Lernstoff Ostern

Markus 16, 9 – 20

9 Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria von Magdala, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte.

             Liest man im Zusammenhang mit dem vorigen Text, so wirken diese Worte wie eine ein wenig unbeholfene Weiterführung. Da ist der erneute Verweis auf den Zeitpunkt: früh am ersten Tag der Woche. Da ist die auffallende Charakterisierung der ersten Osterzeugin Maria von Magdala: sie ist die, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte. Davon hatte Markus im bisherigen Verlauf nichts erzählt. Nur Lukas weiß von ihr, „Maria, genannt Magdalena, von der sieben böse Geister ausgefahren waren,“(Lukas 8,2) so zu berichten.

            Vor allem aber wird sie hier als eine genannt, der er, Jesus selbst, erschienen ist. Im vorhergehenden Text aber ist nicht von einer Begegnung mit Jesu die Rede, sondern nur von dem Jüngling, der im Grab sitzt und die Botschaft Er ist auferstanden, er ist nicht hier.  ausrichtet. Von einer Begegnung Marias mit Jesus erzählt dagegen das Johannes-Evangelium ausführlich und anschaulich. Hier also die Reihenfolge des Markus: erst die Botschaft, dann die Begegnung.

 10 Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten. 11 Und als diese hörten, dass er lebe und sei ihr erschienen, glaubten sie es nicht.

             Wird vorher erzählt, dass die drei Frauen schweigend und furchtsam vom Grab fliehen, so wird hier Maria zur ersten Botschafterin des Auferstandenen. Sie, die selbst ein so zerstörtes Leben hinter sich hat, wird zur Botschafterin an die, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten. Die nur noch ihren Verlust sehen und in ihrer Trauer gefangen sind. So sehr sind sie gefangen in ihrem Schmerz, dass sie den Worten der Maria nicht glauben.

Diese Unfähigkeit, den Worten zu glauben, die von der Begegnung mit dem Auferstandenen reden,  mag auch ein Hinweis darauf sein: Schon in den allerersten Anfängen liegt diese Botschaft von der Auferstehung quer zur Welt- und Lebenserfahrung. Tote sind tot. Sie kommen nicht wieder und erscheinen.

Eine leibhaftige Auferstehung aus den Toten war damals so unvorstellbar wie sie es heute ist. „Die Auferstehung des Gekreuzigten und Begrabenen war das schlechthin Unwahrscheinliche. Diejenigen, die dieses Unwahrscheinliche mit aller Inbrunst liebender Herzen hätten ersehnen müssen, glaubten nicht, dass die ersten Anzeichen da waren.“ (P. Schütz, aaO. S.521) Sie sprengt den Verstehenshorizont des normalen Lebens.

Das wird auch durch die Wortwahl des Markus gezeigt: „Die Erscheinung selbst wird mit dem Wort φνη umschrieben. Das Verb kann in der frühchristlichen Literatur für das erste Auftreten Christi, der sich von der jenseitigen Welt her sehen lässt, verwendet werden, in der griechischen Bibel aber für die Gotteserscheinung.“(J. Gnilka, aaO. S.354) Es geht also, nach der Wortwahl des Markus um eine umstürzende Gotteserfahrung.

 12 Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie über Land gingen. 13 Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht.

             Was hier verkürzt angedeutet wird, kennen wir in der Langfassung von Lukas. Es ist der Weg der Jünger nach Emmaus, auf dem sich Jesus offenbarte in anderer Gestalt.. ν ἑτέρᾳ μορφῇ nach Lukas erklärt sich ihr Nichterkennen nicht aus der anderen Gestalt sondern:„Ihre Augen wurden gehalten“(Lukas 24, 16) Wieder erscheint er und wieder findet das Wort der beiden Zeugen, die davon den anderen berichten, keinen Glauben. Es ist eben doch eine unerhörte und unerwartete Nachricht: Es ist noch nicht vorbei.  

 14 Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen.

             Es ist die dritte Erscheinung, auf die es zuläuft. die Elf sitzen zu Tisch. Und jetzt erscheint er, offenbart er sich ihnen – ihrem Unglauben zum Trotz. Er tadelt sie für ihren Unglauben und ihres Herzens Härte. Sie haben ein Herzproblem, kein Kopfproblem: σκληροκαρδία. Das ist keine Lappalie, dass sie sich dem Zeugnis der Brüder und Schwestern verweigert haben, sich festgeklammert haben an ihrer Trauer und ihrer Weltsicht.

