So Gott will

1.Korinther 16, 1 – 12

1 Was aber die Sammlung für die Heiligen angeht: Wie ich den Gemeinden in Galatien geboten habe, so sollt auch ihr tun! 2 An jedem ersten Tag der Woche lege ein jeder von euch bei sich etwas zurück und sammle an, so viel ihm möglich ist, damit die Sammlung nicht erst dann geschieht, wenn ich komme. 3 Wenn ich aber gekommen bin, will ich die, die ihr für bewährt haltet, mit Briefen senden, dass sie eure Gabe nach Jerusalem bringen. 4 Wenn es aber die Mühe lohnt, dass ich auch hinreise, sollen sie mit mir reisen.

Es ist ein kühner Sprung und doch nur ein kleiner Schritt: „nehmt immer zu in dem Werk des Herrn“(15,58) hat Paulus eben gemahnt und kommt jetzt – folgerichtig? – auf die Kollekte zu sprechen, die er seit Jahren sammeln lässt. Eine Sammlung zugunsten der Gemeinde in Jerusalem. λογεα ist eine Spende, nicht eine Steuer, freiwillige Gabe und kein Zwang.

Warum sammeln alle Gemeinden für die in Jerusalem? Warum diese Unterstützung? „Es geht darum, geistliche und materielle Gaben miteinander zu teilen und in der Not solidarisch zu sein.“(W. Klaiber, aaO. S. 276) So ist diese Sammlung – für die Armen in Jerusalem, wie es auch heißt (Galater 2,10) – ein Zeichen für die Einheit der Kirche. Weltweit damals – über die Ägäis hinaus bis nach Jerusalem, das kaum einer der Spender in Korinth jemals zu Gesicht bekommen wird.

Ist es Regelungswut oder Menschenkenntnis, die Paulus zu seinen praktischen Vorschlägen treibt? Er legt ein Verfahren nahe, das unabhängig von Gefühlsschwankungen macht: an jedem ersten Tag der Woche etwas zur Seite legen. Das erinnert an den Dauerauftrag, möglichst am Ersten des Monats. Nicht von dem, was übrig bleibt, sondern vorab zurücklegen – weil sonst vermutlich nichts übrig bleiben wird.

Der Vorschlag ist klug. Und er lässt Freiheit: Jede und jeder sammle an, so viel ihm möglich ist. Wie es für ihn stimmt. Die alte Luther-Übersetzung 1964 hatte noch: was ihn gut dünkt – nahe am griechischen εὐοδέω „einen freien Weg haben“(Gemoll, aaO. S. 342). Jeder also wie es ihm gefällt. Aus freiem Herzen geben, nach den eigenen Möglichkeiten. Dieses Anspar-Verfahren erspart auch die Beschämung, sich plötzlich verpflichtet zu fühlen, geben zu müssen, wenn Paulus wieder da ist.

Die Sammlung soll – auch hier wird wieder sichtbar, wie Paulus auf denkbare Empfindlichkeiten in Korinth Rücksicht nimmt – von Beauftragten der korinthischen Gemeinde nach Jerusalem gebracht werden. Das mag einmal dem dienen, dass es kein falsches Gerede gibt. Aber es nimmt zugleich auch die Gemeinde mit in die Verantwortung: Es ist eure Sammlung und ihr übergebt sie. Paulus ist bereit, diese Gemeindebeauftragten zu begleiten, wenn es der Sache dient. So lese ich: Wenn es aber die Mühe lohnt… Was aus dieser Absicht geworden ist, wissen wir nicht.

5 Ich will aber zu euch kommen, sobald ich durch Makedonien gezogen bin; denn durch Makedonien will ich nur durchreisen. 6 Bei euch aber werde ich, wenn möglich, eine Weile bleiben oder auch den Winter zubringen, damit ihr mich dann geleitet, wohin ich ziehen werde. 7 Denn ich will euch jetzt nicht nur sehen, wenn ich durchreise; ich hoffe ja, einige Zeit bei euch zu bleiben, wenn es der Herr zulässt.

