Meine Pfingstpredigt

Liebe Schwester und Brüder

Kennen Sie von BAP: „Verdammt lang her!“ So wird es dem einen oder der anderen ergangen sein. Der letzte Gottesdienst hier in der Kirche – vor Monaten. So lange her, dass man fast sagen möchte: Vor uralten Zeiten.  Verzicht auf den Gottesdienst aus Angst vor Corona, vor Ansteckungsgefahr. Zu Recht.

Das trifft genau die Situation der Leute, von denen unser Predigt-Text erzählt. Sie waren abgetaucht, aus der Öffentlichkeit verschwunden. Aus Angst – nicht vor Corona, aber vor Ansteckungsgefahr. Was, wenn die Kreuzigung Jesu nur ein Anfang war und jetzt die geistlichen und Weltlichen Machthaber sich daran machen, diesen Spuk endgültig zu beseitigen. Das Feuer auszulöschen, damit es nicht zum Flächenbrand wird. Damit die Saat, die dieser merkwürdige Wanderprediger Jesus in Galiläa und Jerusalem ausgesät hatte, nicht plötzlich doch fruchtet.  Der eine oder die andere in der Jüngerschar mag gedacht, vielleicht sogar gesagt haben: Ostern hin oder her – es ist besser, jetzt nicht auffällig zu werden. Stillhalten ist angesagt.

Und dann kommt der Tag der Pfingsten. Für Juden ein wichtiger Tag mit einer klaren Botschaft: Dankbarkeit für das Gesetz. Pfingsten – jüdisch gefeiert: wir haben eine Wegweisung, auf die wir uns verlassen können – das Gebot vom Sinai. Gott meint es gut mit uns, darum hat er uns die Gebote gegeben: Du sollst… Du sollst nicht…. Keine Überraschungen. Klare Regeln. Nicht: Jeder wie er will – mit Maske, ohne Maske, mit Abstand, ohne Abstand. Damit wir miteinander leben können, braucht es klare Regeln. Verkehrsregeln, Hygiene-Regeln, Anstands-Regeln. Damals in Jerusalem – da war das auch klar: An Pfingsten feiern wir das Gesetz. Die Wohltat des Gebotes Gott hat geredet – und wir wissen, was er von uns will.    „Meine Pfingstpredigt“ weiterlesen

Keine Worte-Torten

2. Timotheus 2, 14 – 26

14 Daran erinnere sie und ermahne sie inständig vor Gott, dass sie nicht um Worte streiten, was zu nichts nütze ist, als die zu verwirren, die zuhören.

Timotheus ist ein Gemeindeleiter. Darum wird ihm in diesen und den folgenden Sätzen auch genau diese Aufgabe ans Herz gelegt. Als erstes: Kein Streit um Worte. Keine Kämpfe, die nur darauf beruhen, dass der eine nicht ganz die gleichen Worte und Sätze wie der andere sagt, dass sich Glaube unterschiedlich ausdrückt. Es gilt, „die Gemeinde vor Wortkämpfen mit den Sektierern zu bewahren.“ (J. Jeremias, aaO.; S.56) Sie tragen nichts aus, sondern verwirren nur. Das gilt gegenüber denen, die anders lehren, es gilt aber auch in der Gemeinde.

15 Bemühe dich darum, dich vor Gott zu erweisen als ein angesehener und untadeliger Arbeiter, der das Wort der Wahrheit recht vertritt. 16 Halte dich fern von ungeistlichem losem Geschwätz; denn es führt mehr und mehr zu gottlosem Wesen, 17 und ihr Wort frisst um sich wie der Krebs. Unter ihnen sind Hymenäus und Philetus, 18 die von der Wahrheit abgeirrt sind und sagen, die Auferstehung sei schon geschehen, und bringen einige vom Glauben ab.

