Die Fußspuren Christi

1. Petrus 2, 18 – 25

18 Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen.

Angesprochen sind nicht alle Sklaven, sondern die „Haussklaven“. So ist das griechische οκται (oiketai) präzise zu verstehen. „Auch freigelassenen Sklaven eines Hauses wurden so bezeichnet.“(U. Holmer, aaO. S.97) Nach vorne im Brief (2,13) gibt es eine Stichwortverbindung durch die Weisung – sich unterzuordnen.

So wie sich die Christen in die staatlichen Ordnungen einfügen sollen, so sollen sie auch in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld „die gesellschaftliche Realität annehmen“.(T. Popp, aaO. S.250) Nicht nur, wo es leicht ist, sondern auch, wo es schwer ist. Es ist so, dass die Herren, δεσπται, („Despoten“), das Sagen haben – unabhängig davon, ob sie gütig, freundlich oder seltsam sind. „Wunderlich“ könnte auch mit „verkehrt“ oder „ungut“ wiedergegeben werden. Es sind Menschen, die es denen schwer machen, die von ihnen abhängig sind. „Vermutlich versuchten sie, die Glaubenspraxis ihrer christlichen Sklaven und Sklavinnen zu unterbinden.“(T. Popp, aaO. S.255) Wie auch immer – auch ihnen sollen sich die Christen unterordnen!

Ein Frage, die sich vom Text her nicht beantworten lässt. Sind mit den Herren Menschen im Blick, die auch zur Gemeinde gehören? Wenn das so wäre, dann geht es in diesen Worten um eine innergemeindliche Regelung von Abhängigkeiten. So eine innergemeindliche Beziehung steht im Brief des Paulus an Philemon zur Debatte. Es gibt in den Gemeinden Christen, von denen andere Christen abhängig sind. Oder aber, die Herren sind keine Menschen, die dem Glauben verpflichtet sind. Dann versucht der Briefschreiber seine Leser anzuleiten, wie sie mit denen irgendwie zurecht kommen können.

19 Denn das ist Gnade, wenn jemand um des Gewissens willen vor Gott das Übel erträgt und Unrecht leidet. 20 Denn was ist das für ein Ruhm, wenn ihr für Missetaten Schläge erduldet? Aber wenn ihr leidet und duldet, weil ihr das Gute tut, dies ist Gnade bei Gott.

            Es wirkt auf die heutigen Leser*innen wie eine weit hergeholte Begründung: Unter solchen Verhältnissen von Abhängigkeit zu leiden ist Gnade. Statt Übel λπη – kann man auch übersetzen: „Kränkung, Beleidigung, traurige Lage.“ (Gemoll, aaO. S. 478) Es ist ein Zustand, in dem sich Menschen wiederfinden, wie er nicht sein sollte, wie er seelischen Schmerz zufügt. Damit umzugehen, erfordert seelische Stärke. Darum Gnade. χρις. Weiter: Nicht das Unrecht ist Gnade, sondern dass es jemand erträgt. Dass es einer auf sich nimmt, auch wenn sich alles in ihm dagegen aufbäumen möchte. Wer das auf sich nimmt, dass er für seine guten Taten – hier steht wieder γαθοποιοντες – leidet, der stellt sich damit in die Nähe Christi. Man könnte auch so sagen: Gnade ist schlicht Christus nahe sein. So wird es Petrus in den folgenden Sätzen eindrücklich vorführen.

