Alltäglich glauben

1. Petrus 2, 11- 17

11  Ihr Lieben, ich ermahne euch als Fremdlinge und Pilger:

So sieht Petrus seine Briefempfänger. Sie sind Geliebte – das ist die Binnensicht. In der Gemeinde sind sie Brüder und Schwestern. In der Außenperspektive sieht es anders aus: Fremdlinge und Pilger. „Ich bin ein Gast bei dir, ein Fremdling wie alle meine Väter. (Psalm 39,13) Hier stehen in der griechischen Übersetzung der Septuaginta die gleichen Worte, die Petrus verwendet. Und Abraham bezeichnet sich, als er die Begräbnisstätte für Sara erwirbt, mit genau diesen beiden Worten – „Fremdling und Beisasse“(1. Mose 23,4). Die Christen „sind „Rechtlose in der Fremde. παροκος ist der Fremde, der an seinem Aufenthaltsort kein Bürgerrecht hat, παρεπιδμος derjenige, der sich für kurze Zeit in fremder Umgebung aufhält.“(N. Brox, aaO. S.111) Das sind Beschreibungen, die aus der Situation entstehen, die aber, so zeigt es der Rückbezug auf den Psalm, doch zugleich grundsätzlich gemeint sind: so steht es um die Christen in der Welt.

Aufgegriffen wird dieser Gedanke der grundsätzlichen Fremdlingschaft in Liedern der späteren Christenheit. Beispielhaft für andere:

Ich bin ein Gast auf Erden und hab hier keinen Stand;
der Himmel soll mir werden, da ist mein Vaterland.
Hier reis ich bis zum Grabe; dort in der ewgen Ruh
ist Gottes Gnadengabe, die schließt all Arbeit zu.

So will ich zwar nun treiben mein Leben durch die Welt,
doch denk ich nicht zu bleiben in diesem fremden Zelt.
Ich wandre meine Straße, die zu der Heimat führt,
da mich ohn alle Maße mein Vater trösten wird.      
P. Gerhardt 1667, EG 529

Solche und ähnliche Lieder haben den Christen den Vorwurf eingebracht, dass sie „nicht der Erde treu“ seien, sich in eine bessere Welt hinein träumten. Ein Vorwurf, wie er durch die Worte Fremdlinge und Pilger auch hindurch schimmert. Petrus aber nimmt diesen Vorwurf und macht daraus eine Würdebezeichnung, münzt ihn um zu einem Ehrentitel. Ja, inmitten einer vergehenden Welt sind die Christen unterwegs – fremd, Pilger aus einer anderen Wirklichkeit und auf dem Weg in eine größere Wirklichkeit. Dieses „Selbstverständnis steuert das Handeln.“(T. Popp, aaO. S.223) Darauf laufen die folgenden Ermutigungen hinaus.

Diese Art Ermahnung zum Leben als Pilger hat Niederschlag in einem Lied gefunden, das in seinen Gedanken ganz nahe bei dem ist, was Petrus hier schreibt.

Man muss wie Pilger wandeln, frei, bloß und wahrlich leer;
viel sammeln, halten, handeln macht unsern Gang nur schwer.
Wer will, der trag sich tot; wir reisen abgeschieden,
mit wenigem zufrieden; wir brauchen’s nur zur Not                                                                     
G. Teersteegen 1738, EG 393

Diese Lieder haben Petrus richtig verstanden, darin, dass sie nicht von einem Verzicht reden, sondern von dem Gewinn der Freiheit. Der Pilger wird nicht besessen von seinem Besitz.

Enthaltet euch von fleischlichen Begierden, die gegen die Seele streiten, 12 und führt ein rechtschaffenes Leben unter den Völkern, damit die, die euch als Übeltäter verleumden, eure guten Werke sehen und Gott preisen am Tag der Heimsuchung.

Wer unterwegs ist, muss auf sich selbst achten. Der muss manchmal seinen Lust- wie seinen Unlustgefühlen entgegen treten. Auch hier hat der Liederdichter wohl genau den Sinn erfasst, der in den Worten des Petrus liegt:

Geht’s der Natur entgegen, so geht’s gerad und fein;
die Fleisch und Sinnen pflegen, noch schlechte Pilger sein.
Verlasst die Kreatur und was euch sonst will binden;
lasst gar euch selbst dahinten, es geht durchs Sterben nur.                                                                       
G. Teersteegen, ebda

Das Leben, das sich nur an der Lust und dem Lustgewinn orientiert, hat nach der Überzeugung des Petrus schlechte Karten. Es läuft am Ende ins Leere. Wobei es für die Lesenden heute schon wichtig ist: die Begierden – πιθυμία – sind nicht eng auf die körperlichem Aspekte, das Fleisch, oder gar die Sexualität zu beziehen: Raffgier, Habgier, Machtgier, Geltungssucht, überzogener Ehrgeiz. Das ganze Arsenal, das Menschen antreiben kann, überhitzen kann, ist mit im Blick zu behalten. Was auf den ersten Blick lustfeindlich wirkt, ist doch in Wahrheit ein Schritt in die Freiheit. Aus der Unfreiheit, die sich an das Gefühl und die Lust ausgeliefert sieht, in eine Freiheit, die der Lust ihren Raum lässt, aber nicht die Herrschaft.

