Gekreuzigt

Markus 15, 24 – 41

24 Und sie kreuzigten ihn.

             Drei knappe Worte im Deutschen. Auf Griechisch: κα σταυροσιν ατν Nichts über Hammer, Schreie, Blut. Keine Ausmalung, keine Details. Auch nichts zur Atmosphäre. Das alles ist nicht wichtig. Wichtig ist nur: sie kreuzigten ihn. Jetzt hängt er am Kreuz, zwischen Himmel und Erde.

 Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los, wer was bekommen solle.

             Unter dem Kreuz: Alltag. Die armselige Habe des Gekreuzigten – er hat ja nichts als seine Kleider – wird geteilt. Verlost. Heißt doch wohl: Wer gewinnt, bekommt alles. Ohne es zu wissen, tun sie, was die Schriften sagen: „Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.“(Psalm 22,19) Sie gehen mit ihm um, als sei er schon erledigt, schon Geschichte, schon tot. Für das römische Hinrichtungskommando wird es wohl auch gefühlsmäßig so sein: Auftrag erledigt.

 25 Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten. 26 Und es stand über ihm geschrieben, welche Schuld man ihm gab, nämlich: Der König der Juden.

             Die dritte Stunde – das ist 9 Uhr vormittags. Über ihm der Grund für die Kreuzigung: Der König der Juden. Es ist die politische Anklage, die hier genannt wird. Wie anders sollte auch die römische Form der Hinrichtung durch das Kreuz begründet werden als politisch? Wenn auch mit einem Grund, den die junge christliche Gemeinde nie als den eigentlichen Grund verstanden hat. Sie hat in Jesus nicht den König Israels gesehen, sondern den Christus Gottes.  

 27-28 Und sie kreuzigten mit ihm zwei Räuber, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken.

             Jesus aber hängt nicht allein am Kreuz. Links und rechts von ihm zwei Räuber.  λσταί. „Räuber, Plünderer, Freibeuter.“(Gemoll, aaO. S.472) Spätere Handschriften ergänzen schriftkundig: Da wurde die Schrift erfüllt (Jesaja 53,12): Er ist zu den Übeltätern gerechnet worden.« Jesaja hat es schon gesagt! Es passt zu diesem Freund der Zöllner und Sünder, dass er sein Ende unter Räubern findet, unter Menschen, die verdächtig und verächtlich sind. In den Augen der Obrigkeit: Unter Leuten mit „einem terroristischen Hintergrund.“ (W. Klaiber, aaO.  S.304)

  29 Und die vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Ha, der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, 30 hilf dir nun selber und steig herab vom Kreuz! 31 Desgleichen verspotteten ihn auch die Hohenpriester untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: Er hat andern geholfen und kann sich selber nicht helfen. 32 Ist er der Christus, der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz, damit wir sehen und glauben.                                                                                                              

            Hinrichtungen haben Anziehungskraft. Es ist noch nicht lange her, dass es in Europa öffentliche Hinrichtungen gab. Verbrennungen auf den großen Plätzen einer Stadt. Auch die feine Gesellschaft der Noblen und Angesehenen, Männer wie Frauen, ließ sich dieses Schauspiel nicht gerne entgehen. Bei der Hinrichtung des „Schinderhannes“ am 21. November 1803 in Mainz-Weisenau waren an die 30000 Zuschauer vor Ort, um sich das Spektakel nicht entgehen zu lassen. So kann es nicht verwundern, dass auf der Schädelstätte nicht betroffene Anteilnahme, sondern „reger Betrieb“ herrscht.

Die da so flanieren, lästern und verspotten. Ihn, der da zwischen Himmel und Erde hängt. Der Schriftsteller Markus verwendet für ihr Lästern das Wort, das der Vorwurf gegen Jesus ist – βλασφμουν – unser Wort Blasphemie hat hier seinen Ursprung. Jesus wird Gotteslästerung vorgeworfen – und sie lästern – ohne es zu wissen, indem sie Jesus lästern, Gott.

Wieder taucht das missverstandene Tempelwort aus dem Prozess hier auf.  Und es wird zur versucherischen Herausforderung. Wie überhaupt die Worte an den Gekreuzigten von den Lesern nicht anders verstanden werden können als Versuchungen in letzter Sekunde: hilf dir nun selber. Und: Lass uns das Wunder sehen, dass du vom Kreuz steigst -, damit wir sehen und glauben. Sie fragen, wie sie immer schon gefragt haben: Nach Zeichen und Wundern, nach einer Demonstration der Macht. Nach dem Beweis Ich bin Christus, der König von Israel. Sehen und glauben – die Antwort des Auferstandenen!“(Johannes 20,29) (!) darauf: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“(Johannes 20,29)

             Es ist Spott und Hohn, der sich über Jesus ergießt, bis zu seinem letzten Atemzug. So sehr ist diese Geschichte für die Hohenpriester und Schriftgelehrten jetzt schon endgültig abgeschlossen, dass sie schon gar nicht mehr mit Jesus reden, mit diesem da am Kreuz, sondern nur noch untereinander über ihn.

 Und die mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn auch.

