Folteropfer

Markus 15, 16 – 23

 16 Die Soldaten aber führten ihn hinein in den Palast, das ist ins Prätorium, und riefen die ganze Abteilung zusammen

             Der Ort wird gewechselt. Nicht mehr die öffentliche Verhandlung vor aller Augen, sondern jetzt geht es hinein in das Prätorium. Wo das Prätorium zu suchen ist, bleibt umstritten. Meistens nimmt man an, dass es sich um die Burg Antonia im Nordwesten des Tempels handelt. „Dort zeigt man noch heute Reste eines Pflasters (Lithostrotos), das angeblich aus dem Hof stammt, in dem Jesus gegeißelt wurde.“(W. Klaiber, aaO. S.298)

      Die ganze Abteilung, eine Kohorte von 500 Mann wird zusammengerufen. Es handelt sich dabei um Auxiliartruppen“, nicht um Römer aus Italien, sondern um Leute, die im jeweiligen Land ausgehoben wurden. „Die Angehörigen dieser Truppe waren keine Juden – diese waren vom Militärdienst befreit -, sondern Leute aus dem Gebiet von Cäsarea, Samaria-Sebaste und aus dem nördliche Syrien. In einigen dieser Gebiete gab es erhebliche Spannungen zwischen der nichtjüdischen Bevölkerung und der jüdischen Minderheit, was den antijüdischen Ton der folgenden Demonstration erklärt.“(W. Klaiber, aaO. S.299)Oder vorsichtiger: Andeutungsweise erklären könnte.

  17 und zogen ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm auf 18 und fingen an, ihn zu grüßen: Gegrüßet seist du, der Juden König! 19 Und sie schlugen ihn mit einem Rohr auf das Haupt und spien ihn an und fielen auf die Knie und huldigten ihm.

             Was geschieht, ist von erschreckender Rohheit. Eine Parodie auf eine Königskrönung. Jesus wird als König verkleidet, mit den Requisiten eines Königs ausgestattet. Purpurmantel und Dornenkrone stellen den Krönungsumhang und das goldene Diadem einer Königserhebung dar. Dazu kommt der Gruß Gegrüßet seist du, der Juden König! Soviel haben sie ja mitbekommen bei der öffentlichen Verhandlung: Dieser Mann in ihrer Gewalt beansprucht angeblich, in König zu sein.

Die Grüße wechseln mit Schlägen, die geheuchelte und gespielte Ehrfurcht mit Anspeien. Es sind wilde Wechsel von Vorspiegelung der Verehrung zur Verachtung und Misshandlung. „Wie viele vor ihm und nach ihm wird er zum Abfalleimer der Frustration und zum Demonstrationsobjekt für ein bisschen Macht von Menschen, die oft selbst geschunden werden.“(W. Klaiber, ebda.) Es ist mit Händen zu greifen: „Der Spott gilt auch dem ungeliebten jüdischen Volk, das durch die Verspottung seines angeblichen Königs mit gedemütigt werden soll.“(W. Klaiber, ebda.)

 20 Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Purpurmantel aus und zogen ihm seine Kleider an. Und sie führten ihn hinaus, dass sie ihn kreuzigten.

             Alles hat ein Ende, auch dieses Spiel mit dem Gefangenen. Jetzt wird er wieder seiner „Königs-Insignien“ entkleidet und erhält seine eigenen Kleider zurück. Der lange Weg zur Kreuzigung beginnt. Es geht hinaus, nicht nur aus dem Hof, sondern hinaus aus der Stadt. Das Wort ξγω, hinausführen begegnet nur hier bei Markus. Es kann auch über die rein räumliche Sicht darauf hinweisen: Jetzt wird Jesus endgültig aus dem Volk ausgestoßen, hinausgeführt aus der Stadt.

Es ist, als würde an ihm vollstreckt, was im Gesetz zu lesen war: „Als nun die Israeliten in der Wüste waren, fanden sie einen Mann, der Holz auflas am Sabbattag. Und die ihn dabei gefunden hatten, wie er Holz auflas, brachten ihn zu Mose und Aaron und vor die ganze Gemeinde. Und sie legten ihn gefangen, denn es war nicht klar bestimmt, was man mit ihm tun sollte. Der HERR aber sprach zu Mose: Der Mann soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen draußen vor dem Lager. Da führte die ganze Gemeinde ihn hinaus vor das Lager und steinigte ihn, sodass er starb, wie der HERR dem Mose geboten hatte.“(4. Mose 15, 32-36) 

 21 Und zwangen einen, der vorüberging, mit Namen Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage.

             Unterwegs wird einer, der zufällig vorbeikommt, rekrutiert als Kreuzträger. Das gibt es also an diesem Tag auch, dass einer seinem Alltagsgeschäft nachgeht, dass er vom Feld kommt und nicht als Gaffer am Wegrand steht. Simon von Kyrene – ein Diaspora-Jude, der seinen Wohnsitz in Jerusalem genommen hatte. Dass er vorgestellt wird als der Vater des Alexander und des Rufus legt nahe, dass die beiden Söhne den Gemeinden, für die Markus sein Evangelium schreibt bekannt sind. Vielleicht mehr noch: das sie zu einer der Gemeinden gehören.