Stattdessen gilt es, das Leben zu führen. Es selbst zu bestimmen. Und zwar so, dass es ein rechtschaffenes Leben ist. Im Griechischen steht hier „schön“, καλς. Damit knüpft Petrus an die Ethik seiner Umwelt an. „Der ideale ehrbare Bürger ist der νήρ καλς καί γαθς.“ (T. Popp, aaO. S.225) Der Mann, der für das Schöne und Gute steht. Ganz so, wie es der Sinnspruch über dem Eingang der Alten Oper in Frankfurt weiß: „Dem Wahren, Guten, Schönen.“

Warum ist diese Verbindung zu ethischen Grundsätzen der Umwelt wichtig? Weil sie zeigt, dass Petrus weit davon entfernt ist, abgeschottet von seiner Umgebung zu denken und zu schreiben, eine Wagenburg-Mentalität zu erzeugen, die nur im Schema drinnen-draußen denken kann. Er ist in der Lage, positive Werte aus seiner Umwelt aufzunehmen.Es geht bei seinen Worten um den schmalen Grat zwischen möglicher Einpassung und für die eigene Identität gefährlicher Anpassung.

Zugleich gilt auch: wenn die Christen so leben, dass sie gute Werke – κάλα ἔργα – tun, dass das auch sichtbar wird, dann entziehen sie den Angriffen auf sie, den Verleumdungen den Boden. Mehr noch: sie nötigen die, die sie verachten dazu, Gott zu preisen. Ganz ähnlich heißt es in der Bergpredigt: „So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“(Matthäus 5,16) Salopp formuliert; man sammelt durch gute Werke keine Pluspunkte bei Gott, wohl aber Argumente für das Lob Gottes.

Eine Schwierigkeit darf nicht übersprungen werden. Es besteht eine Spannung in der Sicht der Nichtchristen: einmal sind sie die, die die Christen verleumden, verlästern, missachten. Aber sie sollen auch die sein, die eine ähnliche Sicht auf das haben, was „gute Werke“ sind. Das führt zur Frage: Was bringt sie dazu, die Christen zu verleumden? Eine Antwort könnte sein: Die Christen halten sich von allem fern, was ihnen im öffentlichen und privaten Raum religiöse Kompromisse abverlangen könnte. Das macht sie eben nicht nur zu Außenseitern, sondern trägt ihnen auch den Vorwurf religiöser Intoleranz und Arroganz ein. „Die Christen werden von ihrer Umgebung als Übeltäter, wenn nicht als Verbrecher verleumdet.“(W. Schrage, aaO. S.86) Diese negative Sicht soll aufgebrochen werden durch das „alltagsethisch gute Verhalten“, das zeigt: wir sind doch auch ganz normale Leute.

13 Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen, es sei dem König als dem Obersten 14 oder den Statthaltern als denen, die von ihm gesandt sind zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lob derer, die Gutes tun.

Wieder geht es um Alltagsethik. Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen. Es gibt für Petrus kein Programm christlicher Welt-Veränderung, das den staatlichen Autoritäten ihre Daseins-Berechtigung bestreitet. Der König, die Statthalter, die Beamten haben ihr relatives Recht – sie dienen der menschlichen Ordnung. „Die Ausübung ihrer Macht ist nicht beliebig, sondern dient dem Ziel, durch die Begrenzung von Gewalt und die Förderung des Guten die sichere und geordnete Existenz der im Staat zusammen lebenden Menschen zu gewährleisten.“ (T. Popp, aaO. S.236) Wenn sie das ordentlich tun, muss man sich nicht fürchten. Sie verteilen Lob und Taten, gemäß den Taten.

Ganz ähnlich kann Paulus schreiben: „Denn vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten.“(Römer 13,3) Das ist doch ein zentrales Bestreben von Christen aus ihrem Glauben heraus: Gutes tun. Im Griechischen nur ein Wort: γαθοποιεν. Aber eines, das Petrus gleich mehrfach gebraucht. Auch sofort wieder im nächsten Satz.

15 Denn das ist der Wille Gottes, dass ihr durch das Tun des Guten den unwissenden und törichten Menschen das Maul stopft – 16 als Freie und nicht als hättet ihr die Freiheit zum Deckmantel der Bosheit, sondern als Knechte Gottes.

