Treueschwüre

Markus 14, 26 – 31

26 Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

             Das Passahmahl ist gehalten. Mit dem Lobgesang, dem „kleinen Hallel (Psalm 114 bzw. 115-118)“ (W. Klaiber, aaO.  S.275) ist sein Abschluss erreicht. Dieser Lobgesang wird noch in ihnen nachklingen, als sie den Raum des Mahles verlassen und sich nun in der Nacht auf den Weg zum Ölberg machen.

27 Und Jesus sprach zu ihnen: Ihr werdet alles Ärgernis nehmen; denn es steht geschrieben (Sacharja 13,7): »Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe werden sich zerstreuen.«

     Es ist kein stummer Gang, sondern Jesus nimmt auf dem Weg das Wort. Er wendet sich an seine Jünger mit Worten, die sie erneut, wie schon seine Ankündigung vor dem Mahl, bestürzen müssen: Ihr werdet alle Ärgernis nehmen. σκανδαλισθσεσθε Es steckt im griechischen Wort mit drin: Was ihr erleben werdet, wird für euch zum Skandal. Zum Anstoß. Zur Stolperfalle. Es ist nicht einfach zu verkraften.

Was ist das, was kommen wird?  Es ist eine Art Leidensansage: »Ich werde den Hirten schlagen… schwerer erträglich als die früheren Ansagen, weil hier nicht mehr von Menschen als Akteuren die Rede ist – hinter diesem „Ich“ steht Gott!

Mehr Schrecken noch und darüber hinaus – auch durch das Zitat aus Sacharja: Wie eine Herde, deren Hirte umkommt, sich auflöst, so wird es mit euch sein. Was mir geschieht, wird dazu führen, dass ihr euch zerstreut. Auseinander stiebt. Euch in Sicherheit bringt. Ihr verliert eure Mitte und damit den inneren Zusammenhalt.

Dahinter wird die Erfahrung erkennbar, die sich seitdem tausendfach wiederholt hat: Wo eine Gemeinde ihre gemeinsame Mitte, Jesus, verliert, da zerfällt sie. Es ist nicht mit dem menschlichen Miteinander getan. Es braucht ihn, den Hirten in der Mitte, damit die Herde zusammenbleibt. Gemeinden, die sich nicht mehr um Jesus sammeln, sind in einem Auflösungsprozess, auch wenn sie es selbst noch kaum merken.

28 Wenn ich aber auferstanden bin, will ich vor euch hingehen nach Galiläa.

     Ob die Jünger diesen Satz auf ihrem Weg in der Nacht überhaupt noch hören konnten? Ob sie ihn verstehen konnten, noch diesseits des Kreuzes unterwegs? Mir kommt es vor, als wäre er „auf Vorrat“ gesagt. Aber er berührt sich mit den Leidensansagen Jesu. Auch da folgt der Ankündigung des Leidens jeweils der Hinweis: „nach drei Tagen auferstehen“ (8,31; 9,31; 10,34). Wichtig ist: Diese Vor-Schau nimmt dem Weg Jesu, der jetzt unmittelbar vor ihm liegt, nichts von seiner Härte. Macht ihn nicht zu einem doch nicht ganz so wirklichen und harten Leidens-Weg.

Der Ton des Satzes aber liegt auf der zweiten Hälfte. Nicht einfach nur bei der Ankündigung: ich werde auferstehen. Jesus sagt seinen Jüngern, die er so mit ihrem Weglaufen, ihrem Kündigen der Treue, ihrem Versagen konfrontiert:Ich lasse euch nicht so zerstreut. Ich nehme eure Kündigung der Jüngerschaft nicht an, sondern ich halte an euch fest. Durch den Tod und über den Tod hinaus. Ich gehe euch voraus, auch in den Alltag, nach Galiläa, in den ihr euch flüchten wollt. Ihr werdet weglaufen, aber ich verwandle euer Weglaufen in einen neuen Weg, mir nach.

 Petrus aber sagte zu ihm: Und wenn sie alle Ärgernis nehmen, so doch ich nicht! 30 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute, in dieser Nacht, ehe denn der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.

Die Worte Jesu lösen Widerstand und Widerspruch aus. Am deutlichsten bei Petrus. Er verbürgt sich: Alle anderen vielleicht – ich nicht. Für mich Petrus gibt es keinen Anstoß an dir, kein Ärgernis. Nie und nimmer kannst du mir zu einem werden, mit dem ich nichts zu tun haben will. Petrus legt für seine Jüngerschaft die Hand ins Feuer.

Weil wir wissen, wie die Geschichte ausgeht, sagen wir: Selbst-Überschätzung. „Statt auf die Gnade zu vertrauen, baut er nur auf die eigene Kraft.“ (J. Gnilka, aaO.  S.254) Aber ist es denn überhaupt denkbar, dass Petrus in dieser Situation anders reagiert? Dass er alles hört, was Jesus sagt und antwortet: „Wann sollen wir uns denn durch-tun? Und Wohin?“ Das Wort Jesu stellt ja nicht nur ein bisschen Treue in Frage, macht ein Fragezeichen an die Tapferkeit. Sondern es sagt: In dieser Nacht wird euer ganzer Weg mit mir – von Galiläa bis hierher nach Jerusalem – auf die Probe gestellt werden – und ihr werdet ihn alle verlassen. Mich verlassen. Ihr werdet eure Hoffnung gescheitert und eure Wünsche geplatzt erfahren.

