So weit geht Christus

1. Petrus 3, 18 – 22

18 Denn auch Christus hat einmal für die Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit er euch zu Gott führte, und ist getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist.

Diese beiden Worte denn auch zeigen, dass die Sätze über Christus als eine Begründung für zuvor Gesagtes gedacht sind. Als Begründung für die Unausweichlichkeit des Leidens. „Der 1 Petrusbrief gibt zusammen mit dem gesamten Urchristentum (zumal mit Paulus) als Antwort: Denn auch Christus hat gelitten.“(N. Brox, aaO. S.164) Als Begründung aber auch dafür, dass sein Leben aus Gutes-Tun bestanden hat, dass es Wohltat war.

Ἅπαξ – einmal. Dieses Leiden liegt hinter ihm. Der Auferstandene leidet nicht mehr. Aber weil er einmal gelitten hat, weiß er,wie sich Leiden anfühlt. Mitleid allerdings ist ihm nicht fremd, nicht von seinem Weg durch die Zeit und auch nicht jetzt, im Himmel. Nur daran liegt Petrus schon: Die Christ*innen gehören nicht zu einem Gott, der immer ohnmächtig leidet, sondern zu dem Gott, der das Leiden auf sich genommen und es leidend überwunden hat. Ganz so, wie es Jesus nach dem Johannes-Evangelium sagt: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“(Johannes 16,33) Der auferstandene Christus hat das Leiden hinter sich gelassen – nicht vergessen, aber hinter sich gelassen.

Es kann sein, ist aber mit letzter Sicherheit nicht nachweisbar, dass Petrus hier überlieferte Sprachformeln verwendet. Aber die Worte klingen nicht wie eine Augenblicks-Formulierung, sondern eher wie geprägte Sprache. Wie sie in Bekenntnissen begegnet oder in liturgischen Stücken. So wirken auch die Wendungen der Gerechte für die Ungerechten und das anschließende er ist getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist.

Paulus etwa definiert das Evangelium von Jesus Christus: der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, und nach dem Geist, der heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten.“(Römer 1,3-4) Petrus sieht das Sterben Jesu als Geschehen nach dem Fleisch. Parallel zu Paulus sieht er die Auferstehung als ein Geschehen nach dem Geist. Die spätere christliche Zwei-Naturen-Lehre – wahrer Mensch nach dem Fleisch, wahrer Gott nach dem Geist – findet hier schon erste Bausteine.

Aber es geht nicht nur um Lehre über Christus. Sondern es geht darum: dieser Weg ist ein Weg „für“ für die Ungerechten, für euch. Indirekt, allerdings doch deutlich wird damit den Christ*innen gesagt: Ihr ward nicht immer schon gut, nicht immer schon gerecht, nicht immer schon Gott recht. Sondern Christus nimmt das Leiden auf sich, damit er so den Weg frei macht für die Hörer und Leserinnen dieser Worte. Damit er sie Gott zuführt. So sieht es auch Paulus: Wenn er die Reihenfolge der Auferstehung beschreibt: „als Erstling Christus; danach, wenn er kommen wird, die, die Christus angehören.“(1. Korinther 15, 22) Christus eröffnet den Weg zu Gott und übernimmt als Führer die Spitze des ganzen Zuges. Er ist für uns.

Eine Zwischennotiz: Wenn Petrus schreibt für die Sünden, gebraucht er ein anderes griechisches Wort als für die Ungerechten: Einmal περ, das vorrangig die Bedeutung „wegen“ hat. Die Sünden sind also Anlass und Grund des Leidens Jesu. Das andere Mal verwendet er πρ. Das aber heißt: „zum Besten von, zu Gunsten, für“(Gemoll, aaO. S.760)

Wir können das Wortspiel δίκαιος ὑπὲρ ἀδίκων im Griechischen nur annähernd wiedergeben: der Gerechte für die Ungerechten. Es hat seinen schönen Nachhall im Liedtext gefunden:

„Nun in heilgem Stilleschweigen stehen wir auf Golgatha.
Tief und tiefer wir uns neigen vor dem Wunder, das geschah,
als der Freie ward zum Knechte und der Größte ganz gering,
als für Sünder der Gerechte in des Todes Rachen ging.“                                                                                    
F. von Bodelschwingh 1938, EG 93

Es ist das Anliegen des Petrus, dass seine Worte, die zuallererst eine Beschreibung des Weges Jesu sind, nicht nur als eine Einweisung in ein niemals endendes Leiden gehört und gelesen werden, sondern dass der Blick geweitet wird – über das Leiden hinaus auf das Leben nach dem Geist.

19 In ihm ist er auch hingegangen und hat gepredigt den Geistern im Gefängnis, 20 die einst ungehorsam waren, als Gott in Geduld ausharrte zur Zeit Noahs, als man die Arche baute, in der wenige, nämlich acht Seelen, gerettet wurden durchs Wasser hindurch.

Jetzt weitet sich der Horizont – Petrus sagt und schreibt, was kein Ohr je gehört und kein Auge gesehen hat: Im Geist geht Christus und predigt den Geistern im Gefängnis. Erst durch die Fortsetzung wird klar, was das Gefängnis, φυλακή , ist – die Welt der Toten. Ob das nun die Unterwelt ist, der Hades oder eine Art Zwischenwelt auf dem Weg zum Himmel, das mag getrost offen bleiben. Im Apostolische Glaubensbekenntnis der Christenheit wird diese Sicht aufgenommen – als wesentlich für den Gauben bis heute: „Hinabgestiegen in das Reich des Todes.“(EG 805)

Was Petrus hier schreibt, „bringt mit den Vorstellungsmitteln der damaligen Zeit das Vertrauen zum Ausdruck, dass die erlösende Kraft Christi in kosmischer Universalität bis in die tiefsten Tiefen der gottfernen Welt hineinreicht und seine Macht auch an der Grenze des Todes nicht haltmacht.“(W. Schrage, aaO. S.104) So gewiss dieser theologische Satz auch richtig ist – wie weit bleibt er in seiner abstrakten Sprache zurück hinter der Kraft der Bilder, die Petrus malt.