Es liegt auf der Hand, dass wir heute diese Sicht eines besonders deutlichen Zeugnisses durch das widerspruchslose Leiden und Erleiden von Unrecht nicht mehr so ganz zu teilen vermögen. Auch als Christen, manchmal gerade als Christen sehen wir uns berechtigt, Ungerechtigkeiten beim Namen zu nennen und sie, wo immer wir es vermögen abzustellen, zu überwinden. Das hat sicherlich auch darin seinen Grund, dass wir (in der Bundesrepublik Deutschland) nicht mehr die verschwindende Minderheit sind, sondern einen nach wie vor sicheren Stand in der Gesellschaft haben. „Die Fußspuren Christi“ weiterlesen

Alltäglich glauben

1. Petrus 2, 11- 17

11  Ihr Lieben, ich ermahne euch als Fremdlinge und Pilger:

So sieht Petrus seine Briefempfänger. Sie sind Geliebte – das ist die Binnensicht. In der Gemeinde sind sie Brüder und Schwestern. In der Außenperspektive sieht es anders aus: Fremdlinge und Pilger. „Ich bin ein Gast bei dir, ein Fremdling wie alle meine Väter. (Psalm 39,13) Hier stehen in der griechischen Übersetzung der Septuaginta die gleichen Worte, die Petrus verwendet. Und Abraham bezeichnet sich, als er die Begräbnisstätte für Sara erwirbt, mit genau diesen beiden Worten – „Fremdling und Beisasse“(1. Mose 23,4). Die Christen „sind „Rechtlose in der Fremde. παροκος ist der Fremde, der an seinem Aufenthaltsort kein Bürgerrecht hat, παρεπιδμος derjenige, der sich für kurze Zeit in fremder Umgebung aufhält.“(N. Brox, aaO. S.111) Das sind Beschreibungen, die aus der Situation entstehen, die aber, so zeigt es der Rückbezug auf den Psalm, doch zugleich grundsätzlich gemeint sind: so steht es um die Christen in der Welt.

Aufgegriffen wird dieser Gedanke der grundsätzlichen Fremdlingschaft in Liedern der späteren Christenheit. Beispielhaft für andere:

Ich bin ein Gast auf Erden und hab hier keinen Stand;
der Himmel soll mir werden, da ist mein Vaterland.
Hier reis ich bis zum Grabe; dort in der ewgen Ruh
ist Gottes Gnadengabe, die schließt all Arbeit zu.

So will ich zwar nun treiben mein Leben durch die Welt,
doch denk ich nicht zu bleiben in diesem fremden Zelt.
Ich wandre meine Straße, die zu der Heimat führt,
da mich ohn alle Maße mein Vater trösten wird.      
P. Gerhardt 1667, EG 529

Solche und ähnliche Lieder haben den Christen den Vorwurf eingebracht, dass sie „nicht der Erde treu“ seien, sich in eine bessere Welt hinein träumten. Ein Vorwurf, wie er durch die Worte Fremdlinge und Pilger auch hindurch schimmert. Petrus aber nimmt diesen Vorwurf und macht daraus eine Würdebezeichnung, münzt ihn um zu einem Ehrentitel. Ja, inmitten einer vergehenden Welt sind die Christen unterwegs – fremd, Pilger aus einer anderen Wirklichkeit und auf dem Weg in eine größere Wirklichkeit. Dieses „Selbstverständnis steuert das Handeln.“(T. Popp, aaO. S.223) Darauf laufen die folgenden Ermutigungen hinaus. „Alltäglich glauben“ weiterlesen

Wir wolln es gerne wagen

1. Petrus 2, 1 – 10

2,1 So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede 2 und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein,auf dass ihr durch sie wachset zum Heil, 3 da ihr schon geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.

Das geschenkte Heil, σωτηρία, das neue Leben hat Konsequenzen. Es will gelebt sein. Deshalb also: So legt nun ab. Es gibt den Weg in das neue Leben nur in der Abkehr vom alten. „Die Gefährdung durch die alten Verhaltensmuster bleibt. Deshalb bedarf es permanent – aber nicht penetrant – der Paraklese.“(T. Popp, aaO. S.187) Der Ermahnung und Ermutigung zu neuen Schritten. Bosheit, Betrug, Heuchelei, Neid und üble Nachrede sind jede für sich Verhaltensweisen, die das Zusammenleben zerstören. Die nichts, aber auch gar nichts mit Geschwisterlichkeit zu tun haben. Sie höhlen eine Gemeinschaft von innen her aus. Alles, was hier aufgezählt wird, verträgt sich nicht mit dem Leben aus der Wahrheit Gottes. Es ist nicht kompatibel mit diesem neuen Lebensprogramm. Man muss es gar nicht erst sagen: Es ist schlicht vernünftig, solche Verhaltensweisen abzulegen. Auch die Umwelt der christlichen Gemeinde sieht das – damals – so.