Es ist kein Wunder, dass Petrus dieser Ankündigung Jesu widerspricht. Dafür steht viel zu viel für ihn auf dem Spiel. Für ihn, der alles verlassen hat, um bei Jesus zu sein. Weil er das nicht aushalten kann, sich als Feigling zu sehen, als einen, der nur die eigene Haut retten will, darum muss er widersprechen. Um sein Selbst-Bild zu erhalten und seinen Glauben an die Treue, zu der ihn seine Bindung an Jesus befähigt.

Aber Jesus weist den Widerspruch zurück. Mehr noch, unterstrichen durch μν: Amen. Wahrlich. Du wirst auf Abstand gehen, gleich dreimal, endgültig und unwiderruflich. Du wirst mich verleugnen. Abstreiten, dass du zu mir gehörst. Abstreiten, dass du mich kennst. Die dreifache Wiederholung der Verleugnung schließt aus, dass es nicht ernst gemeint sein könnte. Sie ist damit umfassend, abschließend, ein für alle Mal. Das Gegenbild zum dreifachen „Heilig, heilig, heilig“ der Anbetung Gottes.

Markus bezeugt uns wieder, zum wiederholten Mal, dieses geheimnisvolle Vor-Wissen Jesu. Sein die Herzen kennen. Aber eben nicht nur ein Wissen um das allgemein-menschliche, um die Art von Menschen. Sondern er kennt seinen Jünger. Und er kennt das Geschehen, das in dieser Nacht vor ihm liegt

31 Er aber redete noch weiter: Auch wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen!

Als würden ihn die Worte Jesu reizen, herausfordern, steigert sich Petrus zu einem Treueschwur. Selbst den Tod will er um der Treue zu Jesus willen auf sich nehmen. Dramatisch? Übertrieben? Als es um den Weg nach Betanien geht, an das Grab des Lazarus, da erzählt das Johannes-Evangelium: „Da sprach Thomas, der Zwilling genannt wird, zu den Jüngern: Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben!“(Johannes 11,16)  Es gibt das Wissen im Kreis der Jünger, dass ihr Weg mit Jesus gefährlich ist und sie selbst gefährdet. Es gibt das Wissen im Kreis der Leserschaft der Evangelien: Die Treue zum Glauben kann das Leben kosten. Buchstäblich. Es sind keine allzu leichtfertigen Sprüche, die Petrus hier macht. Sie sind ernst gemeint.

 Das Gleiche sagten sie alle.

Petrus ist nicht allein mit diesen Beteuerungen. Sie alle haben die Worte Jesu gehört. Sie alle sind von ihnen getroffen. Und sie alle weisen sie zurück. Weil ihnen ihre Treue so wesentlich ist, dass sie das nicht in Frage gestellt sehen können. Weil sie spüren: hier stehen wir mit unserer ganzen Existenz als Jünger in Frage.

Zum Weiterdenken

Und wir? Was sagen wir?

Bei dir, Jesu, will ich bleiben, stets in deinem Dienste stehn;
nichts soll mich von dir vertreiben, will auf deinen Wegen gehn.
Du bist meines Lebens Leben, meiner Seele Trieb und Kraft,
wie der Weinstock seinen Reben zuströmt Kraft und Lebenssaft.

 Ja, Herr Jesu, bei dir bleib ich so in Freude wie in Leid;
bei dir bleib ich, dir verschreib ich mich für Zeit und Ewigkeit.
Deines Winks bin ich gewärtig, auch des Rufs aus dieser Welt;
denn der ist zum Sterben fertig, der sich lebend zu dir hält.                      
                                              Philipp Spitta 1833, EG 406

Kann es sein, dass wir den Mund zu voll nehmen, wenn wir das singen? Es ist eine berechtigte Warnung: „Christliche Existenz wird dem nicht gelingen, der sich auf sich selbst verlässt.“(J. Gnilka, aaO. S.255) Und doch: Manchmal muss man als Glaubender vielleicht doch den Mund zu voll nehmen, über die eigenen, engen Grenzen hinaus singen und sagen. Nicht aus Selbstvertrauen, aber im Vertrauen auf Gott.

 

Mein Gott, Ich bin kein Freund von Treueschwüren, von großen Versprechen. Ich scheue davor zurück zu sagen: Auf mich kannst du dich verlassen. Ich bin treu bis in den Tod.

Aber ich möchte gerne treu sein, Dir, den Menschen, die mir nahe sind, der Welt, in der ich leben darf. Ich möchte gerne verlässlich sein, einer, auf den man sich verlassen kann, auf den Du Dich verlassen kannst.  Halte Du mich fest in den Versuchen zur Treue, aber auch im Scheitern. Amen