Wer sind die Hörer dieser Christus-Predigt? Geister. Es ist wieder ein Wortspiel – im Geist geht Christus zu den Geistern. Jedes Mal abgeleitete Formen von Πνεύμα. So als wollte Petrus sagen: Sie, die dort an diesem Ort verhaftet sind, werden durch den Geist Christi wieder zu dem, wozu sie ursprünglich bestimmt sind. Sie gewinnen durch sein Verkündigen Anteil an seinem Geist, der in das Leben ruft. Ob diese Predigthörer nur die acht Seelen sind – ὀκτὼ ψυχαί , man könnte auch acht Leben übersetzen! -, die dem Untergang der Sintflut-Generation entgangen sind oder nicht doch – so die ostkirchliche Ikonographie – alle, die vor Christus gelebt haben, lasse ich offen. Ich neige allerdings zur zweiten Sichtweise.

Wichtig ist: denen dort, die Petrus Geister nennt, predigt Christus. Verkündigt er. Was Christus verkündigt, ist überflüssig zu sagen, weil das griechische Wort für verkündigen, κηρύσσω im Neuen Testament fest verbunden ist mit dem Evangelium, mit dem Ausrufen des Reiches. Mit dem Heimrufen auf den Weg zum Vaterhaus.

21 Das ist ein Vorbild der Taufe, die jetzt auch euch rettet. Denn in ihr wird nicht der Schmutz vom Leib abgewaschen, sondern wir bitten Gott um ein gutes Gewissen, durch die Auferstehung Jesu Christi, 22 welcher ist zur Rechten Gottes, aufgefahren gen Himmel, und es sind ihm untertan die Engel und die Gewaltigen und die Mächte.

Es ist eine feste Stichwort-Verbindung in der frühen Christenheit von der Arche zur Taufe. Bestimmt durch den Umstand, dass es hier wie dort um Rettung geht. Wie die Arche gerettet hat, so rettet auch die Taufe. Taufe aber ist mehr und anderes als ein rituelles Reinigungsbad. Sie ist – so die durchaus eigenwillige Sicht des Petrus – eine an Gott gerichtete Bitte um ein gutes Gewissen. συνείδησις ἀγαθή. Das gute Gewissen kennen die Leser*innen des Petrusbriefes schon. Es „besteht in einer Lebenshaltung, die dem neuen Sein in Christus entspricht und daher die Verleumdungen und Schmähungen der Mitwelt als ungerecht erweist.“ (T. Popp, aaO. S.346)

Zum Weiterdenken

Es überrascht den heutigen Leser, dass Petrus so auf die Taufe zu sprechen kommt. Aber sie ist für die ersten Christen mehr als ein schöner Ritus am Anfang des Lebens. Sie ist ein Schritt zur Rettung, zu dem Halt, den das Leben dringend braucht. Die Taufe ist Rettungszeichen in dem Sinn, dass sie befähigt zum Leben aus der Christuszugehörigkeit. Sie öffnet einen Weg und hilft, auf diesem Weg zu bleiben. Sie ist nicht Versetzung in einen Heilszustand, der von der eigenen Lebenshaltung unabhängig gilt.

Dass diese Bitte an Gott nicht ins Leere geht, das wird durch den Adressaten sichergestellt: Sie geht an Gott durch Christus, zur Rechten Gottes. An ihn, dem die Mächte und Gewalten untertan sind. An ihn, der uns vor Gott vertritt. Würde Petrus für seine Sicht einen Bündnispartner suchen – er könnte ihn leicht finden: „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.“ (Römer 8, 33-34)In solcher Gewissheit kann auch eine leidende Gemeinde, können auch leidende Christinnen und Christen Kraft und Hoffnung zum Durchhalten gewinnen. Das sieht zumindest Petrus so.

Die Ikonographie der Ostkirche hat den Weg Jesu in die Unterwelt, in das Gefängnis vielfältig geschrieben, nach unserer Sichtweise: gemalt. Die Darstellung haben eine gemeinsame Sichtweise: Christus steht auf den Trümmern der Tore dieses Gefängnisses, der „Hölle“, wie es in den früheren Übersetzungen des Glaubensbekenntnisses hieß. Er reicht denen, die dort sind, die Hand, um ihnen den Weg über den Unterwelt-Fluss Styx in die Freiheit zu ebnen. Sie, die vor ihm waren, werden in seine Befreiung mit hinein gezogen. Auch sie, die wir mit unserer Verkündigung versäumt haben? Daran hängt die Sicht der Ostkirche: Es gibt kein Halten mehr auf dem Weg ins Freie.

Mein Gott und Herr, darüber kann ich immer wieder nur staunen, dass Du den Weg in die Tiefe, in das Leiden bis zum Tod auf Dich nimmst, damit ich zu Dir kommen kann, damit ich nicht länger Dir davonlaufe, damit ich mich nicht länger Deiner Liebe verschließe, damit ich herausfinde aus der Gottesferne.

Du nimmst das Leben mit seinem Leiden auf Dich, damit ich Dir mein Leben anvertraue. So viel bin ich Dir wert. Dir sei Lob und Preis und Anbetung. Amen