Die Fußspuren Christi

1. Petrus 2, 18 – 25

18 Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen.

Angesprochen sind nicht alle Sklaven, sondern die „Haussklaven“. So ist das griechische οκται (oiketai) präzise zu verstehen. „Auch freigelassenen Sklaven eines Hauses wurden so bezeichnet.“(U. Holmer, aaO. S.97) Nach vorne im Brief (2,13) gibt es eine Stichwortverbindung durch die Weisung – sich unterzuordnen.

So wie sich die Christen in die staatlichen Ordnungen einfügen sollen, so sollen sie auch in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld „die gesellschaftliche Realität annehmen“.(T. Popp, aaO. S.250) Nicht nur, wo es leicht ist, sondern auch, wo es schwer ist. Es ist so, dass die Herren, δεσπται, („Despoten“), das Sagen haben – unabhängig davon, ob sie gütig, freundlich oder seltsam sind. „Wunderlich“ könnte auch mit „verkehrt“ oder „ungut“ wiedergegeben werden. Es sind Menschen, die es denen schwer machen, die von ihnen abhängig sind. „Vermutlich versuchten sie, die Glaubenspraxis ihrer christlichen Sklaven und Sklavinnen zu unterbinden.“(T. Popp, aaO. S.255) Wie auch immer – auch ihnen sollen sich die Christen unterordnen!

Ein Frage, die sich vom Text her nicht beantworten lässt. Sind mit den Herren Menschen im Blick, die auch zur Gemeinde gehören? Wenn das so wäre, dann geht es in diesen Worten um eine innergemeindliche Regelung von Abhängigkeiten. So eine innergemeindliche Beziehung steht im Brief des Paulus an Philemon zur Debatte. Es gibt in den Gemeinden Christen, von denen andere Christen abhängig sind. Oder aber, die Herren sind keine Menschen, die dem Glauben verpflichtet sind. Dann versucht der Briefschreiber seine Leser anzuleiten, wie sie mit denen irgendwie zurecht kommen können.

19 Denn das ist Gnade, wenn jemand um des Gewissens willen vor Gott das Übel erträgt und Unrecht leidet. 20 Denn was ist das für ein Ruhm, wenn ihr für Missetaten Schläge erduldet? Aber wenn ihr leidet und duldet, weil ihr das Gute tut, dies ist Gnade bei Gott.

            Es wirkt auf die heutigen Leser*innen wie eine weit hergeholte Begründung: Unter solchen Verhältnissen von Abhängigkeit zu leiden ist Gnade. Statt Übel λπη – kann man auch übersetzen: „Kränkung, Beleidigung, traurige Lage.“ (Gemoll, aaO. S. 478) Es ist ein Zustand, in dem sich Menschen wiederfinden, wie er nicht sein sollte, wie er seelischen Schmerz zufügt. Damit umzugehen, erfordert seelische Stärke. Darum Gnade. χρις. Weiter: Nicht das Unrecht ist Gnade, sondern dass es jemand erträgt. Dass es einer auf sich nimmt, auch wenn sich alles in ihm dagegen aufbäumen möchte. Wer das auf sich nimmt, dass er für seine guten Taten – hier steht wieder γαθοποιοντες – leidet, der stellt sich damit in die Nähe Christi. Man könnte auch so sagen: Gnade ist schlicht Christus nahe sein. So wird es Petrus in den folgenden Sätzen eindrücklich vorführen.

Es liegt auf der Hand, dass wir heute diese Sicht eines besonders deutlichen Zeugnisses durch das widerspruchslose Leiden und Erleiden von Unrecht nicht mehr so ganz zu teilen vermögen. Auch als Christen, manchmal gerade als Christen sehen wir uns berechtigt, Ungerechtigkeiten beim Namen zu nennen und sie, wo immer wir es vermögen abzustellen, zu überwinden. Das hat sicherlich auch darin seinen Grund, dass wir (in der Bundesrepublik Deutschland) nicht mehr die verschwindende Minderheit sind, sondern einen nach wie vor sicheren Stand in der Gesellschaft haben.

21 Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen;

Das ist ihre Berufung: Christusförmig leben. Wie er Leiden auf sich nehmen. Seinem Vorbild nachfolgen. In seine Fußstapfen treten. Christus hat euch ein πογραμμν, „Hypogrammon“, gegeben. Luther hat das mit „Vorbild“ übersetzt. Man könnte auch sagen: eine Vorlage, eine Schablone, nach der sich unser Leben ausrichten soll.