             „Da Jesus ringsum von Spott und Hohn umgeben ist, erscheint er als der von allen Verlassene und Ausgestoßene. Selbst die Verbrecher, deren Schicksal er auf sich nahm, verschonen ihn nicht.“(J. Gnilka, aaO. S.323) Es ist nicht wirklich weit her mit der Solidarität der Leidenden, wenigstens nicht hier am Kreuz.

 33 Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.

             Fast möchte man sagen: wie gut, dass die Welt sich verdunkelt. Dass die Dunkelheit diesem bodenlos bösartigen Gerede ein Ende macht. Aber es ist mehr als eine Zeitangabe und mehr als eine Wetterbeobachtung, die hier angeführt wird. Drei Stunden hat Jesus den Spott und Hohn ertragen. Drei Stunden währt jetzt die Finsternis über das ganze Land. φ λην τν γν kann man auch lesen: über die ganze Erde. „Nicht eine natürlicherweise erklärbare Sonnenfinsternis ereignet sich, sondern ein kosmisches Wunder.“ (J. Gnilka, aaO., S.321) Oder anders gesagt: Was hier geschieht, geht die ganze Welt an. „Zur selben Zeit, spricht Gott der HERR, will ich die Sonne am Mittag untergehen und das Land am hellen Tage finster werden lassen.“(Amos 8,9) Markus sagt es nicht – aber es wird wohl so sein: diese Finsternis hat etwas vom Dunkel und der Finsternis dieses Gerichtstages Gottes.

 34 Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

        Das sind die letzten Worte Jesu. Er stirbt, vor den Augen der Menschen. Von Gott verlassen. In eine abgrundtiefe, grundlose Einsamkeit hinein. „Als Sterbender fällt er in das dunkle Nichts der Gottesferne, in dem Menschen ihre Trennung von Gott erleiden.“ (W. Klaiber, aaO. S.306) Dieses Geschick der Angst vor der Gottesferne teilt er mit uns Menschen. Das ist die letzte, unaufgekündigte Solidarität mit uns. Aber er bleibt dabei: auch in dieser letzten Tiefe ruft er nach Gott.

Es ist wie Kommentar aus unserer Zeit zu diesen Worten Jesu:

Keins seiner Worte glaubte ich, hätte er nicht geschrien:
Gott, warum hast du mich verlassen.

Das ist mein Wort,
das Wort des untersten Menschen.                                                                                      
Und weil er selber so weit unten war,                                                                                   ein Mensch, der „Warum“ schreit und schreit „Verlassen“,                                        deshalb könnte man auch die andern Worte,                                                                   die von weiter oben,

vielleicht
ihm glauben                                       R. O. Wiemer, aus: Ernstfall, Stuttgart 1973

35 Und einige, die dabeistanden, als sie das hörten, sprachen sie: Siehe, er ruft den Elia. 36 Da lief einer und füllte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr, gab ihm zu trinken und sprach: Halt, lasst sehen, ob Elia komme und ihn herabnehme!

             Das Missverständnis ist makaber. Es wirkt wie ein letzter Hohn dem Sterbenden gegenüber. Wie gleichgültig ist da, ob der, der den Schwamm füllt und an seinen Mund hält, ein Jude oder ein römischer Soldat ist.

 37 Aber Jesus schrie laut und verschied. 38 Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.

             Jesus stirbt. Auf dem Hügel vor der Stadt.Da ein am Kreuz Sterbender völlig entkräftet ist, kommt dem unartikulierten Todesschrei eine besondere Bedeutung zu, aber welche?“(J. Gnilka, aaO. S.323) Markus deutet ihn nicht – weder als Hilferuf, schon gar nicht als Racheschrei. Aber auch nicht als Schrei des Triumphes, des Sieges. Deshalb ist es auch für mich gut, mich mit Deutungen zurück zu halten.

Was Markus aber erzählt: Der Vorhang im Tempel zerriss. Ganz, von oben bis unten. Das Allerheiligste steht jetzt offen. Das Allerheiligste ist nicht mehr abgeschirmt, sondern wird zugänglich.  Das darf man dann wohl so lesen: in dieser dunkelsten Stunde wird der Zugang zum Allerheiligsten, zu Gott selbst, neu geöffnet. Nicht nur für auserwählte Heilige, sondern für alle. Es ist der einzige Hinweis bei Markus, der das brutale Faktum der Kreuzigung weitet, andeutet, dass da noch ein anderer Horizont im Spiel ist als nur die menschlich-unmenschliche Gemeinheit.

 39 Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, dass er so verschied, sprach: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!

    Der Hauptmann – ein Römer, Kommandant des Hinrichtungskommandos. Er sieht, was geschieht. Nimmt alle die Ereignisse dieser langen Zeit von der dritten bis zur neunten Stunde wahr. Er sieht, wie Jesus stirbt. Das alles bringt ihn zu seinem Satz:  Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!

