Kein Echo werden

1. Petrus 3, 8 – 12

8 Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig.

Der Satz wirkt wie eine Art Zwischenbilanz. Und weil er an alle gerichtet ist, Männer und Frauen, auch wie eine nachgeholt ausgesprochene Korrektur der einseitigen Aufforderung zur Unterordnung an die Frauen. Als hätte der Schreiber doch gespürt, dass seine Worte schief ankommen könnten, die Frauen in der Gemeinde kränken könnten. Alle, πάντες, sind gefordert zu einem Verhalten, das sich nach unten beugt, sich der Anderen annimmt.

Es ist wohl nicht von ungefähr, dass die Reihe an die Bergpredigt erinnert. „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“(Matthäus 5, 4-8) Gemeinde, christliches Leben geht nur, wenn einer für den anderen da ist, um der anderen willen zurücksteckt, „einer den anderen höher achtet als sich selbst.“(Philipper 2,3) Diese Mahnungen zielen vor allem auf den Binnenbereich der Gemeinde. Ob sie auch eine Außenseite haben, hin zur Umwelt, steht auf einem anderen Blatt.

9 Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, auf dass ihr Segen ererbt.

Die heidnische Umwelt kommt allerdings sofort anschließend in den Blick, geht es doch jetzt wohl primär um die Außenkontakte. Um das Miteinander mit denen, die den Christen nicht unbedingt freundlich entgegen treten. Unfreundlichkeiten mag es auch einmal in der Gemeinde geben, aber hier ist mehr im Blick. Das Böse, κακς. Die Schmähung, λοιδορα. „Wenn von Bösem und Beschimpfungen die Rede ist, und über mögliche Erwiderungen auf solche Aggressionen gesprochen wird, dann hat das natürlich Bezug zur Lage derjenigen, die in der Form der täglichen Schikanen und Diskriminierungen unter „Bösem“ und „Beschimpfungen“ zu leiden haben.“(N. Brox, aaO. S.153) Ihnen sagt Petrus: Nicht zurückschlagen. Nicht der Logik folgen: „wie es in den Wald ruft…“ Nicht „auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.“

Sondern: Aussteigen aus dem Echo-Verhalten. Die Freiheit bewahren und gewinnen, die in der Nachfolge Jesu liegt:Der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt,(2,23) Petrus verzichtet darauf, das noch einmal zu sagen. Aber es ist der deutliche Hintergrund seiner Worte. Den Fluch mit dem Segen beantworten. Bei Paulus klingt es ähnlich: „Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht…. Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“ (Römer 12, 14.17)

            Es geht um ein Suchen nach Wegen, die nicht nur Reaktion sind. Nach Wegen, auf denen die Initiative zurück gewonnen wird. Petrus glaubt, dass Christ*innen Menschen des ersten Schrittes sein können – mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. Die sich nicht durch das bestimmen lassen, was „Vorleistung“ der anderen ist, sondern selbst in „Vorleistung“ treten, durch ihr Verhalten, das dem Leben dient. Die zuvorkommend sind und darin frei. Die in solchem Zuvorkommen dem zuvorkommenden Gott, der uns in Jesus entgegen gekommen ist, entsprechen.

Wer so die Freiheit bewahrt, in die er gestellt ist, der bleibt gesegnet, auch im Widerspruch der Umwelt. Ob das leichter geschrieben als gelebt ist? Ob das für die damaligen Hörerinnen und Hörer dieser Worte nicht eine genauso große Herausforderung ist wie für uns heute? Von selbst versteht sich das alles nicht – und es widerspricht dem Selbsterhaltungstrieb und wohl auch dem Gerechtigkeitsempfinden. Aber Petrus sieht darin den Weg, den Jesus als Spur für uns gelegt hat.

10 Denn »wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. 11 Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach. 12 Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber sieht auf die, die Böses tun« (Psalm 34,13-17).

Das ist ein langes Zitat als Begründung für diese Aufforderung zur Wehrlosigkeit. So, als wollte Petrus sagen; Es ist nicht nur das Beispiel Jesu, sondern es ist auch die Schrift, die solchen Verzicht auf zurückschlagen nahelegt. Es klingt fast ein wenig nach der Weisheit Israels: Wer sich vom Bösen fern hält, der wird gesegnet. Dessen Leben gewinnt festen Grund. Weil Gott auf die Gerechten sieht. Sein Sehen aber ist der Anfang der Hilfe. Es ist die erneute Zusage an die Christen: auch wenn ihr leidet, sind die Augen Gottes liebevoll auf euch gerichtet, seine Ohren hören euer Beten und Rufen.

Zum Weiterdenken

Christsein ist alltäglich oder es ist nicht. Jeden Tag zu üben. Es geht um die kleine Freundlichkeit, um das aufmerksame Helfen. Es geht um das Hüten der Zunge, wo Schweigen besser ist als Reden. Wir können im alltäglichen Miteinander wählen, ob wir dem/der Anderen das Herz schwer machen oder leicht, ob wir entlasten oder belasten. Ob unsere Worte kränken oder ermutigen. Das ist der Spielraum der Freiheit, auch in Zeiten, in denen Spielräume äußerlich eingegrenzt sind.

Psychologen sagen uns, dass wir das nicht können, was Petrus hier einfordert – dieses Aussteigen aus dem Echo-Verhalten. Es liegt in den Genen, in der Struktur unseres Menschseins: Lächelt uns einer an, so lächeln wir zurück. Begegnet uns einer offen, können wir uns öffnen. Ist einer nett zu uns, können wir auch nett sein. Und kommt uns einer böse, gehen wir in Verteidigungsstellung, werden selbst auch böse. Unser Nervensystem ist so ausgelegt in diesem Reiz-Reaktions-System.

Was Petrus also will, ist nicht mehr und nicht weniger als eine alternative Verhaltensweise, die unserer Triebstruktur widerspricht. Alternativ – im wahrsten Sinn des Wortes: Verhalten aus der Wirklichkeit der Wiedergeburt heraus, aus dem Anschluss an Jesus und seine Lebenskraft. Aus der Freiheit, in die er uns hinein versetzt hat.

Herr Jesus, Du bist nie der Vergeltungslogik gefolgt. Du hast in allem die Freiheit bewahrt, die die Liebe schenkt. Gib Du uns, dass auch wir diese Freiheit bewahren und bewähren, die nicht einfach nur reagiert, die sich nicht vom Bösen bestimmen und begrenzen lässt, die über das erfahren Unrecht hinaus findet, die Liebe gerade denen gegenüber durchhält, die so wenig liebenswert sind.

Von dieser Liebe leben wir. Hilf uns, dass wir sie auch leben. Amen