Stattdessen: sich nähren wie die neugeborenen Kinder. An der Muttermilch: Grundnahrungsmittel des Anfangs, aber nicht nur des Anfangs. „Wie der Säugling leiblich durch die Milch wächst, so wachsen die Wiedergeborenen geistlich durch das Wort.“(T. Popp, aaO. S.197)

Man hat aus dem Bild ableiten wollen, dass hier frisch getaufte Christen angesprochen wären. Aber das ist nicht schlüssig. Das griechische ς kann sowohl mit „als“ als auch mit „wie“ wiedergegeben werden. Wenn man sich für „als“ entscheidet, dann sind wohl in der Tat frisch Getaufte angesprochen. Liest man aber „wie“, dann geht es um ein Verhalten, das sich über den ganzen Weg des Lebens erstreckt. Das leuchtet mir mehr ein. Es ist von „einem Leben die Rede, das Nahrung braucht, weiter wachsen muss und auch verkümmern kann.“(N. Brox, aaO. S.92) Mit meinen Worten: ich bin ganz darauf angewiesen, dass mir dieses neue Leben geschenkt wird. Aber ich bin durchaus selbst verantwortlich dafür, dass dieses neue Leben in mir wachsen kann. Durch Aufnehmen der Nahrung, die meine Seele nährt. Durch mein Bleiben am Wort, durch Schritte des Gehorsams, durch einen liebevollen Umgang mit denen, die mit mir unterwegs sind.

Bleibt der Hinweis: Hier wird kein Pflichtprogramm aufgefächert, sondern hier wird zu einem Verhalten eingeladen, das aus der Freude kommt, aus guten Erfahrungen schöpft. Da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist. Es wäre einigermaßen töricht, an einem reich gedeckten, liebevoll und freundlich vorbereiteten Tisch zu verhungern. Erst recht, wenn man dem Gastgeber keine größere Freude machen kann als zuzugreifen.

4 Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. 5 Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.

Zu ihm kommt – zum Herrn – so muss man vom vorangegangenen Vers lesen. Das Bild vom lebendigen Stein wird den ganzen Abschnitt bestimmen. Dem Christus als dem einen lebendigen Stein entsprechen die Christ*innen als lebendige Steine. Und, auch wenn es nicht ausdrücklich gesagt wird: Ihre Erfahrung, dass die Umwelt sie ablehnt, ihnen tief skeptisch gegenüber steht, entspricht der Erfahrung Christi: von den Menschen verworfen, aber bei Gott auserwählt und kostbar. Sie teilen sein Geschick. Es geht um Schicksalsgemeinschaft. So wie sie auch der Evangelist kennt: „Denkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten.“(Johannes 15,20) Aber eben nicht nur vor den Menschen, sondern auch vor Gott. In Gottes Ewigkeit.

Der Plural ist hier nicht zufällig, sondern von der Sache her bestimmt. Christsein gibt es nicht im Alleingang. Spitz gesagt: Der protestantische Einzelne, der keine Kirche und keine Mitchristen für den Glauben braucht, ist eine geistliche Fehlentwicklung und nicht das, was das Neue Testament lehrt. Hier eben Petrus. Deshalb ist das Bild vom Haus der lebendigen Steine auch schlüssig. Es signalisiert, dass es um Gemeinschaft geht und es zeigt, dass diese Gemeinschaft der Christen an die Stelle des Tempels tritt. War vorher der Tempel der Ort, um zu opfern, so ist das jetzt das Miteinander der Christen. Das Steinhaus wird abgelöst durch das Haus, das die Menschen miteinander bilden.

