Und Gott schweigt

Markus 14, 32 – 42

32 Und sie kamen zu einem Garten mit Namen Gethsemane.

             Am Fuß des Ölbergs liegt der Garten Gethsemaneχωρον heißt kaum Garten, sondern eher „Landgut, Acker, kleines Grundstück“.(Gemoll, aaO. S.811) Neue Übersetzungen sind darum vorsichtiger als Luther: „Sie kamen zu einem Grundstück“(Einheitsübersetzung); „sie kamen an eine Stelle am Ölberg“(Neue Genfer Übersetzung) Auch die alte Luther-Übersetzung von 1912 war noch näher am griechischen Wortlaut: „Sie kamen zu einem Hofe.“ Die Übersetzung Garten ist wohl aus dem Johannesevangelium „eingewandert“, weil dort der Ort ausdrücklich als κπος, Garten (Johannes 18,1) bezeichnet wird. Bis heute kann man Gethsemane, der Name bedeutet: Ölkelter, in Jerusalem aufsuchen – eine Anlage mit uralten Ölbäumen. Ein beeindruckender Ort.

Und er sprach zu seinen Jüngern: Setzt euch hierher, bis ich gebetet habe. 33 Und er nahm mit sich Petrus und Jakobus und Johannes und fing an zu zittern und zu zagen 34 und sprach zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet!

             Jesus lässt seine Jünger zurück. Nur Petrus und Jakobus und Johannes nimmt er weiter mit, auf dem Weg in das Grundstück. Vor allem aber mit auf seinen Weg, seinen inneren Weg. Er geht weiter, um dort zu beten. Das ist kein heldenhaftes „jetzt erst recht“, sondern er fängt an zu zittern und zu zagen. Jesus ist nicht der Held, der keine Erschrecken, keine Bangigkeit kennt. Er ist nicht der Gerechte, der so in sich ruht, dass ihn nichts mehr berührt. Es gehört zur Erinnerung der ersten Gemeinde: „Als Christus hier auf der Erde war – ein Mensch von Fleisch und Blut – , hat er mit lautem Schreien und unter Tränen gebetet und zu dem gefleht, der ihn aus der Gewalt des Todes befreien konnte.“ (Hebräer 5,7)

Jesus geht diesen Weg nicht „dankbar ohne Zittern“(D. Bonhoeffer). Auffallend und ungewöhnlich: „Im Judentum pflegte man das Ideal des leidenden Gerechten, der voller Gottvertrauen in den Tod geht und der Märtyrer, die dem Tod heldenhaft in die Augen blicken.“ (W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S.278) Jesus dagegen sagt von sich selbst: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod. περλυπς – umgangssprachlich könnte man sagen: todtraurig. Er ist – schon vor dem Tod – zu Tode verwundet durch das, was auf ihn zukommt. „Die über Jesus kommende Angst ist so groß, dass Sterben Befreiung bedeuten könnte.“(J. Gnilka, aaO. S.259) Dagegen sucht er Halt – in seinem Beten und im Mitwachen der Jünger. Weil er weiß, dass er das kommende Geschick nicht allein wird tragen können. 

35 Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf die Erde und betete, dass, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorüberginge, 36 und sprach: Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!

      Es ist ein Ringen. Aber zugleich auch ein sich Ausliefern. Dass er sich auf die Erde wirft ist eine Form der Selbstpreisgabe – heute noch nachvollzogen in der Priesterweihe in manchen christlichen Kirchen. Wer auf dem Boden liegt, gibt sich selbst aus der Hand. So, ganz demütig ist es ein Beten um Verschonung. Hoffen auf einen Ausweg.  Nicht auf einen Fluchtweg, den er sich ja doch selbst suchen könnte. Auf einen Ausweg, den Gott öffnen könnte, weil es ja so ist: alles ist dir möglich.

Es trifft wohl zu: „Jesus muss die Gefahr des Todes immer vor sich gesehen haben – er kannte seine Gegner und ihre Machenschaften gewiss gut genug, und er muss beschlossen haben, ihnen nicht länger auszuweichen… Die üblichen Auswege des Sich-Versteckens, des Ausweichens, des Untertauchens sind gerade Jesus nicht erlaubt – allen anderen vielleicht, ihm nicht. Denn er wollte, dass wir Menschen unseren Glauben gegen alle Angst auf Gott richten.“ (E. Drewermann, aaO. S. 485f.)   So ringt er jetzt – um die Treue zu seinem Weg und darin um die Treue zu Gott.

