Gegenwind aushalten

1. Petrus 4, 12 – 19

12 Ihr Lieben, lasst euch durch das Feuer nicht befremden, das euch widerfährt zu eurer Versuchung, als widerführe euch etwas Fremdes, 13 sondern freut euch, dass ihr mit Christus leidet, damit ihr durch die Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben mögt.

Es wäre kein Wunder, wenn die Leser des Petrus irritiert wären: sie haben den Weg zum Glauben gefunden, weil sie eine Botschaft von Gottes Liebe, Gottes Gerechtigkeit, Gottes Rettungshandeln gehört haben. Weil ihnen Jesus als das Bild des menschenfreundlichen Gottes vor Augen gemalt worden ist. Aber Ergebnis ihres Schrittes zum Glauben ist der Widerspruch, die Feindseligkeit, die Fremdheit in ihrer Umwelt. Die Umwelt macht ihnen Feuer. Darum sind sie befremdet, irritiert, von Resignation bedroht. Die Gefahr ist wohl real: aus ihrem Befremden könnte Entfremdung werden, Abkehr vom Glauben. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil der Druck auf sie zu groß geworden ist.

Die Worte sind allerdings nicht zuerst Anklage gegen die Umwelt. πυρώσει πρὸς πειρασμὸν Es ist keine Verbrennung durch die bösen Heiden, die sei bedroht. Es ist vielmehr ein innerliches Verbrennen, weil es Versuchungen gibt, Anfechten müssten man wohl besser sagen. Den Bettel hinwerfen. Sich lossagen von der Gemeinde, weil es dann einfacher wird mit der gesellschaftlichen Akzeptanz durch die Umwelt.

Die erste Auskunft des Petrus: Das ist normal. Mit solchen Gedanke, die in einem wie Feuer brennen können, kennen sich all aus. „Alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Verfolgung leiden.“(2. Timotheus 3,12) So geht es allen in allen Gemeinden. Die zweite Antwort: Sie sind in ihrem Leiden mit dem leidenden Christus verbunden. κοινωνετε – ihr habt Anteil an seinen Leiden und damit an ihm. Das gehört unauflöslich zusammen. Es gibt die Gemeinschaft, κοινωνία, Koinonia, mit Christus, den Anteil an ihm nicht anders als in der Gemeinschaft mit seinem Leiden.

Es ist tröstlich, keine Vertröstung – diese Gemeinschaft mit dem Leidenden schließt das andere mit ein: wenn die Zeit kommt, in der seine Herrlichkeit offenbar wird, die Freude und Wonne der Erlösten. Das ist der Lohn der Leiden – und schon Paulus scheut sich nicht zu sagen: das lohnt die Leiden: „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“(Römer 8,18)

14 Selig seid ihr, wenn ihr geschmäht werdet um des Namens Christi willen, denn der Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch.

Aus dem gleichen Denken heraus kann Petrus seine Seligpreisung formulieren. Μακάριοι. Selig seid ihr, wenn ihr geschmäht werdet um des Namens Christi willen – und mit dieser Seligpreisung anknüpfen an die Worte aus der Bergpredigt: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen. Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden.“(Matthäus 5,11-12) Trostworte. Vertröstungen auf eine bessere Zukunft?

15 Niemand aber unter euch leide als ein Mörder oder Dieb oder Übeltäter oder als einer, der in ein Fremdes greift. 16 Leidet er aber als ein Christ, so schäme er sich nicht: Er ehre aber Gott in einem solchen Fall.

Wie kommt Petrus auf diese Kette? Es könnte sein, es sind Vorwürfe, mit denen Christen konfrontiert werden. Weil sie so aus der Öffentlichkeit abgetaucht sind, werden ihnen alle möglichen Verbrechen unterstellt. Wären sie solche Leute, dann freilich ist es „schon jetzt die Aufgabe des Staates, solche Übeltäter zu bestrafen.“(T. Popp, aaO. S.388) Aber Petrus ist sich sicher: Solche Leute seid ihr nicht. Denn das verträgt sich nicht mit dem Glauben. So lese ich hier auch nicht wirklich eine Aufforderung: seid nicht so, sondern eher eine Feststellung: Das seid ihr doch nicht.