             Dieser Satz ist ein Wunder. Der Römer sieht doch nicht mehr als die, die da flanieren. Er sieht auch keinen offenen Himmel, keine Engel um das Kreuz, keinen Glorienschein auf dem Kopf des Gekreuzigten. Er sieht doch auch nur einen, der mit zwei anderen Übeltätern hingerichtet wird, unter der politischen Anklage: König der Juden. Seine Augen sehen nicht mehr als die anderen. Und doch „sieht“ er mehr, bekennt er mehr. Und wieder stimmt: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“(Johannes 20,29) Er ist innerlich überwältigt von dem, was er äußerlich sieht.

              Eine erste Anmerkung: „Die verwendete Vergangenheitsform des Verbs sagt etwas über das aus, was bisher war, ohne es auf die Vergangenheit zu begrenzen.“ (W. Klaiber, aaO. S.308) Man könnte also mit Fug und Recht übertragen: Dieser Mensch war und ist Gottes Sohn.

Das zweite: mit seinem Satz stimmt der Hauptmann der Himmelstimme zu – den Worten bei der Taufe und in der Verklärung: „Du bist mein geliebter Sohn.“(1,11) und „Das ist mein geliebter Sohn“(9,7) Jetzt, am Kreuz wird aus der Botschaft der Himmelstimme und aus den Schreien der Dämonen das erste Bekenntnis eines Menschen. Hier, in seinem Tod am Kreuz wird offenbar, wer er in Wahrheit ist. Und hier erst, angesichts des Kreuzes, kann es erst zum vollgültigen Bekenntnis des Glaubens kommen. Sein Sehen ist ein Sehen „in der Kraft des Glaubens, der im Gekreuzigten den Retter erkennt.“ (J. Gnilka, aaO. S.325)

 40 Und es waren auch Frauen da, die von ferne zuschauten, unter ihnen Maria von Magdala und Maria, die Mutter Jakobus‘ des Kleinen und des Joses, und Salome, 41 die ihm nachgefolgt waren, als er in Galiläa war, und ihm gedient hatten, und viele andere Frauen, die mit ihm hinauf nach Jerusalem gegangen waren.

             Unter dem Kreuz sind auch Anhänger Jesu. Aber keiner der Jünger. Denn sie sind ja alle geflohen in der Nacht der Auslieferung. Die unter dem Kreuz stehen, sind allesamt Frauen, die ihm nachgefolgt waren. Sie haben den langen Weg von Galiläa nach Jerusalem mitgemacht. Sie haben ihm auf diesem Weg gedient. Aber auch sie, die auf den Weg immer nah um ihn waren, können das Geschehen jetzt nur von ferne beobachten. Nicht ferngehalten durch die Furcht, sondern weil es auf diesem Weg kein Nahe-Sein gibt. Weil er diese letzten Schritte zur Erlösung der Welt in einer tiefen Einsamkeit zu gehen hat. Es ist sein Weg und nicht der Weg von uns Menschen, auf dem die Welt erlöst wird, unser Heil gewonnen.

Zum Weiterdenken

„Das ganze Ritual der Hinrichtung Jesu strotzt nur so von der genauen Einhaltung der Zuständigkeiten und der Kompetenzen, von der Befolgung des diplomatischen Protokolls, von der Rücksicht auf die Spielregeln des Gesetzes.“(E. Drewermann, aaO. S. 635) Man kann schon auf die Idee kommen, dass der buchstabengetreue Gehorsam tödlich sein kann. Nicht immer, aber oft. Dass er unschuldige Opfer produziert.

Unsere Zeit hat es nicht so mit dem Kreuz. Schon gar nicht mit dem Kreuz als Zeichen einer Erlösung, die wir nicht selbst schaffen können, sondern die uns aus Gnade geschenkt wird. Vielen heute reicht es, das Kreuz als Zeichen der Leiden in der Welt zu sehen, die überwunden werden müssten. Markus dagegen ist sich einig mit den anderen Zeugen der ersten Christenheit: Das Kreuz ist das Zeichen des Heils, das Gott wirkt, in der Hingabe des Sohnes. „Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.“(1. Korinther 2, 2.5)

            Schließlich, auch das Worte, die nachdenklich machen: „Dies ist die Stunde, die zeigt, wie mörderisch wir Menschen sind, wenn Gott für uns im Grunde immer schon gestorben ist.“(E. Drewermann, aaO. S. 625 Ob es deshalb in der Welt von heute so mörderisch zugeht, weil aller Religiosität zum Trotz, Gott doch als tot gilt, als abgesetzt und abgedankt? Wo aber kein Gott mehr ist, da gibt es auch keine letzte Instanz mehr zur Verantwortung. Da wird die Drohung wahr: homo homini lupus – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.

 

Darum bitte ich Dich, mein Gott, dass ich hinter dem Schrecken des Kreuzes Deine Liebe sehe, hinter dem Schmerz das Heil, über das Leiden hinaus den Beginn neuen Lebens aus Deiner Güte. Darum bitte ich Dich, dass ich dem Schrecken des Kreuzes nicht ausweiche, dass ich es aushalte: So weit musste Jesus gehen, um mich zu gewinnen, mein Misstrauen zu überwinden, meine Schuld aufzulösen, mir den Heimweg frei zu machen

So stehe ich staunend und anbetend vor Deinem Kreuz, dem Geheimnis Deiner Hingabe. Für mich. Amen