Gott will, dass seine Leute Gutes tun. Auch, damit übles Gerede aufhört – über die Christen, aber doch wohl auch: über Gott. Denn wenn die Christen so leben, dass man zu Recht schlecht von ihnen reden kann, dann wird der Name Gottes in Misskredit gebracht, missbraucht. Darum ist es so wichtig, dass Christen ihren Glauben nicht zu einem Freibrief machen – unter dem Motto: Es ist ja die Profession Gottes zu vergeben, zu verzeihen, alles doch irgendwie gelten zu lassen. Wo das geschieht, wird die Freiheit missbraucht, wird sie zum Deckmantel der Bosheit.

Sondern es ist genau anders herum: Gerade weil sie, die Christen Freie sind, sind sie gebunden an den Willen Gottes. Ihre Freiheit besteht im Tun des Guten, nicht in der Möglichkeit, bösartig unterwegs zu sein. Das ist für sie keine Alternative, nichts, was sich aus der Wiedergeburt – das meint ja das lateinische Wort alter natus – als Möglichkeit ergibt. Sondern im Tun des Guten erweisen sie sich als frei – und zugleich als Knechte Gottes.

Knechte Gottes – hier wird die Selbstbezeichnung des Paulus aus seinen Briefen auf die Christen insgesamt ausgeweitet. Sie haben Anteil an der Würde, die der große Apostel für sich beansprucht.

17 Ehrt jedermann, habt die Brüder und Schwestern lieb, fürchtet Gott, ehrt den König!

Es klingt wie eine gleichwertige Reihe und ist doch in Wahrheit differenziert: Allen, so wörtlich πντας, und dem König gebührt Ehre. Respekt. Achtung. Es sind die Menschen um die Gemeinde herum. Sie sollen geachtet werden. „In jedem Menschen soll Gottes Geschöpf, die zur Gemeinschaft mit Gott bestimmte Persönlichkeit gesehen werden.“(U. Holmer, aaO. S.95) Die Christen, die sich selbst der Anerkennung durch Christus gewiss sind, sollen ihrerseits alle Menschen wertschätzend anerkennen, unabhängig von ihrem sozialen Status – alle wie den König, den König wie alle.

Nach innen ist es mit Ehren noch nicht getan. Die Geschwister sind zu lieben. Gott ist zu fürchten. Beides zeigt sich im Tun, nicht im Gefühl, nicht in der Emotion. Wer Gott fürchtet, hält sich an sein Gebot. Wer die Geschwister liebt, tut ihnen Gutes, fördert sie nach besten Kräften. Ich gehe kaum zu weit, wenn ich sage: die Gottesfurcht bewährt und bewahrheitet sich in der Liebe zu den Geschwistern.

Zum Weiterdenken

Es ist mit Händen zu greifen, dass Petrus kein Umsturz-Programm der Christen entwickelt. Er sieht sie nicht in der Lage, die in der Umwelt geltende positive Ethik zu verwandeln. Er sieht keinen Auftrag, die Gesellschafts-Ordnung, in der sich seine Leser*innen vorfinden, irgendwie in ihrem Sinn zu bewegen.

Man wird fragen dürfen, ob seine Ratschläge, mehr ist es in meinen Augen nicht, zu sehr von einem Denken geleitet sind, das dem Staat und der Gesellschaft ihre Ordnung bestätigt, von Untertanengeist und Anpassung. Aus der sicheren Position heute stellen sich solche Fragen leicht. Es gilt auch zu bedenken: Petrus schreibt an Gemeinden, die wissen können, wie kurz der Weg in die Gefängnisse und die Arena ist, wenn man unter Verdacht gerät, wenn man auffällig geworden ist.

            Es ist eine nüchterne Einsicht in die eigenen Möglichkeiten der Gemeinde: Petrus ist weit entfernt davon, dass Modell der Geschwisterlichkeit als Ideal-Modell für die Umwelt zu proklamieren. Nächstenliebe fängt zu Hause an, alternativ leben auch. Innerhalb der Gemeinde sollen die Christ*innen als alter nati leben, als Wiedergeborene. Im Umgang mit der Umwelt gilt es, ihren positiven ethischen Ansätzen zu entsprechen. Es ist seine Unterstellung: Christ*innen und Nichtchrist*innen sind sich einig in dem, was gute Werke sind.

Heiliger Gott. Wir leben davon, dass Du Gutes für uns getan hast. Du hast Deinen Sohn gegeben für uns, Deine Liebe uns zugewendet, uns Dein Erbarmen geschenkt, uns in Deine Treue hineingenommen in der Zeit und für alle Ewigkeit.

Gib Du, dass wir auch Gutes tun, denen wohltun, mit denen wir leben, mit denen wir es schwer haben und auch denen, die wir lieb haben. Gib Du, dass wir nicht so rasch aufgeben, wenn unser Tun kein Echo findet. Du hast Dein Tun uns zugute ja auch nicht aufgegeben, obwohl unsere Antwort oft so zögerlich ist, so halbherzig. Lehre Du uns zu lieben und wo es zum Lieben nicht reicht, führe uns doch wenigstens zu achtsamem Umgehen miteinander. Amen