Die große Verwandlung

1.Korinther 15, 50 – 58

50 Das sage ich aber, liebe Brüder, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können; auch wird das Verwesliche nicht erben die Unverweslichkeit.

Es wirkt wie ein Neueinsatz, vielleicht auch wie ein Atemholen zu einem abschließenden Gedankengang. Noch einmal schärft es Paulus ein: Es gibt keinen natürlichen Übergang und Zugang zum Reich Gottes. „Fleisch und Blut machen das Wesen des natürlichen und sterblichen Menschen in seiner Kreatürlichkeit aus.“(W. Schrage, aaO, S.368) Einmal mehr ist Paulus ganz nahe bei dem, was der 4. Evangelist später schreiben wird und nimmt es gewissermaßen vorweg: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ (Johannes 3,3)

Der gleiche Paulus, dem so viel daran liegt, dass der Gekreuzigte der Auferstandene ist, der Auferstandene der Gekreuzigte, dass es eine nicht auflösbare Identität zwischen den Entschlafenen mit denen, die auferweckt werden, gibt, betont hier die Diskontinuität: Kein nahtloser Übergang. Das Sterbliche ist nicht Reich-Gottes-fähig, wird also die „Unvergänglichkeit“ – so besser statt Unverweslichkeit – nicht erben. Daran liegt Paulus: „Es geht nicht um eine Wiederbelebung der sterblichen, vergänglichen, verwesenden Leiber der Toten, sondern um eine ganz neu geschaffene, dem Wesen Gottes entsprechende Leiblichkeit.“(W. Klaiber, aaO. S.269)

51 Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; 52 und das plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden.

Ein Geheimnis gibt Paulus weiter. μυστριον. Mysterion. Er treibt Mysterien-Verrat. Darin unterscheidet sich ja das junge Christentum von den zahlreichen Kulten seiner Umwelt: Es will gerade keine Geheimlehre für ein paar Eingeweihte sein, für eine ausgewählte Elite. Sondern es ist Botschaft an alle.

Das Geheimnis: wir werden alle verwandelt werden. Es gibt keinen Vorsprung für die, die schon entschlafen sind, genauso auch keinen Rückstand für die, die schon entschlafen sind. Es gibt auch keinen Vorsprung für die, die am lieben jüngsten Tag, zur Zeit der letzten Posaune leben. Es ist offensichtlich: Für Paulus ist es seine Erwartung als realistische Möglichkeit, dass diese letzte Posaune bald erklingt. „Die Wiederkunft Jesu wird noch zu seinen Lebzeiten stattfinden“. (W. Klaiber, ebda.)

Fernab von aller Spekulation über Zeitpunkt ist dies Thema des Paulus: Wir alle werden verwandelt werden. Keiner und keine wird bleiben, wie er oder sie war. „Diese wunderbare Verwandlung betrifft nicht nur etwas am Menschen, etwa seine äußere Gestalt, oder seine innere Struktur, sondern umgreift den Menschen als Ganzen. Er wird nicht bloß verändert, sondern ein radikal anderer werden, und zwar inklusive seiner Leiblichkeit.“(W. Schrage, aaO. S.372) Anders gesagt: Es geht bei der auferstehung nie um eine rückkehr in die Wirklichkeit, wie sie vor demn Tod ist, sondern in eine neue Wirklichkeit. Es geht nicht zurück in die alte Normalität, sondern in einer „neue Normalität“, die ihr Sein ganz aus Gott hat. 

Das aber geschieht im Nu. Plötzlich. ν τμ. In einem unteilbaren Moment. Es ist kein Prozess, keine langsame Entwicklung. Sondern das Reich Gottes kommt am Ende, zur Zeit der letzten Posaune – von einem Augenblick auf den anderen.

Es ist wichtig, was der Kommentator festhält: „Bei Paulus, den die Sorge um die Identifizierung und Identitätssicherung der vom Tod Erweckten offenbar nicht plagt, geschieht die Verwandlung sofort mit der Auferweckung der Toten. Nicht, dass man sich selbst und andere wieder erkennt, sondern dass Gott schöpferisch und verwandelnd handelt, ist auch hier der springende Punkt.“(W. Schrage, aaO. S.375)So ist es bei Paulus eigentlich immer: Alles hängt daran, dass Gott wirklich und wahrhaftig Gott ist und dass er handelt, wie er schon immer gehandelt hat.

Die etwas bange Frage: Werden wir uns denn wiedersehen und wieder erkennen? tritt in den Hintergrund.

