Brot und Wein

Markus 14, 17 – 25

17 Und am Abend kam er mit den Zwölfen.

             Die Vorbereitungen sind fertig. Jetzt kommt Jesus mit den Zwölfen. Der Jüngerkreis ist an diesem Abend zusammen. Vollzählig. Alle, die mit ihm unterwegs waren seit den Anfängen am Galiläischen Meer.

 18 Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten. 19 Da wurden sie traurig und fragten ihn, einer nach dem andern: Bin ich’s?

             Das Mahl hat begonnen. In die Mahlzeit hinein dann die Worte Jesu, Worte, die abrupt die ganze Atmosphäre dieses Mahles verändern werden. μν – so wird es sein, so soll es sein. Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten. Schockierend. So fällt auch die Reaktion der Jünger aus: Sie werden traurig. Und sie fangen an, einer nach dem anderen zu fragen: doch nicht etwa ich?

Für den unbefangenen Leser ist das eine merkwürdige Frage. Sie müssen doch wissen, wie sie unterwegs sind. Sie müssen doch wissen, was sie beabsichtigen, planen. Sie müssten sich doch selbst kennen. Aber diese Frage deutet etwas anderes an: Was da vor sich geht, wirkt wie ein Verhängnis, dem man sich nicht entziehen kann.

„Jesu Vorherwissen, seine Versicherung im Amen begründen den Weg Jesu in seiner Rätselhaftigkeit und Unbegreiflichkeit als den Weg nach Gottes Willen. Wieder ist von einem Ausliefern gesprochen; der dies tut, vollzieht Gottes Absicht.“(W. Grundmann, aaO. S. 385) Dieses Ausliefern – einmal mehr παραδιδόναι – als Tat eines der Jünger wird doch dem Weg Gottes dienen müssen.

20 Er aber sprach zu ihnen: Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht. 21 Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.

             Jesus beantwortet ihr Fragen nicht. Oder doch? Einer von den Zwölfen, – das könnte als der Hinweis gelesen werden, dass da mehr als die Zwölf am Tisch sind. Es könnte aber auf darauf deuten, dass die Formulierung irgendwie aus späterer Sicht gefunden ist. Der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht. Aber das entlarvt keinen unter ihnen. Sie alle teilen ja mit ihm das Brot und sie alle tauchen ihre Bissen in die Schüssel. Das also sagt Jesus mit seinen vagen Worten: Im Prinzip könnte es jeder sein. Und die Jünger scheinen genau das mit ihrer Frage auch zu ahnen.

Es ist so: Der Weg Jesu ist unausweichlich. Es ist der Weg, wie von ihm geschrieben steht. Das aber hebt die Verantwortung dessen, der ihn ausliefert, übergibt, preisgibt, nicht auf. Auch dass dieses Ausliefern dem Willen Gottes dienen muss, ändert nichts daran.

Sind die Worte Jesu über seinen Verräter, seinen Auslieferer ein Fluch? „Der Verräter verfehlt damit – mit seinem Verrat – sein Leben so grundsätzlich, dass Jesus diese Worte sagt: Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.“(W. Klaiber, aaO. S.271) So ähnlich kann Hiob klagen „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt! Jener Tag soll finster sein und Gott droben frage nicht nach ihm! Kein Glanz soll über ihm scheinen!“(Hiob 3,3-4) Mir scheint, Jesus sieht etwas von der Last, die durch den Verrat, ich sage lieber; durch die Auslieferung auf ihm lasten, der hier handelt.  Wie „ein unmögliches Leben noch weiterleben? Existieren zu müssen und nicht existieren zu wollen, sich entscheiden zu müssen und sich nicht entscheiden zu können, an die Wahrheit des Gesetzes glauben zu sollen und doch die Wahrheit der Liebe von ganzen Herzen verlangen zu wollen, das muss der Kern der „Hölle“ sein, in die Judas stürzt.“(E. Drewermann, aaO. S. 445) Mit Hölle, wie man sie landläufig sieht, hat das wenig zu tun.

Darum höre ich hier auch in den Worten Jesu mehr den Schmerz – und stimme zu: Dieses Wort „impliziert nicht notwendig die Verdammnis.“(J. Gnilka, aaO.  S.238) Sondern es scheint, dass Jesus weiß, welche untragbare , unerträgliche Last auf dem lasten wird, der ihn ausliefert.

22 Und als sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib. 23 Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. 24 Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.  

Das Mahl geht weiter. Wir lesen nicht, dass einer gegangen wäre. Alle sitzen noch immer mit am Tisch.  Auch der im ganzen Abschnitt ungenannte Judas. Er ist Gast an diesem Tisch, Teil der Mahlgemeinschaft. Es ist offensichtlich wichtig, in welcher Reihenfolge Markus erzählt. Die Ankündigung, dass einer aus dem Kreis Jesus verraten wird, geht dem Mahl voraus. Geht der Einsetzung des neuen Mahles voraus. So als wollte Jesus sagen: ich bin mir darüber im Klaren, mit welchen Leuten ich mein Mahl halte. Ich gebe mich keinen Illusionen hin. Zugleich nötigt er seine Jünger so, sich selbst mit ihren abgründigen Möglichkeiten anzuschauen.