„So gewiss dieses Haus nicht durch den Zusammenschluss der Glaubenden, sondern vom Geist geschaffen wird, so gewiss sollen sie an dem Tempel, zu dem sie sich erbauen lassen, die Funktion der Priester ausüben. Da alle angesprochen sind, ist die Unterscheidung zwischen „Priestern“ und Laien aufgehoben.“(W. Schrage, aaO. S.82) Diese Unterscheidung ist nicht von Anfang an da, sondern sie entsteht auf dem Weg durch die Zeit.

6 Darum steht in der Schrift (Jesaja 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.« 7 Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar; für die aber,die nicht glauben, ist er »der Stein, den die Bauleute verworfen haben; der ist zum Eckstein geworden,(Psalm 118,22); 8 und ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses« (Jesaja 8,14). Sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bestimmt sind.

Das Stichwort lebendiger Stein wird weitergeführt. Durch die Zitate aus der hebräischen Bibel. Grundlage ist der auserwählte, kostbare Eckstein. Für Petrus zweifelsfrei: Christus. Wer auf diesem Stein steht, an ihn glaubt, steht auf festem Fundament. Er wird nicht zuschanden. Das sagt der Briefschreiber Leuten, die in ihrer Umwelt oft beschämt dastehen, nicht anerkannt werden. Die verspottet werden: Was habt ihr schon für eine Fundament für euren Glauben. Umso wichtiger: „Jesus Christus gibt denjenigen Ehre, die wegen ihres Glaubens an ihn gesellschaftlich geächtet werden.“(T. Popp, aaO. S. 209)

Dass Petrus diese Stimmen kennt, zeigt die Fortsetzung: Für die Ungläubigen ist er der Stein, den die Bauleute verworfen haben. Nicht mehr tauglich. Unnütz. Als Grundstein eine Fehlinvestition. Deutlich wird dieses Urteil als Unglauben gewertet. „Unglaube bedeutet also, Christus die Anerkennung als von Gott gesetztem Heilsgrund zu verweigern.“(T. Popp, ebda.)

Der Abschnitt über den Eckstein, Grundstein hat unverkennbar Nähe zu den Schlussworten der Bergpredigt: „Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.“(Matthäus 7,24 -27) Die Aufforderung hier wie dort ist deutlich: Stelle Dein Leben auf das feste Fundament des Felsen Christus, des Glaubens an ihn. Das kann man, ohne deshalb und dadurch Fundamentalist zu werden!

Umso irritierender ist dann die Schlusswendung. Sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bestimmt sind. Es ist die Realität, die die Gemeinden erleben, „dass das Wort Ärger macht und Anstoß erregt.“(N. Brox, aaO. S.101) Dass nicht alle glauben, sondern dass der Ruf zum Glauben auf Ablehnung und Gleichgültigkeit stößt. Wohl auch auf sich überlegen gebenden Spott. Diese Ablehnung ist kein Zufall. Sondern in ihr erfüllt sich die Bestimmung von Menschen.

Die Frage, die sich aus dem Wortlaut ergibt, heißt: Ist das vor allem Anfang der Welt so festgelegt? Dann wäre das einer der biblisch ganz seltenen Belege einer Vorherbestimmung zum Verderben. Oder darf man anders verstehen: „Die göttliche Bestimmung geschieht allerdings nicht a priori, vielmehr führt erst die Begegnung mit Christus zur Alternative von Glaube und Unglaube.“(T. Popp, aaO. S.211)Anders gesagt: An Christus scheiden sich die Geister.

So sieht es auch der Evangelist Johannes: „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.“(Johannes 3, 17-18) Es ist nicht ein ewiger Ratschluss, der hier exekutiert wird, sondern eine aktuelle Entscheidung wird in ihrer – ewigen – Konsequenz ins Licht gerückt. Damit wird freilich gleichwohl die Bedeutung dieser Entscheidung nachdrücklich unterstrichen.