In dieser letzten Angst und in diesem Ringen immer noch:  Abba, mein Vater. Es ist eben kein ferner Gott, mit dem er spricht. Kein unnahbarer Allherrscher, kein HERR, auch nicht El Schaddai. Nicht Gott als das höchste Gut. Summum bonum. Nicht die irgendwie unbegreifliche Transzendenz. Sondern der Vater, mehr noch Mein Vater. αββα πατρ. Es ist ein Festhalten an der innigen Verbundenheit, wie sie das Johannes-Evangelium auf dem Punkt bringt: „Ich und der Vater sind eins.“(Johannes 10,30) Ein Leben lang hat Jesus das Gespräch mit dem Vater gesucht. Nächtelang das Vertrauen auf ihn eingeübt. An diesem Vertrauen hält er auch jetzt fest und darum sucht er jetzt betend den Vater.

Aus dieser gelebten Einheit mit dem Vater kommt sein Beten. Und in dieser Einheit steht sein Beten. Wenn er schließlich bittet: doch nicht, was ich will, sondern was du willst! so ist das nicht die Beugung unter einen fremden Willen, sondern ein Einstimmen in den Willen des Vaters, mit dem er eins ist.  Man könnte wohl auch so sagen: In diesem Beten hören wir zu bei einem Selbstgespräch des dreieinigen Gottes.

            »Ja, Vater, ja von Herzensgrund, leg auf, ich will dir’s tragen;
mein Wollen hängt an deinem Mund, mein Wirken ist dein Sagen.«
O Wunderlieb, o Liebesmacht, du kannst – was nie kein Mensch gedacht –
Gott seinen Sohn abzwingen.
O Liebe, Liebe, du bist stark, du streckest den in Grab und Sarg,
vor dem die Felsen springen.“          P. Gerhardt 1647, EG 83

             Es ist das Recht des Liederdichters am Ende des 30-jährigen Krieges, dieses Gespräch ein wenig „netter“ zu deuten als es der Text hergibt. Markus weiß in seiner Kargheit mehr von dem inneren Ringen um die Zustimmung zu diesem bitteren Weg Gottes

37 Und er kam und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht, eine Stunde zu wachen? 38 Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.

             Es ist ein Atemholen in diesem Beten, in diesem Ringen um den eigenen Weg. Ein Atemholen, bei dem er nach den Jüngern sieht. Weil er auf ihr Mit-Beten hofft. Auf ihre Gebets-Unterstützung. Aber er findet sie schlafend. Nicht nur Petrus, sondern auch die anderen. Schlafend in dieser Stunde seines Kampfes. Weil sie der menschlichen Schwachheit Tribut zollen.

39 Und er ging wieder hin und betete und sprach dieselben Worte 40 und kam wieder und fand sie schlafend; denn ihre Augen waren voller Schlaf, und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten.

  Es wiederholt sich alles – sein Beten und Ringen, sein Schauen nach ihnen und ihr Schlafen. Es ist, als wollte Markus es seinen Lesern einschärfen: diesen Weg geht Jesus allein, ohne menschlichen Beistand. Denn die bei ihm sind, wissen nicht, was da geschieht. Sie sind gefangen in ihrer Müdigkeit. Dieser Weg, der jetzt in Gethsemane anfängt, ist nicht der Weg der Jünger – es ist sein Weg. Nur sein Weg.

  41 Und er kam zum dritten Mal und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiterschlafen und ruhen? Es ist genug; die Stunde ist gekommen. Siehe, der Menschensohn wird überantwortet in die Hände der Sünder. 42 Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, der mich verrät, ist nahe.

             Ein drittes Mal wiederholt es sich. Und dann ist es genug. πχει· Es ist genug. Sie müssen nicht mehr wachen. Sie können nicht mehr schlafen. Jetzt ist die Stunde gekommen. Aber hier steht nicht das Wort für die Gottesstunde – καιρός – sondern hier steht ρα, Hora, als wollte Jesus sagen: Jetzt ist die Stunde der Menschen da. In dieser Stunde wird der Menschensohn ausgeliefert, überantwortet, dahingegeben. Einmal mehr παραδδοναι, dieses theologisch so gefüllte Wort. Er wird in die Hände der Sünder gegeben – was Markus nicht sagt: um der Sünder willen.

Und wieder müsste man vom Griechischen her genauer übersetzen: „der mich ausliefert, der mich übergibt.“ Nicht: der mich verrät. Damit wir nicht moralisch so entrüstet hören, sondern genauer sehen: Es geht darum, dass er dahingegeben wird, „damit alle, die an ihn, diesen Dahingegebenen glauben, das ewige Leben haben.“(Johannes 3,16) Ja, es ist die Stunde der Menschen. Aber es ist zugleich die Stunde in der Heilsgeschichte Gottes. Wer es fassen kann, der fasse es.