Mahnen ist das eine, das eigene Beispiele das andere. Timotheus soll selbst bedacht sein, sich nicht in die fruchtlosen Debatten ziehen zu lassen. Das geschieht am besten in der Konzentration auf das eigene Arbeitsfeld und die eigenen Aufgaben. Also: das Evangelium als Wort der Wahrheit λόγος τῆς ἀληθείας, logos tes aletheias – weitertragen. Das ist als Ausdruck kaum zufällig gewählt. Das Evangelium ist verlässliche Wahrheit, es erlaubt sichere, klare Schritte, es ist nicht Illusion oder Halbwahrheit. In der Sprache von heute: Kein Fake. Daneben tritt: Für die da sein, die Hilfe brauchen. Das macht den rechtschaffenen und untadeligen Arbeiter aus, dass er tut, was er zu tun schuldig ist. Das Zusammenwirken von „rechter Lehre und rechtem Leben“ (H. Bürki aaO. S.63)ist im Zentrum geistlichen Dienstes. „Keine Worte-Torten“ weiterlesen

Halte im Gedächtnis Jesus Christus

2. Timotheus 2, 1 13

1 So sei nun stark, mein Kind, durch die Gnade in Christus Jesus.

Der Eindruck verfestigt sich: Timotheus ist einer, der Zuspruch braucht, der Zuwendung braucht, der Rückenstärkung nötig hat. „Die Anrede mein Kind betont erneut das vertrauensvolle Verhältnis, das zwischen `Paulus und `Timotheus´ besteht.“ ( A.Weiser, aaO. S. 156) Es ist ein wenig irreführend: Sei nun stark entspricht nicht dem, was im Griechischen angedeutet ist: Erstarke nun. ἐνδυναμοῦ. Endynamou. Vielleicht könnte man auch sagen: „gewinne Kraft.“ Es ist klar: es geht nicht um die eigenen seelischen Kraftreserven, die Timotheus aktivieren soll. Er soll Kraft gewinnen aus der Gnade.

Gnade, erst recht die Gnade in Jesus Christus ist keine saft- und kraftlose Angelegenheit, nichts Weichliches oder Schwächliches: Sie verleiht Kraft. Sie macht mutig. Sie schenkt einen anderen Blick auf die Wirklichkeit. Sie sieht auch da noch die Möglichkeiten Gottes, wo die Möglichkeiten der Menschen längst an ihre Grenze gekommen sind. Steht doch hinter der Gnade der unbedingte Heilswillen des Herrn aller Herren, des Königs aller Könige.

2 Und was du von mir gehört hast durch viele Zeugen, das befiehl treuen Menschen an, die tüchtig sind, auch andere zu lehren.

Weitergeben. Bote des Evangeliums sein ist nicht die eigene Erfindung, das eigene religiöse Gefühl unter die Leute bringen. Es ist Weitergeben, was man selbst empfangen hat. Timotheus ist einer in einer langen Kette. Er hat aus dem Mund und aus dem Leben des Paulus das Evangelium empfangen – die Worte und das Bekenntnis des Lebens. Es ist zu ihm gekommen durch viele Zeugen. Es ist – so die schöne Übersetzung durch viele Zeugen verbürgt.“ (K. Berger /C. Nord, Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, Frankfurt 1999, S.755) Das soll er weitergeben. An treue Menschen, denen er vertraut. Vertrauenswürdige, glaubwürdige Menschen – so πίστοι ἀνθρώποι. Pistoi anthropoi.

Treue und Lehrfähigkeit sind die beiden Hauptbedingungen für den Diener am Wort.“ (H. Bürki, aaO. S.48) Nicht die persönliche Brillanz ist erforderlich, sondern zuallererst Treue. πίστοι steht da – das gleiche Wort, das sonst für Glauben steht. Der Glaube macht treue Menschen. Zuverlässig müssen sie sein, beständig, im Vertrauen fest. „Halte im Gedächtnis Jesus Christus“ weiterlesen

Nicht vergeblich

2. Timotheus 1, 13 18

13 Halte dich an das Vorbild der heilsamen Worte, die du von mir gehört hast, im Glauben und in der Liebe in Christus Jesus. 14 Dieses kostbare Gut, das dir anvertraut ist, bewahre durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt.

Die Standhaftigkeit des Paulus entspringt nicht persönlicher Tapferkeit, sondern der Gewissheit, auf dem Weg hinter Jesus her zu sein und von ihm bewahrt zu werden. Einmal mehr Vorbild. Ὑποτύπωσις, Hypotyposis ist kein festgelegtes Bild, das man nachzuahmen hat. Es ist eher ein „Entwurf“ (Gemoll, aaO. S.773), der die Richtung zeigt, in die das eigene Leben gehen kann. Umso wichtiger: Der Mann im Gefängnis ist mit seinem Weg nicht Abschreckung, sondern Richtungsangabe.