9 Ihr aber seid ein auserwählte Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heilige Volk, ein Volk zum Eigentum, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis in sein wunderbares Licht; 10 die ihr einst »nicht sein Volk« wart, nun aber »Gottes Volk« seid, und einst nicht in Gnade wart, nun aber in Gnaden seid (Hosea 2,25).

Ihr aber – wieder die Anrede an die Leserinnen und Leser, die die Verlesung dieses Briefes hören: Ihr habt die richtige Entscheidung getroffen. Ihr steht auf der richtigen Seite. Und jetzt, um diesen persönlichen Schritten zusätzlich Gewicht zu geben. Ihr habt mit eurem Schritt bestätigt, dass ihr erwählteἐκλέκτοι – Leute seid. Ihr gebt Gott mit eurem Schritt Recht. Petrus kann sich gar nicht genug tun: ein auserwählte Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heilige Volk, ein Volk zum Eigentum. Eine wertschätzende Bezeichnung folgt der nächsten – alle gewonnen aus der Schrift. Was für das Königshaus des David gesagt war, was für Israel gültig sein sollte, das gilt für die christlichen Gemeinden, so klein und mickrig sie auch sein mögen.

Wozu sie freilich alle gerufen sind: Sie sollen die Wohltaten Gottes verkündigen. Das griechische ἀρετὰς meint nicht so sehr die Qualitäten der Taten – Wohltaten – als die Qualität des Handelnden – Tugend, Güte, Trefflichkeit. Indem sie so „Gottes Qualität“ loben und preisen, werden sie das Evangelium ausrufen. Christus bezeugen. Dazu haben sie umso mehr Grund, weil es nicht nur ihr Auftrag ist, sondern weil sie damit den Wechsel ihres Lebens bezeugen: Aus der Finsternis in das Licht Gottes, aus der Zerstreuung in die Sammlung als Volk Gottes. Das ist ja die Wohltat, die sie erfahren haben, dass sie zum Volk Gottes geworden sind, dass die Gnade ihr Lebenstraum geworden ist. „Sie hatten nicht zusammen gehört und sich nicht gekannt, und jetzt sind sie – in ethnischer, nationaler und sozialer Mischung – miteinander Gottes Volk.“(N. Brox, aaO. S.107) Wie sollten sie diesen Wechsel nicht als Wohltat, als Geschenk Gottes aller Welt bezeugen. Sie sind in dem, was sie jetzt sind der lebendige Erweis dafür, wie Gott handelt.

Zum Weiterdenken

Das Gewicht dieser Worte liegt in der Wertschätzung, die sie transportiert, nicht in einer Funktion, die aus ihr abgeleitet werden könnte: Die Christen sind nicht allesamt Könige und Priester geworden. Das Priestertum aller Getauften, aller Gläubigen aus diesen Worten gradlinig und einseitig ableiten zu wollen, überstrapaziert den bloßen Wortlaut. Dazu muss man auf anderes mit zurückgreifen: auf die Taufe, auf die Gotteskindschaft, auf die Geistbegabung aller.

Gleichwohl schwingen in den Worten auch Aufträge mit, vor denen die Gemeinde bis heute steht: Sie sollen als Gemeinde leben, die keinen aufgibt, die in Geduld einen langen Atem bewahrt, gerade auch mit den Angeschlagenen. Sie sollen als Gemeinde das heilige Volk sein, in dem einer für den anderen eintritt. Das ist der priesterliche Dienst, den ich als Aufgabe der Gemeinde Jesu Christi glaube: Für einander vor Gott einstehen. In Fürbitte und Fürsprache die vor Gott bringen, die vielleicht selbst den Weg zu Gott und die Worte an Gott nicht mehr finden.

Diese Aufgabe wird allerdings nicht durch „Sollen“ und „Müssen“ einfordert. Sondern wie ein gütiger weiser Seelenführer spricht Petrus ihnen die Wertschätzung, Anerkennung Gottes zu, wie sie in den herausragenden Verheißungen des AT an Königshaus, Priesterschaft und heiligem Volk sichtbar wird. Das wird dann schon das rechte Verhalten auslösen. Es ist ein tragfähiges Konzept: Ermutigung durch Wertschätzung.