Diesem Geschehen geht er jetzt entgegen. Aufrecht. „Er wird nicht zum Sklaven eines göttlichen Heilsplanes, sondern überantwortet sich in freier Liebe dem Willen des Abba.“ (J. Gnilka, aaO.  S.263) Der eben noch voll Zittern und Zagen war, der scheint jetzt gefasst. Weil seine Stunde gekommen ist.  Von jetzt an gehen die Ereignisse ihren Gang

Es wird kein Zufall sein. Hier steht γγικεν. „Ist genaht.“ Das gleiche Wort, mit dem Jesus seine Predigt eröffnet hatte: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen.“(1,16) Wenn ich das ernst nehme, dann lese ich, dass diese Stunde jetzt, in Gethsemane nicht eine Stunde ist, in der das Reich Gottes fern rückt, sondern in der seine Nähe weiter gilt.

Zum Weiterdenken

               Gethsemane ist der Schlüssel zum nachfolgenden Geschehen der Passion. Jesus hat sich nicht in die Büsche geschlagen, er ist nicht seines Weges gegangen. Er hat in der letzten Versuch nicht den Ausweg gewählt, den eigenen Weg. Er hat seinen Willen in den Willen des Vater gegeben, eingewilligt in den Weg der Auslieferung, der Verstoßung in die Gottesferne. Es ist der letzte Moment der Freiheit: hier hätte Jesus noch einen anderen Weg wählen können, seinen eigenen und nicht den des Vaters.

         Am Ende dieser Szene warten wir vergeblich darauf, dass etwas von Gott geschieht. Lukas weiß immerhin zu erzählen, dass ein Engel aus dem Himmel Jesus stärkt. Markus weiß nichts davon. „Was wird Gott tun? Was kann Gott tun? Wir, die wir die Bibel kennen, wissen es. Nichts wird Gott tun. Die Erde wird sich weiter drehen, die Sterne werden ihr kaltes Licht in den Raum abstrahlen.“(E. Drewermann, aaO. S.493) Gott lässt das Geschehen seinen Lauf nehmen. Das gilt ja auch für unser Leben. Gott greift nicht immer ein, wenn wir es für nötig erachten. Er ist nicht der Deus ex machina, der auf Anweisung eines irdischen oder himmlischen Regiebefehl aktiv wird.

Es sind Bibelstellen wie diese, Geschichten wie diese Szene im Garten Gethsemane, die mich skeptisch machen, wenn ich singen soll:

     „Wir danken dir, wenn wir uns legen, dass deine Kirche immer wacht.“                                                                 E. Valentin 1964, EG 266

             Ich glaube nicht an die immer wachende Kirche. Sie kommt mir zu oft verschlafen vor. So wie ich selbst ja auch allzu oft den richtigen Augenblick verschlafe. Mich tröstet ein wenig, dass Gott, der Vater im Himmel, unser Schlafen nützt, um seine Taten zu tun: Adam ist im Tiefschlaf, als Eva geschaffen wird. Die Welt schläft, als der Christus geboren wird. Die Jünger schlafen, als Jesus um die Treue zu seinem Weg ringt. Die Welt schläft auch in der Nacht der Auferstehung. Wichtiger als eine immerzu wachende Kirche ist, dass gilt:

„Der dich behütet, schläft nicht.                                                                                         Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.“       Psalm 121,3-4

             In der Kritik an den schlafenden Jüngern und ihrem Ermatten lese ich zugleich auch Trost für mich: Jesus hat eben nicht hellwache Leute mitgenommen in diese Nacht, sondern solche, die schwach sind, die ihrer Schläfrigkeit unterliegen. Die sich manchmal womöglich sogar in den Schlaf, den kleinen Bruder des Todes, flüchten.

Es ist meine Lebens-Wirklichkeit, die ich hier wiederfinde: Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach. Tausend erträumte Pläne, Höhenflüge des Geistes, Absichten ohne Ende, aber eine Trümmerlandschaft an Verwirklichungen. Leben als Fragment – das ist die Wahrheit, die hier sichtbar wird. Aber an diesen Leuten mit dem willigen Geist und dem schwachen Fleisch hält Jesus fest. Sie will er bei sich haben, nicht nur in dieser Nacht. „Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast.“(Johannes 17,24) In Zeit und Ewigkeit.

 

Schreien möchte ich: Gib Antwort Gott. Schreien möchte ich: Geht kein anderer Weg? Muss es wirklich dieser Taumelkelch sein? Du kannst doch anders. Und Gott schweigt.

Jesus, Ich sehe Dich auf den Knien. Ich höre Deine Worte. Ich höre, wie der Himmel schweigt. Nur von ferne ahne ich die Tiefe Deiner Angst im Dunkel ohne Licht, im Schrei ohne Antwort. Und doch sagst Du in den schweigenden Himmel:„Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“

Das ist Dein Ja zum Weg des Vaters, geboren aus dem Gehorsam, aus der Liebe, aus dem Einssein – hineingesprochen in das Schweigen ohne Antwort, in das Gottesdunkel.

Ich danke Dir für Dein Ja, der Welt zum Heil und mir zum Leben. Amen