Auferstanden

„Man denke sich, dass dieser Schluss fehle. Man denke sich, jene stille Grablegung wäre das letzte Wort, das auf uns gekommen ist – dann wäre das Ganze eine rührende, vielleicht erschütternde Geschichte.  Die rührende, vielleicht erschütternde eines heiligen Menschen, der – wie schon oft vorher und nachher – dem Unverstand der Welt zum Opfer fiel. Nein, es wäre dies nicht, es wäre unendlich weniger. Es wäre nur die Geschichte eines Betrügers oder – eines Schwärmers, der sich selbst betrog.“(P. Schütz, aaO. S.505f.)

Markus 16, 1 – 8

 1 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.

             Der Sabbat ist vorüber gegangen. Still. Es gibt nichts über diesen Tag zu berichten. Erst als der Sabbat vorüber ist, ist wieder Raum für Aktivitäten. Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome kaufen ein – wohlriechende Öle. Weil sie dem Toten noch seine Würde geben wollen. Ihre Liebe erweisen. Dadurch, dass sie ihn salben. Es ist, als würden sie ihre unbekannte Vorgängerin aus Betanien (14, 3 – 9) nachahmen wollen. Diese Einkäufe muss man sich am Abend des Sabbat-Tages denken. Der Sabbat ist ja schon mit dem ersten Stern am Himmel vergangen. Da bleibt noch Zeit für Einkäufe.

  2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. 3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?

             Sie sind am ersten Tag der Woche – nach unserer Zählung am nächsten Tag, unserem Sonntag – morgens sehr früh auf den Beinen. Bei Sonnenaufgang. Ihr Weg führt sie zum Grab. Sie wissen, wo es ist, weil sie ja bei der Grablegung zugesehen hatten. So wissen sie auch, dass sie ein Problem haben werden mit dem Zugang zu dem Toten: da liegt ein schwerer Stein vor des Grabes Tür. Selbst wenn es „nur“ ein Rollstein ist – wie sollen sie den weg bekommen? „Aus eigener Kraft gibt es nicht einmal einen Zugang zu der Erinnerungsstätte des Grabes.“(E. Drewermann, aaO. S. 691)So liegen über ihren Schritten Ungewissheit und Traurigkeit. Und wie anders sollte dieser Weg enden als in Traurigkeit?

4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

             Indem sie so ihr Problem bereden, ohne eine Lösung zu wissen, werden sie es gewahr. θεωροσιν. – „betrachten, wahrnehmen, erwägen, überlegen“(Gemoll, aaO. S. 374) Das Wort Theorie steckt in diesem griechischen Wort. Aber sie haben keinerlei Theorie für das, was da auf sie zukommen könnte. Nur das wird festgehalten, dass sie sehen, einigermaßen irritiert: Der Stein ist weggewälzt. Es klappt ein bisschen nach: denn der Stein war sehr groß. Eigentlich hätte das vorne zum Gespräch der Frauen auf den Weg gepasst – hier wirkt es wie ein Nachtrag. Wie auch immer: Weil der Stein weggewälzt ist, haben sie jetzt einen freien Zugang in das Grab und, so hoffen sie wohl, zu dem Toten.  

 5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.

             Sie, Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome, betreten das Grab und sehen sich einem Jüngling, νεανίσκος, gegenüber. Keinem Engel. Jedenfalls wird der Sitzende nicht als solcher benannt. Er sitzt zur rechten Hand, auf „der glückverheißenden Seite“(J. Gnilka, aaO. S.341) So, als würde er dorthin gehören. Gekleidet mit einem langen weißen Gewand. Wie von selbst kommt die Erinnerung an die Erzählung von der Verklärung: „Seine Kleider wurden hell und sehr weiß, wie sie kein Bleicher auf Erden so weiß machen kann.“(9,3) Am Ort des Todes leuchtet – jetzt schon – eine Wirklichkeit auf, die den Horizont der Welt sprengt.  

