Der Anfang ist gemacht

1.Korinther 15, 20 – 28

20 Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.

Was für ein Kontrast! Eben noch die Gedankenspiele, die auf dem Satz der Korinther fußen: Es gibt keine Auferstehung der Toten. Der Blick in den Abgrund der Sinnlosigkeit. Und jetzt dieser Jubelruf: Nun aber! Νυν δ. Den Gedanken stellt Paulus die Wirklichkeit gegenüber. „Er beendet also die Diskussion über das „was wäre wenn“ und stellt fest, was die Grundlage des Glaubens ist: Gott hat Christus von den Toten auferweckt.“(W. Klaiber, aaO. S.253) Den Gedanken stellt Paulus die Fakten entgegen. Dem „was wäre wenn“ das „ist“. ἐγήγερται – er ist auferweckt. Ἐγείρω – „erwecken, auferwecken, aufstehen machen“ (Gemoll, aaO. S. 237) Es geht um Geschehen, das geschehen ist – darum die Perfektform.

Darüber hinaus: diese Auferweckung ist erst der Anfang. Ἀπαρχὴ. Dem Erstling werden nachfolgen, die entschlafen sind. Wenn man so will: Christus ist der Proto-Typ der Auferstehung. Der gleiche Paulus, der den radikalen Einspruch gegen das Auferstehungszeugnis durchdenkt, bringt hier auf den Punkt, was mit dem Ostertag unwiderruflich in der Welt ist. Mit der Auferstehung Jesu von den Toten fängt eine neue Zeit an – sie ist unaufhaltbar in Gang gesetzt. Auferstehung ist nicht mehr nur vage Hoffnung. Von Leuten, die sich nicht mit dem Tod aller Dinge abfinden wollen. Sie ist Gottestat jetzt und damit verbürgt auch als Gottestat in Zukunft. „Die Auferweckung Jesu ist das Modell für alles Auferstehungsgeschehen.“ (W. Klaiber, ebda.)

Auf diese Gedanken und Sätze des Paulus greifen andere, Paulus-Schüler, zurück: Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde. Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit er in allem der Erste sei. Denn es hat Gott wohlgefallen, dass in ihm alle Fülle wohnen sollte.“(Kolosser 1,18-19)

Ganz ähnlich auch das Osterlied aus unserer Zeit:

Muss ich von hier nach dort – er hat den Weg erlitten.
Der Fluss reißt mich nicht fort, seit Jesus ihn durchschritten.
Wär er geblieben, wo des Todes Wellen branden,                                                            
so hofften wir umsonst. Doch nun ist er erstanden.                                                                                              J. Henkys, 1983, EG 117

21 Denn da durch „einen“ Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch „einen“ Menschen die Auferstehung der Toten. 22 Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.

Um die Zeitenwende, die sich mit dieser Gottestat verbindet, sichtbar zu machen, greift Paulus auf Adam zurück. Mit Adam teilen alle Menschen ihre Sterblichkeit, den Tod. Alle ausnahmslos leben in dieser adamitischen Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit aber ist jetzt durch Christus verwandelt. In Christus werden sie alle lebendig gemacht werden.Das Leben läuft nicht mehr auf den Tod hinaus, sondern auf die Auferstehung aus den Toten.

Alle. Πντες – bezogen auf Adam und auf Christus. Auferstehung, so lese ich, ist also nicht eine Sache des Glaubens, nach dem Motto: Nur wer sie glaubt, erfährt sie auch. Sondern Auferstehung ist eine Sache Gottes – völlig unabhängig, ob wir sie glauben oder nicht. „Man kann nicht gut Adam eine Menschheitsbedeutung zu- und Christus absprechen, auch wenn meist mit Recht festgestellt wird, dass das Schicksal der Ungläubigen bei Paulus ganz im Hintergrund steht, wenn denn überhaupt daran gedacht ist.“(W. Schrage, aaO. S.163) Darüber zu debattieren hat Paulus offenkundig kein Interesse. Ihm geht es einzig und allein darum, dass Gott den Weg durch den Tod zur Auferstehung frei gemacht hat – für alle. Anders gesagt: was mit Christus in der Auferweckung begonnen hat, betrifft alle – Heiden, Juden, Christen, Gläubige und Ungläubige, Fromme und Gottlose.

23 Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; 24 danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.

Es ist erst der Anfang παρχή. Aber der Anfang, der nicht mehr aufzuhalten ist. Und alles läuft nach klarer Ordnung ab. Einer Ordnung, die nicht naturgegeben ist, sondern von Gott gesetzt: Erst Christus, dann die, die Christus angehören; danach das Ende.

In diesem Geschehen herrscht Ordnung. Τάγμα: Dieses Wort hat bei Paulus schon eine Rolle gespielt, als er die Korinther mahnt, darauf zu achten, dass in der Gemeinde, bei den Zusammenkünften alles ehrbar und ordentlich zugeht (14,40) Wie viel mehr achtet Gott selbst darauf, dass in der Auferweckung alles nach guter Ordnung zugeht.