Umso wichtiger: mit ihnen sitzt er am Tisch und feiert das Mahl. Erinnert an das Passa, an die Verschonung und den Aufbruch vor uralter Zeit. Spricht ihnen Segen zu. Teilt sich an sie aus. Zuerst nimmt Jesus das Brot. „Nehmen, segnen, brechen sind fester Bestandteil des jüdischen Vortischgebetes.“ (J. Gnilka, aaO.  S.243) Das Neue ist, was Jesus sagt Nehmet; das ist mein Leib. τὸ σῶμά μου. Wir könnten gut übersetzen: das bin ich.

Danach der Kelch: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. Nicht das ist entscheidend, der wievielte Kelch in der Feier es war, sondern was Jesus sagt: Er schenkt sich und schenkt ihnen, die mit ihm essen, Gemeinschaft mit sich. „Vom Becherwort her wird deutlich, dass es die Gemeinschaft mit dem ist, der in den Tod geht.“ (J. Gnilka, ebda.)

 Für viele – was da geschieht, gilt nicht nur für den Jüngerkreis. Für die, die an diesem Abend zusammen sind. Aber es gilt auch für sie – ausnahmslos. Auch für den, der ihn ausliefert. Das Essen und Trinken im Mahl bewahren nicht vor dem Versagen. Aber es reicht darüber hinaus.

 25 Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinke im Reich Gottes.

Dieses Mahl ist das letzte, das Jesus mit seinen Jüngern feiern wird. Er weiß es. Aber er verbindet dieses letzte Mahl in der Zeit durch sein Wort mit dem Mahl in der himmlischen Vollendung. Dieses Mahl ist nicht im Passa vorweggenommen. Aber Jesus sichert es gewissermaßen zu: So wird es kommen. „Das Wort drückt seine Zukunftshoffnung und Auferstehungsgewissheit aus.“ (J. Gnilka, aaO. S.246) Darauf, dass sich dieses Wort Jesu erfüllt, an uns, für uns, mit uns, dürfen wir vertrauen.

Zum Weiterdenken

Es gibt Szenen in der Schrift, die sind von einer schier unfassbaren Eindringlichkeit. Weil sie einen selbst nicht in der Zuschauer-Haltung lassen. Es gibt Gemälde, in denen ist das Gesicht einer Figur irgendwie offengelassen. Es lädt ein, sich mit dieser Figur auf dem Bild zu identifizieren. So ist es in dieser Abendmahlserzählung mit der Leerstelle, die der ungenannte Judas lässt. Er ist da, auch wenn er nicht namentlich genannt wird. Einer von denen, die am Abendmahl teilnehmen, Gast am Tisch des Herrn. Darf ich so zugespitzt denken: So wenig Abendmahl möglich ist ohne den Herrn Jesus, ohne seine Gegenwart, so wenig ist es möglich ohne einen Platz für Judas. Weil sonst ja auch kein Platz für mich wäre.

Es geht mir jedenfalls beim Lesen genau so, dass ich mich frage: Bin ich es? Bin ich wirklich so treu, im Glauben, in der Hingabe, in der Liebe, wie ich es gerne von mir sehen würde? Oder gibt es da doch einen inneren Abstand, der mich dann auch ihn ausliefern lässt, der mich zurück schrecken lässt vor der letzten Treue? Fragen, die sich stellen, die mich stellen. Fragen, die ich nicht loswerde. Fragen auch, die ich nicht im Worten beantworten kann nur will. Mein Leben muss es weisen.

Es hat eine tiefe Bedeutung, dass das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern das Passamahl ist. Ohne Worte wird sichtbar: Dieser Abend ist der Beginn des Auszuges aus der Knechtschaft. So wie Mose das Volk aus der irdischen Knechtschaft in Ägypten geführt hat, so führt Jesus – gleichsam als neuer Mose- sein Volk aus der Knechtschaft unter die Sünde, in der Gottesferne. „Die Stunde Israels – das ist für Jesus die stünde seines Abschiedes; das Bild vom Auszug aus Ägypten aus dem Haus der Knechtschaft, spricht jetzt zu ihm weit radikaler noch als in jenen dunklen Stunden der Verbannung und Vertreibung Israels.“(E. Drewermann aaO. S. 464) Allerdings: Es ist die Anfangs-Stunde des Aufbruchs in eine ungeahnte Freiheit.

 

Herr Jesus, an Deinem Tisch ist Platz für Gestalten wie Judas, für Leute, die sich fehl am Platz fühlen, überfordert, die verwirrt sind. An Deinem Tisch ist Platz für meinesgleichen, mich wie ich bin, nicht wie ich sein sollte, nicht wie ich mich manchmal zu sein sehne, nicht wie andere mich zu sehen glauben.

Zu mir und denen neben mir sagst Du: für dich. Du gibst Dich mir, uns, im Brot und im Wein. Brot und Wein sind Dein Weg, Jesus, den Du auf Dich nimmst. Dein Weg der Preisgabe an das Leben, an die Welt.

Du, zerbrochen, zermahlen, gekeltert, hingegeben – für mich, für uns, für die vielen, für die Welt. Brot und Wein –  ich schmecke. Ich glaube: Du bist bei mir, in mir, vor mir. Der Horizont wird weit in Brot und Wein, in Dir, mit Dir. Amen