Es gilt für fromme und für unfromme Leute in gleicher Weise: Lieber den Glauben verweigern als das eigene Denken über Gott und die Welt verändern zu lassen – das ist genauso alt wie es modern ist. Aber diese Verweigerung seiner Leute hindert den auferstandenen Jesus nicht. Sie verstellt ihm nicht den Weg, sich zu offenbaren. Und, auch das muss gesagt werden: „Zur Weckung ihres Osterglaubens bedarf es der Christofanie.“(J. Gnilka, aaO. S.355) Dass die Boten und die Botschaft die Herzen erreichen, das geschieht bis heute erst dann, wenn er, Christus, sich offenbart. Sich zu erkennen gibt durch die Menschenworte hindurch, durch das Geschehen in der Zeit hindurch.

 15 Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. 16 Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.

      Obwohl sie sind, wie sie sind, Skeptiker, Zweifler, Menschen mit harten Herzen, werden sie von ihm als seine Boten gesandt. Ob sie für diesen Auftrag besonders begabt waren? Auch hier, auch für sie gilt wohl: „Gott beruft nicht immer die Begabten. Aber immer begabt er die Berufenen.“ Es ist ihr Auftrag, mit dem sie begabt sind und durch den sie begabt werden. Nicht ihre persönliche Qualifikation. Sein Auftrag ist ihre Gabe und Aufgabe.

Ihr Auftrag: Das Evangelium aller Kreatur. Weltweit. Das ist die „Bringschuld“ (C.H. Ratschow, oftmals mündlich in Vorträgen), die die Christen haben. Nicht Weltverbesserung, sondern das Evangelium. Ich spüre bei mir eine tiefe Skepsis, wenn ich glauben soll, dass die Christen die Welt besser gemacht hätten. Sie ist heute so erlösungsbedürftig wie vor 2000 Jahren. Sie blutet heute aus tausend Wunden wie sie schon immer geblutet hat. Und Menschen mit einem Eintrag im Pass: ev.; kath.; orthodox; christlich, haben ein gerütteltes Maß Anteil an diesen Wunden.

Das Wort über Taufe und Glaube erschreckt. Dabei ist doch zuerst einmal eine Verheißung: In Glauben und Taufe öffnet sich der Weg zum Heil. Wörtlich: Zum Gerettet werden. Allerdings gibt es keinen Heils-Automatismus, durch den die Taufe allein durch ihren Vollzug genügt. „Für den Weg zum Heil ist die Gemeinschaft der Kirche, in die die Taufe hineinstellt, sehr wichtig. Aber allein der Glaube entscheidet über Heil und Unheil.“(W. Klaiber, aaO. S.321) Ein bisschen schade und bedenklich finde ich es schon, dass dieses Wort aus den liturgischen Texten zur Taufe verschwunden zu sein scheint.

17 Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: In meinem Namen werden sie böse Geister austreiben, in neuen Zungen reden, 18 Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden; auf Kranke werden sie die Hände legen, so wird’s besser mit ihnen werden.

             Was hier gesagt wird, geht weit über die Zusagen hinaus, wie sie Markus für die Zwölf kennt: „Und er setzte zwölf ein, die er auch Apostel nannte, dass sie bei ihm sein sollten und dass er sie aussendete zu predigen und dass sie Vollmacht hätten, die bösen Geister auszutreiben.“ (3, 14-15) Die Zeichen, die hier aufgezählt werden, werden gebunden an den Glauben. Das alles geschieht in meinem Namen.

Es sind Zeichen, wie sie auch die Apostelgeschichte des Lukas erzählt. Immerhin: „Am Ende der Seelenzerfaserung der Angst – so stellt diese Erzählung in Aussicht – werden wir zugleich fähig, in anderen Sprachen zu reden. Es ist eine Verheißung, diesen Kern unseres Umgangs miteinander betrifft.“(E. Drewermann, aaO. S. 733) Ein Miteinander, das Hören und Verstehen in sich trägt, der Wahrheit des/der Anderen Raum gönnt und nicht sich allein in der Wahrheit wähnt.   Aber, obwohl hier solche extraordinären Gaben regelrecht aufgezählt werden, die Gabe des Exorzismus, Zungenrede, Heilkräfte weit über das Normale hinaus und ein Geschütztsein gegen Gifte aller Art, kommt ihnen doch kein besonderes Gewicht zu. Sie sind geradezu beiläufig, Folgen. Mehr nicht. Die Hauptsache muss die Hauptsache bleiben:  Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.