Warum Simon das Kreuz tragen muss, wird nicht gesagt. Ob Jesus zu schwach dafür ist nach der vorangegangen Tortur, ob er unter seiner Last zusammen zu brechen droht – das alles bleibt unerwähnt. Usus bei den Römern ist:  „Der Verurteilte muss den Querbalken des Kreuzes selbst tragen; außerdem wurde ihm mitunter um seinen Hals der Titulus gehängt, die Aufschrift, die den Grund seiner Hinrichtung angibt.“ (W. Grundmann, aaO. S.431) Aber auch mit diesen Details hält Markus sich nicht auf.

 22 Und sie brachten ihn zu der Stätte Golgatha, das heißt übersetzt: Schädelstätte. 23 Und sie gaben ihm Myrrhe in Wein zu trinken; aber er nahm’s nicht.  

            Das Ziel ist schließlich erreicht: Golgatha.  Schädelstätte. Vielleicht gibt die Form des kleinen Hügels ihm den Namen. Vielleicht aber ist es auch einfach nur der Richtplatz, an dem Schädel herumliegen. „Ein Ort, wo Schädel liegen, ist unrein.(W. Grundmann, ebda.)Am Ort der Unreinheit wird also das Heil der Welt seinen Haltepunkt finden.

So unmenschlich die Behandlung Jesu vorher auch gewesen sein mag – jetzt will man ihm Myrrhe in Wein zu trinken geben. Ein letzter Akt der Menschlichkeit vor der Schinderei des Kreuzes? „Der mit Myrrhe gewürzte Wein soll als Betäubungstrank dienen – weniger, um dem Verurteilten Schmerzen zu ersparen, vielmehr dazu, dem Hinrichtungskommando die Arbeit zu erleichtern.“(W. Klaiber, aaO. S.303) Hinrichtungen sind Stress – auch für abgebrühte Soldaten.

Jesus verweigert den Trank. Verweigert sich, so wie er schon die ganze Zeit zuvor alles verweigert hat: Antworten auf Fragen und Anklagen, Verteidigungsreden, Ausflüchte. Jetzt eben: Sterbenserleichterungen. Es liegt nahe: „Er geht mit vollem Bewusstsein in diesen schmerzhaften Tod.“ (W. Klaiber, ebda.) Aber nicht als „selbstbewusstes Sterben“, sondern als einen Weg, auf den er sich gestellt weiß und den er deshalb auf sich nimmt. Bewusst leidend.

Zum Weiterdenken     

Die Brutalität der Folterung Jesu vor seiner Kreuzigung ist erschreckend. Bevor wir uns allerdings allzu eilig entrüsten über solche Rohheiten: In den Foltergefängnissen unserer Zeit wird kaum anders mit Menschen umgegangen. Wann immer einer diese perversen „Spielchen“ nicht mehr aushalten kann, die heute gerne durch eigene Videos dokumentiert werden und sie deshalb öffentlich macht, ist das Entsetzen groß. Aber offensichtlich hat kein Kommandant ein wirkliches Interesse daran, solche Übergriffe zu unterbinden. Erst im Nachgang werden sie sanktioniert. Aber die sie zugelassen haben, bleiben davon fast immer unberührt.

Eine Antwort; wie es dazu kommen kann: „Weil es immer wieder Menschen gibt, die als ausführende Organe bedingungslos tun, was ihnen befohlen wird.“(E. Drewermann, aaO. S. 605) Die nach getaner Arbeit wieder werden, was sie zuvor sind – ordentliche Menschen, Familienväter, die für ihre Kinder sorgen und liebevolle Ehemänner sind. Es ist eine erschreckende Erfahrung, die jedermann machen kann: Man muss nur die ein-Familienhäuser am Rande des KZ in Ravensbrück besichtigen, um diese kaum zu fassende Spaltung von Persönlichkeiten zu sehen. Das ist nicht Krankheit des einzelnen, sondern systembedingt – Krankheit der unbedingten Gehorsamsforderung.

 

Jesus. Wegschauen möchte ich und kann es doch nicht. Die Augen schließen, die Ohren zuhalten möchte ich und kann es doch nicht, darf es nicht. Wenn ich wegschaue, werden die Steine erzählen, wie Dein Blut sie getränkt hat, wie Dein Schmerz sie berührt hat, Dein Stöhnen ihr Ohr erreicht hat.

Wie viel Hass, wie viel Wut sich an Dir entlädt, als sollte alles, was Du warst, gesagt hast, getan hast, vernichtet werden. Und Du leidest, wirst zerbrochen, erniedrigt, gedemütigt, entwürdigt – und schweigst. Du Menschensohn. Gottessohn.

Lass es mich aushalten, auf Dich zu schauen, damit ich nicht wegschaue, nicht weglaufe, nicht schweige, wenn heute ein Menschenkind gedemütigt, entwürdigt, zerbrochen wird. Lass mich dann schreien für das Leben gegen den Tod  – in Deinem Namen. Amen