Bist Du? Ich bin.

Markus 14, 53 – 65

53 Und sie führten Jesus zu dem Hohenpriester; und es versammelten sich alle Hohenpriester und Ältesten und Schriftgelehrten.

        Es geht aus dem Landgut Gethsemane in den Palast des Hohenpriesters. Auch wenn sein Name nicht genannt wird – es ist Kaiphas, ein höchst einflussreicher Mann, der den Spagat schafft, Vertrauensmann der Römer und gleichzeitig Vertrauensmann der orthodoxen Kreise in Jerusalem zu sein. „Er war ein Mann der Kunst des Möglichen: Die römische Besatzungsmacht aus dem Land zu drängen, war nicht möglich; man musste sich loyal verhalten.“(E. Drewermann, aaO. S. 529) Er wird die Verhandlung gegen Jesus führen.

Noch in der Nacht kommen sie alle zusammen: alle Hohenpriester und Ältesten und Schriftgelehrten. Das ganze Synhedrion, der Hohe Rat. „Es ist dem Erzähler weder wichtig, wo genau die Gerichtsverhandlung stattfindet, noch, wer der amtierende Hohepriester ist. Seinen Namen erfahren wir bei Markus nicht. Das Amt ist wichtiger als die Person. Die Instanz bedeutsamer als die Mitteilung von Namen.“(J. Gnilka, aaO. S.278)

54 Petrus aber folgte ihm nach von ferne, bis hinein in den Palast des Hohenpriesters, und saß da bei den Knechten und wärmte sich am Feuer.

             Alle Jünger sind in Gethsemane geflohen. Aber Petrus kommt nicht los von Jesus. Er folgt ihm. Von ferne. Mit Abstand. Aber immerhin: „Er will sehen, was mit seinem Meister wird. Er hatte dem widersprochen, was jetzt zu geschehen beginnt und er will dennoch Jünger bleiben.“ (W. Grundmann, aaO. S.409) π μακρθεν, von ferne – das wird auch unter dem Kreuz der Ort sein, von dem aus dann die Frauen das Geschehen sehen.

Jetzt ist Petrus im Hof, im Palast des Hohenpriesters. Einer unter vielen, die sich um das Feuer drängen, um sich zu wärmen. Ein eher unauffälliger „Gast“ in diesem Hof, von dem gelten kann: „Für den Ablauf der äußeren Ereignisse kommt ihm so gut wie keine Bedeutung zu.“(E. Drewermann, aaO. S. 545)   

55 Aber die Hohenpriester und der ganze Hohe Rat suchten Zeugnis gegen Jesus, auf dass sie ihn zu Tode brächten, und fanden nichts. 56 Denn viele gaben falsches Zeugnis ab gegen ihn; aber ihr Zeugnis stimmte nicht überein.

  Im Haus aber wird es ernst. Ohne Verzögerung beginnt die Verhandlung. Der Prozess. Zeugen und Zeugenaussagen werden gesucht. Mit dem klaren Ziel: dass sie ihn zu Tode brächten. Verurteilung. Das ist kein ergebnisoffenes Verhör, sondern es steht schon alles fest. Es gilt nur, den Schein der Rechtlichkeit zu wahren.

Deshalb treten reichlich Zeugen auf. Sie legen Zeugnis, μαρτυρα, ab. Sie machen Aussagen. Aber: Es sind Falschaussagen und falsche Zeugen. Ψευδομαρτυρία. Pseudo-Wahrheiten. In Wahrheit aber Lügen. Und diese vielen Zeugen verwickeln sich obendrein noch in Widersprüche. Was sie sagen, stimmt nicht überein. Eigentlich ist der Prozess nach jüdischen Recht damit längst geplatzt: „Auf zweier oder dreier Zeugen Mund soll sterben, wer des Todes wert ist, aber auf nur „eines“ Zeugen Mund soll er nicht sterben.“(5.Mose 17,6) Viel peinlicher kann ein Prozess nicht ablaufen.

 57 Und einige standen auf und gaben falsches Zeugnis ab gegen ihn und sprachen: 58 Wir haben gehört, dass er gesagt hat: Ich will diesen Tempel, der mit Händen gemacht ist, abbrechen und in drei Tagen einen andern bauen, der nicht mit Händen gemacht ist. 59 Aber ihr Zeugnis stimmte auch so nicht überein.

