Letzte Ehre

Markus 15, 42 – 47

42 Und als es schon Abend wurde und weil Rüsttag war, das ist der Tag vor dem Sabbat, 43 kam Josef von Arimathäa, ein angesehener Ratsherr, der auch auf das Reich Gottes wartete, der wagte es und ging hinein zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu.

Es ist ein umständlicher Satzanfang. Weil der Zeitpunkt des Geschehens geklärt wird. Der Abend des Passa-Tages vor dem nachfolgenden Sabbat. Erst hier wird durch diese Angabe deutlich: Alles spielt sich an einem Freitag ab. Vielleicht ist die Umständlichkeit aber auch der Aktion geschuldet, die nicht ohne Risiko ist.

Josef von Arimathäa begegnet uns im Evangelium nur hier. Er ist ein angesehener Ratsherr. Aber wahrscheinlich kein Mitglied des Hohen Rates in Jerusalem. Das war das Gremium, von dem galt, dass der ganze Hohe Rat den Tod Jesu beschlossen hatte. Deshalb liegt es näher: Er ist ein Ratsherr seiner Heimatstadt. Wichtiger als die Lokalisierung seiner Herkunft – irgendwo im Norden Judäas – ist jedoch, dass er auch auf das Reich Gottes wartete. Er ist keiner der Jünger Jesu, aber einer, der auch, wie so viele der Anhänger Jesu, auf das kommende Reich Gottes hofft, der vielleicht deshalb von dem Prediger Jesus und der Predigt Jesu eben eben doch berührt war: „Das Reich Gottes ist herbeigekommen,“(1.15)Vielleicht will er ja diesem Prediger nach dem Tod eine letzte Ehre erweisen?

Es ist ein hohes Risiko, das er eingeht. Sich den Leichnam – im Griechischen steht hier σμα, was eigentlich nicht Leichnam, sondern Leib heißt – eines Hingerichteten zu erbitten, könnte gefährlich sein für den Bittenden, ein gefährliches Licht auf ihn werfen: Ist er etwa ein Sympathisant dieses Gekreuzigten, der doch, so die Sichtweise der Römer, wegen politischer Umtriebe hingerichtet worden ist ?

Dabei will Josef zunächst einmal wohl nur tun, was das jüdische Gesetz gebietet. „Wenn jemand eine Sünde getan hat, die des Todes würdig ist, und wird getötet und man hängt ihn an ein Holz, so soll sein Leichnam nicht über Nacht an dem Holz bleiben, sondern du sollst ihn am selben Tage begraben – denn ein Aufgehängter ist verflucht bei Gott -, auf dass du dein Land nicht unrein machst, das dir der HERR, dein Gott, zum Erbe gibt.“(5.Mose 21,22-23) Das könnte durchaus ein Motiv für das Handeln des Josef sein: Weil er auf das Reich Gottes wartet, will er das Land vor der Unreinheit bewahren. Es ginge dann in der Bitte des Josef primär nicht um die letzte Ehre für den toten Jesus, sondern um die zu Gott hin offene Zukunft für Israel.

 44 Pilatus aber wunderte sich, dass er schon tot sei, und rief den Hauptmann und fragte ihn, ob er schon lange gestorben sei. 45 Und als er’s erkundet hatte von dem Hauptmann, gab er Josef den Leichnam.

             Pilatus ist erstaunt, dass es so rasch gegangen ist mit dem Sterben Jesu. Dass er dies erst durch die Bitte des Josef von Arimathäa erfährt, zeigt, wie wenig ihn diese Hinrichtung und ihr Verlauf interessiert hat. So lässt er sich jetzt erst den Hergang des Todes Jesu berichten – von dem Hauptmann. Dem unter dem Kreuz. Als der den Tod Jesu bestätigt, gibt Pilatus den Leichnam – diesmal stimmt das Wort: πτμα -, frei. „Voraussetzung ist, dass die römische Praxis die Freigabe der Leichen der Gekreuzigten auf besonderen Antrag vorsah.“ (J. Gnilka, aaO. S.333) 

Es ist also keine Sonderbehandlung, die der Leichnam Jesu erfährt. Er ist für Pilatus nur eine Leiche mehr – oder jetzt: eine weniger, um die er sich nicht mehr kümmern muss. Trotzdem fällt auf: Markus schreibt, dass er Josef den Leichnam schenkte. Nicht nur „gab“, wie es die Luther-Übersetzung sagt. Δωρέω „schenken, verschenken“.(Gemoll, aaO. S.234) Unser schöner Name Dorothea kommt von diesem Wort her – Gottesgeschenk. Das kennzeichnet das Verhalten des Pilatus als Großzügigkeit, zu der er nicht verpflichtet war, die aber nachträglich mit seiner zögerlichen Haltung in der Verurteilung zusammenpasst.