Es folgen Reisepläne des Apostels. Erst Mazedonien, dann Korinth. Das ist in der Reihenfolge keine Zurücksetzung, denn bei euch aber werde ich, wenn möglich, eine Weile bleiben oder auch den Winter zubringen. Nicht nur ein flüchtiger Besuch, sondern ein längerer Aufenthalt schwebt ihm vor. „Offensichtlich hat er den Eindruck, dass es für die Gemeinde gut wäre, wenn er Zeit für sie hätte.“(W. Klaiber, aaO. S.278) Vielleicht wird man noch weiter gehen dürfen: dass es für sein Verhältnis zur Gemeinde und für das Verhältnis der Gemeinde zu ihm gut wäre, hilfreich, wenn es viel Zeit für das Gespräch gäbe.

Es ist wohl nicht nur eine Floskel: wenn es der Herr zulässt. Sondern Paulus weiß sich in seinem Planen, dem inneren und dem äußeren, geleitet von Gott. Dem κριος. Kyrios. Das kann in gleicher Weise auf Gott und auf Jesus Christus bezogen sein. „Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder jenes tun.“(Jakobus 4,15) So denken sie in der ersten Christenheit und wissen sich ganz abhängig vom Willen des Herrn.

In diesem Wort steckt aber noch mehr: es erlaubt den inneren Abstand zu den eigenen Planungen. Es hilft, sich vor dem Allmachtswahn zu bewahren, der einen glauben machen will, alles hänge am eigenen Wollen und Entscheiden. Paulus weiß sein Wollen eingebettet und begrenzt durch den Willen des Herrn und damit zugleich hilfreich relativiert. Also: ich kann und darf „ich will“ sagen, aber es ist gut, hilfreich, entlastend, sich dabei die „Rahmenbedingung“ wenn es der Herr zulässt immer mit vor Augen zu halten

8 Ich werde aber in Ephesus bleiben bis Pfingsten. 9 Denn mir ist eine große Tür aufgetan zu reichem Wirken; es gibt aber auch viele Widersacher.

Jetzt wird erkennbar: Paulus schreibt diesen Brief aus Ephesus. Dort ist er und will dort auch bleiben – bis Pfingsten. Bis zum „50. Tag nach dem Passafest.“(W. Schrage, aaO. S.440) Hier ist noch nicht vom christlichen Pfingst-Fest die Rede. Das allerdings ist sicher: die Terminangabe lässt eine Datierung zu: Paulus schreibt seinen Brief im Frühjahr.

In Ephesus ist es, wie es ist: es gibt hörbereite und aufnahmebereite Leute für die Botschaft des Evangeliums. Paulus sieht eine weit geöffnete Tür. Es gibt viel zu tun und viele Chancen. Darum will er bleiben. Aber er ist auch nicht blauäugig: auch viele Widersacher sind da. Ἀντικείμενοι. Leute, die widersprechen. Wo das Evangelium gepredigt und gelebt wird, wächst beides – die Bereitschaft zur Aufnahme und der Widerstand. Paulus aber lässt sich mehr von den missionarischen Chancen leiten als von den Widerständen.

10 Wenn Timotheus kommt, so seht zu, dass er ohne Furcht bei euch sein kann; denn er treibt das Werk des Herrn wie ich. 11 Dass ihn nur nicht jemand verachte! Geleitet ihn aber in Frieden, dass er zu mir komme; denn ich warte auf ihn mit den Brüdern.

In der Zwischenzeit wird Timotheus nach Korinth kommen. Für ihn erbittet Paulus einen angstfreien Aufenthalt. Ob das so wird, wird an seiner Aufnahme durch die Gemeinde liegen. Es scheint, als habe Paulus die Sorge, dass Timotheus womöglich ausbaden muss, was er an Ärger mit seinen deutlichen Kritik-Punkten in Korinth ausgelöst haben könnte. Zumal er ja an der gleichen Arbeit steht wie Paulus, das gleiche Evangelium treibt, das Werk des Herrn wie ich. Das meint wohl auch: in der gleichen Wese das Evangelium sieht und verkündigt wie Paulus. Nicht enthusiastisch, nicht abgehoben, sondern nüchtern. Theologie des Kreuzes und nicht Theologie der Herrlichkeit.

