Festhalten im Glauben

1. Petrus 1, 1 – 12

1 Petrus, Apostel Jesu Christi, an die auserwählten Fremdlinge, die in der Zerstreuung leben, in Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asia und Bithynien, 2  nach der Vorsehung Gottes, des Vaters, durch die Heiligung des Geistes zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi: Gott gebe euch viel Gnade und Frieden!

Ein Brief mit höchster Autorität. Petrus, der diesen Brief schreibt, ist nicht irgendwer, sondern Apostel Jesu Christi. Er „versteht sich nicht als Privatperson, die einen nichtöffentlichen Brief schreibt, sondern als Abgesandter Jesu Christi, der eine zur öffentlichen Verlesung in der Gemeinde bestimmte Botschaft verfasst hat.“(T. Popp, Die Kunst der Konvivenz. Theologie der Anerkennung im 1. Petrusbrief, Leipzig 2010, S.123) Ob der Schreiber wirklich der Jünger Simon Petrus, der Weggefährte Jesu ist oder ob sich einer nur seinen Namen „leiht“, ist demgegenüber zweitrangig. Wichtiger ist, was er zu sagen haben wird – ob es eine Weisung im Geiste Jesu ist, in der Spur einer Stärkung und Ermutigung zum Glauben und zum Leben.

Wichtiger ist vor allem auch, wer die Adressaten sind: die auserwählten Fremdlinge, die in der Zerstreuung leben. Schon das alte Gottesvolk aus Israel hatte diese Erfahrung machen müssen, dass sie in der Zerstreuung lebten – in Babylon, in Medien, in Ägypten. Das wiederholt sich nun auch für das neue Gottesvolk der Christusgläubigen. Sie sind Fremde in einer Welt, die sie als Fremde wahrnimmt – bestimmt durch „Fremdheit der Geburt, der Sprache und Sitte sowie der Götter.“(T. Popp, aaO. S.125) Sie sind für ihre Zeitgenossen Außenseiter.

Keine Mehrheitskirche, sondern eine verschwindende Minderheit, wie hingestreut als winzige Samenkörner auf ein riesiges Ackerfeld. Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asien und Bithynien. Diese Namen römischer Provinzen umfassen fast ganz Kleinasien. Dort leben sie in der Fremde. „Die Christenheit ist noch nicht am Ziel, sie lebt noch im Provisorium.“ (W. Schrage, Der erste Petrusbrief, NTD 10, Göttingen 1973, S.66)

Hier, mit der Aufzählung der Landschaften, wird schon der Charakter des Briefes erkennbar: Kein Schreiben an nur eine Gemeinde – eher eine Art „allgemeiner Hirtenbrief“ an eine ganze Region. Ein Rundschreiben. Darum auch die Zuordnung zu den „katholischen“, ist gleich allgemeinen Briefen des neuen Testamentes.

Angesprochen sind die Fremdlinge in der Welt als auserwählte Leute, als ausersehene. Mag sein, sie sind verstreut, aber sie sind dennoch nicht wahllos verstreut. Auserwählt, ausersehen. κλεκτος κατ πργνωσιν. Was mit ihnen ist, ihnen widerfährt, so könnte man vom Griechischen her lautmalerisch folgern, ist im Vorwissen Gottes prognostiziert. Sie sind aus dem Willen Gottes auserwählt. Er hat sie auch in dem, es sie durchmachen müssen zu dem gemacht, was sie sind. Ihr ganzes Sein liegt an Gottes Initiative.

Diese Initiative Gottes findet ihre Verwirklichung auf der Seite der Christen in der Heiligung zum Gehorsam und in der Besprengung mit dem Blut Christi. Ich übersetze für mich: in der Befreiung zu einem neuen Leben. Diese Befreiung ruht auf der Hingabe (=Blut) Christi und auf dem Gehorsam, der sich dieser Hingabe seinerseits hingibt, anvertraut.

Der Abschluss des Briefanfangs ein Segenswort: Gnade und Frieden! Das sind Gaben Gottes, die er gerne und reichlich gibt.

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, 4 zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch, 5 die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.

Auf das Segenswort folgt nahtlos der Lobspruch. Über dem, was Gott getan hat. Dieses Tun Gottes, auf das Petrus zurückblickt, ist seine Gnade. Sie hat ihren Ankerpunkt in der Auferstehung Jesu Christi. Aus diesem Geschehen nährt sich unsere Hoffnung. Nicht als etwas, was wir durch starken Willen aufrechterhalten, sondern als etwas, in das wir hinein gestellt sind, hineingeboren sind. Wenn man so will: Es ist eine zweite, neue Existenzweise, zugeeignet, geschenkt. „Die Wiedergeburt ist der Beginn eines nie endenden Lebens aus Gott und bei Gott. Sie ist der Anfang eines Lebens mit ungeahnten Perspektiven.“(U. Holmer, Der erste Brief des Petrus, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.31)

