Gott entsprechen

1. Petrus 1, 13- 16

13 Darum umgürtet die Lenden und stärkt euren Verstand, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.

Darum. Weil das alles gilt. Aus den großen Zusagen folgt die Aufforderung, ihnen im eigenen Leben Raum zu geben. „Wer lebendige Hoffnung hat, wird entsprechend leben.“(T. Popp, aaO. S.161) Das ist kein rein passiver Akt: Stärkt euren Verstand.

In der alten Luther-Übersetzung von 1964 hieß es dafür: umgürtet die Lenden eures Gemüts. Das mochte heutigen Leser*innen als Bild zunächst Schwierigkeiten machen, aber wer sich erinnert; „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, der versteht leichter, was gemeint sein kann: Dem eigenen Gemüt Festigkeit geben durch einen Gürtel, so wie ein Gürtel hilft, den eigenen Körperschwerpunkt zu stabilisieren.

Im Griechischen steht hier mit δίανοια ein Wort mit vielen Schattierungen: „Das griechische „dianoia“ ist mehrdeutig: Gemeint ist Denkkraft, Verstand, Gesinnung, Gedanke, aber auch Gemüt oder Gedankenwelt – all das ist in dem Ausdruck enthalten. In der LXX (= Septuaginta – die griechische Übersetzung des Alten Testamentes) ist „dianoia“ meist Übersetzung für Herz.“(U. Holmer, aaO. S.49) Es geht also um eine Haltung, die aus der Person-Mitte kommt und eine geistig-seelische Einstellung zu Menschen, Dingen und Situationen einschließt. Es geht demnach um mehr als um die intellektuellen Fähigkeiten, als das Denkvermögen. Das schließt gleichwohl nicht aus, nüchtern zu sein – νήφοντες, besonnen, sachlich.

Dabei wird diese „seelische Verfassung“, weil sie nicht aus sich selbst ihre Kraft hat, sofort wieder zurückgebunden an die Gnade. Sie ist in der Offenbarung Jesu Christi zugänglich geworden. In seinem Erbarmen, seinem Vergeben, seiner Treue, seiner Güte.

14 Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, in denen ihr früher in eurer Unwissenheit lebtet; 15 sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. 16 Denn es steht geschrieben (3.Mose 19,2): »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.«

„Hoffende aber sind die Christen nur als Gehorsame.“(W. Schrage, aaO. S.73) Ganz nahe ist diese Überlegung des Exegeten bei dem berühmten und so provozierenden Satz: „Nur der Glaubende ist gehorsam und nur der Gehorsame glaubt.“ (D. Bonhoeffer, Nachfolge, München 1976, S. 35) Der Gedanke wird fortgesetzt, jetzt aber mit einem anderen Bild: die Angeredeten sind Kinder. Ihr Kind-Sein wird näher bestimmt durch das Adjektiv: gehorsam. Kinder, die so sind, wie es sich der Vater, die Mutter, die Eltern wünschen. Die auf sie hören – das meint ja das Wort „gehorchen“ zuerst und zuletzt. Nicht eine „Autoritätsstruktur“, unter die man sich, manchmal widerwillig beugt, sondern ein Vertrauensverhältnis, das aus dem Hören kommt.

Kinder Gottes – so würde ich ergänzen. In der Bergpredigt wird auch indirekt auf diesen Status als Kinder Gottes angespielt: „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“(Matthäus 5,48)Auch hier führt die Anrede als Kinder zur Aufforderung, das angemessene Verhalten zu suchen. Sich abzuwenden von alten Verhaltensmustern, von der Knechtschaft unter Begehrlichkeiten und Wünschen. Was das im Einzelnen ist, wird nicht gesagt. Begierden, – πιθυμαις reicht als pauschaler Hinweis für die Lesenden. Offensichtlich verlässt sich Petrus darauf: Das Wort als solches löst Bilder im Kopf seiner Leser aus. Sie werden wissen, was gemeint ist.