Dass ihn nur nicht jemand verachte! Im späteren Brief an Timotheus heißt es: „Niemand verachte deine Jugend.“(1 Timotheus 4,12) Timotheus soll es nicht zu spüren bekommen: du bist ja nur Ersatz, nur Sprachrohr für Paulus.

Darauf hofft Paulus, dass Timotheus nach seinem Aufenthalt in Korinth zu ihm kommt. Geleitet im Frieden. Ich würde sagen: Begleitet von guten Wünschen. Warum Paulus auf Timotheus wartet, muss er nicht sagen, nicht begründen. Vielleicht, weil er ihn einfach gerne bei sich hat, weil er ihm vertraut ist. Mit Paulus warten noch andere Brüder auf ihn. vielleicht ja auch Schwestern.

12 Von Apollos, dem Bruder, aber sollt ihr wissen, dass ich ihn immer wieder gebeten habe, mit den Brüdern zu euch zu kommen; aber es war durchaus nicht sein Wille, jetzt zu kommen; er wird aber kommen, wenn es ihm gelegen sein wird.

Apollos dagegen hat sich von Paulus nicht nach Korinth schicken lassen. „Bruder“ nennt ihn Paulus und macht damit klar: Zwischen uns gibt es keine Spannung. Dennoch folgt er den häufigen Ermahnungen des Paulus nicht, weil er nicht zur der Paulus-Truppe gehört, sondern ihm gegenüber selbständig ist. Immerhin ist Apollos der, auf den sich manche in Korinth berufen als ihren Lehrmeister, ihr Schuloberhaupt. Vielleicht haben sie in Korinth sogar auf das Kommen des Apollos gehofft.

Der aber will durchaus nicht. Jetzt nicht. Oder ist es gar nicht sein Wille, dass er nicht kommt, sondern ein anderer Wille? Der Wille Gottes? θλημα kann beides sein – der Wille Gottes und auch der eigene Wille eines Menschen. Aber wenn Paulus vom Willen Gottes spricht, dann verwendet er – mit einer Ausnahme im Römerbrief – immer die Wendung θλημα το θεοῦ. Das legt nahe, dass es hier um den Willen des Apollos geht. Er will nicht. „Vielleicht schätzt er die Situation in Korinth und seine Möglichkeiten, im Sinne des Paulus versöhnend zu wirken, anders (und realistischer) ein als dieser.“ (W. Klaiber, aaO. S.279)

Irgendwann aber wird Apollos schon kommen. Das klingt vage – erst recht, weil die Wendung fehlt: wenn es der Herr zulässt.

Zum Weiterdenken

Mich beschäftigen diese Mahnungen, weil sie das harmonische Bild, das gerne einmal von der ersten Christenheit gemalt wird, doch ziemlich in Frage stellen. Es ist nicht alles im einfach und sie sind nicht wie von selbst „ein Herz und eine Seele“(Apostelgeschichte 4,32)Es braucht die Erinnerung an Vereinbarungen, die Mahnung auch, sich an solche Vereinbarungen zu halten. Es sind klare Worte nötig, damit ein junger Mitarbeiter nicht zum Blitzableiter für den Ärger wird, der einem anderen gilt. Es braucht Mahnungen zum fairen Umgang, weil der unfaire nicht von vornherein ausgeschlossen ist. Es braucht auch den Hinweis, dass andere Brüder ihren eigenen Weg gehen und auch gehen dürfen. So menschlich geht es unter den Heiligen zu!

Herr Jesus, alles Planen steht unter dem Vorbehalt: Wie Du willst. Aber alles Planen kann auch darauf hoffen, dass Du willst, dass Du unsere Arbeit willst, unser Reden von Dir, unser Leben mit Dir, unser Beten zu Dir, unser Dienen an Deinen Leuten und der Welt.

Danke, dass Dein Wille uns gut ist, dass es uns gut tut, Deinen Willen zu tun. Amen