Das Ende ist aber nicht einfach Ende. Es ist Vollendung. Die Welt ist am Ziel. τλος kann übersetzt werden als Ende und als Ziel. Als Vollendung. Darauf läuft die Auferweckung zu: auf eine Welt, in der es keine Herrschaft und alle Macht und Gewalt mehr gibt, weil Christus sie zunichte gemacht hat. Vielleicht darf man mithören: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“(Matthäus 28,18) Da ist dann kein Raum mehr für andere Herrschaften, Mächte, Gewalten.

25 Denn er muss herrschen, bis Gott ihm »alle Feinde unter seine Füße gelegt hat« (Psalm 110,1).

Paulus liest, wie so viele andere in der ersten Christenheit Psalm 110 auf Christus hin. Christus muss herrschen. Das muss – δεdrückt den Gotteswillen aus. Christus reißt die Herrschaft nicht an sich. Sie ist ihm anvertraut, übergeben von Gott, dem Vater. In diesem ganzen Geschehen kommt der Heilswille Gottes zum Zug und ans Ziel.

26 Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod.

Das ist der letzte Feind – der Tod. Er verliert seine Macht. Er wird unwirklich, vernichtet. Das ist Zukunfts-Sicht. Denn in der Zeit der Welt wird weiter gestorben. Diese Wirklichkeit ist nicht aufgehoben, aber sie wird von der Wirklichkeit der Auferstehung schon umklammert, schon ihrer Macht entkleidet. „Begonnen hat seine – des Todes – Entmachtung schon mit der Auferweckung Jesu Christi, vollendet wird sie, wenn dessen Herrschaft an ihr Ziel kommt.“(W. Klaiber, aaO. S.256)

Paulus hat kein entspanntes Verhältnis zum Tod. Er ist ihm nicht das natürliche Ende des Lebens. Auch wenn Paulus so gut wie unsereiner weiß, dass am Ende des Lebens der Tod stehen wird. Dennoch findet er – gut biblisch geschult, dass der Tod ein Widerspruch zum Leben ist und weil Gott doch der „Gott der Lebenden“(Markus 12,27) ist und kein Totengott, dass es kein freundliches Verhältnis zu „Freund Hein“ geben kann. Darum ist die Freude über diese Entmachtung und Vernichtung des Todes bei ihm umso größer. Darauf setzt Paulus und das sieht er hier schon im Anbruch: „Der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.“(Offenbarung 21,4)

27 Denn »alles hat er unter seine Füße getan« (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, „alles“ sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. 28 Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem.

Das Psalmwort aus Psalm 8, das auf den Menschen allgemein ausgerichtet ist, wird von Paulus auf Christus ausgelegt Er ist der, dem von Gott alles übergeben ist. Paulus liegt dabei vor allem daran zu zeigen: Die Herrschaft Christi ist anders als die Herrschaft sonst in der Welt. Die Herrscher in der Welt suchen das Ihre, suchen sich selbst in ihrem Herrschen. Christus aber sucht nichts für sich selbst. Alles, was er sucht ist die Ehre des Vaters. Auch das Reich, das ihm gegeben ist, ihm unterworfen ist, hat er nur, um es dem Vater zu geben.

Das ist dann das letzte Ziel: Gott sei alles in allem. „In Gott und seiner Herrschaft ist alles geborgen.“(W. Klaiber, aaO. S.257) An anderer Stelle sagt es Paulus anders und doch ähnlich, indem er nicht argumentiert, sondern auf einen Hymnus zurückgreift: „In dem Namen Jesu sollen sich beugen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (Philipper 2,10-11)

Zum Weiterdenken

Paulus kann gar nicht hoch genug, groß genug von Christus reden. Er ist über allem, er ist einzigartig, er ist der Anfang der neuen Schöpfung. Und doch kommt er nie auf die Idee, Christus sozusagen in Konkurrenz zu Gott zu setzten. Christus nimmt dem Vater nichts von dessen Ehre und Herrlichkeit und dass Christus dem Vater untertan sein wird, nimmt ihm nichts von Ehre und Herrlichkeit. Darum kann es im Evangelium auch heißen, als wort aus dem Mund Jesu: Ich und der Vater sind eins.“(Johannes 10,30)

Nun aber bist Du auferstanden. Du Gottessohn. Du hast die Pforten der Hölle zerbrochen. Du hast den Weg aufgemacht für uns, der verschlossen war seit Urzeiten. Wie soll ich Dich da nicht anbeten, Dir dienen mit allen anderen, die Du gerufen hast, die Du angesteckt hast mit Deinem Leben, Deiner Liebe, Deiner Kraft.

Du hast in mein Leben hinein gerufen. Du hast in mein Leben Hoffnung gesät, Hoffnung über den Tod und seine Macht hinaus. Dafür danke ich Dir. Amen