             Wie zum Beleg für die allgemeinen Sätze fügt Markus eine konkrete Zeugenansage an: Zeugen zitieren ein Jesus-Wort: Ich will diesen Tempel, der mit Händen gemacht ist, abbrechen und in drei Tagen einen andern bauen, der nicht mit Händen gemacht ist.  Im Johannes-Evangelium wird ein Dialog überliefert, auf den dieses Zitat zurückgeführt werden kann: „Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn aufrichten. Da sprachen die Juden: Dieser Tempel ist in sechsundvierzig Jahren erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? Er aber redete von dem Tempel seines Leibes.“(Johannes 2, 19-21)

Es wirkt so: da haben Leute Worte aufgeschnappt, sie aber nicht verstanden. Weil es aber um den Abbruch des Tempels geht, kann es gefährlich sein. Gegen den Tempel reden ist wie gegen Gott reden. Und das Ende des Herodes-Tempels ist in den Augen des Hohen Rates sicher keine Lappalie. „Mit der machtvollen Zerstörung des alten Tempels ist der jüdische Kult getroffen.“ (J. Gnilka, aaO. S.280) Mehr noch: das jüdische Volk in seiner Identität. Aber auch diese Worte reichen nicht für ein Urteil. Zu unterschiedlich sind die Aussagen.

60 Und der Hohepriester stand auf, trat in die Mitte und fragte Jesus und sprach: Antwortest du nichts auf das, was diese gegen dich bezeugen? 61 Er aber schwieg still und antwortete nichts.

          Als würde er die Geduld verlieren ergreift „der Hohepriester die Initiative und ruft gewissermaßen den Angeklagten selbst in den Zeugenstand.“ (W. Klaiber, aaO. S.287) Will er ihm eine Brücke bauen mit seiner Frage? Will er, dass Jesus anfängt, sich zu verteidigen? Will er ihn so erschüttern in seiner Haltung? Wie auch immer: Jesus betritt die Brücke nicht, die ihm da angeboten wird.  Er schweigt.

 Da fragte ihn der Hohepriester abermals und sprach zu ihm: Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten? 62 Jesus aber sprach: Ich bin’s; und ihr werdet sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels.

             In dieses Schweigen hinein kommt die neue Frage. Die Frage, die alles entscheiden muss: „Er stellt ihn mit der Frage, die im Hintergrund verborgen gehalten war, auf die hin man das Opfer umstellt hatte, und in deren Netz es sich selbst fangen sollte.“ (P. Schütz, Evangelium, Bd. I Gesammelte Werke, Hamburg 1972, S.480) Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten? Es ging von Anfang nicht um ein paar Wunder, auch nicht um ein paar Überschritte über heilige Grenzen. Sondern es ging um diese Frage: Bist du der Christus?

Ich übersetzte für mich: Haben wir es in Dir mit Gott selbst zu tun? Bist Du in Deiner Person der Anfang des Reiches Gottes? Bist du der, auf den wir Generation um Generation gewartet haben, die Sehnsucht der Väter, die Hoffnung Israels. Bist du der König Israels, der eine Erwählte? Es dürfte für Markus stimmen: Der Sohn Gottes „ist Königstitulatur und bezeichnet die Erwählung des Messias durch Gott, nicht dessen Abstammung von Gott.“ (J. Gnilka, aaO. S.281).

Die Antwort Jesu – nach seinem langen Schweigen: Ich bin’s; γώ εἰμι. Das sind die beiden Worte, mit denen Gott sich vorstellt – am Dornbusch (2.Mose 3,6+14) Das sind die Worte, die die Ich-bin-Worte des Johannes-Evangeliums prägen als Offenbarungsworte. Es gibt kein Ausweichen, kein Schweigen. Jetzt gibt er sich zu erkennen. Was nach der Erzählung des Markus-Evangeliums die Dämonen schrien, das sagt er jetzt von sich selbst.

Und weiter noch – er, der in der Mitte steht, gefangen, vermutlich doch auch gebunden, dem sie das Leben und damit alle Zukunft nehmen wollen -, er sagt seine Zukunft an: ihr werdet sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels. Seine Erhöhung. Sein Kommen in Herrlichkeit. Sein Platz wird nicht länger in ihrer Mitte sein, sondern zur Rechten Gottes. Der Kraft.

Noch in diesem Wort zeigt sich, wie sehr Jesus Jude ist. Die Kraft nennt er Gott und nennt ihn nicht mit Namen, auch nicht mit dem Namen seines vertrauten Umgangs mit ihm: Vater. Wie der Hohepriester den Gottesnamen meidet, indem er ihn in seiner Frage umschreibt: Bist du der Sohn des Hochgelobten? so umschreibt auch Jesus den Gottesnamen mit dem altertümlichen die Kraft. So groß ist sein Respekt vor dem Glauben der Väter und diesem Richterkollegium, dass er ihnen an dieser Stelle immer noch entgegenkommt.

