Der Lebens-Wechsel

1. Petrus 4, 1 – 11

1 Weil nun Christus im Fleisch gelitten hat, so wappnet euch auch mit demselben Sinn; denn wer im Fleisch gelitten hat, der hat Ruhe vor der Sünde, 2 dass er hinfort die noch übrige Zeit im Fleisch nicht den Begierden der Menschen, sondern dem Willen Gottes lebe.

Es ist das Argumentations-Muster, das den ganzen Brief durchzieht: Wieder und wieder wird Christus als Beispiel, als Vorbild, als Muster angeführt. Dazu fordert Petrus seine Leser, dass sie sich ausrüsten, sich wappnen wie er, an seiner Gesinnung Anteil gewinnen. Das erfordert „Kampfbereitschaft“ – nicht gegen Menschen, wohl aber mit sich selbst. Das Leben der Christen gewinnt sein Maß, seine Richtung an Christus. Das ist eine Nachfolge im Leiden, aber zugleich auch ein Anteilgewinnen an seinem Überwinden. Wer so in Christus seinen Weg findet, der lässt die Sünde hinter sich.

Das Ziel dieser Kämpfe: Ruhe. Ein Zustand der Seele, in dem die Kämpfe ausgestanden sind. παύω – „zur Ruhe bringen, beendigen, aufhören machen“ (Gemoll, aaO. S. 585) Es wird nicht von ungefähr sein – dieses Zur Ruhe finden ist die große Verheißung, die das Handeln Gottes nach dem Richterbuch prägt. Israel auf dem Weg zur Ruhe, auf den Weg aus der Knechtschaft und der Angst – sieht Petrus für den Kampf mit der Sünde. Dieser Kampf ist nicht vergeblich und nicht für immer. Sinnlos, weil es keinen Sieg und kein Ende gibt.

Das erinnert an Formulierungen, wie sie Paulus um Zusammenhang seiner Sicht der Taufe findet: „Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, und wissen, dass Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen. Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für alle Mal; was er aber lebt, das lebt er Gott.“(Römer 6, 6-10)

Es geht nie nur darum, ein Leben in der Annahme des Leidens zu lehren, sondern immer auch zu zeigen, dass das Leben in Christus über das Leiden hinaus führt. Dem Willen Gottes zu leben eröffnet die Perspektive der Ewigkeit. Die Taufe hat darin ihre lebenseröffnende Wirkung, dass sie diese Hoffnung schon in die Gegenwart hinein holt.

Es ist die Erwartung einer Zukunft bei Gott, die alles Leiden überstrahlt.

Er bringt mich an die Pforten, die in den Himmel führt,
Daran mit güldnen Worten der Reim gelesen wird:
Wer dort wird mit verhöhnt, wird hier auch mit gekrönt;
Wer dort mit sterben geht, wird hier auch mit erhöht.                                                                                        
P. Gerhardt 1647, EG 112

Das ist Theologie im Lied, ganz in der Spur, die der Petrusbrief legt. Geschrieben in einer Zeit, in der das Land, in dem Paul Gerhardt lebt, aus tausend Wunden blutet und keine gute Zukunft in Sicht ist.

3 Denn es ist genug, dass ihr die vergangene Zeit zugebracht habt nach heidnischem Willen, als ihr ein Leben führtet in Ausschweifung, Begierden, Trunkenheit, Fresserei, Sauferei und gräulichem Götzendienst.

So erinnert Petrus sinnvoll an die große Wende, die es im Leben der Christen gegeben hat. An die vergangene Zeit, das alte Leben, das geprägt war von einem Verhalten, das in die Sackgasse geführt hat – im menschlichen Miteinander, aber auch in der Beziehung zu Gott. Es ist eine lasterhafte Vergangenheit – auch nach den Maßstäben einer verständnisbereiten Umwelt. Es geht um zügelloses Verhalten, das zwar Lustgewinn verspricht, aber in Wahrheit eine Sackgasse ist, weil das Ich darin verloren geht. Das ist ihre Vergangenheit, aus der sie sich gelöst haben, weil sie erlöst worden sind.

4 Das befremdet sie, dass ihr euch nicht mehr mit ihnen stürzt in denselben Strom wüsten Treibens, und sie lästern; 5 aber sie werden Rechenschaft geben müssen dem, der bereit ist, zu richten die Lebenden und die Toten.

Diese Lebenswende unterscheidet sie von ihrer Umwelt, die das nicht versteht. „Wegen ihrer Bekehrung zum Christentum und auf das gerade entworfene veränderte Leben hin treffen die Christen bei ihren Zeitgenossen auf Unverständnis, Verwunderung, feindselige Abneigung.“ (N. Brox, aaO. S.194)

Daran hat sich bis heute nichts geändert: „Distanz schafft Ressentiment und Befremden.“ (W. Schrage, aaO. S.107)Wo es durch den Schritt zum Glauben zu solcher radikaler Änderung der früheren Lebenspraxis kommt, bleibt der Widerspruch und manchmal auch der Spott nicht aus: „Du bist jetzt also fromm? Besser wie wir?“ bekommt dann jemand zu hören. Der sarkastische und manchmal leicht feindselige Unterton ist nicht zu überhören. Es braucht innere Stärke, sich davon nicht beeindrucken zu lassen.