Would you know my name if I saw you in heaven?
Would it be the same if I saw you in heaven?
         E. Clapton 1991

Sie tritt zurück, weil das Bild bestimmt wird von dem einen: Gott erweckt zum neuem Leben. Alles andere darf man dann auch getrost ihm überlassen

53 Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit. 54 Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht (Jesaja 25,8; Hosea 13,14): »Der Tod ist verschlungen vom Sieg. 55 Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?«

Das ist die große Verwandlung, die Paulus kommen sieht. Zugleich machen diese Sätze deutlich: Paulus sieht nicht schon Unsterblichkeit als den Wesensgrund des gegenwärtigen Zustandes. Da ist nichts am Menschen jetzt, was gewissermaßen Unsterblichkeit substantiell mit sich bringt. Es gibt keine unsterbliche Substanz Mensch, nicht am Leib, nicht mit dem Geist, nicht mit der Seele. Sondern Unsterblichkeit wird dem Sterblichen zugeeignet in der Verwandlung am Jüngsten Tag.

In dieser Verwandlung geschieht, was schon lange angesagt ist durch die Propheten: Die endgültige Entmachtung des Todes. Mehr noch: Seine Vernichtung. Er hat ausgespielt und tritt ab von der Bildfläche. Es gibt ihn nicht mehr. Das ist die Zukunft, die Paulus sieht. Darum stimmt er jetzt schon, in der Zeit, in der der Stachel des Todes noch nicht endgültig gezogen ist, doch schon in diese Worte der Propheten mit ein. Leiht sie sich, macht sie sich zu eigen, singt sie als sein eigenes kleines Siegeslied nach.

56 Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz.

Wenn der Tod aber ausgespielt hat, seine Macht verloren hat, dann hat aber auch mit ihm ausgespielt, was ihn so schmerzhaft macht: die Sünde. Und das Gesetz. Er hat keine Handhabe mehr und kein Werkzeug. In der Ewigkeit gibt es keine Sünde mehr und braucht es kein Gesetz mehr. Auch wenn Paulus im Brief an die Korinther die Rolle des Gesetzes nicht so diskutiert wie in seinem späteren Brief nach Rom – das steht für ihn fest: Das Gesetz hat keine Macht mehr über die Christen. Die Sünde hat keine Macht mehr über sie. Weil sie in Christus sind, sind sie frei.

57 Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!

Es ist der Sieg Christi, den Paulus vor Augen hat, der Sieg des Auferstandenen, Auferweckten. An diesem Sieg haben wir als Christen Anteil. Weil Gott uns daran Anteil gibt. Ihn uns an- und zurechnet. Wieder drängt sich der Blick auf den 4. Evangelisten auf: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“(Johannes 16,33)

58 Darum, meine lieben Brüder und Schwestern, seid fest, unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.

Es ist die Antwort auf diesen Sieg, der den Christen voraus ist, der ihnen die Tür weit aufmacht: seid fest, unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn. Die Antwort auf die große Auferstehungshoffnung ist eine nüchterne Beständigkeit im Hier und Jetzt. Ist das Handeln im Geist Christi, das anderen zugute kommt. Ist das Tun, das sich die Hände schmutzig macht in der Schinderei des Alltags, weil es keine Angst mehr davor hat, die helle Zukunft Gottes zu versäumen. Nichts von dem, was wir in dem Herrn tun, ist vergeblich, leer, κενός. Nichts läuft ins Leere. Mag sein, das Tun macht keine Schlagzeilen. Aber es hat Langzeitwirkungen bis in die Ewigkeit.

Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich, still und leise;
und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise.
Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt,
da wirkt sie fort in Tat und Wort hinaus in uns’re Welt.                                                                                      
M. Siebald 1973, EG 621

Zum Weiterdenken

Immer wieder begegnet diese Frage: wie hältst Du es mit der Unsterblichkeit der Seele? Es scheint so vernünftig, logisch, dass irgendetwas am Menschen dafür garantieren kann: Irgendwie geht es weiter. Umgekehrt ist es das Argument derer, die jedes Weiterleben oder jede Existenz jenseits des Todes leugnen: Wenn man Tote seziert, findet ich keine Seele, keinen Geist. Substantiell ist da nichts zu holen. Die Art, wie Paulus an dieser Stelle und in Bezug auf die Unsterblichkeit denkt, macht gelassen gegenüber solchen Anfragen. Weil Paulus lehrt: Es geht nie um irgendwelche ewige Substanz am Menschen, sondern es geht um die ewige Treue Gottes. Sie allein ist der Garant des ewigen Lebens.

Herr Jesus, ich kann mich Dir lassen mit meinen Fragen, meiner Sehnsucht, meinen Hoffnungen. Ich muss es nicht wissen, wie das geht: Auferstehung. Vollendung. Ewiges Leben.

Es reicht mir, dass es Dir entgegen geht, Dir, der uns durch den Tod voraus gegangen ist, den Weg frei gemacht hat, der uns die Tür des Vaterhauses offen hält, jenseits der Zeit. Bis dahin will ich zufrieden sein. Du bist bei uns alle Nächte, alle Tage. Amen