Und doch stellt die Antwort Jesu klar: „Die Synhedristen, die über ihn zu Gericht sitzen, werden ihn als Gottes Stellvertreter und Menschensohn-Richter bei der Parusie sehen. Dort wird sein jetzt in Niedrigkeit abgelegtes Messiasbekenntnis durch Gott bestätigt werden.“ (J. Gnilka, aaO. S.282)

63 Da zerriss der Hohepriester seine Kleider und sprach: Was bedürfen wir weiterer Zeugen? 64 Ihr habt die Gotteslästerung gehört. Was meint ihr? Sie aber verurteilten ihn alle, dass er des Todes schuldig sei.

         Es ist nicht Leidenschaft, auch nicht Empörung, die den Hohenpriester seine Kleider zerreißen lässt. Es ist die „ritualisierte Handlung des Richters beim Anhören einer Lästerung.“(J. Gnilka, ebda.). Die Lage hat sich geklärt – nicht durch die falschen Zeugen, sondern durch den Angeklagten selbst. Sein Zeugnis wird ihm zur Anklage: Gotteslästerung. Der Prozess ist gerettet. Der Angeklagte schuldig.  Das Urteil ist einstimmig: Sie aber verurteilten ihn alle, dass er des Todes schuldig sei.

 65 Da fingen einige an, ihn anzuspeien und sein Angesicht zu verdecken und ihn mit Fäusten zu schlagen und zu ihm zu sagen: Weissage uns! Und die Knechte schlugen ihn ins Angesicht.

             Weil das Urteil gesprochen ist, gibt es keine Schonung mehr für den Verurteilten. Es sind wohl Mitglieder des Hohen Rates gemeint, wenn von einigen die Rede ist, die ihn schlagen. Ihn vorführen wollen, bloßstellen wollen als falschen Propheten. Weil er mit verdecktem Angesicht nicht sagen kann, wer ihn geschlagen hat. Wie viel Hass zeigt sich in diesem zügellosen Tun. Und wenn die Herren schon so agieren, gibt es auch für die Knechte keine Zurückhaltung mehr. Jetzt ist Jesus der Willkür preisgegeben.

Zum Weiterdenken

Es geht um den Zentralpunkt christlichen Glaubens, den wir ein wenig aus dem Blick zu verlieren scheinen. Gott ist nicht in der Transzendenz verblieben, sondern hat in einem Menschen – Jesus von Nazareth – Fleisch und Blut angenommen. Das ist ein Angriff auf alles, was normalerweise unser Denken bestimmt. Einen transzendenter Gott, den mag es geben oder auch nicht.  Die Behauptung aber, dass er in diesem gebunden Jesus von Nazareth in der Welt ist, in die Hände der Menschen gegeben, das muss Gotteslästerung sein. Was aber, wenn das Wort Jesu Ich bin´s die Wahrheit ist? Dann mag das Urteil Gotteslästerung tausendmal den Anschein des Rechts haben, es ist zugleich der Widerspruch gegen die Wahrheit Gottes.

Der Zeuge Gottes als Gotteslästerer preisgegeben – das ist das Geschehen in diesem Prozess und diesem Urteil. – Und der Himmel schweigt dazu. Die Stimme, die bei der Opferung Isaaks Abraham Einhalt gebiete, sie bleibt hier stumm. Es gibt kein göttliches Stop!  für das Geschehen, das jetzt abläuft, für die Auslieferung des Sohnes an die Willkür der Menschen. Gott gibt sich selbst preis.

Es wirft ein seltsames Licht auf diesen Prozess, der gegen Jesus geführt worden ist. Er findet entgegen der Prozess-Ordnung in der Nacht statt: Auch das Urteil wird im Zug einer einzigen Verhandlung gefällt. Beides widerspricht einer ordentlichen Gerichtsverhandlung und so erweckt das Geschehen von Anfang bis zum Ende den Eindruck von Willkür. Noch dazu kommt, dass die Zeugen bestellt erscheinen und ihr Zeugnis alle Eigenschaften dessen hat, was man heute Fake News nennt. Da stehen sich zwei Welten gegenüber – eine, die auf Macht und Lug und Trug gründet und sie schamlos einsetzt und die andere Welt, in der die Wahrheit das Wort hat. Auch dann, wenn sie dem eigenen Leben schaden wird.

 

Angeklagt. Verleumdet. Geschlagen  – so stehst Du da – mein Jesus – und schweigst zu allem, rufst nicht nach Hilfe, fragst nicht: Was macht ihr da mit mir?

Aber dann antwortest Du doch: Ich bin`s. Ich bin der Sohn, der Geliebte, der den Weg des Vaters geht, auch jetzt unter eurem Widerspruch. So stehst Du in der Mitte, Mensch unter Menschen, Gott in der Mitte von uns Menschen.

Gib Du, dass wir Dich erkennen und Dir glauben, uns Dir anvertrauen, Dir, dem Christus, dem Sohn des Hochgelobten. Amen