Von oben geboren

1. Petrus 1, 22 – 25

22 Habt ihr eure Seelen gereinigt im Gehorsam der Wahrheit zu ungeheuchelter Bruderliebe, so habt euch untereinander beständig lieb aus reinem Herzen.

Das ist der Zielpunkt des Satzes: habt euch untereinander beständig lieb. Solche Liebe kommt aus reinen Seelen und reinen Herzen. Nicht wie von selbst; sonst müsste ja nicht dazu aufgefordert werden. Es ist der Gehorsam gegen die Wahrheit, der reinigt, Seele und Herz, die Person-Mitte. Es ist das Wort, das reinigt: „Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.“(Johannes 15,3) Vielleicht darf man so sagen: „Das Leben aus der Liebe speist sich aus dem glaubenden und hoffenden Hören auf das Wort.“(T. Popp, aaO. S.180)Die beständige Liebe kommt aus dem beständigen Bleiben. Sie ist nicht nur ein äußerlicher Habitus, sondern sie erwächst aus dem Inneren.

            Ungefärbte Bruderliebe – so reden wir heute nicht mehr. Aber es ist stimmig für das Anliegen des Petrus. Ihm geht es nicht um ein Einschwören auf eine weltanschauliche Wahrheit, auf ein kirchliches Dogma. Sondern ihm geht es um die Ermutigung, auf dem Weg des Glaubens zu bleiben. Um die Bestätigung, die einer dem anderen zuspricht: Es ist ein guter Weg. In der Sprache der Religionssoziologie: Es geht um Plausibilität. Vereinzelt lässt sich Plausibilität nicht herstellen. Sie entsteht durch wechselseitige Worte, Gemeinschaft auf dem Weg. Hilfestellung in Zeiten der Angst und Sorge, der Krise.

            „Kommt, Kinder, lasst uns wandern, wir gehen Hand in Hand;
eins freuet sich am andern in diesem wilden Land.
Kommt, lasst uns kindlich sein, uns auf dem Weg nicht streiten;
die Engel selbst begleiten als Brüder unsre Reihn.
Sollt wo ein Schwacher fallen, so greif der Stärkre zu;
man trag, man helfe allen, man pflanze Lieb und Ruh.
Kommt, bindet fester an; ein jeder sei der Kleinste,
doch auch wohl gern der Reinste auf unsrer Liebesbahn.“
                                                                G.   Tersteegen 1738, EG 393

23 Denn ihr seid wiedergeboren nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da bleibt.

Wieder greift Petrus auf das Bild von der Wiedergeburt zurück. Um seinen Lesern zu sagen: Ihr steht in einer neuen Wirklichkeit, die ihr nicht selbst geschaffen habt. Ihr seid in sie hinein geboren. Gezeugt durch das Wort. Es ist ein geschenktes Leben, das ihr so lebt, keine selbst erarbeitete Existenz.

Und: Diese Existenz ist unvergänglich, weil der Same, σπορ (Spora), aus dem sie kommt, unvergänglich ist. Es scheint so, als hätten manche Handschriften des Petrusbriefes aus Jesaja (s.u.) dieses „ewiglich“ oder „in Ewigkeit“ ergänzt: ες τν αἰῶναgenauso, wie es in der Septuaginta steht.

Auf eine Übersetzungsmöglichkeit bin ich gestoßen worden. Statt aus dem lebendigen Wort Gottes kann man auch übersetzen: „aus dem Wort des lebendigen und bleibenden Gottes.“ Vom Griechischen her ist beides möglich und auch beides sinnvoll: Gott ist der lebendige und sein Wort ist ein lebendiges Wort. „Ein Grieche konnte also aus der Formulierung beides heraushören: Das Wesen Gottes, des Lebendigen und Ewigen bestimmt die Qualität dieses Wortes – und die Qualität dieses Wortes Gottes bestimmt wiederum die der Aussaat und der Wiedergeburt.“(U. Holmer, aaO. S.68) 