             Darum ist es kein Wunder: Sie entsetzten sich. ξεθαμβθησαν. Diese drei Frauen stehen vor einer Wirklichkeit, die zum Fürchten ist, die ihr Denken übersteigt, ihren Horizont sprengt. Sie haben die „Vision eines Jünglings, der bekleidet ist mit dem Lichtglanz des Himmels, angetan mit dem Strahlengewand der Sonne und der Wolken.“(E. Drewermann, aaO. S. 693) Wie anders als entsetzt soll man da reagieren? „Es ist eine Reaktion, die typisch für die Begegnung mit dem Göttlichen ist.“(W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.313)

             Wenn wir das heute nicht mehr so recht begreifen können, dann mag darin etwas sichtbar werden von der Harmlosigkeit, die wir mit Gott und der Begegnung mit Gott verbinden. Das haben frühere Zeiten noch gewusst: Vor der Majestät Gottes müssen wir vergehen. Da können wir nicht bleiben, wie wir sind. „Fürchtet euch nicht!“ rufen die Engel Gottes, wenn sie Menschen gegenübertreten, aus der verborgenen Wirklichkeit des Himmels in unsere Welt. Wo das Göttliche uns berührt, werden wir in unseren Lebensgrundlagen erschüttert bis aufs Mark. Und eben nicht nur bestätigt.

  6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.

        Der Jüngling nimmt das Wort. Er weiß, was sie suchen, wen sie suchen. Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Aber sie werden vergeblich suchen. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Sein Ort ist nicht bei den Toten. Wer ihn bei den Toten sucht, findet nur Vergangenheit, den Ort, wo sie ihn hingelegt hatten. Aber da ist er nicht mehr. Es ist hart, aber wohl wahr: „Die Suche der Frauen ist ebenso töricht wie ihr Vorhaben, den Leichnam zu salben.“(J. Gnilka, aaO. S.342) Es ist nicht töricht unter den Wirklichkeits-Voraussetzungen der Welt, wie wir sie zu kennen meinen. Aber es ist töricht von der Wirklichkeit Gottes her.

Daran hängt alles – Er ist auferstanden. Ohne dies gibt es keine Zukunft mit Jesus. Keine Zukunft für die Kirche. Keine Zukunft für die Welt. Im Griechischen heißt es genau: „Er ist auferweckt worden.“ Nicht er hat sich selbst neu auf den Weg gemacht „Gott hat eingegriffen und das Los des Gekreuzigten gewendet.“(J. Gnilka, ebda.)Er hat ihn, den die Welt in einer konzertierten Aktion verworfen, verurteilt und zu Tode gebracht hat, aus dem Tod gerufen. Gott hat in der Auferweckung Jesu das Urteil der Menschen aufgehoben und sein Wort bestätigt: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“(1,11) Oder, noch kürzer: „Dieser Auferstandene ist das Evangelium“ (P. Schütz, aaO. S.506)

7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

             Und er, der nicht mehr hier, ist seinen Jüngern und Petrus voraus, auch den Frauen. Darum ruft sie der Jüngling jetzt nach vorne, auf einen neuen Weg. Nach Galiläa. Dorthin, wo alles angefangen hat. Aber es ist kein Weg zurück zu einem seligen Anfang, sondern ein Weg nach vorne. Ich verstehe „Galiläa“ nicht nur geographisch, sondern als eine Wegweisung in den Alltag ihres Lebens. Vor ihnen liegt eine neue Begegnung mit dem Auferstandenen.

Warum ausdrücklich: und Petrus? Ich habe nur eine Idee. Diese Erwähnung des einzelnen Jüngers ist das Signal: auch der, der sich ganz von Jesus losgesagt hatte, der ihn nicht mehr kennen wollte, nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte, ist nicht aufgegeben. Die Auferstehung Jesu ist ein neuer Anfang auch für ihn.  Ein neuer Anfang, weil Jesus nicht dem Tod das letzte Wort lässt. Auch nicht der Abkehr und Verleugnung.

