Allezeit bereit

1. Petrus 3, 13 – 17

13 Und wer ist’s, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? 14 Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig.

Ist das nur eine rhetorische Frage: Wer könnte euch schaden? Eine Frage, die auf eine steile Sicht des Paulus zurückgehen könnte: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja mehr noch, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und für uns eintritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?“(Römer 8, 31 – 35) Dabei ist es so: Die in diesem Brief angesprochen werden, machen täglich die Erfahrung, dass ihnen Schaden zugefügt wird, dass sie nicht unantastbar und unangreifbar sind. „Ihnen wird längst Böses angetan.“(N. Brox, aaO. S.157) Das kann man nicht schönreden, das darf man auch nicht verharmlosen.

Aber der Briefschreiber möchte seine Leute auch gar nicht über ihre Erfahrungen hinweg trösten. Er will nichts beschönigen. Er will sie allerdings dazu bringen, dass sie Böses nicht mit Bösem beantworten und dass sie so leben, „dass der Anlass für Übergriffe und Attacken seitens der Nichtchristen nicht schuldhaft bei den Christen liegen darf.“(N. Brox, ebda.) Nicht einmal den Hauch von Gründen sollen sie liefern, sondern immer dem Guten nachstreben. Sie sollen ζηλωτα „Zeloten“, Eiferer sein, wenn es um das Gute geht.

Es gehört zur Klugheit dieses Textes, dass das Gute, γαθόν, dem die Christen nacheifern sollen, nicht weiter präzisiert wird. Es gibt keine Katalog des Guten als Aufzählung: Gefangene besuchen, Nackte kleiden, Hungrigen das Brot teilen. Ob es nahe läge für Petrus, so eine Aufzählung zu geben? Vielleicht ist dem Schreiber bewusst, dass das Gute situationsabhängig ist. Für einen Christen, der abhängig ist, sieht es anderes aus als für den Christen, von dem andere abhängig sind. Für eine Frau anderes als für einen Mann. Für einen jungen Christen anders als für den, dessen Leben schon einen langen Weg hinter sich hat. Es ist ein Vertrauensvorschuss an die Leser*innen: Ihr werdet wissen, was in eurem Leben das Gute ist, dem ihr verpflichtet seid.

Darauf folgt kein Argument mehr, sondern eine Feststellung: Christen sind Menschen, die um der Gerechtigkeit willen leiden. Wenn man so will: das gehört zu ihrer DNA. Das ist die Kehrseite der Erwählung durch Gott – Ablehnung und Feindschaft in der Welt. Nahe an diesem Denken heißt es in den Abschiedsreden Jesu: „Wenn euch die Welt hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt. Gedenkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten.“(Johannes 15, 18-20) So über das Christsein zu denken, das gewissermaßen notwendig der Welt entfremdet und Feindschaft auslöst, ist also durchaus nicht exklusives Gedankengut des Petrus.

Die Antwort auf diese Situation ist seltsam genug – eine Seligpreisung! Was sie an Widerstand, an Leiden erfahren, ist doch in Wahrheit Anlass, sie selig, μακριοι zu nennen. Weil sie auf dem Weg Christi sind. Wieder könnte es sein, dass Petrus an Worte der Bergpredigt anknüpft, beginnt doch Jesus seine Seligpreisungen genau mit diesem Wort μακριοι: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen. Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.“ (Matthäus 5, 10 – 12) Es gibt so etwas wie ein Beziehungsnetz, ein Bedeutungsnetz, das sich über die unterschiedlichen Schriften des Neuen Testamentes spannt.

Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; 15 heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen.

