Wir wolln es gerne wagen

1. Petrus 2, 1 – 10

2,1 So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede 2 und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein,auf dass ihr durch sie wachset zum Heil, 3 da ihr schon geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.

Das geschenkte Heil, σωτηρία, das neue Leben hat Konsequenzen. Es will gelebt sein. Deshalb also: So legt nun ab. Es gibt den Weg in das neue Leben nur in der Abkehr vom alten. „Die Gefährdung durch die alten Verhaltensmuster bleibt. Deshalb bedarf es permanent – aber nicht penetrant – der Paraklese.“(T. Popp, aaO. S.187) Der Ermahnung und Ermutigung zu neuen Schritten. Bosheit, Betrug, Heuchelei, Neid und üble Nachrede sind jede für sich Verhaltensweisen, die das Zusammenleben zerstören. Die nichts, aber auch gar nichts mit Geschwisterlichkeit zu tun haben. Sie höhlen eine Gemeinschaft von innen her aus. Alles, was hier aufgezählt wird, verträgt sich nicht mit dem Leben aus der Wahrheit Gottes. Es ist nicht kompatibel mit diesem neuen Lebensprogramm. Man muss es gar nicht erst sagen: Es ist schlicht vernünftig, solche Verhaltensweisen abzulegen. Auch die Umwelt der christlichen Gemeinde sieht das – damals – so.

Stattdessen: sich nähren wie die neugeborenen Kinder. An der Muttermilch: Grundnahrungsmittel des Anfangs, aber nicht nur des Anfangs. „Wie der Säugling leiblich durch die Milch wächst, so wachsen die Wiedergeborenen geistlich durch das Wort.“(T. Popp, aaO. S.197)

Man hat aus dem Bild ableiten wollen, dass hier frisch getaufte Christen angesprochen wären. Aber das ist nicht schlüssig. Das griechische ς kann sowohl mit „als“ als auch mit „wie“ wiedergegeben werden. Wenn man sich für „als“ entscheidet, dann sind wohl in der Tat frisch Getaufte angesprochen. Liest man aber „wie“, dann geht es um ein Verhalten, das sich über den ganzen Weg des Lebens erstreckt. Das leuchtet mir mehr ein. Es ist von „einem Leben die Rede, das Nahrung braucht, weiter wachsen muss und auch verkümmern kann.“(N. Brox, aaO. S.92) Mit meinen Worten: ich bin ganz darauf angewiesen, dass mir dieses neue Leben geschenkt wird. Aber ich bin durchaus selbst verantwortlich dafür, dass dieses neue Leben in mir wachsen kann. Durch Aufnehmen der Nahrung, die meine Seele nährt. Durch mein Bleiben am Wort, durch Schritte des Gehorsams, durch einen liebevollen Umgang mit denen, die mit mir unterwegs sind.

Bleibt der Hinweis: Hier wird kein Pflichtprogramm aufgefächert, sondern hier wird zu einem Verhalten eingeladen, das aus der Freude kommt, aus guten Erfahrungen schöpft. Da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist. Es wäre einigermaßen töricht, an einem reich gedeckten, liebevoll und freundlich vorbereiteten Tisch zu verhungern. Erst recht, wenn man dem Gastgeber keine größere Freude machen kann als zuzugreifen.

4 Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. 5 Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.

Zu ihm kommt – zum Herrn – so muss man vom vorangegangenen Vers lesen. Das Bild vom lebendigen Stein wird den ganzen Abschnitt bestimmen. Dem Christus als dem einen lebendigen Stein entsprechen die Christ*innen als lebendige Steine. Und, auch wenn es nicht ausdrücklich gesagt wird: Ihre Erfahrung, dass die Umwelt sie ablehnt, ihnen tief skeptisch gegenüber steht, entspricht der Erfahrung Christi: von den Menschen verworfen, aber bei Gott auserwählt und kostbar. Sie teilen sein Geschick. Es geht um Schicksalsgemeinschaft. So wie sie auch der Evangelist kennt: „Denkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten.“(Johannes 15,20) Aber eben nicht nur vor den Menschen, sondern auch vor Gott. In Gottes Ewigkeit.

Der Plural ist hier nicht zufällig, sondern von der Sache her bestimmt. Christsein gibt es nicht im Alleingang. Spitz gesagt: Der protestantische Einzelne, der keine Kirche und keine Mitchristen für den Glauben braucht, ist eine geistliche Fehlentwicklung und nicht das, was das Neue Testament lehrt. Hier eben Petrus. Deshalb ist das Bild vom Haus der lebendigen Steine auch schlüssig. Es signalisiert, dass es um Gemeinschaft geht und es zeigt, dass diese Gemeinschaft der Christen an die Stelle des Tempels tritt. War vorher der Tempel der Ort, um zu opfern, so ist das jetzt das Miteinander der Christen. Das Steinhaus wird abgelöst durch das Haus, das die Menschen miteinander bilden.