Aber damit ist das Thema Leiden noch nicht abgetan. Denn es gibt die harte Realität, dass sie als Christen zu leiden haben. Um Christi willen. Um des Bekenntnisses zu dem Herrn Jesus willen. Weil sie aus diesem Bekennen auch lebensmäßige Konsequenzen gezogen haben – und so zu misstrauisch beobachteten überwachten Außenseitern werden. „Allein das Christsein genügt, um wie Mörder, Diebe oder Übeltäter vor Gericht verurteilt zu werden.“(T. Popp, aaO. S.389) So wie es bis heute genügt, um vom IS hingerichtet zu werden.

Dieses Leiden hinnehmen ist eines. Sich in diesen Leiden die eigene Würde nicht nehmen zu lassen, sich nicht zu schämen, sich nicht klein machen zu lassen, ist das andere. Es ist ein großes Thema. „Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes…. Der Herr gebe Barmherzigkeit dem Hause des Onesiphorus; denn er hat mich oft erquickt und hat sich meiner Ketten nicht geschämt, sondern als er in Rom war, suchte er mich eifrig und fand mich.“ (2. Timotheus 1, 8 +16-17)

In der Weise, wie Christen mit ihrem Leiden, mit der Verfolgung, mit den Anfeindungen umgehen, kann die Herrlichkeit Gottes aufleuchten, geben sie Gott die Ehre. Ehren sie den eigenen Namen, dass sie Christen sind, dass sie zu Christus gehören. Aus dem Schimpfwort und der Fremdbezeichnung Χριστιανς, Christ, wird ein Ehrentitel!

17 Denn die Zeit ist da, dass das Gericht beginnt bei dem Hause Gottes. Wenn aber zuerst bei uns, was wird es für ein Ende nehmen mit denen, die dem Evangelium Gottes nicht glauben? 18 Und wenn der Gerechte kaum gerettet wird, wo wird dann der Gottlose und Sünder zu finden sein?

Es ist eine Stichwort-Verbindung: Von der Situation vor den staatlichen Gerichtshöfen, vor denen sich Christen rechtfertigen müssen, kommt Petrus auf das Gericht Gottes. „Leiden ist Gottes Gericht, für das jetzt die Zeit gekommen ist… Das Gericht ist notwendiger Teil des weltgeschichtlichen Gesamtdramas.“(N. Brox, aaO. S.222) So kann man vielleicht auch die Erfahrungen der Christen vor den heidnischen Gerichten deuten – als den Anfang, den das Gericht am Haus Gottes nimmt.

Was aber ist dann, wenn es da schon so hart ist, erst im Gericht Gottes, mit denen, die dem Evangelium Gottes nicht glauben? Wenn die Christen schon kaum durchhalten, immer neu gestärkt werden müssen – was soll mit denen werden, die nicht den Trost Gottes haben, kein gutes Gewissen, die sich nicht bergen können in die Gemeinschaft mit dem leidenden Christus? Es ist gut, dass Petrus hier fragt und nicht feststellt – bleibt doch so zu spüren, dass er Mitleiden verspürt. Mitleiden mit denen, die in der Stunde des Gerichts keinen Fürsprecher an ihrer Seite glauben können.

19 Darum sollen auch die, die nach Gottes Willen leiden, ihm ihre Seelen anbefehlen als dem treuen Schöpfer und Gutes tun.

