgleichen ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter.

Als wäre ihm aufgefallen, dass er sie beinahe vergessen hätte, trägt Petrus jetzt die Jüngeren nach. Mit einem knappen Satz, im Griechischen gar nur einem Wort: Ordnet euch unter. Ὑποτάγητε. Es ist ja ein Dauerthema des Petrus: Sich unterordnen. Es ist die zentrale Platzanweisung, die er vornimmt, fast so, dass man sagen könnte: In seinen Augen ist Christsein sich unterordnen. Unter Christus, unter die Geschwister, unter die weltlichen Herren, auch die seltsamen. Unter die Verhältnisse.

Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. 6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.

Die Aufforderung zum Unterordnen an die Jüngeren wird sofort ausgeweitet auf alle. Alle sollen Demutταπεινοφροσύνη – lernen. Es geht um eine innere Geisteshaltung, nicht um ein äußerliches Geduckt-sein: Bei Paulus hört sich das so an: „Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen.“(Römer 12,16) Hebt nicht ab. Bleibt mit beiden Beinen auf der Erde. Demut ist keine kriecherische Lebenshaltung, sondern eine, die den Größenverhältnissen der Schöpfung entspricht. Gott gegenüber ist kein Hochmut angezeigt, sondern ihm entspricht eine Haltung der Unterwerfung. Der Proskynese, der Anbetung, die seine Größe preist und sich selbst als das sieht, was ich bin: Geschöpf.

Es klingt fast wie ein Satz aus der Weisheit Israels. Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. Es geht um Korrektur von Lebensverständnissen. Wir sind nicht die autonomen Leute, die sich selbst genügen können. Das ist eine der großen Lügen unserer Zeit. Du bist, was du aus dir machst. Nur das. Du verdankst dich Dir selbst. Das stimmt schon von Anfang an nicht – wir werden geboren und bringen uns nicht selbst zur Welt.

Diese Demut ist eine auf Zukunft ausgerichtete hoffnungsvolle Haltung. Sie steht unter der Verheißung, dass sie Gnade empfangen wird. Und sie findet Antwort darin, dass Gott die Demütigen erhöht. So ist Gott: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“(Lukas 1, 52-53) Es ist Gottes Art, dass er die Kleinen groß macht. Davon erzählt die Bibel immer wieder. Darauf lehrt Petrus seine Gemeinden hoffen.

7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

Diese Einladung zum Abgeben der Sorge an Gott ist die Kehrseite der Aufforderung zur Demut. Sorglosigkeit lebt von der Einsicht, dass es nicht unsere Aufgabe ist, alle Dinge dieser Welt zu regeln. Alles selbst zu meistern. Die Welt, die eigene Familie, sich selbst zu retten. Der Schritt zu dieser Art Demut hat eine Voraussetzung: er sorgt für euch.

Nein, ich kann nicht alles regeln, was hier noch im Argen liegt,                           nicht an jede Küste segeln, wo ein Sturm die Bäume biegt.                                            Nein, ich muss nicht ständig denken, dass ich unersetzlich bin,                               meinen Rat nicht dort verschenken, wo man auskommt ohne ihn.

Nur jenes Kind, das sich verirrt hat und nun weinend vor mir steht,                    möcht ich behutsam dahin führen, wo der Weg noch Hause geht                            Gott braucht mich grad an einer Stelle, und ich will mich von Herzen freun,  wenn ich an seinem Platz nie fehle. Dann will ich schon zufrieden sein.                                            M.Siebald, CD aber sicher,2008

Der erste Schritt in diese Sorglosigkeit wird mit dem Gebet getan, das sich Gott anvertraut. „Das Gebet ist ein Grundelement der Demut vor Gott.“(T. Popp, aaO. S.435) Aber mehr noch als das: es ist die Möglichkeit, sich selbst zu entlasten. Einmal mehr wird man hören dürfen, wie Petrus auf Worte Jesu zurückverweist, die Evangelisten überliefern: „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“(Matthäus 6, 34)

Es ist eine Einladung zum Vertrauen: „Wer sich unter die Gottes Hand beugt, der darf sich auch auf sie verlassen, der darf wissen, dass Gott des Menschen Sorgen zu seiner eigenen macht.“ (W Schrage, aaO. S.116) Also: ich darf mich und meine Sorgen loslassen. Ich muss sie nicht alleine tragen. Gott will, dass ich meine Lasten bei ihm ablade, dass ich mich entlaste. Dass ich so die Hände frei bekomme für das, was ich tun kann. Auf ihn werfe. Weil ihm an uns liegt.