Nicht zuletzt ist er Vorbild, Beispiel, Entwurf in dem, was er gepredigt hat. Die Worte, die er weitergegeben hat, haben gute Wirkungen hervorgebracht. Sie sind heilsam. Ὑγιαινός, hygienos gesund. Unter seiner Verkündigung des Glaubens und der Liebe in Jesus Christus sind doch Menschen heil geworden, was mehr sein mag als nur gesund. Das ist wahrlich kostbares Gut. Es ist selbst in dieser verhaltenen Formulierung noch zu spüren: Das Evangelium ist ein Schatz und dass dieser Schatz einem anvertraut ist, bringt zum Staunen. „Nicht vergeblich“ weiterlesen

Den Rücken stärken

  1. Timotheus 1, 1 12

1 Paulus, Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes nach der Verheißung des Lebens in Christus Jesus, 2 an Timotheus mein geliebtes Kind: Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserm Herrn!

Als hätte er nicht schon einmal an Timotheus geschrieben, so stellt Paulus sich vor. Mit der klassischen antiken Brief-Grußformel. Ihm aber liegt über die Formel hinaus daran: Was immer er sagt oder schreibt – er tut es als Apostel. Ἀπόστολος. Als einer, der durch den Willen Gottes ist, was er ist und der nichts will als in diesem Willen seinen Weg gehen. „Für ihn ist das nicht eine leere Formel, sondern ständig erneutes Bewusstsein dessen, was Gott an ihm tut.“ (H. Bürki, Der zweite Brief des Paulus an Timotheus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1975, S.17)

Die Spannung ist zu greifen – hier der hochoffizielle Anfang mit Betonung der eigenen Autorität und dann die so persönliche Zuwendung. Im Griechischen steht τέκνov, teknon, korrekt mit Kind zu übersetzen. Dennoch halte ich die alte Luther-Übersetzung Meinem lieben Sohn für sachgemäß und angemessen, weil dieses Kind ein erwachsener Mann ist. Wer würde von sich im Alter von über 25 Jahren als vom „Kind“ geredet hören wollen und sich nicht kleingemacht fühlen? Schon durch die Anrede zeigt Paulus, wie nahe er sich seinem Briefempfänger fühlt. Darum auch wünscht er ihm das Beste, was er ihm wünschen kann: Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserm Herrn! Auch hier wieder: das ist mehr als nur Formel.

3 Ich danke Gott, dem ich diene von meinen Vorfahren her mit reinem Gewissen, wenn ich ohne Unterlass deiner gedenke in meinem Gebet, Tag und Nacht. 4 Und wenn ich an deine Tränen denke, verlangt mich, dich zu sehen, damit ich mit Freude erfüllt werde.

 Das erste Wort nach dem Gruß ist Dankbarkeit. Paulus ist dankbar für Timotheus. Gott dankbar. Es wirft ein helles Licht auf das Gottesverständnis des Paulus. Das, wie er über Gott denkt, was er von ihm sagt und lehrt, ist in der Spur der Vorfahren. Er sieht sich nicht als einen, der die Spur der Väter verlassen hat, sieht sich nicht als abgefallen vom Glauben der Väter. Und darum dient er ihm mit reinem Gewissen. Daran liegt Paulus, dass der lange Weg, auf den er zurückblicken kann, ein Weg ist, der sein Gewissen nicht belastet und der ihn seinen Vorfahren nicht entfremdet. „Den Rücken stärken“ weiterlesen

Ein letztes Wort: Gnade

1. Timotheus 6, 17 – 21

17 Den Reichen in dieser Welt gebiete, dass sie nicht stolz seien, auch nicht hoffen auf den unsicheren Reichtum, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet, es zu genießen; 18 dass sie Gutes tun, reich werden an guten Werken, gerne geben, zum Teilen bereit sind, 19 und sich selbst einen Schatz sammeln als guten Grund für die Zukunft, damit sie das wahre Leben ergreifen.