Umso mehr Grund haben die, die jetzt durch Leidenszeiten gehen, sich Gott anzuvertrauen, in ihm ihren Halt und ihre Zuflucht zu suchen. „Die Christen werden auf die Möglichkeit großer Gelassenheit verwiesen: im Vertrauen auf Gott das Gute zu leben.“ (N. Brox, aaO. S.223) Wenn aber und wo aber die Möglichkeiten zum Tun nicht mehr gegeben sind, da bleibt nur noch das Loslassen der eigenen Seele, des eigenen Lebens (so kann das griechische ψυχή, Psyche, auch übersetzt werden) – so wie es von Jesus am Kreuz erzählt wird. „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände“(Lukas 23,46)

Zum Weiterdenken

Petrus will nicht vertrösten, sondern er will stark machen für die Gegenwart: Deshalb sagt er in ihre Bedrängnis hinein zu: „Auf euch ruht der Geist der Herrlichkeit.“ Mitten im Leiden, so paradox das klingen mag, bricht die Herrlichkeit Gottes an. Δόξα – der Geist ist nicht jämmerlich und führt nicht in ein jammervolles Leben – er ist herrlich, durchtrnkt vn der Herrlichkeit Gottes. Mich erinnert das an die Notiz über den Märtyrer-Tod des Stephanus: „Er aber, voll Heiligen Geistes, sah auf zum Himmel und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus stehen zur Rechten Gottes und sprach: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“(Apostelgeschichte 7,55-56)

Es ist eine so widersprüchliche Situation: Der Glaube an Gott, der in seiner Liebe der Welt bis zum Äußersten geht, bis zur Selbsthingabe am Kreuz, entfremdet. Er ist unvernünftig nach der Denkweise der Welt: Würde Gott mit letzter Gewalt daher fahren, alle würden sich beugen, würden ihn fürchten. Weil er auf die Macht verzichtet, weil er sich auf die Liebe festgelegt hat, weil er sich im Gekreuzigten zeigen und finden lassen will, darum geraten die, die sich ihm anvertrauen, so ins Kreuzfeuer. Ein großer Gott – das wäre logisch. Dieser Gott aber und der Glaube an ihn – das ist eine Provokation. Und er führt in mancherlei Anfragen, die sich zu Anfechtungen auswachsen können.

Was Petrus über den Anfang des Gerichtes schreibt, ist – für mich – irgendwie weit weg. Dahinter steht ein Denken in ablaufender Zeit – mit jedem Jahr rückt das Gericht näher. Das ist sicherlich gemeinchristliche Sichtweise und nicht exklusiv Petrus. Paulus denkt so ähnlich. Die Endzeit-Reden Jesu, wie sie die Evangelien überliefern, passen auch dazu. Die Frage stellt sich dennoch für die Lesenden heute: Was ist mein Sicht auf dieses Kommen des Gerichtes? Denke ich da auch im Schema der ablaufenden Zeit?

Ich gestehe mir ein: Ich weiß nicht, ob uns das Gericht mit dem Kalenderablauf näher rückt. Mit den Ereignissen in der Zeit schon.  Mich regt ein Satz des Hieronymus aus dem 4. Jahrhundert zum Nachdenken an: „Sowohl von Jerusalem als auch von Britannien aus steht der Himmel in gleicher Weise offen, denn das Reich Gottes ist in euch.“  Was er in Bezug auf die Geographie sagt, könnte doch auch hinsichtlich der Zeit gelten: Die Ewigkeit ist im Jahr 400 nicht weiter weg als im Jahr 1521 oder im Jahr 2020. Es ist ein, mein Denkversuch: Die Nähe des Gerichtes ist immer gleich! Die Zeit des Gerichtes ist immer jetzt. Unabhängig davon, dass der Tag des Gerichts der kommende Tag Gottes sein wird.

Mein Gott, wie selbstverständlich nehmen wir das hin, dass wir als Christen geachtete Leute sind, unbedrängt leben können, ohne Einschränkungen unseren Glauben praktizieren dürfen. Wie selbstverständlich nehmen wir das hin, dass wir ernst genommen werden, eine wichtige Stimme unter den vielen Stimmen der Zeit.

Es erschreckt mich, auch nur zu denken, dass es anders ein könnte, dass unser Glauben befremden könnte, uns zu Exoten werden lassen, misstrauisch beobachtet, Vielleicht als Gutmenschen verspottet.

Gib Du, dass wir uns in Dir bergen und so gelassen auch mit Gegenwind umgehen lernen, aber vor allem Dir treu bleiben. Amen