Kinder unserer Zeit?

1. Petrus 3, 1 – 7

1 Desgleichen sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch die, die nicht an das Wort glauben, durch den Wandel ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, 2 wenn sie ansehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt.

Immer noch leitet das gleiche Stichwort den Gedankengang: Unterordnen. Jetzt geht es um die Frauen in der Gemeinde. Sie sollen sich ihren Männern unterordnen. Ὑποτάσσω „unterordnen, sich darunterstellen, sich unterwerfen“(Gemoll, aaO. S. 772). Das ist nicht, wie bei Paulus, die hierarchiefreie Ordnung in der Gemeinde. Wie weit ist diese Sicht auf die Frauen von den Worten des Paulus entfernt: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“(Galater 3,28) Es war und ist nicht so leicht, diesen radikalen Schritt zur Gleichwertigkeit alltäglich durchzuhalten. Vielleicht ist darin der Petrusbrief nüchterner? Auch wenn Paulus mit seiner Vision uns näher ist.

Immerhin – diese Unterordnung verfolgt ein missionarisches Ziel. Vielleicht wird durch den untertänigen Wandel der Frauen, durch ihren wortlosen Gehorsam der eine oder andere, der nicht zur Gemeinde gehört, nicht an das Wort glaubt, für den Glauben gewonnen. Nicht durch Worte, sondern durch Verhalten. Es ist auffallend, „dass der „Lebensführung ohne Worte“ auch dann eine Chance eingeräumt wird, wenn das Wort selbst nicht zum Ziel gekommen ist.“(W. Schrage, aaO. S.95) Reinheit und Gottesfurcht – beides zeigt sich am Lebenswandel. Davon ist Petrus überzeugt.

Es ist der Versuch einer hilfreichen und den Briefschreiber vor Vorwürfen aus heutiger Sicht rettenden Klarstellung: „Es geht nicht um willenloses Untertansein, sondern um die rechte Zuordnung von Mann und Frau und damit um Bestand und Funktion der Ehe. Die Mahnung, sich unterzuordnen, bedeutet keinen Gegensatz zur Gleichberechtigung der Geschlechter, die für gläubige Eheleute selbstverständlich sein sollte.“(U. Holmer, aaO. S.107f.) Aber diese wohlwollende Sicht ändert nichts daran, dass Petrus hier seine Aufforderung auf dem Hintergrund der „strikt patriarchalischen Gesellschaft und Familie“(N. Brox, aaO. S.142) formuliert. Und es erklärt sich auch einigermaßen schlüssig aus den ethischen Leitvorstellungen des Petrus, „der das Christentum besonders in geduldigem Hinnehmen von gegebenen bedrückenden Zuständen bezeugt findet.“(N. Brox, aaO. S.141)

3 Euer Schmuck soll nicht äußerlich sein – mit Haarflechten, goldene Ketten oder prächtige Kleidern -, 4 sondern der verborgene Mensch des Herzens,unvergänglich, mit sanftem und stillem Geist: Das ist köstlich vor Gott. 5 Denn so haben sich vorzeiten auch die heiligen Frauen geschmückt, die ihre Hoffnung auf Gott setzten und sich ihren Männern unterordneten, 6 wie Sara Abraham gehorsam war und ihn Herr nannte; deren Töchter seid ihr geworden, wenn ihr das Gute tut und keinen Schrecken fürchtet.

Es geht nicht um Äußerlichkeiten, nicht um Image, nicht um betörende Schönheit. Sondern um die inneren Werte. Der verborgene Mensch des Herzens soll Leitbild für die Frauen sein. „Die sittenreine und schmucklose Frau war weithin das aus männlicher Sicht konstruierte Idealbild in der paganen (=heidnischen) Antike.“(T. Popp, aaO. S.287) Offensichtlich teilt Petrus hier dieses Frauenbild seiner Zeit. Was durchaus erlaubt danach zu fragen, ob wir heute noch an dieses Frauenbild gebunden sind oder uns doch eher an Frauenbildern auch unserer Zeit orientieren dürfen – wie immer die auch aussehen mögen.

Als Musterbeispiel für seine Sicht führt Petrus Sara an, die Abraham ihren Herrn nennt. „Sie erkannte die Führungsrolle Abrahams in der Ehe an.“(U. Holmer, aaO. S.112) Ist es das, was wir heute zu lernen haben? Mir scheint, dass dieses Denken in starren Führungsrollen überholt ist. Auch für Christ*innen. Nur noch ein theoretisches Rückzugsgefecht, das aber keine Entsprechung mehr in der Lebenswirklichkeit findet.