Es ist, wie nebenbei, eine Grundsatzklärung. Es gibt eine Reihenfolge, die nicht beliebig ist: Die Botschaft geht der Begegnung voraus, die Begegnung führt – hoffentlich – ins Hören und dann auch ins begabt Werden und beauftragt Werden und durch das Gehorchen ins Tun.  Das Tun steht als Konsequenz des Glaubens am Ende, nicht am Anfang.

 19 Nachdem der Herr Jesus mit ihnen geredet hatte, wurde er aufgehoben gen Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes.

             Es folgt eine „Himmelfahrts-Notiz“. Es ist der Herr Jesus, κριος ησος, der aufgehoben wird gen Himmel.  Nur hier, innerhalb aller Evangelien steht diese Wendung. Als ob signalisiert werden sollte: Jetzt erst ist es vollgültig möglich zu sagen: Jesus ist der Herr. „Gerade die Vision von der Himmelfahrt Jesu, gerade diese Vision, wie der Menschensohn Platz nimmt zur rechten Gottes, ermöglicht die klare Vorstellung, dass alle Dinge der Welt nicht die Welt selber sind und die Welt als ganzen nicht das letzte.“ (E. Drewermann, aaO. S, 731) Es geht weiter, es gibt mehr als uns unsere kurze Sicht lehren will. Hinter dem Horizont wartet der Himmel.

 20 Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen.

So gesandt brechen sie auf. Sie gehorchen ihrem Auftrag. Sie rufen das Reich aus an allen Orten. Sagen das Evangelium. Verkündigen Jesus als den Christus Gottes, als das Heil der Welt. Und er, er ihren Augen längst entzogen ist, bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen. Der zur Rechten Gottes sitzende Christus wirkt durch seine Jünger. Er lässt sie nicht allein auf ihrem Weg des Gehorsams. Er lässt sie auch nicht einfach nur gewähren. Es ist sein Werk, das sie tun.

Zum Weiterdenken

Die Kommentare sind sich selten einig: „Der Abschnitt ist ohne Zweifel späte Zufügung, weil der Abbruch in V.8 eine solche forderte. Er fehlt in den ältesten Handschriften.“(E. Schweitzer, aaO. S.217) Seine Entstehung erklärt sich aus seiner Funktion: „Wahrscheinlich wurde er als eine Art „Osterkatechismus“ im Gemeindeunterricht benutzt.“(J. Gnilka, aaO. S.353)

Es könnte auch sein, der ganze Abschnitt ist eine Antwort auf die Frage der Skeptiker, die es wohl schon in der ersten Gemeinde schon gegeben hat, wie man sich das „vorstellen“ solle, es denken solle mit Auferstehung und Begegnung. „Es ist noch keiner zurückgekommen“ ist nicht erst heute volkstümliche Aussage zum Thema Jenseits. Es ist eben nicht so, dass alle auf Ostern gewartet haben und gesagt haben: Gut, dass die Sache Jesu weitergeht.

Genau deshalb ist der „Nachtrag“ zu Markus nicht überflüssig,  auch nicht irgendwie zweitrangig. Sondern er zeigt, wie die so unerhörte Botschaft von der Auferstehung des Gekreuzigten in der ersten Gemeinde angeeignet, durchbuchstabiert und weitergegeben wird.  Und zeigt damit, welche Aufgabe auch vor uns liegt: Die Botschaft von der Auferstehung des Gekreuzigten aneignen, durchbuchstabieren und weitergeben.

 

Mein Jesus. Ich werde es wohl nie wirklich begreifen. Du bist auferstanden. Du sitzt zur Rechten Gottes. Du hältst Deine Hand über uns. Wie wenig reichen Worte aus, um diesen Umsturz der Welt zu erfassen. Manchmal spüren wir die Kraft Deiner Auferstehung, wenn es zu Versöhnung kommt, wenn wir Barmherzigkeit wider alle Erwartung erfahren, wenn wir Treue erleben, die sich nicht beirren lässt.

Manchmal spüren wir Deine Gegenwart, wenn ein Wort von Dir unser Herz erreicht, uns den Rücken stärkt, neu auf den Weg nach vorne stellt. Gib uns immer wieder solche Erfahrungen Deiner Gegenwart, damit wir der Welt sagen, was wir glauben: Du bist auferstanden. Du bist da. Du bist uns nah, heute und morgen und in Ewigkeit. Amen