Aller Lobpreis drängt hin auf die Inkarnation des Lobes in unser Leben. Unser Lob mit dem Mund will gelebt sein mit Händen und Füßen. Als ob es ihm unheimlich sei, kehrt Paulus vom Hymnus sofort zurück zur konkreten Anweisung – über den Reichtum.

Es ist so eine Sache mit dem Reichtum. Er ist in den Schriften des Neuen Testaments nicht so gut beleumundet. Er ist eine unsichere Angelegenheit. Motten und Rost können die angehäuften Schätze fressen, Diebe sie stehlen. (Matthäus 6, 19) Darum ist es nicht klug, sich auf sie zu verlassen. Stolz auf Reichtum ist in keiner Weise angesagt. Diese Warnung an die Reichen – πλουσίοι – mahnt dazu, sich nicht auf den falschen Halt zu verlassen. Es klingt viel mehr eine lebensdienliche Alternative an, die auch den Weg in die Zukunft Gottes offen hält. Erzählt von Jesus, als er einen lobt, der sich durch zumindest zwielichtigen Schuldenerlass seine von ihm abhängigen Schuldner zur Dankbarkeit verpflichtet hat. Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wen ner zu End geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.“(Lukas 16,9) „Ein letztes Wort: Gnade“ weiterlesen

Der gute Kampf

1. Timotheus 6, 11 – 16

11 Aber du, Mensch Gottes, fliehe das! Jage aber nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut! 12 Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.

Aber du. So „ist ein schroffer Gegensatz zwischen dem direkt angeredeten Timotheus und dem vorher nur in unbestimmten Wendungen beschriebenen Personenkreis markiert.“ J. Roloff, aaO. S. 345) Ihm ist der Autor Paulus jetzt ganz zugewandt. Dem Menschen Gottes. ἄνθρωπε θεοῦ – so redet er ihn an, in der Hoffnung, dass ihn das stärkt, weil es ihn an sein Fundamet erinnert. Das erhofft er für ihn, dass er durchhält, klaren Kurs behält, dass er bewährt, was er empfangen hat.

Auch das ist dem Kontrast geschuldet und unterstreicht ihn noch: fliehe – ergreife. φεῦγε· δίωκε,pheuge – dioke. Es gibt keinen Automatismus in geistlichen Dingen, darum die Aufforderungen, die Imperative, die alle nur anspornen, nicht befehlen wollen. Es geht um das Erwerben und Bewahren von Gottvertrauen, von Glauben. Beides, Erwerben und Bewahren fordert Einsatz – oder, wie Paulus sagt: guten Kampf. καλὸς ἀγῶν Das gilt, unbeschadet dessen, dass es Glauben nur als Geschenk gibt. Dass er das eigene Leben durchdringt und prägt, ist mit Arbeit, Einsatz, Kampf verbunden. Von selbst geht da nichts.

In diesem Wort ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist gipfeln die Ermutigungen. Darum geht es, dass in das zeitliche Leben dieses andere Leben, das ewige Leben hineinreicht und mitten im Leben ergriffen wird. Gewollt wird. Gelebt wird. Das Ewige Leben, αιώνιη ζωή, beginnt hier und jetzt – als das Leben aus der Hingabe Christi und der Hingabe an Christus und sein Erbarmen.

Damit hat Timotheus ja schon angefangen – in seinem guten Bekenntnis vor vielen Zeugen. Das Wort Ὁμολογία, Homologia, das mit Bekenntnis übersetzt wird, kann auch Übereinstimmung, Übereinkunft heißen. Es klingt mehr nach der gemeinsam gefundenen Wahrheit als nach einem allein gesprochenen Bekenntnis in Worten, als nach abgefragtem Glaubensinhalt. Sein Weg als Christ, zusammen mit anderen – das ist das schöne Bekenntnis, das gelebte Zeugnis. Auf diesem Weg soll er bleiben. Die Art, in der das geschieht: Der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut nachjagen.

Das erinnert an eines der markanten Paulus-Worte: „Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.“(Philipper 3,12) Bis in die Wortwahl ähneln sich die beiden Stellen – hier wie dort das griechische διώκω – „nachlaufen, sich anschließen, jagen.“(Gemoll, aaO. S. 222) als das Wort, das dem Verhalten seine Dringlichkeit gibt. Es geht um viel, mehr noch, um alles, um die Ewigkeit Gottes. Dieses Nachjagen, dieses Ergreifen wollen ist der Anfang, den Gott in uns setzt und den wir leben.