Liest man die Abrahams-Erzählungen ganz und nicht nur einzelne Verse, so hat man obendrein den Eindruck, dass Petrus hier durchaus einseitig gelesen hat – die starken Seiten der Sara, die sich Abraham gegenüber durchaus zu behaupten weiß, sind ausgeblendet. Über die Art und Weise, wie und ob Sara sich äußerlich durch Haarflechten, goldene Ketten oder prächtige Kleider geschmückt hat, gibt der Text der Abrahams-Erzählungen nichts her. Immerhin galt sie als „sehr schön“ und begehrenswert. Nicht von ungefähr holt der Pharao die Schöne in seinen Harem (1. Mose 12, 14-15). Ein hässliches, schmuckloses Entlein war Sara jedenfalls nicht.

7 Desgleichen ihr Männer, lebt vernünftig mit ihnen zusammen und gebt dem weiblichen Geschlecht als dem schwächeren Ehre, denen, die Miterben der Gnade des Lebens sind, auf dass euer gemeinsames Gebet nicht verhindert werde.

„Die Männer sind die Übergeordneten und Privilegierten.“(N. Brox, aaO. S.14)Deshalb fehlt hier eine an sie gerichtete Aufforderung zur Unterordnung. Sie wird ersetzt durch die Mahnung, die Ehefrauen zu achten, ihnen die Ehre zu geben. Sie sollen vernünftig mit ihnen umgehen – nicht zügellos, nicht triebgesteuert. κατὰ γνῶσιν – von Einsicht geleitet. Gar verständnisvoll. Sie sollen ihnen Verständnis und Achtung erweisen. Aber es bleibt dabei: Die Frauen sind das schwächere Geschlecht – eine These, die sich hartnäckig bis heute hält.

Erst der letzte Satz eröffnet eine Perspektive über das Rollenverständnis der Umwelt hinaus. Auch die Frauen sind Miterben der Gnade des Lebens. Das mag im ersten Lesen ein bisschen gönnerhaft klingen. Aber es ist mehr, ein Schritt nach vorne. Es ist der Glaube an den einen Christus, die Wirklichkeit der Gnade, die den Unterschied der Geschlechter sekundär macht, der auch die bestehenden sozialen Verhältnisse relativiert. „Die Gemeinde eröffnet einen Raum für positive Gegenerfahrungen. In ihr gehören Frauen gleichrangig mit Männern in die Mitte.“ (T. Popp, aaO. S.303)

Wo so gelebt wird, in gegenseitiger Achtung und Ehrerbietung, gewinnt auch Beten freien Raum, ob allein oder gemeinsam.. Achtung und Ehrerbietung sind hier in dieser Petrus-Schrift leider kein Selbstzweck. Sie sollen dazu dienen, dass es den Raum des gemeinsamen Gebetes gibt. Dass nicht die Unterwürfigkeit des einen Geschlechtes verhindert, dass die Freiheit zum Beten allen zukommt.

Zum Weiterdenken

Ich gestehe mir ein: Diese Worte und dieses Frauenbild stimmen nicht überein mit meinem Denken, auch nicht mit der Art, wie ich seit über 40 Jahren mit meiner Frau lebe. Was also können sie dann noch für uns leisten? Wenn sie mich, wenn sie uns nicht mehr in unserem Denken und Verhalten leiten? Sie fordern uns heraus, uns über unsere Grundentscheidungen Rechenschaft zu geben. Es kann ja nicht der ausschließliche Sinn biblischer Worte sein, dass wir uns ihnen im Denken und Handeln unterwerfen. Sondern manchmal ist das heute ihr Sinn,  dass wir im Gegenüber zu ihnen unser eigenes Bild reflektieren und für uns geklärt bekommen. In unserer Verantwortung als Glaubende vor dem dreieinigen Gott.

Ein weiterer Gedankengang: Es ist relativ leicht, das Antiquierte dieses Frauenbildes anzuprangern. Vermutlich gab es schon zur Zeit des Petrus auch andere Bilder. Dennoch: Man kann auch nach der Wahrheit fragen, die in diesen Worten liegen könnte. Einer Wahrheit, die nicht geschlechtsspezifisch ist, nicht nur für Frauen gültig, sondern auch für Männer! Es ist die große Versuchung, auch unserer Zeit, mehr auf die Außenwirkung zu achten als auf das Innere. Mehr auf die Verpackung als auf den Gehalt. Es ist die große Gefahr, dass Imagepflege dazu dient, die inneren Leerstände zu kaschieren. Das aber ist kein Frauenproblem, wie sich allabendlich in Talk-Shows trefflich beobachten lässt. Der Leerstand in Männerhirnen und Männerherzen ist genau so problematisch wie jeder andere Leerstand.