„So gewiss dieses Haus nicht durch den Zusammenschluss der Glaubenden, sondern vom Geist geschaffen wird, so gewiss sollen sie an dem Tempel, zu dem sie sich erbauen lassen, die Funktion der Priester ausüben. Da alle angesprochen sind, ist die Unterscheidung zwischen „Priestern“ und Laien aufgehoben.“(W. Schrage, aaO. S.82) Diese Unterscheidung ist nicht von Anfang an da, sondern sie entsteht auf dem Weg durch die Zeit.

6 Darum steht in der Schrift (Jesaja 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.« 7 Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar; für die aber,die nicht glauben, ist er »der Stein, den die Bauleute verworfen haben; der ist zum Eckstein geworden,(Psalm 118,22); 8 und ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses« (Jesaja 8,14). Sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bestimmt sind.

Das Stichwort lebendiger Stein wird weitergeführt. Durch die Zitate aus der hebräischen Bibel. Grundlage ist der auserwählte, kostbare Eckstein. Für Petrus zweifelsfrei: Christus. Wer auf diesem Stein steht, an ihn glaubt, steht auf festem Fundament. Er wird nicht zuschanden. Das sagt der Briefschreiber Leuten, die in ihrer Umwelt oft beschämt dastehen, nicht anerkannt werden. Die verspottet werden: Was habt ihr schon für eine Fundament für euren Glauben. Umso wichtiger: „Jesus Christus gibt denjenigen Ehre, die wegen ihres Glaubens an ihn gesellschaftlich geächtet werden.“(T. Popp, aaO. S. 209)

Dass Petrus diese Stimmen kennt, zeigt die Fortsetzung: Für die Ungläubigen ist er der Stein, den die Bauleute verworfen haben. Nicht mehr tauglich. Unnütz. Als Grundstein eine Fehlinvestition. Deutlich wird dieses Urteil als Unglauben gewertet. „Unglaube bedeutet also, Christus die Anerkennung als von Gott gesetztem Heilsgrund zu verweigern.“(T. Popp, ebda.)

Der Abschnitt über den Eckstein, Grundstein hat unverkennbar Nähe zu den Schlussworten der Bergpredigt: „Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.“(Matthäus 7,24 -27) Die Aufforderung hier wie dort ist deutlich: Stelle Dein Leben auf das feste Fundament des Felsen Christus, des Glaubens an ihn. Das kann man, ohne deshalb und dadurch Fundamentalist zu werden!

Umso irritierender ist dann die Schlusswendung. Sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bestimmt sind. Es ist die Realität, die die Gemeinden erleben, „dass das Wort Ärger macht und Anstoß erregt.“(N. Brox, aaO. S.101) Dass nicht alle glauben, sondern dass der Ruf zum Glauben auf Ablehnung und Gleichgültigkeit stößt. Wohl auch auf sich überlegen gebenden Spott. Diese Ablehnung ist kein Zufall. Sondern in ihr erfüllt sich die Bestimmung von Menschen.

Die Frage, die sich aus dem Wortlaut ergibt, heißt: Ist das vor allem Anfang der Welt so festgelegt? Dann wäre das einer der biblisch ganz seltenen Belege einer Vorherbestimmung zum Verderben. Oder darf man anders verstehen: „Die göttliche Bestimmung geschieht allerdings nicht a priori, vielmehr führt erst die Begegnung mit Christus zur Alternative von Glaube und Unglaube.“(T. Popp, aaO. S.211)Anders gesagt: An Christus scheiden sich die Geister.

So sieht es auch der Evangelist Johannes: „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.“(Johannes 3, 17-18) Es ist nicht ein ewiger Ratschluss, der hier exekutiert wird, sondern eine aktuelle Entscheidung wird in ihrer – ewigen – Konsequenz ins Licht gerückt. Damit wird freilich gleichwohl die Bedeutung dieser Entscheidung nachdrücklich unterstrichen.

9 Ihr aber seid ein auserwählte Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heilige Volk, ein Volk zum Eigentum, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis in sein wunderbares Licht; 10 die ihr einst »nicht sein Volk« wart, nun aber »Gottes Volk« seid, und einst nicht in Gnade wart, nun aber in Gnaden seid (Hosea 2,25).

Ihr aber – wieder die Anrede an die Leserinnen und Leser, die die Verlesung dieses Briefes hören: Ihr habt die richtige Entscheidung getroffen. Ihr steht auf der richtigen Seite. Und jetzt, um diesen persönlichen Schritten zusätzlich Gewicht zu geben. Ihr habt mit eurem Schritt bestätigt, dass ihr erwählteἐκλέκτοι – Leute seid. Ihr gebt Gott mit eurem Schritt Recht. Petrus kann sich gar nicht genug tun: ein auserwählte Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heilige Volk, ein Volk zum Eigentum. Eine wertschätzende Bezeichnung folgt der nächsten – alle gewonnen aus der Schrift. Was für das Königshaus des David gesagt war, was für Israel gültig sein sollte, das gilt für die christlichen Gemeinden, so klein und mickrig sie auch sein mögen.

