Verhaftung

Markus 14, 43- 52

43 Und alsbald, während er noch redete, kam herzu Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten und Ältesten.  

Ein großer Auftritt. Plötzlich, sogleich. εθς. Sofort nach den Worten Jesu ist Judas da, einmal mehr bestimmt als einer von den Zwölfen. Er, der irgendwie von der Bildfläche verschwunden war, ohne dass es Markus groß erwähnt hätte.  Jetzt ist er da und mit ihm ein ganzer Trupp von Leuten. Die Schar ist eine „Abordnung der drei Fraktionen des Synhedrions… Damit ist zu verstehen gegeben, dass die offizielle höchstrichterliche jüdische Behörde gegen Jesus eingreift.“ (J. Gnilka, aaO.   S.268)

 44 Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen genannt und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist’s; den ergreift und führt ihn sicher ab. 45 Und als er kam, trat er alsbald zu ihm und sprach: Rabbi!, und küsste ihn.

             Jetzt wird Judas Verräter genannt – vom Griechischen παραδιδος her wäre genauer: Auslieferer. Er hat ein Zeichen ausgemacht mit seinen Begleitern, an dem sie Jesus erkennen sollen: der ist es, welchen ich küssen werde. Das ist erst einmal nichts Ungewöhnliches. So begrüßt man sich unter vertrauten Leuten im Orient. Offensichtlich aber muss Jesus gekennzeichnet werden – weil er der Schar nicht bekannt ist? Oder weil es in dem Gelände dunkel ist?  

             Jedenfalls: Judas tritt, kaum, dass sie da sind, zu Jesus, grüßt ihn: Rabbi, Meister und küsst ihn. Die Anrede zeigt Respekt, trotz allem. Sie macht aber auch den inneren Widerspruch im Tun des Judas sichtbar. Und: „Der innige Kuss zeigt, wie das Freundschaftsverhältnis infam missbraucht wird.“ (J. Gnilka, aaO. S.269) κατεφλησεν. katephilaesen. Ob in diesem Wort wirklich gesagt ist, dass der Kuss innig ist, wage ich nicht zu entscheiden. Erst recht wage ich nicht, hier irgendwie die Gefühlslage des Judas zu deuten. Oder die Gedankengänge festzuschreiben, die sich mit dem Kuss des Judas verbinden könnten. Bei ihm, bei uns.

 Mich erinnert die Szene vielmehr an die offiziellen Brüderküsse früher Ostblock-Zeiten, von denen eine Menge nur falsche Küsse waren, geheuchelt. Vielleicht ist es hier auch so: Ein falscher Kuss. Der Rest ist Schweigen. Judas hat seinen Part erfüllt. Von ihm ist danach bei Markus keine Rede mehr.

 46 Die aber legten Hand an ihn und ergriffen ihn. 47 Einer aber von denen, die dabeistanden, zog sein Schwert und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm ein Ohr ab.

             Die mit Judas gekommen sind, walten ihres Amtes. Sie nehmen Jesus fest. Dabei kommt es zu einem Zwischenfall, der die bis dahin reibungslose Aktion stört. Einer ergreift sein Schwert, schlägt nach dem Knecht des Hohenpriesters und trifft ein Ohr. Schlägt es ihm ab.

         Höchst merkwürdig: Nur der Vorgang wird erzählt. Aber keine Reaktion – weder auf der Seite Jesu noch auf der Seite der Verhaftungstruppe. Nichts wird auch nur andeutungsweise erklärt. Dabei wäre es doch möglich: „Wohl kein Erlebnis im menschlichen Leben ist schmerzlicher als tatenlos mitansehen zu müssen, wie einem Menschen, der uns nahesteht, schweres Unrecht zugefügt wird. Alles in uns rebelliert dagegen und wir möchten tun, was wir können, um den anderen zu schützen, nur wissen wir oft nicht, wie. In solchen Augenblicken der Hilflosigkeit und der Angst überlegt man nicht lang – man handelt einfach wie in einem Reflex.“(E. Drewermann, aaO. S. 512) So überzeugend das in unseren Ohren klingen mag – nichts davon deutet Markus in seinem Erzählen auch nur an.

Es kommt zu keinem weiterreichenden Handgemenge. Es ist, als wäre nichts geschehen. Man erfährt auch nicht, wer das Schwert führt – ob ein Jünger, oder einer aus der Schar, der aus Versehen seinen eigenen Mann, den Anführer – so kann man der Knecht des Hohenpriesters lesentrifft.