            Mehr scheinen als sein – ist als Haltung weit verbreitet. Wenn man Petrus kritisieren will, dann darin, dass er die Gefahr der schönen Fassade nur im Blick auf die Frauen zu sehen scheint und sie nicht auch für Männer benennt. Wir Männer sind nicht weniger gefährdet zu veräußerlichen. Zufrieden zu sein damit, dass wir gut dastehen. Gut zu wirken. Der Absatz an Pflegeprodukten für die Männerschönheit wächst Jahr um Jahr. Hauptsache, die Außenwirkung stimmt.  Nein, sagt Petrus – Es geht um das, was in uns ist, das Herz, das Gemüt. die Seele.

            Nur ein Lesehinweis: die Gefahr dieser Veräußerlichung ist älter als unsere Zeit. Sie wird mit traumwandlerischer Sicherheit beschrieben im Märchen. „Das kalte Herz.“ (Wilhelm Hauff) Der Erzähler kennt die Lösung, wie sie das biblische Wort kennt: Herztransplantation. Und ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben, damit sie in meinen Geboten wandeln und meine Ordnungen halten und danach tun. Und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.“(Hesekiel 11,19 -20)

     Es bleibt die nachdenkliche Frage, wie weit Petrus hier in der Anpassung an die Umwelt geht und ob er nicht zu weit geht? „Die notwendige Einbettung des Christusglaubens in das Gefüge der Gesellschaft birgt in sich … die Gefahr, dass das spezifisch Christliche einschläft. Das Wagnis der Inkulturation des Evangeliums bringt es mit sich, dass die christliche Existenz durch die bürgerliche Existenz überlagert werden kann, anstatt sie zu transformieren.“(T. Popp, aaO. S.305) Mit dieser Gefahr hat sich die christliche Gemeinde zu allen Zeiten auseinander zu setzen, wenn sie nicht den Weg in die abschottende Wagenburg-Mentalität gehen will. Eine Faustregel, nach der hier zu entscheiden wäre, gibt es nicht. Gefordert ist vielmehr die Wachheit für die Zeit, das offene und ehrliche Gespräch in der Gemeinde und die beständige Orientierung am Evangelium.

Heiliger Gott, wir leben mitten in der Gesellschaft, beeinflusst von dem Denken unserer Zeit, von den Wertvorstellungen um uns herum. Auch im Miteinander der Geschlechter sind wir Kinder unserer Zeit, lernen wir jeden Tag neu. Das mutest und traust Du uns zu.

Die Zeit, in der wir leben, ist die Zeit, in die Du uns stellst. Gib Du uns die Wachheit und Unterscheidungsfähigkeit, aufzunehmen, was sich mit dem Glauben verträgt, aber auch nicht mitzutun in dem, was dem Glauben nicht entspricht. Gib uns Mut zur Offenheit und zum Leben mit klaren Grenzen. Amen

3 Gedanken zu „Kinder unserer Zeit?“

  1. Lieber Herr Pfarrer Lenz,
    Ihre Auslegungen sind ein Segen , Sie sind von Gott unglaublich begabt, auferbauende
    Gedankn zu formulieren…..übrigens bin ich eine Übersicht Freundin von Barbara Ernst,die
    Mir auch den Link über Ihre Predigt Auslegungen und Ihre Gebete weitergegeben hat.

    Möge Gott Ihnen noch viele Ausarbeitungen ausarbeiten lassen und so für gesegnete Impulse
    Für VIELE zu werden!!!

    Herzlichst und Gottes Segen
    Barbara König?

  2. Mir aus dem Herzen gesprochen, verehrte Barbara König. Ganz herzlichen Dank !! Hermann Enders

  3. Lieber Herr Lenz,
    Auch dieser Text, die Auslegung und auch das Gebet sind vor allem für michzur Zeit ganz besonders….. unglaublich „bedeutsam“ in meiner Lebenssituation…..
    Es ist mir aufs Herz gelegt, Ihre „inspirierten“Texte jeden Morgen zu lesen…..Es macht mir Freude!!!!
    Herzliche Grüsse
    Barbara König

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