gelitten unter Pontius Pilatus

Markus 15, 1 – 15

1 Und alsbald am Morgen hielten die Hohenpriester Rat mit den Ältesten und Schriftgelehrten und dem ganzen Hohen Rat, und sie banden Jesus, führten ihn ab und überantworteten ihn Pilatus.

             Die Nacht ist vergangen, ein neuer Tag ist herbeigekommen. Das Ergebnis des nächtlichen Prozesses sofort am Morgen nach einem Rat des gesamten Synhedrions in allen seinen Gruppen: Jesus wird an Pilatus überantwortet. Ausgeliefert an die Heiden. Ganz so wie es Jesus angekündigt hatte: sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überantworten.“ (10,33) παρδωκαν „Das entsprechende griechische Wort bildet eine Art Leitmotiv der Passionsgeschichte.“(W. Klaiber, aaO. S.294) Diese Auslieferung an Pilatus hat zugleich etwas von einer Ausstoßung aus dem Volk. Haben mit diesem da nichts mehr zu tun.

Markus verzichtet auf eine Erklärung für seine Leser, um wen es sich bei Pilatus handelt. Es könnte sein, er setzt voraus, dass sie wissen, welche Stellung und Ruf dieser Römer hat. Philo, ein römische Schriftsteller, „sagt ihm Bestechlichkeit, Gewalttätigkeit, Räubereien, Misshandlungen, Beleidigungen, fortgesetzte Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren, unaufhörliche und unerträgliche Grausamkeit nach. Pilatus war ein Freund des Seianus, des mächtigsten Mann im Imperium Romanum nach dem Kaiser. Da Seianus als Judenfeind galt, kann Gleiches für Pilatus gelten.“(J. Gnilka, aaO. S.299) An diesen Mann wird Jesus übergeben.

 2 Und Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er aber antwortete und sprach zu ihm: Du sagst es. 3 Und die Hohenpriester beschuldigten ihn hart. 4 Pilatus aber fragte ihn abermals: Antwortest du nichts? Siehe, wie hart sie dich verklagen! 5 Jesus aber antwortete nichts mehr, sodass sich Pilatus verwunderte.

             Pilatus begegnet als einer, der sich ein eigenes Bild zu machen sucht.  Er fragt – und nimmt in der Frage eine politische Spur auf, vielleicht durch den Hohen Rat auf diese Spur gesetzt: Bist du der König der Juden? Der Hohepriester hatte anders gefragt: Bist du der Christus? (14,61) Der Römer fragt nach dem politischen Anspruch: König der Juden ist keine religiöse, sondern eine politische Kategorie. Im Israel der Zeit Jesu gibt es mit Herodes einen König der Juden, aber einen, der das von Roms Gnaden ist.

„Bist du der König der Juden? Wie soll Jesus darauf antworten? Ein König ist im Mund der Macht ein Herrscher mit Befehlsgewalt, der Führer an der Spitze eines durchorganisierten Sozialwesen mit Soldaten, Polizisten, Richtern, Ministern – Staatsdienern aller Art. … Es ist Jesus nicht möglich, auf die Frage des Pilatus mit „Ja“ zu antworten. Im Sinne des Pilatus ist er gerade kein König, eher ein Bettler, ein Dichter, ein Visionär, ein Phantast, in jedem Falle ein ohnmächtiger Habenichts, der sich auf einen Gott beruft, den man nicht sehen kann.“(E. Drewermann, aaO. S. 571)

Dennoch: die Antwort Jesu ist eindeutig und doch auch wieder nicht. „Das sagt Du!“ Er selbst, Jesus, nennt sich nie König der Juden. Er erhebt auch keinen Königsanspruch – jedenfalls nicht so, wie es der Römer verstehen würde. Der kennt nur die politischen Machtkategorien. Aber die passen nicht auf Jesus. Denen entzieht er sich.

Die Hohenpriester schalten sich ein – mit heftigen Beschuldigungen, von deren Inhalt wir aber nichts erfahren. Fast als hätten sieSorge, dass sich der Römer beeinflussen lassen könnte. Für Pilatus sind nicht diese Beschuldigungen erstaunlich, sondern die Reaktion des Gefangenen. Er ignoriert sie. Er verteidigt sich nicht. Er sagt einfach nichts mehr. Kein Wort mehr von Jesus bis zum letzten Wort am Kreuz.