Die Hoffnung der Christen hat ihre Stabilität von Christus her. „Nicht die Hoffnung als solche ist das Proprium des christlichen Glaubens, sondern ihre Verknüpfung mit der Auferstehung Jesu Christi.“(T. Popp, aaO. S.143) Es mag sein, dass Hoffnungen in dieser Welt zuschanden werden – diese Hoffnung ist ein unvergängliches und unbeflecktes und unverwelkliches Erbe. Niemand hat darauf Zugriff, kein Kaiser, kein Tribun, keine Weltmacht. Denn die, denen dieses Erbe zugesagt ist, werden für den Empfang bewahrt. φρουρουμένους Das Wörterbuch belehrt: φρουρέω – „bewachen, beschützen, achthaben.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul-u.Handwörterbuch, München 1957, S. 793 ) Weil die, die erben und das Erbe kostbar sind. Folgerichtig heißt der Satz, der auf dieser Hoffnung basiert, nicht: „Alles ist gut“, sondern: „Alles wird gut – in der Ewigkeit Gottes.“

Das geschieht an denen, die aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werden zur Seligkeit. Die Wendung: durch den Glauben zur Seligkeit, δι πστεως ες σωτηραν, könnte so auch bei Paulus stehen. Es scheint, als würde der Petrus, der hier schreibt, seinen Paulus kennen und an dieser zentralen Stelle mit ihm zutiefst übereinstimmen.

6 Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, 7  auf dass euer Glaube bewährt und viel kostbarer befunden werde als vergängliches Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus.

Die Zukunft, auf die Petrus seine Leute verweist, ausrichtet, ist geprägt von der Freude. Diese Freude überstrahlt die Leiden der Zeit, die mancherlei Anfechtungen, die Zeiten, die von Traurig sein überschattet werden. Im Hintergrund können Einwände stehen: Lohnt sich der Glaube denn? Was bringt es denn, als ein Glaubender, als eine Glaubende unterwegs zu sein? „Es gibt Argumente gegen Freude und Hoffnung, denn vorläufig bringt das Christsein „Trauer“ und „Leiden“ ein.“(N. Brox, Der erste Petrusbrief, EKK XXI, Neukirchen 1979, S.63) Fragen, die bis heute nicht verstummen.

Diesen Fragen begegnet Petrus mit seinem Verweis auf das Ziel der Zeit, auf das Ende der Zeit, auf die Erfüllung aller Zeiten, wenn offenbart wird Jesus Christus. Wieder drängt sich die Parallele zu Paulus auf: „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“(Römer 8, 18)

Es ist eine Sicht, die befremden kann: Die Leiden der Zeit sind eine Art Läuterung, in der der Glaube sich bewähren soll, seine Kraft erweisen. Der Glaube macht das Leben nicht leichter, er lässt nicht unberührt durch das Leben schweben, fußhoch abgehoben von der Wirklichkeit, er bewahrt nicht vor dem Schmerz des Lebens, aber er trägt in allem Leide.

In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ!
Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist;
hilfest von Schanden, rettest von Banden.

Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja.
Zu deiner Güte steht unser G’müte, an dir wir kleben im Tod und Leben;
nichts kann uns scheiden. Halleluja.                           C. Schneegaß 1598, EG 398

So steht die Freude am Ende und die Gewissheit, dass es der Freude entgegen geht, lässt die Herausforderungen der Zeit annehmen.

8 Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, 9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.

Die Freude hat ein Gesicht, trägt einen Namen: Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb. Es ist die Freude an Jesus, im Gegenüber zu Jesus. Es ist ja die Situation der Glaubenden in Kleinasien, so wie es die Situation der Glaubenden heute ist: Sie glauben an Jesus, den sie nicht gesehen haben, jetzt auch nicht sehen, der ihnen aber doch das Herz abgewonnen hat. Sie stehen mit diesem Glauben und mit ihrer Liebe in der Spur, die schon im Johannes-Evangelium gelegt ist: „Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“(Johannes 20, 29)

Diese Liebe und dieser Glauben beruhen also nicht auf persönlicher Kenntnis oder ekstatischer Schau. Sie gründen vielmehr auf das Evangelium bzw. auf das Wort.“(W. Schrage, aaO. S.71) Unser Glauben hat das Schauen noch vor sich. Aber die Worte des Petrus wollen Gewissheit schaffen: dieses Schauen kommt und wandelt alles in eine unaussprechlicher und herrlicher Freude.

10 Nach dieser Seligkeit haben gesucht und geforscht die Propheten, die geweissagt haben von der Gnade für euch 11 und haben geforscht, auf welche und was für eine Zeit der Geist Christi deutete, der in ihnen war und zuvor bezeugt hat die Leiden, die über Christus kommen sollten, und die Herrlichkeit danach. 12 Ihnen ist offenbart worden, dass sie nicht sich selbst, sondern euch dienen sollten mit dem, was euch nun verkündigt ist durch die, die euch das Evangelium verkündigt haben durch den Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt ist, – was auch die Engel begehren zu schauen.