Wozu sie freilich alle gerufen sind: Sie sollen die Wohltaten Gottes verkündigen. Das griechische ἀρετὰς meint nicht so sehr die Qualitäten der Taten – Wohltaten – als die Qualität des Handelnden – Tugend, Güte, Trefflichkeit. Indem sie so „Gottes Qualität“ loben und preisen, werden sie das Evangelium ausrufen. Christus bezeugen. Dazu haben sie umso mehr Grund, weil es nicht nur ihr Auftrag ist, sondern weil sie damit den Wechsel ihres Lebens bezeugen: Aus der Finsternis in das Licht Gottes, aus der Zerstreuung in die Sammlung als Volk Gottes. Das ist ja die Wohltat, die sie erfahren haben, dass sie zum Volk Gottes geworden sind, dass die Gnade ihr Lebenstraum geworden ist. „Sie hatten nicht zusammen gehört und sich nicht gekannt, und jetzt sind sie – in ethnischer, nationaler und sozialer Mischung – miteinander Gottes Volk.“(N. Brox, aaO. S.107) Wie sollten sie diesen Wechsel nicht als Wohltat, als Geschenk Gottes aller Welt bezeugen. Sie sind in dem, was sie jetzt sind der lebendige Erweis dafür, wie Gott handelt.

Zum Weiterdenken

Das Gewicht dieser Worte liegt in der Wertschätzung, die sie transportiert, nicht in einer Funktion, die aus ihr abgeleitet werden könnte: Die Christen sind nicht allesamt Könige und Priester geworden. Das Priestertum aller Getauften, aller Gläubigen aus diesen Worten gradlinig und einseitig ableiten zu wollen, überstrapaziert den bloßen Wortlaut. Dazu muss man auf anderes mit zurückgreifen: auf die Taufe, auf die Gotteskindschaft, auf die Geistbegabung aller.

Gleichwohl schwingen in den Worten auch Aufträge mit, vor denen die Gemeinde bis heute steht: Sie sollen als Gemeinde leben, die keinen aufgibt, die in Geduld einen langen Atem bewahrt, gerade auch mit den Angeschlagenen. Sie sollen als Gemeinde das heilige Volk sein, in dem einer für den anderen eintritt. Das ist der priesterliche Dienst, den ich als Aufgabe der Gemeinde Jesu Christi glaube: Für einander vor Gott einstehen. In Fürbitte und Fürsprache die vor Gott bringen, die vielleicht selbst den Weg zu Gott und die Worte an Gott nicht mehr finden.

Diese Aufgabe wird allerdings nicht durch „Sollen“ und „Müssen“ einfordert. Sondern wie ein gütiger weiser Seelenführer spricht Petrus ihnen die Wertschätzung, Anerkennung Gottes zu, wie sie in den herausragenden Verheißungen des AT an Königshaus, Priesterschaft und heiligem Volk sichtbar wird. Das wird dann schon das rechte Verhalten auslösen. Es ist ein tragfähiges Konzept: Ermutigung durch Wertschätzung.

   Das allerdings muss man auch sagen: Diese Worte sind ein Widerspruch gegen die weitgehende Entmündigung des Volkes Gottes, der Laien, wie sie sich in kirchlichen Strukturen niederschlägt und die Entfaltung der Gaben der Gemeinden seit Jahrhunderten verhindert. Vor dem Hintergrund dieser Worte wirkt gespenstisch, was vor Wochen als Handreichung in Sachen Abendmahl in Corona-Zeiten verlautbart worden ist. Von diesen Worten des Petrus her kann es kein Unterschied sein, ob ein*e Ordinierte*r oder ein*e Nichtordinierte*r de einsetzungsworte spricht und das Abendmahl in Brot und Wein austeilt. Ich bin davon überzeugt: Wir haben unter dem Vorwand der Ordnung viel zu lange der Entfaltung der Gemeinde, ihrem Mündigwerden im Weg gestanden, Es gibt eine Priesterherrschaft, genauer Theologenherrschaft über die königliche Priesterschaft, die im krassen Gegensatz zu allen steht, was hier über das Haus der lebendigen Steine zu lesen ist.

Mein Gott, Du machst aus uns Leute, die Du an die Arbeit stellst. Du willst, dass wir Deine Zeugen sind, Deine Liebe weitergeben, Dein Erbarmen anderen zuwenden, dass wir aus Deiner Treue selbst treu sind.

Du willst, dass wir es weitersagen, wie Du unser Leben verwandelt hast. Gib Du uns die Freude ins Herz, die gar nicht anders kann, als von Deinen großen Gaben zu singen, zu reden und sich im eigenen Handeln von Dir leiten zu lassen. Amen