Kündigung der Freundschaft

Markus 14, 66 – 72

 66 Und Petrus war unten im Hof.

   Jetzt wieder Petrus. Er ist immer noch unten im Hof. Eine lange Nacht lang, nahe dran und doch weit weg. Einer unter den vielen, die d herumstehen und darauf warten, wie es weitergehen wird.

 Da kam eine von den Mägden des Hohenpriesters; 67 und als sie Petrus sah, wie er sich wärmte, schaute sie ihn an und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus von Nazareth. 68 Er leugnete aber und sprach: Ich weiß nicht und verstehe nicht, was du sagst. Und er ging hinaus in den Vorhof, und der Hahn krähte.

           Eine von den Mägden des Hohenpriesters sieht ihm ins Gesicht, wie er sich da ans Feuer drängt, um sich zu wärmen. Und dann sagt sie es ihm auf den Kopf zu: du warst auch mit dem Jesus von Nazareth. Woher sie das weiß, wird nicht gesagt. Es könnte sein: „Seine galiläische Mundart verrät einer Magd des Hohenpriesters seine wahre Zugehörigkeit zu den Jüngern Jesu – er ist gesehen worden.“(E. Drewermann, aaO. S. 556) Aber das steht nicht da. Nur so viel: Sie spricht ihn als einen Anhänger des Angeklagten an. Du hast zu ihm gehört. Du auch. Das ist gefährlich genug.

Darf man in der Vergangenheitsform: Du warst mehr hören als: Du bist einer von denen? Klingt da schon an: Das ist deine Vergangenheit – und du bist jetzt drauf und dran, dich zu lösen aus ihr?

Jedenfalls: Petrus ist so verunsichert, dass er nicht einmal richtig antworten kann. Er stottert sich eins ab, „in unkorrektem Griechisch“(J. Gnilka, aaO. S.292): Keine Ahnung, wovon Du redest. Er stellt sich dumm, dümmer als er ist.  

             Man kann schon überlegen: „Die Attacke erwischt ihn auf dem falschen Fuß. Vielleicht hat er sich innerlich darauf eingestellt, wie er sich zu Jesus bekennen würde, wenn man ihn vor den Hohen Rat führen würde. Aber hier im Hof, einer Magd gegenüber, gewissermaßen im Vorfeld seiner Aktion, schien ihm noch nicht Ort und Zeitpunkt für ein Bekenntnis gekommen zu sein.“(W. Klaiber, aaO. S.291) Das steht alles im Text nicht da. Sondern da steht nur, dass er den Unverständigen gibt.

In manchen Texten, wenn auch nicht in einigen der ältesten, heißt es: und der Hahn krähte. Es mutet an wie eine Warnung: Petrus, hörst du nicht den Hahn?

 69 Und die Magd sah ihn und fing abermals an, denen zu sagen, die dabeistanden: Dieser ist einer von denen. 70 Und er leugnete abermals.

             Die Magd allerdings lässt nicht locker. Sie ist sich ihrer Sache sicher. Darum auch  spricht sie nun nicht mehr zu Petrus, sondern zu denen im Hof. Die zum nächtlichen Verhaftungskommando gehören mögen. Man kann es förmlich „sehen“, wie sie mit dem Finger zeigt: der da – einer von denen. Petrus aber streit ab, leugnet abermals. Das griechische ρνετο zeigt in seiner grammatikalischen Verbform: Sein Leugnen wird zu einer Art Dauerzustand.

Aber, merkwürdig genug: er bleibt, bleibt im Hof, bleibt bei denen, die ihm so auf den Leib rücken. Es ist, als könnte er sich nicht lösen. Nicht von dem Ort, nicht von den Fragen, nicht von dem Mann drinnen im Haus.

 Und nach einer kleinen Weile sprachen die, die dabeistanden, abermals zu Petrus: Wahrhaftig, du bist einer von denen; denn du bist auch ein Galiläer. 71 Er aber fing an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht, von dem ihr redet.

             Eine Zeitlang passiert nichts. Aber dann nehmen die das Wort, die dabeistanden. Die alles im Hof mitbekommen hatten. Wahrhaftig, du bist einer von denen; denn du bist auch ein Galiläer. Sie identifizieren ihn als Galiläer. An der Sprache? „Deine Sprache verrät dich“(Matthäus 26, 73) < Dieser Satz ist aus Matthäus in manche der überlieferten Texte des Markusevangeliums eingefügt.>

Markus liegt nichts an einer Begründung für ihre Einsicht. Es mag reichen: „Die Leute aus Galiläa galten als Parteigänger Jesu und – was in diesem Zusammenhang gefährlich ist – sie wurden auch als gewaltbereit und anfällig für Aufruhr gegen die römische Staatsgewalt angesehen.“ (W. Klaiber, aaO. S.292) Im heutigen Sprachgebrauch: Sie galten als Gefährder, potentielle Gewalttäter. Sympathisanten eines Verdächtigen, der die öffentliche Ordnung stört und umkippen will. So die These des Hohen Rates. Wie leicht kann man da selbst unter Anklage geraten.