13 Ich gebiete dir vor Gott, der alle Dinge lebendig macht, und vor Christus Jesus, der unter Pontius Pilatus bezeugt hat das gute Bekenntnis, 14 dass du das Gebot unbefleckt und untadelig bewahrst bis zur Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus, 15 welche uns zeigen wird zu seiner Zeit der Selige und allein Gewaltige, der König aller Könige und Herr aller Herren, 16 der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann. Dem sei Ehre und ewige Macht! Amen.

Eine seltsame Mischung zwischen Ermahnung und hymnischem Lobpreis. Der Kampf des Glaubens und die Verherrlichung Gottes im staunenden Stammeln gehören ganz eng zusammen. Lobpreis ist nicht Abheben aus der Welt und Versenkung in mystischen Tiefen, sondern es ist Staunen vor der Tat Christi. Und sich hinein geben in diese Tat.

In den Ermahnungen wird der Charakter des christlichen Lebens als Weg und als Kampf deutlich. So ist es ja auch bei Jesus: Er hat standgehalten. Er ist auch vor Pilatus nicht von seinem Weg abgewichen. Er hat in seinem Bezeugen – μαρτυρήσαντος – gezeigt, was es heißt: Zeuge zu sein. Die Ermahnung erlaubt keine unverbindlichen Gedankenspielereien, sondern sie fordert das Ja und den Akt des Gehorsams. Darum auch dieses deutliche: Ich gebiete dir. παραγγέλλω σοι. Dieses Gebieten stellt Timotheus vor Gott und vor Jesus Christus. Das ist die letzte Instanz. „An das Bekennen Jesu Christi soll Timotheus sich anschließen… Das Bekenntnis Jesu Christi wird nun zum Bekenntnis zu Jesus Christus.“(J. Roloff, aaO. S. 351)

Über allem steht die liebevolle Sorge um den jungen Mitarbeiter. Es scheint mir diese Sorge in ihrem Mut zum konkreten Wort und in ihrer geistlichen Kraft ein großes Geschenk des Heiligen Geistes. Ermahnen können ist Charisma – Charismen werden im Gebet empfangen.

Man kann darüber stolpern: Das Gebot soll Timotheus bewahren. Das ist keine Aufforderung zu buchstäblichen Halten des Gesetzes. Keine Einweisung in Paragraphen. Hier steht eben nicht νόμος für Gesetz, sondern ἐντολή. Ein Wort, das viel naher am hebräischen thora dran ist, an der Weisung. Es geht um die Wegweisung, die sich aus dem Leben Jesu ergibt, aus dem Glauben an ihn. Da, im Glauben, ist nicht alles möglich, sondern eine Spur ist gelegt, der es zu folgen gilt.

Von dieser letzten Instanz vor Gott – coram deo, ἐνώπιον τοῦ θεοῦ – kann Paulus nicht anders reden als im Lob, im Staunen, in der Anbetung. Über alles Verstehen hinaus weisen die Worte. Paulus hält fest: Wir glauben Jesus Christus, Mensch unter Menschen. Gelitten, gekreuzigt unter Pontius Pilatus. Im Tod in die Gottesferne gestoßen. Aber in ihm, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, stehen wir zugleich vor der Wirklichkeit dessen, den aller Himmel Himmel nicht fassen können, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann. Dem Gott, aus dem alles Leben kommt und zu dem alles Leben zurückkehrt.

Zum Weiterdenken

Es hat in meinen Augen guten geistlichen Sinn, dass die Worte dieses Hymnus mit zu den Worten gehören, die wir liturgisch bei Beerdigungen am offenen Grab verwenden. Helfen sie uns doch, angesichts des Todes das Lob Gottes festzuhalten. Wahrscheinlich ist es so, dass wir neu lernen müssen – das Fragen nach dem Grund des Glaubens zu verbinden mit dem Staunen, dem Feiern des Glaubens.