Gemeint ist: Jesus hat in seinem Leben vorgelebt, wie das Leben der Christen aussehen kann nach dem Willen Gottes. An ihm ist abzulesen, wie wir leben sollen und wie wir in seiner Nachfolge auch leben können:

‑ frei von allem Betrug, der andere übers Ohr haut.                                             -frei von dem Zwang zum Zurückschlagen, wenn einer uns verletzt hat           ‑ frei von den Drohgebärden und Kraftakten, die den anderen einschüchtern sollen                                                                                                                                                ‑ frei von dem tief eingewurzelten Misstrauen, das Gott nicht zutraut, dass er uns versorgt und deshalb alle Lebenssorge an sich selbst bringen muss.

Im Leben Jesu haben die Christen ihr Lebensprogramm vor Augen, das Gott ihnen zutraut. In dem Lebensweg Jesu haben sie den Weg vor Augen, den Gott mit ihnen gehen will. Wobei es wichtig ist ‑ es geht hier nicht um ein Nachahmen, das Linie um Linie nachzeichnet und keine eigene Handschrift erkennen lässt. Sondern wie sich beim Schreiben-lernen immer mehr eine eigene Handschrift entwickelt, so soll sich auch beim Schreiben des eigenen Lebensprogrammes nach der „Jesus‑Schablone“ eine ganz eigene Handschrift entwickeln.

22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; 23 der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheim stellte, der gerecht richtet; 24 der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.

Dabei stellt Petrus Jesus nicht nur als Vorbild hin, das wir nachahmen sollen. Er sagt nicht nur: ‚Seid wie Jesus‘, sondern er sagt vor allem auch und sachlich zuerst: ‚Jesus ist für euch!‘ Das macht er fest an dem Weg Jesu zum Kreuz. Diesen Weg zum Kreuz ist Jesus „für uns“ gegangen. Diesen Weg ans Kreuz ist Jesus gegangen, um uns die ganze Liebe zu zeigen, mit der er uns liebt. Es ist eine wesentliche Unterscheidung: Wir sollen aus dem Weg Jesu, aus seiner Hingabe leben, aber wir sollen nicht gleichfalls nach Golgatha.

Wie aber steht es mit der Wehrlosigkeit Jesu? Mit seinem Verzicht auf das Echo-Verhalten? Es sind im höchsten Maß verdichtete Erinnerungen an die Passions-Erzählung der Evangelien, die hier sichtbar werden: der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt. Meine These: Es geht hier nicht darum, die Christen zu einem solchen Verhalten aufzufordern, sondern ihre Erfahrungen, dass sie unschuldig leiden, dass sie nicht zurückschlagen (können), dass sie mancher Willkür einfach ausgeliefert sind, werden hier als Nähe zu Christus gedeutet. Ihr erlebt, was er durchlebt hat. „Die leiden-müssenden Christen sollen das Leiden am Vorbild, in den Spuren des leidenden Christus erlernen.“(N. Brox, aaO. S.136) Er ist ihnen nahe, auch in ihrem Leiden.

Oder anders gesagt: Da, wo sie Abwertung des eigenen Lebens erfahren durch Ungerechtigkeiten und Willkür, da sehen sie an ihm: Du, Du bist es mir wert, dass ich mein Leben für Dich einsetze. Du bist es mir wert, dass ich mein Leben für Dich hingebe. Du bist es mir wert, dass ich Dir meine Liebe schenke. Das steckt in dieser Wendung: der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz. Wo wir selbst und wo kein anderer mehr für uns gut sprechen wollte, da hat er für uns gut gesprochen, da hat er sich für uns ins Geschirr gelegt. Er hält fest an dem, was wir kaum noch zu glauben wagen: dass Liebe, bedingungslose Liebe uns Menschen, Dich und mich, zu ändern vermag.

25 Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

Zum Schluss heißt es: „Ihr seid umgekehrt“. Früher: ihr seid bekehrt. Das hat aus vielen Gründen bei uns einen schrägen Klang. Wir wollen nicht so gerne bekehrt und belehrt werden. Im Hintergrund steht Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg.“(Jesaja 53, 6) Damit wird das Bild verständlich: „Aus dieser Heillosigkeit sind sie nun heraus.“ (W. Schrage, aaO. S.92)Gott hat mit euch einen neuen Weg angefangen. Ihr habt in der Nachahmung Christi begonnen, seinen Weg zu gehen, mit Fragen und Hoffnungen, mit Ängsten und Zuversicht, manchmal scheiternd und doch auch im Erfahren von Gelingen.