Es wirkt wie ein Blick in die Geschichte: worauf die Propheten gehofft haben, was sie geweissagt haben – das ist für die gegenwärtige Generation bestimmt. Und für alle Generationen nach ihnen. Es ist eine im Neuen Testament einmalige Aussage: In den Propheten war der Geist Christi am Werk. Was sie gesagt haben, das ist Dienst an den jetzt Lebenden, an diesen Fremden, die durch schwere Zeiten gehen. Was ihnen verkündigt wird, das begehren auch die Engel zu schauen. „Angesichts ihrer Abwertung durch die pagane Mitwelt bedeutet der abschließende Vergleich mit den Engeln eine eminente Aufwertung.“(T. Popp, aaO. S. 159) Diese Christen, die als weltfremd gelten, in einer fremden Welt leben – sie sind das Ziel des Handelns Gottes über alle Zeiten hinweg. Was für eine Botschaft für bedrängte Menschen!

Zum Weiterdenken

Diese Fremdheit, dieses sich erleben als παρεπιδήμοι, Fremde ist nicht zeitbedingt und zufällig. „Die wahre christliche Existenz kann auch in der besten aller möglichen Gesellschaften, symbolisch gesprochen, nur „unter dem Kreuz stehen“, und sie wird ihre Identität nur in bezeugender Nichtidentifizierung mit den Forderungen und Interessen der Gesellschaft erweisen. Christen werden auch in der „klassenlosen Gesellschaft“ Fremde und Heimatlose sein. Diese Differenz muss in allen Solidarisierungen beachtet werden.“(J. Moltmann, der gekreuzigte Gott, München 1972, S. 22) Das sind Sätze, die der gängigen volkskirchlichen Anpassung an die Gesellschaft auf schärfste Weise widersprechen.

Es ist ein weitgehend aus dem kirchlichen Sprachgebrauch verschwundenes Wort: Wiedergeburt. Ἀναγεννήσας. Und es ist kaum die aktuelle Selbstbeschreibung der Christen. Dabei ist es für das Selbstverständnis der ersten Christen zentral, hält es doch fest, das sie in ein neues Leben hinein gestellt worden sind. Sie sprechen nicht davon, dass sie zum Glauben gekommen sind, sondern es ist ihnen widerfahren. Als eine Geburt von oben. Ganz so, wie es Jesus zu Nikodemus sagt: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“(Johannes 3, 3) ἄνωθεν – von oben, von neuem. Auf Lateinisch: alternatus.

Es ist wohl die Folge eines geschichtlichen Anpassungsprozesses, dass wir Christsein nicht mehr als Alternative sehen und beschreiben und darum auch nicht mehr von der neuen Geburt zu reden wagen. Vielleicht ist es an der Zeit in einer Zeit, die zunehmend entkirchlicht wird und das „christliche Erbe“ nur noch rudimentär wahrnimmt, wieder zu den Anfangsbeschreibungen zurück zu finden – wir sind Fremde, wir sind, was wir sind, weil wir in ein neues Sein versetzt sind. Von oben geboren.

            Wenn offenbart wird Jesus Christus. Auf Griechisch: ν ποκαλψει ησο Χριστο. Da steht für offenbart eine Form des Wortes Apokalypse. Für uns heute ein Schreckenswort. Wir reden immer dann von Apokalypse, wenn das Chaos um sich greift, der Untergang droht. Ganz anders hier: Im Offenbar-Werden Jesus geschieht Heil, wird Rettung, kommt die Welt, kommen die Christen zu ihrem guten Ziel der Vollendung.

            Und: jetzt ist eine kleine Zeit der Anfechtungen, der Zumutungen, in denen das Leben überschattet wird. Darf man das auch auf die gegenwärtigen Corona-Zeiten hin lesen?  Sie verlangsamen das Leben, sie erzwingen für viele einen Rückzug auf die eigenen vier Wände. Sie schneiden von gewohnten Kontakten ab und erzwingen Distanz. Das alles ist, vor allem, weil ein Ende nicht abzusehen ist, auch bedrängend. Der Rat des Petrus: Es geht um ein Lernen von Umgang mit der Zeit, der ihr entspricht, den Augenblick als kostbar zeigt und darum auch nicht dem Augenblick und der vermeintlichen Freiheit die gemeinsame Zukunft opfert. Vielleicht ist es das, was in diesen Tagen am eindringlichsten zu lernen ist: dass es Zukunft nur gemeinsam gibt und dass sie nicht individuell leichtfertig vertan werden darf.

 

Mein Gott. Wie klein und unbedeutend kommen wir uns oft vor, als Einzelne und als Gemeinschaft der Glaubenden. Wir zählen nicht wirklich im Machtspiel der Welt.. Aber Dir sind wir wertvoll. Du hast uns gerufen und erwählt und geliebt. Du bewahrst uns auf dem Weg durch die Zeit. Du öffnest uns einen weiten Horizont über alle Zeiten hinweg: Deine Ewigkeit. Du legst die Hoffnung in unsere Herzen, damit wir widerstandsfähig werden, den Leiden der Zeit standhalten, festhalten am Glauben, auch im Gegenwind. Amen