6 Er pflegte ihnen aber zum Fest einen Gefangenen loszugeben, welchen sie erbaten. 7 Es war aber einer, genannt Barabbas, gefangen mit den Aufrührern, die beim Aufruhr einen Mord begangen hatten. 8 Und das Volk ging hinauf und bat, dass er tue, wie er zu tun pflegte.

             Ein bisschen umständlich geht es weiter – mit dem Hinweis auf einen Brauch, dem Pilatus sich verpflichtet fühlt. Zum Fest der Verschonung, des Passah eine Amnestie für einen Gefangenen. Einer wie Pilatus achtet, trotz seiner Verachtung für die Juden, auf gute Stimmung. Darum geht er auch auf das Bitten des Volkes ein. Allerdings: Es gibt berechtigte Zweifel, dass es diesen Brauch wirklich gab. „Weder in römischen noch in jüdischen Quellen ist auch nur ein Hinweis darauf zu finden.“ (E. Schweizer, aaO. S. 194) Es ist jedoch auch zu bedenken, dass Bräuche nicht unbedingt in Rechtsquellen-Sammlungen aufgenommen werden.

Unter den Gefangenen ist einer mit Namen Barabbas. „Sohn des Vaters“ bedeutet dieser Name, im jüdischen Bereich kein ungewöhnlicher Name. Gefangen gesetzt in einem Aufruhr. Ein Gewalttäter, beteiligt an einem Mord – und als solcher wohl von der Hinrichtung durch das Kreuz bedroht.

 9 Pilatus aber antwortete ihnen: Wollt ihr, dass ich euch den König der Juden losgebe? 10 Denn er erkannte, dass ihn die Hohenpriester aus Neid überantwortet hatten. 11 Aber die Hohenpriester reizten das Volk auf, dass er ihnen viel lieber den Barabbas losgebe.

             Pilatus geht auf die Amnestie-Bitte ein und stellt den König der Juden zur Wahl. Soll er frei gelassen werden? Pilatus scheint dazu gewillt, weil er ahnt oder sieht, dass es keine lauteren Motive sind, die die Hohenpriester bewegen. Man könnte auch so sagen: Er deutet ihre Beweggründe als Neid, weil er sie nur auf der Machtschiene unterwegs sieht. Sie wollen einen Konkurrenten loswerden. Dass die Hohenpriester Gründe des Glaubens haben, dass sie Jesus Gotteslästerung vorwerfen, interessiert den Römer nicht. Das sind innerjüdische Zänkereien. Ganz nebenbei kann er so den Hohen Rat spüren lassen, was er von ihm hält.

Aber die Hohenpriester geben nicht auf. Sie agitieren. Sie wiegeln die Menge auf, den Gewalttäter frei zu bitten.

 12 Pilatus aber fing wiederum an und sprach zu ihnen: Was wollt ihr denn, dass ich tue mit dem, den ihr den König der Juden nennt? 13 Sie schrien abermals: Kreuzige ihn!      

             Angesichts dieser Bitte wirkt Pilatus überrascht. „Fast hilflos fragt er zurück Was soll ich denn mit dem tun, den ihr den König der Juden nennt?“(W. Klaiber, aaO. S.297) Ein bisschen verwundert fragt man sich als Leser: Wer nennt denn Jesus so? Die Hohenpriester beschuldigen ihn allenfalls, diesen Anspruch zu erheben. Gesagt wird das aber auch nirgends. Das Volk hat ihm beim Einzug gehuldigt, aber doch nie König der Juden genannt. Und Jesus selbst nennt sich auch nie so.

Das Volk geht auch nicht auf den Titel ein. Sondern nur auf die Frage: was soll ich mit ihm tun – und antwortet: Kreuzige ihn! „Damit taucht zum ersten Mal das Wort Kreuzigen auf, nachdem in den Leidensankündigungen immer nur vom Getötetwerden gesprochen worden war.“ (J. Gnilka, aaO. S.302)

             Man kann sich fragen: sind das die gleichen Leute, die noch wenige Tage zuvor Hosianna (11,9) gerufen haben? Das Wort für ihr Schreien κραξαν – ist hier wie dort das gleiche. Und es ist Erfahrung in vielen Situationen; Menschenmengen sind wetterwendisch und unbeständig in dem, was sie rufen. Damals auf dem Platz und heute in so manchem shit-storm im Internet.                                              

14 Pilatus aber sprach zu ihnen: Was hat er denn Böses getan? Aber sie schrien noch viel mehr: Kreuzige ihn! 15 Pilatus aber wollte dem Volk zu Willen sein und gab ihnen Barabbas los und ließ Jesus geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt werde.