An die nüchterne Beschreibung und Feststellung der Situation schließt sich merkwürdig unvermittelt die Aufforderung an: Keine Furcht. Kann man das ernsthaft fordern? Erst recht, wenn man weiß, wie es um die Gemeinde steht, welchem Druck sie ausgesetzt ist? Ich lese hier nicht: Furcht ist nicht erlaubt, ist überflüssig. Auch nicht: „Wer Menschen fürchtet, hat sein Vertrauen nicht ganz auf Gott gesetzt und wer glaubt, wird Menschen letztlich nicht mehr fürchten.“(U. Holmer, aaO. S.123)

Martin Luther jedenfalls hat viel vorsichtiger gedichtet:

Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.“                                                                         M. Luther 1529, EG 362

Ein Verbot der Furcht kann Petrus nicht ernsthaft meinen. Schon gar nicht der Petrus, der sich an seine Furcht erinnert – vor einer Magd, in der Nacht, in der ihn die Furcht um sich selbst zum Verleugnen gebracht hat. Nein. Petrus weiß, dass auch Christen sich manchmal fürchten. Was er aber wohl sagt: Lasst euer Leben, euer Denken, Reden, Tun nicht von der Furcht überwältigen ud bestimmen. So, dass ihr euch nichts mehr traut. So, dass ihr dem Herrn Christus nicht mehr traut.

Heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Ich lese hier schlicht: Macht eure Herzen fest in Christus. Haltet die innere Verbindung zu ihm. Weil, „wer Christus beherzigt, handelt auch beherzt.“(T. Popp, aaO. S.328) Indem ihr das tut, Schritt um Schritt, gewinnt ihr auch eine innere Festigkeit und vielleicht sogar Gelassenheit mitten in der Angst.

Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, 16 und das mit Sanftmut und Ehrfurcht, und habt ein gutes Gewissen, damit die, die euch verleumden, zuschanden werden, wenn sie euren guten Wandel in Christus schmähen.

Das ist das Ziel der Heiligung: Bereit zu werden, wann immer, wo immer, von wem auch immer es gefordert wird, Rechenschaft abzulegen über den Glauben, über die Hoffnung, über den Grund des eigenen Lebens. Rechenschaft, im Griechischen πολογα – unser Wort „Apologie“ klingt hier an – ist Verteidigungsrede, ein Eintreten für den Glauben, für seine Wahrheit, für seine verpflichtende Kraft wo immer es auch erforderlich ist.

Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“(Apostelgeschichte 4,20) Das ist im besten Sinn apologetisch geredet. Der Ort für solches Reden kann vor Gericht sein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Petrus Christenprozesse im Blick hat. Aber das kann genauso auch der Alltag sein, in dem Christen zu Rede gestellt werden – von ihren Herren, ihren Nachbarn, Freunden, Verwandten, Eltern oder Kinder.

Diese „Rechenschaft über die Hoffnung ist hier jedem Christen zugetraut und keine Sache spezieller amtlicher oder „fachlicher“ Kompetenz.“(N. Brox, aaO. S.160) Alle sind dazu gerufen und alle werden dazu befähigt. So wie es Jesus seinen Jüngern zugesagt hat: „Wenn sie euch nun überantworten werden, so sorgt nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet.“(Matthäus 10, 19-20)

Sogar auf den Stil solcher Rede über die Hoffnung geht Petrus ein: Mit „Sanftmut und Ehrfurcht“ sollen sie reden. Die achten, die sie so fordern. Nicht aggressiv reden, nicht rechthaberisch, sondern werbend. Nicht in der Haltung: Wir haben es. Wir sind die Erlösten, ihr seid die Verlorenen. Gelöst, mit einem guten Gewissen, weil sie ja wissen: wir stehen hier nicht als Leute, die zu Recht verfolgt werden, sondern wir stehen hier um des Glaubens willen. Für Christus. Das macht ein gutes Gewissen – συνείδησις ἀγαθή. Dieses gute Gewissen wird auch die beeindrucken, die gegen die Christen stehen, die sie verleumden, ihnen übel wollen. „Der Stil der (auch verbalen) Selbstdarstellung des Christentums wird zum Argument für oder gegen seine Hoffnung.“ (N. Brox, aaO.; S.161) Das ist die Erwartung des Petrus.