Das mag ein wenig Licht auf die jetzt doch heftige Reaktion des Petrus werfen. Aber es reicht nicht. Er streitet jetzt nicht mehr nur ab, stellt sich nicht mehr nur dumm. „Er flucht und schwört und gebraucht somit die kräftigsten Beteuerungen. Der Jude konnte sich selbst, seine Geburt, sein Schicksal verfluchen…Was er fluchend schwört, ist, diesen Menschen nicht zu kennen. Es ist die übliche Formel, mit der man sich von jemand lossagt.“(J. Gnilka, aaO. S. 293)

 Kurz: Petrus kündigt. Seine Jüngerschaft. Sein Vertrauen. Seine Zugehörigkeit zu Jesus. Er streicht die gemeinsamen Jahre durch. Die Wanderungen durch das Land, die Begegnungen mit denen, die bei Jesus Hilfe gesucht und erfahren haben. Die Hoffnungen, die er auf Jesus gesetzt hat. Das Glück, das er mit ihm erlebt hat. Das Staunen über seine Worte und Taten. Er streicht das eigene Bekenntnis durch: „Du bist der Christus.“ (8,29) Das alles hat es nie gegeben. So streicht Petrus nicht nur Jesus aus seinem Leben. Er vernichtet im wahrsten Sinn des Wortes diese Jahre seines eigenen Lebens.

 72 Und alsbald krähte der Hahn zum zweiten Mal. Da gedachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er fing an zu weinen.

             Der Hahn kräht. Zum zweiten Mal. Es ist wie ein Ruf, der durch eine Schallschutzschicht dringt. Wie ein Rufen, das ihn zurück versetzt an den Anfang dieses Abends. In das Gespräch mit Jesus. In seine Beteuerung der Treue bis in den Tod. Auch wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen! Das alles hat er gesagt und es steht jetzt vor ihm, zusammen mit dem Wort Jesu. Dreimal – endgültig wirst du mich verleugnen. Der krähende Hahn ruft ihm das alles ins Gedächtnis.

Sein Selbstbild ist ihm zerbrochen. Was bleibt, sind Tränen. Scham.

Zum Weiterdenken

Dass dieser „Fall des Petrus“ in allen Evangelien überliefert wird, mag dem geschuldet sein, dass es gute biblische Tradition ist, die Schwächen auch der Heiligen nicht zu verschweigen.  Ob Abraham, Mose, Jakob oder David oder eben Petrus – sie alle sind keine makellosen Helden. Das andere Motiv: Der so in seinem Bekennermut gescheiterte Mann wird ja der Führer einer jungen Gemeinde sein, in der viele vor denn Richtstühlen der Welt nach ihrem Bekenntnis zu Jesus gefragt werden. Nicht alle werden solchen Befragungen standhalten – sie alle aber sind in der Nähe des Petrus und dürfen gewiss auf sein Verständnis hoffen.

Diese Erzählung über Petrus hat ihren Niederschlag gefunden auf zahllosen Kirchen. Der Hahn auf dem Kirch-Turm ist kein Wetterhahn, wie man gerne ein wenig verharmlosend sagt. Er ist die Warnung an alle, die bei Jesus bleiben wollen, als Christen leben wollen: Achte darauf, dass du ihn nicht verleugnest. Nicht mit Worten und nicht mit dem, wie du lebst.

Kein Grund, sich über Petrus zu erheben. Was von ihm erzählt wird, ist doch unsere Geschichte. Es ist so leicht und obendrein verständlich, auf Distanz zu gehen: Mit denen habe ich nichts zu tun.  Wenn ich die durchgeknallten evangelikalen Südstaatler sehe mit ihrer Corona-Verfluchung und ihrem Satansgeschrei – mit denen habe ich nicht zu tun. Von denen trennen mich Welten und ich will nicht mit ihnen verwechselt werden. Ich will nicht, dass ach nur einer auf die Idee kommt: Du bist auch einer von denen. Ich will auch nicht mit katholischen Priestern und ihren Missbrauchsgeschichten im Piusheim und anderswo in einen Topf geworfen werden.

Ist diese Distanz schon Verleugnung Jesu? Gehören sie nicht zu dem einen Leib Christi, zu dem ich auf alle Fälle gehören möchte?  Ich will nicht denken müssen, dass meine schroffe Abgrenzung von so manchen Erscheinungsformen Des Glaubens gleich zu setzen ist mit der Verleugnung Jesu. Aber ich will es mir auch nicht zu leicht machen. Es gehört zum Aushalten, dass womöglich auch die Teil des Liebes Christi sind, mit denen ich wirklich nicht zusammen gesehen sein möchte.

 

Mein Jesus. Wie gerne möchte ich für Dich einstehen, Dein Zeuge sein, mein Leben unlöslich mit Dir verbinden. Ich will Dir treu sein.

Und doch. Wie gefährdet ist diese Treue. Ich schweige wo ich reden müsste. Ich höre weg wo ich mich einmischen müsste. Ich halte still, weil ich es fürchte: Du gehörst ja auch zu denen, diesen Christen mit ihrem frommen Getue.

Jesus, hilf Du mir, dass ich Dich nicht verleugne, mich nicht von Dir distanziere. Und wenn ich es doch getan habe, tue und wieder schwach werde, dann nimm Du die Tränen meines Schmerzes über mich selbst an. Nimm mich wieder an. Amen