             Noch einmal interveniert der Statthalter, Pilatus: Was hat er denn Böses getan? Es ist keine Frage nach neuen Beschuldigungen, sondern eher eine Erklärung: Aber er ist doch nicht böse! „Er sieht keinen Grund dafür, dass die Menge Jesu Kreuzigung fordert.“ (W. Klaiber, ebda.) Doch mit diesem Einwand stößt er auf taube Ohren. Regelrecht verbiestert, wie besessen schreien sie noch mehr:  Kreuzige ihn!

             Jetzt gibt Pilatus nach. Was kann er auch anderes tun? „Er tut, was alle Amtsträger und Machthaber an seiner Stelle tun: er macht weiter in den Dunstkreisen der Macht.“(E. Drewermann, aaO. S. 577) Er gibt den Barabbas frei – der damit der erste ist, der auf Kosten Jesu seine Freiheit erlangt. Und Jesus übergibt er dem Hinrichtungskommando. Erst, um ihn auspeitschen zu lassen und dann eben zu kreuzigen. Auch hier wieder, wie so oft in der Passionsgeschichte: παρδωκεν. Jesus wird weitergegeben – von einem zum anderen. Aber es ist ein Weitergeben, das nichts daran ändert: Sie alle sind beteiligt an seinem Ende.

Zum Weiterdenken

Es wird oft darüber nachgedacht, ob die Schilderung des Markus historisch stimmig ist. Ob er nicht durch seine Darstellung versucht, den Römer Pilatus zu entlasten, indem er die Glieder des Hohen Rates umso mehr belastet. Ob das dem geschuldet ist, dass die jungen Christengemeinden im römischen Reich sich ein wenig vom Odium lösen wollten, dass sie umgab: „Der gekreuzigte Messias war das stärkste Argument der Gegner der jungen Bewegung.“(W. Grundmann, aaO. S.419)

Man könnte – als römischer Beamter mit leicht antisemitischen Gedanken – auf die Idee kommen: Die Christen verehren einen Aufrührer. Das macht sie selbst in der Sicht des Staates zu Gefährdern. Wenn man so denkt, ist es schlüssig, dass Markus den Versuch unternimmt, durch seine Darstellung zu zeigen, dass der römische Beamte Pilatus von der Unschuld Jesu überzeugt war und dass deshalb auch aktuell römische Beamte keinen Grund haben, gegen Christen vorzugehen.

Mich überzeugt das nicht. Markus schreibt ein Evangelium nicht für römische Beamte, sondern für Christen in den Gemeinden. Es ist mir ein bisschen weit hergeholt, dass Markus damit hätte rechnen können oder gar müssen, dass seine Schrift in die Hände römischer Geheimdienste gerät und dass er deshalb im vorlaufenden Gehorsam schon Zensur geübt und wirkliche Vorgänge verfälscht haben könnte.

Seine Schrift, sein Evangelium ist für die Gemeinden da und nicht im Buchhandel erhältlich. Ihnen, Christinnen und Christen der ersten Generation, will er zeigen, wie der Tod Jesu zustande kommt – durch menschliches Handeln, in dem keiner allein verantwortlich sein will. Motiviert durch Engherzigkeit, Blindheit, Eifersucht, Neid, durch ein völliges Gefangensein im eigenen Denken über Gott. Das blind und unempfänglich macht für das Wort Jesu. Und auch das will Markus zeigen: dieser Tod muss endlich doch seinen Sinn darin finden, dass Gott durch ihn das Heil der Welt will. Aber das kann man hier noch nicht sehen. Und das sieht auch nur, wer in Jesus nicht den politisch Verdächtigen sieht oder den religiösen Gotteslästerer.

 

Jesus, Du wirst zum Verhandlungsgegenstand. Zum Tauschobjekt – Terrorist oder Prediger. Über Dich wird geredet, gestritten, mit Scheinargumenten agiert. Am Ende haben die Schreihälse gewonnen. Du wirst zum Gefälligkeitsopfer.

Du aber schweigst zu alledem, wehrst Dich nicht, erklärst Dich nicht, suchst Dich nicht zu retten. Du gehst den Weg, in den Du eingewilligt hast im Gebet. Deinen Weg. Uns zugute. Dir sei Lob und Preis und Ehre. Amen