            „Der Verlust des Ohres galt als Schandmal, wie schon die Assyrer und Babylonier die Strafe des Ohrabtrennens kannten.“ (J. Gnilka, aaO.  S.270) Dann könnte in dieser scheinbar so überflüssigen Notiz der Hinweis stecken, dass diese ganze Aktion der nächtlichen Verhaftung eine Schande ist, die auf Urheber und Ausführende zurückfällt.

 48 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Ihr seid ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen, mich gefangen zu nehmen?. 49 Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen und habe gelehrt, und ihr habt mich  nicht ergriffen. Aber so muss die Schrift erfüllt werden.  

Genau das spricht Jesus an. Wie widersinnig ist dieses ganze nächtliche Unternehmen. Tag für Tag war er im Tempel, sichtbar, nicht verborgen. Sie aber haben sich die Nacht ausgesucht für ihr dunkles Geschäft. Er hat als Lehrer, als Rabbi im Tempel gelehrt. Sie versuchen mit ihrer Aktion einen Räuber aus ihm zu machen. Sie scheuen, wie Räuber, das helle Licht des Tages, um ihn, der immer im Hellen unterwegs ist, in ihre Hände zu bekommen. Die Worte Jesu sind auf den ersten Blick an die Schar gerichtet, die ihn ergreift, in Wahrheit aber an die, die diese Leute ausgesandt haben.

Es ist nicht wirklich ersichtlich, auf welche Stelle der Schrift sich der Satz bezieht: Aber so muss die Schrift erfüllt werden. Vielleicht klingt von weitem an: „Er ist den Übeltätern gleichgerechnet.“(Jesaja 53,12) Sicher ist das aber nicht.

 50 Da verließen ihn alle und flohen. 51 Und ein  junger Mann folgte ihm nach, der war mit einem Leinengewand bekleidet auf der bloßen Haut; und sie griffen nach ihm. 52 Er aber ließ das Gewand fahren und floh nackt davon.

Das Wort Jesu an seine Jünger erfüllt sich: Da verließen ihn alle und flohen.  Die vorher noch die Treue beschworen haben, verschwinden im Dunkel der Nacht. Bringen sich in Sicherheit. Immerhin einer folgt noch, ihm nach. Leicht bekleidet. Er scheint dem Verhaftungskommando so nahe gekommen zu sein, dass er auffällt und sie na h ihm greifen. Da entflieht er. Nackt.

Wer auch immer der junge Mann ist – ob es womöglich gar der junge Johannes Markus ist, der mögliche Verfasser des Evangeliums, immerhin ein Jerusalemer! –  wir wissen es nicht. „Aber eines macht Markus deutlich: Auch der letzte, der versucht, Jesus zu folgen, rettet nur die nackte Haut.“(W. Klaiber, aaO.  S.285)

 Zum Weiterdenken

   Keiner greift ein. Keiner außer einem greift zum Schwert. Es ist eine Szene, die nicht geeignet ist, zum Handeln zu ermutigen. Die allerdings auch nicht geeignet ist, ein eingreifen aus guten Motiven völlig auszuschließen. „Für Jesus war es richtig und unerlässlich, ungeschützt in den Tod zu gehen.“(E. Drewermann, aaO. S. 524) Das war sein Weg, ganz in Übereinstimmung mit der Schrift, wie er sie gelesen hat: „Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.“(Jesaja 53,7) Wehrlos aus innerer Überzeugung – so geht Jesus seinen Weg. Aber das schließt nicht aus, dass es auch die andere Entscheidung gibt, dass es „Menschen gibt, die zum Schwert greifen können, ohne ihre Unschuld zu verlieren.“(E. Drewermann, ebda.)Es ist gut, aus dieser Verhaftungs-Szene kein verpflichtendes Modell für Gewaltlosigkeit abzuleiten, aber auch kein Modell für gebotenes zu den Waffen. Wer biblische Texte immer nur als ethische Handlungsanweisung lese wollte, liest zu kurzatmig und kurzsichtig.

 

Jesus, mein Gott. Alle sind geflohen. Alle haben sich in Sicherheit gebracht. Es ist wohl wahr: Die Kreuzwege des Lebens gehst Du immer ganz allein. Wahrscheinlich wäre ich auch weggelaufen, hätte Dich den Häschern überlassen, weil ich mich nicht zum Helden eigne.

Ich danke Dir, dass Du Deinen Auslieferer und die Jünger, die geflohen sind, nicht mit Verachtung gestraft hast, ihnen ihre Angst und ihre Untreue nicht vorgehalten hast als Versagen, als Verrat.

Ich danke Dir, dass Du in jener Nacht nicht weggelaufen bist, dass Du Dich in die Hände der Menschen hast geben lassen, weil es Dein Weg ist, durch die eigene Hingabe alle zu gewinnen, auch die, die so viel Angst um sich selbst haben. Amen