 8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

             Gute Nachrichten müssen nicht immer Euphorie ausüben. Sie können es wohl auch gar nicht, wenn sie die Weltwirklichkeit, wie wir sie kennen, so ins Wanken bringen. Wir sind Botschaften von Auferstandenen nicht gewöhnt. – so sehr wir uns auch an das alljährliche Ostern gewöhnt haben mögen.

Die Frauen mit ihrem Zittern und Entsetzen erinnern uns daran: hier geschieht, was die Welt umstürzt. Die Ordnung der Welt, wie wir sie kennen: Tot ist tot, und es gibt nur ein Leben vor dem Tod, zerschlägt. Uns in das Vertrauen ruft: da ist einer unterwegs vor dir, der hat den Tod hinter sich gelassen. Und du wirst ihn, auf dem Weg ihm nach, auch hinter dir lassen.

Ich glaube, dass man so einen Weg gar nicht anders gehen kann als in Zittern und Entsetzen. τρμος κα κστασις. „Furcht und Ekstase.“ Außer sich. Nicht mehr Herr seiner selbst. Da ist es auch nicht wirklich erstaunlich, dass sie nichts sagen. Niemandem. Dass sie schweigen, weil sie diesem ganzen Geschehen doch in keiner Weise gewachsen sind.

Zum Weiterdenken

Wer meint, dass er verstanden habe, was hier geschehen ist, in dieser Nacht zwischen Sabbat und Morgengrauen, der hat wohl noch nicht verstanden: wir alle reden von der Auferstehung als von einem Ereignis, das unser Denken und Begreifen übersteigt. Das alle unsere Worte darüber als Gestammel enthüllt. Und alles Erklären-wollen als den Versuch, den Himmel und das Meer mit dem Sand-Eimerchen unseres Verstandes auszuschöpfen.

Darum stimme ich ausdrücklich zu: „Die Ungesichertheit des Auferstehungsgeschehens zwingt mich zur Hingabe ohne Vorbehalt und verbürgt dem sich Hingebenden, dass er den gegenwärtigen Christus empfange.“(P. Schütz, aaO. S.512) Ungesichert ist das Geschehen, weil es unseren Horizont übersteigt und durchbricht.  Gott aber hat mit diesem Geschehen der Welt eine neue Zukunft eröffnet.

Das Evangelium, dieses Evangelium des Ostermorgens macht mir Mut, zu glauben, dass auch in „meinem Galiläa“ der Weg nicht so aussieht, dass ich nur von Erinnerungen zu leben haben. Von Erinnerungen an die Jesuszeit vor über 2000 Jahren. Von Erinnerungen an die guten alten Zeiten der Kirche, wo sie noch gehört wurde und noch zu sagen hatte. Wo sie noch etwas galt. Sondern vor mir und vor allen anderen auf dem Weg des Glaubens liegt ein Weg neuer Begegnungen mit Jesus. Ich weiß nicht, wie sie aussehen werden, weil ich ja die Zukunft nicht kenne. Aber ich darf glauben, für mich und für alle anderen, dass wir auf diesem Weg den treffen, der sich erbarmt, der den Weg zu Gott öffnet, der Vergebung schenkt, der die Tränen trocknet, der Leben heil machen kann und will, wenn wir uns nur ihm anvertrauen.   

 

Jesus, deshalb kann ich zu Dir rufen, mit Dir rechnen in meinem Leben, weil der Vater Dich aus den Toten gerufen hat, weil Du auferstanden bist, weil der Tod nicht das letzte Wort behalten hat.

Darum kann ich mich Dir anvertrauen, weil es sich hier zeigt: Du bist der geliebte Sohn. Der Vater steht hinter allen Deinen Worten, hinter Deinem Erbarmen, Deinem Vergeben, Deinem Heilen, hinter Deiner Liebe.

Deine Auferstehung lässt es mich glauben: Das Ziel meines Lebens ist nicht der Tod, sondern das Leben, Leben in Dir, mit Dir, bei Dir für immer und ewig. Halleluja. Amen