Christen müssen sich an dieser Stelle nicht verteidigen. Der Spott, die Feindseligkeit fällt auf die zurück, die ihnen so gegenüber treten. Die Gefahr, in der die Spötter damit stehen, ist groß: sie versperren sich selbst den Weg zu einer ähnlichen Lebenswende. Und: sie werden einmal für diesen Spott und für ihre Feindschaft einstehen müssen – nicht mehr vor den Christen, sondern vor dem richtenden Gott, zu dem die Christen gehören.

Es ist die Gleichung, die auch in den Evangelien aufgemacht wird: Das Gute, das Menschen getan wird, sieht der Herr als sich getan an. Aber eben auch: die Bösartigkeiten, die sich gegen Menschen richten, auch gegen Christen richten, richten sich gegen ihn.

6 Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, dass sie zwar nach Menschenweise gerichtet werden im Fleisch, aber nach Gottes Weise leben im Geist.

Das ist mir ein rätselhafter Satz. Ich weiß nicht, wie Petrus dazu kommt. Er knüpft sicherlich an den früheren Gedanken an, dass Christus den Geistern gepredigt (3,19) hat. Er mag auch seinen Grund darin haben, dass die ersten Christen sich herumgeschlagen haben mit der Frage, was denn mit denen ist, die vor der Wiederkunft Jesu gestorben sind. Es könnte auch sein, dahinter steht die Praxis der Vikariatstaufe, von der auch Paulus weiß: „Was machen denn die, die sich für die Toten taufen lassen? Wenn die Toten gar nicht auferstehen, was lassen sie sich dann für sie taufen?“(1. Korinther 15,29) Ich höre darin ein Trostwort: Es mag sein, dass das Leben der Toten in der Sicht von Menschen vergeblich war, zerbrochen, gescheitert. Aber weil sie das Evangelium gehört und geglaubt haben, das ihnen verkündigt worden ist, haben sie das Leben. Sind sie aufgehoben in Gott. Im Geist.

7 Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge. So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet. 8 Vor allen Dingen habt untereinander beständige Liebe; denn »die Liebe deckt der Sünden Menge zu« (Sprüche 10,12). 9 Seid gastfrei untereinander ohne Murren.

Petrus bleibt bei dem Gedanken der vergehenden Zeit. Weil sie vergeht, weil das Ende aller DingeΠάντων τὸ τέλος – herandrängt, in dem nichts bleiben und nicht standhalten wird, ist umso mehr geboten, auf das eigene Leben zu achten. In der Spur Jesu zu bleiben. Das sind gemeinchristliche Gedanken zur Zeit des Petrus. Darum wird man den Sätzen auch nicht gerecht, wenn man sie eine „Endzeit-Ethik“ nennt. Denn Petrus fordert ja gerade nicht ein Aussteigen aus der Zeit, sondern er weist in eine besonne und nüchterne Lebensweise in der Zeit ein. Zum Festhalten an der beständigen Liebe untereinander. Zu einem Umgang, in dem einer dem anderen Wertschätzung erweist, Respekt, ihm Anerkennung zuteilwerden lässt. Wenn das Gebet als ersten genannt wird, dann, weil ihm eine Schlüsselrolle zufällt: Es hilft zu einer tapferen, unerschrocken Lebenshaltung. Beten macht nüchtern und besonnen.

Wenn ich bete, lasse ich die Flügel nicht hängen                                                     komme aus der Illusion in die Wirklichkeit zurück                                                   gefüllt mit neuer Kraft von oben.                                                                                                         Verfasser unbekannt – Melodie Hella Heizmann

Was die Umwelt ihnen verweigert, das sollen die Christen sich in der Gemeinde wechselseitig zeigen. Auch hier ist Petrus nicht allein mit seinem Denken: „Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott.“(1. Johannes 4,7) Das Festhalten an der Liebe ist geradezu der Erweis, dass einer wirklich glaubt, wirklich zu Gott gehört. Es ist die Grundhaltung der Gemeinde schlechthin. Das wird dann noch einmal konkret sichtbar in der gegenseitigen Gastfreundlichkeit. Auf diese Gastfreundschaft sind die in der Fremde zerstreuten Christen in einem hohen Maß angewiesen – nicht nur die Boten des Evangeliums, sondern alle.

10 Und dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes: 11 Wenn jemand redet, rede er’s als Gottes Wort; wenn jemand dient, tue er’s aus der Kraft, die Gott gewährt, damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus. Ihm sei Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Hat Petrus bei Paulus abgeschrieben? Die Nähe zu Paulus ist groß. Denn wie wir an „einem“ Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele „ein“ Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied, und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist.“(Römer 12, 4-6) Keiner ist unbegabt. Jede hat etwas in die Gemeinde einzubringen. Jeder hat seinen Anteil an den Gaben Gottes – und wo dieser Anteil den anderen zugutekommen, wird die Gnade Gottes in kleiner Münze ausgeteilt.