Zum Weiterdenken

Diese Worte des Petrus sind das Herzstück seiner Argumentation. Das ist seine Einweisung in eine christliches Leben, seine Ethik. Das will er seinen Lesern damals und über alle Zeiten hinweg nahe bringen: Ihr seid als leidende Menschen in der Spur Jesu. Darum dürft ihr Euch dem Leiden stellen und müsst es nicht als Unglück und Unrecht wie eine Abwertung eurer selbst erleben. Und doch zucke ich zusammen, wenn ich singen soll:

Lasset uns mit Jesus leiden, seinem Vorbild werden gleich;
nach dem Leide folgen Freuden, Armut hier macht dorten reich,
Tränensaat, die erntet Lachen; Hoffnung tröste mit Geduld:
Es kann leichtlich Gottes Huld aus dem Regen Sonne machen.
Jesu, hier leid ich mit dir, dort teil deine Freud mit mir.

Lasset uns mit Jesus sterben; sein Tod uns vom andern Tod
rettet und vom Seelverderben, von der ewiglichen Not.
Lasst uns töten hier im Leben unser Fleisch, ihm sterben ab,
so wird er uns aus dem Grab in das Himmelleben heben.
Jesu, sterb ich, sterb ich dir, dass ich lebe für und für.                                                                                S. von Birken 1653, EG 284

Das ist mir persönlich den Mund zu voll genommen. Wenn es denn sein muss, dann möchte ich so tapfer sein können. Aber als Selbstaufforderung geht es mir zu weit. Nachfolgen, wenn er ruft – ja. Aber nachahmen, um einem hohen Ideal zu entsprechen – nein. Die Lebenshaltung, die Petrus sucht und lehrt, hat nichts mit Verherrlichung des Leidens zu tun. Mit Petrus ist keine Leidens-Mystik zu machen. Aber er will dazu helfen, das unausweichliche Leiden anzunehmen – so wie es Christ*innen an Jesus sehen. Er ist seinem Leiden nicht ausgewichen.

Der andere Hinweis ist nicht weniger wichtig „Ihr seid umgekehrt“ – das markiert kein punktuelles Verständnis, erst recht kein Datum, das abgefragt wird – es ist der Beginn eines lebenslangen Prozesses. Umkehr ist eine tägliche Übung. Ganz so, wie es Luther verstanden hat: “Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht „Tut Buße“ usw.(Matth. 4,17), hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“(1. These der 95 Thesen, 1517) Die Leute, an die Petrus schreibt, sind nicht fertig im Glauben, noch nicht am Ziel, nicht perfekt. Er will sie auch nicht perfektionieren. Aber er will sie ermutigen: Ihr habt nun ein neues Ziel für euren Lebensweg und einen Gefährten, in dessen Spur ihr gehen könnt.

Auffällig: Das Konkrete – die Regelung des Miteinanders von Herren und Knechten, Knechten und Herren verschwindet in dieser kurzen Passage irgendwie im Hintergrund. Diese Regelung ist Anlass. Aber der Anlass führt zu ganz grundsätzlichen Aussagen über Christus. Die gelten für Knechte und Herren. Dass sie hier in besonderer Weise das Selbstwertgefühl der Abhängigen stärken sollen, kann leicht übersehen werden. Dabei ist es eine bleibende Herausforderung: Wie gehen wir mit denen um, die von uns abhängig sind. Wie stellen wir uns zu denen, von denen wir abhängig sind?  Die Antwort ist keine Theorie, sondern sie wird in der alltäglichen Lebenspraxis gegeben – von jedem, ob Knecht oder Herr.

Christus Du, wahrer Mensch und wahrer Gott, Bruder im Leiden, Hirte unserer Seele, Weggefährte unserer Lebensreise. Du Christus, wie oft habe ich danach geschaut, nach Fußspuren, denen ich nachgehen kann, denen ich mich anvertrauen kann, die mir den Weg zum Leben zeigen. Deine Spuren sehe ich. Sie werden mir vor Augen gemalt. Sie locken mich.

Aber: Ich traue mich nicht in diese Fußspur zu treten. Das werde ich nicht können – so höre ich meine innere Stimme – das eigene Recht loslassen, schweigen zu unfairen Angriffen, mich einfach dem Schutz Gottes vertrauen, waffenlos, ohnmächtig und doch gelassen. Du aber versprichst: In meiner Fußspur wachsen Dir Liebe, Geduld, Treue, Hingabe zu.

Darum will ich – fragend, suchend, glaubend Deinen Spuren folgen, an Dir Maß nehmen, Dich nachahmen. Und so magst Du es schenken, dass ich auf den Wegen meines Lebens Dir nachgestaltet werde. Amen