            Es ist sicherlich nicht falsch, diesen Vers auch im Zusammenspiel mit den Gleichnissen Jesu vom vierfachen Ackerfeld und von der selbstwachsenden Saat (Markus 4, 1 – 9: 26 – 29) zu hören. Noch einen Schritt weiter: Hier sind gewiss die Schriften der Hebräischen Bibel im Blick als das Wort, das bleibt, in Ewigkeit bleibt. Kein Jota soll von diesem Wort fallen.  Aber darüber hinaus – hier ist Jesus im Blick. „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Johannes 1, 14) – „Die neue, kritische Art wie Jesus mit dem alten Gottesmedium Schrift ungegangen war, wird Programm. Das Medium, mit dem Jesus es überbietet, ist er selbst.“ (E. Nordhofen, Schreibt Gott? in FAZ, 11.4. 20) Das ist, was Petrus mit dem lebendigen Wort meint – es ist ihm in Jesus anschaulich, fassbar geworden. Auf diesen Wort schauen, hören, das ist Leben, aus Gott und mit Gott.

 

24 Denn »alles Fleisch ist wie Gras und alle seine Herrlichkeit wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt und die Blume abgefallen; 25 aber des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit« (Jesaja 40,6-8). Das ist aber das Wort, welches euch verkündigt ist.

Jetzt zeigt Petrus, worauf er sich zurück bezieht: Auf die Worte des Propheten Jesaja. In seinen Worten findet er, woran ihm liegt. Es ist die Wirklichkeit des Wortes Gottes, die die Ewigkeit aufschließt, nicht eine wie auch immer beschaffene Wesensart des Menschen. Menschen sind vergänglich, Fleisch, wie das Gras. Da ist nichts Ewiges in uns. Auch kein ewiger Seelenfunke.

Es ist eine harte, schmerzliche Wahrheit:

Schön sind die Blumen, schön sind die Menschen in der frischen Jugendzeit;
sie müssen sterben, müssen verderben, doch Jesus lebt in Ewigkeit.                                                                
Münster 1677, EG 403

Was das Lied auf Jesus bezogen sagt, hat seinen Grund im Satz des Petrus: aber des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit und der weiterführenden Konkretion: Das ist aber das Wort, welches unter euch verkündigt ist. Dieses Wort – hier steht ῥῆμα (rhæma) als das in eine bestimmte Situation hinein gesprochen Wort, „das mich treffende, lebendige Wort“(U. Holmer, aaO. S.69) – ist das Evangelium, ist der den Leserinnen und Lesern verkündigte Christus. In ihr Leben hinein als das eine Wort, das Leben schafft.

Zum Weiterdenken

Es ist ein kühnes Bild: Von oben geboren, gezeugt durch den Samen des Wortes. Noch einmal ἀναγεγεννημένοι. Christen sind in eine neue Existenz versetzt und das allein durch das Wort, das in ihnen Wurzeln geschlagen hat, das Echo des Glaubens ausgelöst hat. Darin ist sich der Petrusbrief mit den anderen Schriften des Neuen Testamentes einig: Glaube ist keine menschliche Möglichkeit, sondern Gottes Geschenk. Es scheint, das Kirchen, die über Jahrhunderte hin eine religiöse Monopolstellung hatten, genau an dieser Stelle vor einer großen Herausforderung stehen, nämlich die eigene Unfähigkeit, Glauben gewissermaßen traditionsgestützt weitergeben zu können, zu akzeptieren, damit sie neu um das Geschenk des Glaubens in ihre Zeit hinein bitten lernen.

Mein Jesus. Du schenkst mir das neue Leben, Deine Gnade, Dein Erbarmen. Du löst mich heraus aus den Lasten der Vergangenheit. Aus den Anklagen, die mich fertig machen wollen.

Aber Du stellst mich mit Deinem Schenken auch an die Arbeit, dass ich mich in Deine Liebe berge, Deinem Vergeben traue, aus Deinem Erbarmen lebe, meine Vergangenheit loslasse, wenn sie mich verklagen und festhalten will, dass ich den Weg in die Freiheit auch wirklich gehe, den Du mir geöffnet hast. Amen