Was Paulus mit dem Bild vom Leib ausdrückt, sagt Petrus durch den Vergleich mit den Haushaltern. οκονμοι. Als gute Ökonomen. Haushalter sind dem Dienstherrn verpflichtet, zu einem sachgerechten Umgang mit dem anvertrauten Gut. Was sie zu verwalten haben, ist ja nicht ihr Privat-Besitz. Sondern sie stehen in Verantwortung. Sie haben die Aufgabe auszuteilen. Jeder und jede, was sie kann und was er hat. Sie haben auch die Aufgabe, an die Srbeit zu stellen, jede und jeden nach seinen Möglichkeiten.

Reden und Dienen werden aus der Vielfalt der Aufgaben heraus gegriffen. Wobei der Luther-Text wieder einmal mehr weiß als der griechische Wortlaut hergibt: λαλέω ist „lallen, schwatzen, reden, über etwas lehren“.(Gemoll, aaO. S.464) Es geht um Alltägliches: Reden und Helfen. Das hilft die Engführung zu vermeiden, als seien hier nur „kirchliche Amtsträger“ im Blick. Wie die Christen reden, wie sie miteinander umgehen, wie sie füreinander und für andere da sind – das ist die Bewährung des Glaubens.

So hat also dieser kleine Alltag im Reden und Helfen das Ziel, dass die Christen gestärkt werden zu ihrem Leben im Glauben und aus Glauben und dass darüber Gott gelobt wird. Womöglich auch von denen, die selbst gar nicht glauben, aber „ihre guten Werken sehen“ und darum gar nicht mehr anders können, als „Gott zu preisen.“(Matthäus 5,16) Wo das geschieht, ist der Weg zum dankbaren Lobpreis Gottes wie von selbst nahe. Deshalb „landet“ Petrus durchaus sachgerecht im Gebet. Und sagt Amen. So soll es sein.

Zum Weiterdenken

Zwei Stoßrichtungen hat der Abschnitt – die Abkehr von alten Lebensmustern und die Hinkehr zu einem neuen Lebensmuster. Statt selbstbezogenem Laster, das der Lust frönt ein sorgsamer Umgang, ein anderes Miteinander. Sorgfalt und Achtsamkeit füreinander. Es geht um eine Frage-Umkehr – nicht mehr: Was habe ich davon? Sondern: Was haben adere von mir? Wo kann ich anderen wohltun, gut sein für sie? Es ist die Abkehr von einem tödlichen Egoismus, der nur sich selbst kennt und die Hinkehr zu einem Denken von der Gemeinschaft her und auf die Gemeinschaft hin. Aufhören mit der Absonderung, die nur sich selbst als obersten Wert ankerkennt. Ein Neuentdeckung: Da sind andere, für die ich da sein kann.

            Dieser Wechsel im Denken war vor 75 Jahren von einem Tag zum anderen not-wendig. Abschied vom Herren-Menschentum und Hinwendung zu einem Miteinander in einem zerbombten und verwüsteten Land. Mühsames Lernen: es geht nur gemeinsam. Der gleiche Wechsel im Denken und Verhalten ist auch heute in diesen Corona-Zeiten gefordert – Es geht nur in der Achtsamkeit miteinander, nicht in der erschreckenden Ignoranz: Ich kann doch für mich selbst bestimmen, wie ich will. Vom anderen her denken lernen ist früh eine Lernaufgabe, der sich die christlichen Gemeinden zu stellen hatten und haben.

       Es sind große Worte – mündige Gemeinde, aktive Christen im Einsatz für den Erhalt der Schöpfung. Davon ist Petrus ziemlich weit entfernt. Ihm geht es vorrangig um ein Binnenklima, das die Christ*innen auf dem Weg durch die Zeit ermutigt. Das sie festhalten lässt am Glauben, festhalten an den Brüdern und Schwestern. Was in diesen Worten des Petrus allerdings überdeutlich wird: Christsein geht nicht im Alleingang. Es geht nur im Miteinander und füreinander. Menschen kommen auch in schwierigen Zeiten so zurecht, das sie erfahren, dass andere an ihnen festhalten, für sie da sind – unauffällig, ohne große Worte, alltäglich und in der durchgehaltenen Fürbitte.

Manchmal habe ich die Sorge, mein Gott, dass ich durchs Reden das Tun zu ersetzen suche, dass die vielen Worte über den Glauben nur Ersatz sind, weil ich spüre: Ich bleibe das Tun der Liebe zu oft schuldig.

Manchmal habe ich die Sorge, dass wir als Kirche zu viele Worte machen, dass wir das Zuhören verlernen, dass wir vor allem das Hören auf Dich verlernen, dass wir immer schon wissen, was zu sagen und zu tun ist.

Gib Du uns ein neues Hören auf Dich, das unserem Reden neue Kraft gibt und unserem Tun neue Liebe einhaucht. Amen.