17 Denn es ist besser, wenn es Gottes Wille ist, dass ihr um guter Taten willen leidet als um böser Taten willen.

Dieser Abschluss wirkt wie ein Sprichwort. Aber er bringt doch noch einmal auf den Punkt, worum es geht: Nicht um Leiden an sich. Das gehört zur Welt dazu. Petrus erklärt nicht, dass es kein Leben ohne Leiden gibt. Das wissen sie – auch damals schon alle. Er hebt auch nicht darauf ab, dass Leben mit Leiden besser sei als ein leidfreies Leben. Aber er will schon deutlich machen: Wenn Leiden, dann nur um guter Taten willen, um des Glaubens willen. „Alle seine Aussagen gelten nur vom „ungerechten“ Leiden“(N. Brox, aaO. S.162) Eben nicht, weil einer leiden muss, der ertappt worden ist bei bösem Tun.

Zum Weiterdenken

Mancher Skeptiker dem Glauben gegenüber ist nicht durch die messerscharfe Argumentation von Christen überzeugt und gewonnen worden, sondern durch ihr Aushalten des Widerspruchs in Geduld und Freundlichkeit, in Sanftmut und Milde. Durch die Art, wie sie leben. Weil bis heute gilt:

Unser Leben redet lauter, als die Worte, die Worte, die wir sagen.
Kann man uns daran erkennen und sehn, dass die Liebe, die Liebe bei uns wohnt.“

M. Buchholz 1990

Darum ist es verständlich und sachgemäß, dass Petrus so darauf insistiert, dass die Christ*innen sich um eine Verhalten bemühen, das nach innen und nach außen geprägt ist von der Lebensweise Jesu. Sein Maß nimmt an ihm. „Die einzige Bibel, die die Menschen heute noch lesen, sind Christen in ihrem Verhalten.“ Das muss nicht druck machen, muss auch nicht Duckmäuser und unauffällige Leute produzieren, die um Himmels will nicht auffallen und nicht anstoßen wollen. Aber es legt den Finger auf eine Ursprungserkenntnis der Christenheit: Zeugnis ist immer Lebenszeugnis. „So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. “(Matthäus 5, 16) Das ist das Ziel aller guten Werke – dass der Vater gelobt wird.

Es wirkt, weil es so häufig in dem Brief vorkommt, wie ein Lieblingswort des Petrus: ἀγαθοποιέωGutes tun. Sich so verhalten, dass es keine Anklagepunkte gibt, keine Möglichkeiten zu übler Nachrede. Überzeugen durch Wohltaten, durch ein Leben, das anderen zugute kommt. Durch ein Leben, das auch denen Respekt abnötigt, die mit dem Glauben der Christ*innen nichts anfangen können.

In alten Gesetzestexten zur Kirchenwahl wurde von den Kandidaten für das Amt der Kirchenvorstandes erwartet, dass sie einen „guten Leumund“ bei den Leuten haben. Angelehnt war diese Forderung an die folgenden Worte, die Voraussetzungen für einen Gemeindeleiter beschreiben: „Er muss aber auch einen guten Ruf haben bei denen, die draußen sind, damit er nicht geschmäht werde und sich nicht fange in der Schlinge des Teufels.“(1. Timotheus 3, 7) Offensichtlich gibt es quer durch das Neue Testament ein Achten auf die ethischen Wertmaßstäbe der Umwelt, vor allem, wenn es darum geht, Zuhänge zum Glauben offen zu halten. Das ist nicht billige Anpassung, sondern es ist eine Form der missionarischen Verantwortung, des Suchens nach glaubwürdigem Leben.

Heiliger Gott. Rühre Du meine Lippen an. Gib Du mir ein mutiges Herz, dass ich nicht schweige, wenn mein Glauben gefragt ist, dass ich mich nicht wegducke, wenn mein Reden gefordert wird, dass ich nicht still halte, wenn Du meine Hände und Füße brauchst, dass ich mich zu Dir bekenne zur Zeit und zur Unzeit.

Gib Du mir die richtigen Worte, aber auch das richtige Tun, so dass andere verstehen können, dass ich nicht nur Lehrsätze sage, sondern von Dir berührt bin, ergriffen und gehalten, dass Du mein Leben bist. Amen