Ob das einfach so dahin gesagt ist – ein goldener Satz zum Schluss? Ich glaube das nicht. Petrus kennt doch die Situation seiner Gemeinden. Er weiß, wie sie bedrängt, bedrückt, geplagt und manchmal wohl auch verzweifelt sind. Er weiß, dass sie an manchen Tagen nicht wissen, ob es ein Morgen für sie geben wird. Solchen Leuten wirft man keine goldenen Sätze wie Trostpflaster hin. „In ihrer schweren Belastung durch die Bedingungen von Hetze und Verfolgung ist die Möglichkeit, alle Ängste vor Gott zu bringen (sie auf ihn zu werfen) und die Vergewisserung, dass ihm ihr Schicksal am Herzen liegt, für die Adressaten ein starker Trost.“(N. Brox, aaO. S.236)

Im Zusammenhang hier – auch die Sorge um die Gemeinde, um ihren Weg, die Sorge um die Einzelnen in der Gemeinde dürfen delegiert werden – an Gott. Damit fängt Gemeindeleiten an, dass ich die Menschen, um die es in der Gemeinde geht, Gott ans Herz lege. Dass ich Gott um seine Sorge für sie bitte. Zugespitzt: Gemeindeleiten hat ihren Anfang und ihren Herzschlag in der Fürbitte.

Darüber hinaus – zu hören, zu lernen und zu üben: Es ist gut, so einen Adressaten für die eigenen Sorge und Ängste, die eigenen Ausweglosigkeiten zu haben. Ich muss das Leben nicht im Alleingang meistern – er ist da, der um uns sorgt.

Zum Weiterdenken

Es ist hilfreich, sich noch einmal klar zu machen, an wen dies Worte gerichtet sind: an Leute, die eher „unten“ sind, zu den kleinen Leuten zählen, deren Einfluss nicht so schrecklich weit reicht. Sie sind vielfach abhängig. Und die Bezeichnung, die in diesen Sätzen auch fällt –ταπείνοιGeringe, hat in ihrem Umfeld etwas abschätziges. So steht es um die Gemeinde – ähnlich, wie es Paulus nach Korinth schreiben kann: Guckt euch an – nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme sind berufen.(1. Korinther 1,26) Es ist ein Ruf zur realistischen Selbstwahrnehmung, der in den Worten des Petrus hörbar wird.

Daraus ergibt sich die Wertschätzung der Demut. Es ist diese Haltung, die Demut, die Petrus sucht, auch ein Einüben in die real existierende Abhängigkeit. Durchaus in der Weise: Wer annehmen lernt, dass er von Menschen auch abhängig ist, lernt auch die Abhängigkeit von Gott anzunehmen. Auch umgekehrt: Wer sich von Gott abhängig weiß, der kann auch mit den Abhängigkeiten von Menschen eher frei umgehen und seine Spielräume nützen. So hat es wohl der große bayrische Bischof verstanden: Frömmigkeit ist der Entschluss, die Abhängigkeit von Gott als Glück zu bezeichnen.“(H. Bezzel, 1861 – 1917) So zu denken ist eine große Herausforderung für eine Zeit, in der Ich ständig groß und du und wir immerzu klein geschrieben wird.

Mein Gott, ich halte Dir meine leeren Hände hin, mein leeres Herz, meine oft so verwirrten Gedanken, meine Sorgen und Ängste, mich selbst. Wie gut, dass ich mich so an Dich halten darf, dass ich Dir nichts vormachen muss, vor Dir nicht stark sein muss, dass ich mir vor Dir meine Leere leisten kann.

Halte Du uns fest. Führe Du uns auf rechter Straße. Leite Du uns zu den Quellen, die uns erquicken, Du unser guter Hirte. Amen