Manchmal fehlen mir die Worte, mein Jesus, die Dich loben, die Deine Güte preisen, die mein Staunen aussagen können. Manchmal komme ich mir sprachlos vor. Nur wenn es ans Klagen geht, ans Kritisieren, dann gehen mir die Worte nie aus.

Lehre es mich, die Stille zu suchen, das Verweilen vor Dir zu üben, den Kampf des Glaubens auszufechten, der in mir so oft tobt. Gib Du mir die Worte, die mir fehlen, Lob, Pres, Anbetung, und wandle Du mir die Worte, die mir so leicht zufallen. Amen

Frei zum sich begnügen

1. Timotheus 6, 1 – 10

1 Alle, die als Sklaven unter dem Joch sind, sollen ihre Herren aller Ehre wert halten, damit nicht gegen den Namen Gottes und die Lehre gelästert werde. 2 Welche aber gläubige Herren haben, sollen diese nicht verachten, weil sie Brüder sind, sondern sollen ihnen umso mehr dienstbar sein, weil sie gläubig und geliebt sind und sich bemühen, Gutes zu tun. So lehre und mahne!

Das klingt nach Festschreiben der Verhältnisse, wie sie sind. Alle, die als Sklaven unter dem Joch sind, sollen ihre Herren aller Ehre wert halten. Wer unten ist, bleibt unten und wer das Sagen hat, Herr ist, der bleibt Herr. Unterstützt auch noch dadurch, das solches Stillhalten begründet wird: damit nicht der Name Gottes und die Lehre verlästert werde. Das ist die Sprache der Anpassung, der Unterwerfung unter die gesellschaftlichen Gegebenheiten. Es wird stimmen: „Der neue Glaube verändert nicht die soziale Struktur.“(H. Bürki, aaO. S.187)Daran ändert auch der gemeinsame Stand als Christen nicht.

Wie anders allerdings steht das im Brief nach Galatien: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“(Galater 3,28) Die Mahnung zum Stillhalten hat nur dann ihr begrenztes Recht, wenn sie davor warnt, geistliche Lebensvollzüge – das andere Miteinander von Herr und Sklave als Geschwister im Glauben – als Rechte weltlich durchsetzen zu wollen. Dennoch: „Strukturen, die Menschen unglücklich machen, können abgebaut werden, aber eine Glücksgarantie ist für den Menschen damit nicht verbunden.“(J. Motlmann, Der gekreuzigte Gott, München 1972, S. 27) „Frei zum sich begnügen“ weiterlesen

Wenn es knirscht …

1. Timotheus 5, 17 – 25

17 Die Ältesten, die der Gemeinde gut vorstehen, die halte man zweifacher Ehre wert, besonders, die sich mühen im Wort und in der Lehre. 18 Denn die Schrift sagt (5.Mose 25,4): »Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden«; und: »Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert«.

Es geht um die Ältesten. Πρεσβύτεροι. Das griechische Wort ist bis heute in manchen Regionen die Bezeichnung für die Kirchenältesten, die Presbyter, den Kirchenvorstand. Sie stehen als Vorbilder besonders im Blickpunkt. Ihre Aufgabe schützt und fordert zugleich. Es scheint, als gebe es Älteste, die ihre Arbeit besonders sorgfältig tun. Sie sollen zweifache Ehre erfahren. Vom nachfolgenden Wort über den Ochsen, dem man das Futter nicht verwehren soll, liegt es nahe, bei der zweifachen Ehre an höheres Gehalt zu denken. Nur, ist das vorstellbar? „Es würden also zwei Gehaltsstufen der Presbyter je nach der Leistung unterschieden!“(J.Jeremias, aaO.; S.41) Mir klingt das zu sehr von heute her gedacht, in Ämter-Kategorien und Gehaltsstufen. Ist es wirklich vorstellbar, in der Frühzeit, dem 1. Jahrhundert nach Christus, dass Älteste in der Gemeinde entlohnt werden? Ich stimme zu: „Das klingt nicht eben wahrscheinlich.“(J.Jeremias, ebda. )