Es gibt eine Zeit im Leben, auch bei Kindern, da sieht man ihnen vieles nach. Sie sind noch nicht verständig. Sie haben noch nicht den Überblick. Sie sind einfach noch zu klein um zu verstehen, was sie tun, was sie anstellen. Das alles schwingt mit in dem Wort Unwissenheit. Es geht allerdings nicht um fehlende intellektuelle Einsicht, sondern γνοία, Unwissenheit ist „in erster Linie existentielle Verschlossenheit und somit auch eine verkehrte Orientierung des Daseins und Handelns.“(T. Popp, aaO. S.165) Es führt zu falschen Entscheidungen, wie sich auch andernorts zeigt: „Den Fürsten des Lebens habt ihr getötet. Den hat Gott auferweckt von den Toten; dessen sind wir Zeugen. Nun, liebe Brüder, ich weiß, dass ihr’s aus Unwissenheit getan habt wie auch eure Oberen.“(Apostelgeschichte 3, 15.17) Es ist der Gnade Gottes zu danken, dass er solche Zeiten der Unwissenheit nicht gegen uns wendet.

Es geht in den wenigen Worten um mehr als nur um eine Abkehr von Lastern und schlechten Gewohnheiten. Verzicht macht noch keine neuen Leute. Sondern es geht, positiv gewendet, um eine Entsprechung zu Gott – so wie sie das Bergpredigtwort auch anspricht: Weil Gott, der die Leser*innen des Briefes berufen hat, heilig ist, sollen auch sie heilig sein. Und das nicht nur am Sonntagmorgen oder zu irgendwelchen Höhepunkten des Lebens: in eurem ganzen Wandel. Ἀναστροφή. Im Benehmen, im Verhalten. Darum also sollen sie, die das lesen, sich mühen: Dass in ihrem Wesen, ihren Worten und Werken etwas aufleuchten kann von der Wirklichkeit des Vaters im Himmel.

Zum Weiterdenken

Hüten muss man sich davor, in solchen Worten so etwas wie eine Perfektionismus-Forderung zu hören. Es ist ein ausgesprochen bitterer und zugleich verfehlter Vorwurf, jemandem vorzuhalten, wenn er sich nach dem eigenen Urteil falsch verhält: „Und Du willst Christ sein?“ Es geht im Christsein nicht um das perfekte, vollkommene, fehlerfreie Leben. Damals nicht. Heute nicht. „Heilig“ ist nicht fehlerfrei. Sondern heilig sind die, die zu Gott gehören, die auf ihn zu hören suchen, die in ihrem Leben die Wege Gottes zu gehen suchen. Die Zugehörigkeit zu Gott macht heilig, nicht die eigene Vollkommenheit. Aber, das ist auch mitgemeint, diese Zugehörigkeit zu Gott verpflichtet auch: ihr lebensmäßig zu entsprechen.

In einer Welt, in der jeder nach seinem Gusto lebt, ist das eine fremde Botschaft: So leben, dass das eigene Leben Gott entspricht. Ihn abbildet. „Die Bibel kennt bereits den Appell, sich durch Heiligkeit Gott ähnlich zu machen. Im Umwelt-Milieu heidenchristlicher Gemeinden lautet dieses Schriftwort „Seid heilig, weil ich heilig bin“, wie der Aufruf zum Überlaufen auf die Seite Gottes.“(N. Brox, aaO. S.77f.) Dass diese Botschaft weltfremd wirkt, daran hat sich bis heute nichts geändert.

Adel verpflichtet – habe ich gelernt. Mein Herr Jesus, dass ich Deinen Namen trage, mich Christ nennen darf, verpflichtet mich zu einem Leben, das Deine Güte widerspiegelt, das die Gnade nicht billig macht, das der Gerechtigkeit den Weg bahnen will – zuallererst in meinem eigenen Tun und Lassen.

Schenke Du es doch, dass mein Leben durchsichtig wird hin auf Dich, Deine Güte und dein Erbarmen, Deine Treue und Dein Vergeben. Amen