Der kurze Auftritt bei Pilatus ist zugleich wichtig als eine ganz klare Bestätigung: Jesus ist wirklich am Kreuz gestorben. Und was dann anschließend ins Grab gelegt wird, ist ein wirklicher Toter und kein Scheintoter. Sozusagen mit der amtlichen Todesfeststellung durch die römische Behörde und ihre Fachleute, in diesem Fall dem Hauptmann des Hinrichtungskommandos, versehen. Seine Soldaten haben ihren Job gemacht. Erledigt.

 46 Und der kaufte ein Leinentuch und nahm ihn ab und wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in ein Grab, das war in einen Felsen gehauen, und wälzte einen Stein vor des Grabes Tür.

             Jetzt erwirbt Josef noch – rasch? – ein Leinentuch, sorgt für die Abnahme vom Kreuz, hüllt ihn in das Tuch und legt ihn in ein Felsengrab.  Der Satz reiht Aktivität an Aktivität.. Es eilt, weil der Sabbat mit dem Sonnenuntergang naht. „Von einem Waschen oder Salben der Leiche hören wir nichts, auch nichts davon, ob Josef Helfer hat.“ (J. Gnilka, ebda.) Wenn es mir auch schwer vorstellbar ist, dass er alles im Alleingang bewerkstelligt.

Das Grab, in Felsen gehauen, wird gesichert. Durch einen „schweren Rollstein, der das Grab gegen streunende Hunde und Grabräuber schützen sollte“(W. Klaiber, aaO. S.311) Alles geschieht, bevor die Nacht herein und der nachfolgende Sabbat anbricht. Dem Gesetz ist Genüge getan.

47 Aber Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Joses, sahen, wo er hingelegt wurde.

             Zwei Frauen, zwei von denen, die auch das Geschehen am Kreuz gesehen hatten, sehen dies alles. Sie sehen, wie das Grab verschlossen wird. Sie wissen jetzt, wo Jesus begraben liegt. Für sie von nun an unerreichbar.

Danach beginnt der Sabbat. Ein langer Tag, über dem im Evangelium des Markus wie in allen anderen Evangelien das Schweigen liegt. Es gibt nichts zusehen, nicht zu sagen, nichts zu tun. Jesus ist hinter dem Stein im Grab verschwunden, den Augen entzogen. Stille.

Zum Weiterdenken

Ob es unbewusst ist, Zufall, dass Markus so in den Worten wechselt? Josef von Arimathäa hat den Leib Jesu erbeten und Markus schreibt: σῶμα. Das gleiche Wort für Leib verwendet Jesus beim letzten Mahl, als er seinen Jüngern sagt: „Nehmet; das ist mein Leib.“(14,22) Pilatus aber übergibt einen Leichnam – πτῶμα. Es ist der gleiche Tote – dem einen ein Leib, dem anderen nur eine Leiche. Dem einen eine Akte, endgültig geschlossen, dem anderen ein Versprechen über den Tod hinaus, ohne dass er es schon wüsste?

Man könnte auch auf den Gedanken kommen, dass hier eben doch eine Deutung durch den Evangelisten Markus vorliegt.  Er will den Unterschied markieren – zwischen dem ungläubigen Römer, der nur eine Leiche mehr sieht und dem Jünger, der wie die Gemeinde in diesem Toten das Leben sieht – darum auch den Leib, der Träger des Lebens ist, wie der Geist. So denkt ja auch Paulus, wenn er schreibt: „Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib. Gibt es einen natürlichen Leib, so gibt es auch einen geistlichen Leib.“(1. Korinther 15,44) Das Ziel aller Wege Gottes ist Leiblichkeit – das ist auch da Zeugnis des Leibes Jesu – selbst im Tod noch.

 

Das ist das Letzte, was wir tun können. Für eine ordentliche Beerdigung sorgen. Vielleicht auch noch gute Worte finden. Manchmal, mein Jesus, fällt mir auch nicht mehr ein. Ich lege Dich in ein Grab und rechne nicht mehr mit Dir, gebe Dir noch die Ehre. Aber ich erwarte nichts mehr, keinen Aufbruch, keinen Aufstand aus dem Grab.

Vergib Du mir meinen Kleinglauben. Sieh Du doch auch dann noch die Liebe, verzweifelt und hoffnungslos, aber immer noch Liebe. Amen

 

2 Gedanken zu „Letzte Ehre“

  1. Welch ein Reichtum ergibt sich, wenn man die Sprache der Evangelien kennt.
    Die Gegenüberstellung von „geben und schenken“ sowie „Leib und Leiche“ hat mich sehr beeindruckt.
    War da bei der Abfassung des
    Textes bei Markus nicht auch der Heilige Geist am Werk?
    Danke!

    1. Das kann man so sehen. Der Geist Gottes ist ziemlich aktiv. Hoffentlich bis zu uns heute und über unser Heute hinaus.

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