Was aber dann? Wenn es beim Wort „Älteste“ nur vordergründig um eine Amtsbezeichnung geht, aber gleichzeitig um eine Altersbezeichnung? Wenn die Ältesten tatsächlich Ältere, Alte sind, angewiesen auf die Fürsorge der Gemeinde. Dann sagt der Satz womöglich nur: „Die Gemeinde soll freigiebig und großzügig im Unterhalt der alten Männer und Frauen und erst recht nicht zurückhaltend sein, wenn diese einen guten Dienst für die Gemeinde tun.“(H. Bürki, aaO. S.178) Dieser Gedanke hilft, den Blick ein wenig von der Geldfrage zu lösen. Das klingt gut: Nicht Lohn, sondern Unterhalt. Das Einzige, was diese schöne Lösung ein wenig stört, ist das griechische Wort für Lohn μισθός. Selbst wenn man statt Lohn „Honorar“(Gemoll, aaO. s. 507) sagt – es bleibt eine Entlohnung und nicht nur Unterhalt. „Wenn es knirscht …“ weiterlesen

Witwen!!!

1. Timotheus 5, 3 – 16

3 Ehre die Witwen, die allein sind. 4 Wenn aber eine Witwe Kinder oder Enkel hat, so sollen diese lernen, zuerst im eigenen Hause fromm zu leben und sich den Eltern dankbar zu erweisen; denn das ist wohlgefällig vor Gott. 5 Das ist aber eine rechte Witwe, die allein steht, die ihre Hoffnung auf Gott setzt und beharrlich fleht und betet Tag und Nacht. 6 Eine aber, die ausschweifend lebt, ist lebendig tot. 7 Dies gebiete, damit sie untadelig seien.

Die ersten christlichen Gemeinden hatten eine große Anziehungskraft auf Witwen. Χήρας. Das lag wohl nicht nur an der Fürsorge, die sie dort erfahren haben, sondern auch daran, dass sie sich entfalten konnten in den intensiven Beziehungen der Gemeinde. In diese Richtung weist auch die Aufforderung an Timotheus: Ehre die Witwen, die rechte Witwen sind. τιμάω – „ehren, schätzen, in Ehren halten.“(Gemoll, aaO. S.740) Die folgende Übersetzung ist hilfreich, weil sie konkretisiert: „Halte die Witwen durch Unterstützung in Ehren wie Eltern, doch nur, wenn sie mittelos sind.“ (K. Berger/C. Nord, aaO. S. 749) Sie sind nicht lästige Objekte der Fürsorge, sondern Reichtum der Gemeinde. Die Frage muss erlaubt sein: Wer definiert, was eine rechte Witwe ausmacht. Die Beschreibung läuft auf einen prekären sozialen Status hinaus, nicht auf eine moralische Einschätzung.

Von den rechten Witwen werden die unterschieden, deren Lebenssituation eine andere ist. Die ein eigenes Haus haben – damit ist sowohl der Ort als auch der Familienverbund gemeint. Sie sollen an diesem Ort und in diesen Zusammenhängen ihren Glauben leben. Das ist keine Zurückstufung oder geringere Wertschätzung, sondern nur ein Ernst-nehmen der anderen Lebenssituation und Aufgabe.

Eine dritte Witwengruppe wird nur angedeutet – die ausschweifend lebt. Ein Versuch zu verstehen: „die ihr Leid durch haltloses Leben betäubt.“(J.Jeremias, ebda.) Hier urteilt Paulus ausgesprochen hart: sie ist lebendig tot. Ich würde vorsichtiger sagen: Sie stellt sich wohl dem nicht, ihren Schmerz auszuhalten und – irgendwann – ihn auch zu verarbeiten.

Es gibt die Gefährdung, dass die Gemeinde zum Tummelplatz wird für Leute, die sich zur Geltung bringen wollen, die nur ihre Probleme in sie hineintragen, aber nicht wirklich die anderen mittragen wollen. Das ist allerdings kein spezifisches Frauenproblem, auch wenn es hier so erscheint. Darum ist eine Aufgabe des Gemeindeleiters, zu einer persönlich authentischen Lebensführung – die untadelig, ἀνεπίλημπτοι, wörtlich: „unangreifbar“ ist – anzuhalten. Das gilt wohl sowohl nach innen, in der Gemeinde als auch nach außen, damit die Gemeinde nicht ins Gerede kommt. „Witwen!!!“ weiterlesen