   Das allerdings muss man auch sagen: Diese Worte sind ein Widerspruch gegen die weitgehende Entmündigung des Volkes Gottes, der Laien, wie sie sich in kirchlichen Strukturen niederschlägt und die Entfaltung der Gaben der Gemeinden seit Jahrhunderten verhindert. Vor dem Hintergrund dieser Worte wirkt gespenstisch, was vor Wochen als Handreichung in Sachen Abendmahl in Corona-Zeiten verlautbart worden ist. Von diesen Worten des Petrus her kann es kein Unterschied sein, ob ein*e Ordinierte*r oder ein*e Nichtordinierte*r de einsetzungsworte spricht und das Abendmahl in Brot und Wein austeilt. Ich bin davon überzeugt: Wir haben unter dem Vorwand der Ordnung viel zu lange der Entfaltung der Gemeinde, ihrem Mündigwerden im Weg gestanden, Es gibt eine Priesterherrschaft, genauer Theologenherrschaft über die königliche Priesterschaft, die im krassen Gegensatz zu allen steht, was hier über das Haus der lebendigen Steine zu lesen ist.

Mein Gott, Du machst aus uns Leute, die Du an die Arbeit stellst. Du willst, dass wir Deine Zeugen sind, Deine Liebe weitergeben, Dein Erbarmen anderen zuwenden, dass wir aus Deiner Treue selbst treu sind.

Du willst, dass wir es weitersagen, wie Du unser Leben verwandelt hast. Gib Du uns die Freude ins Herz, die gar nicht anders kann, als von Deinen großen Gaben zu singen, zu reden und sich im eigenen Handeln von Dir leiten zu lassen. Amen

Von oben geboren

1. Petrus 1, 22 – 25

22 Habt ihr eure Seelen gereinigt im Gehorsam der Wahrheit zu ungeheuchelter Bruderliebe, so habt euch untereinander beständig lieb aus reinem Herzen.

Das ist der Zielpunkt des Satzes: habt euch untereinander beständig lieb. Solche Liebe kommt aus reinen Seelen und reinen Herzen. Nicht wie von selbst; sonst müsste ja nicht dazu aufgefordert werden. Es ist der Gehorsam gegen die Wahrheit, der reinigt, Seele und Herz, die Person-Mitte. Es ist das Wort, das reinigt: „Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.“(Johannes 15,3) Vielleicht darf man so sagen: „Das Leben aus der Liebe speist sich aus dem glaubenden und hoffenden Hören auf das Wort.“(T. Popp, aaO. S.180)Die beständige Liebe kommt aus dem beständigen Bleiben. Sie ist nicht nur ein äußerlicher Habitus, sondern sie erwächst aus dem Inneren.

            Ungefärbte Bruderliebe – so reden wir heute nicht mehr. Aber es ist stimmig für das Anliegen des Petrus. Ihm geht es nicht um ein Einschwören auf eine weltanschauliche Wahrheit, auf ein kirchliches Dogma. Sondern ihm geht es um die Ermutigung, auf dem Weg des Glaubens zu bleiben. Um die Bestätigung, die einer dem anderen zuspricht: Es ist ein guter Weg. In der Sprache der Religionssoziologie: Es geht um Plausibilität. Vereinzelt lässt sich Plausibilität nicht herstellen. Sie entsteht durch wechselseitige Worte, Gemeinschaft auf dem Weg. Hilfestellung in Zeiten der Angst und Sorge, der Krise.

            „Kommt, Kinder, lasst uns wandern, wir gehen Hand in Hand;
eins freuet sich am andern in diesem wilden Land.
Kommt, lasst uns kindlich sein, uns auf dem Weg nicht streiten;
die Engel selbst begleiten als Brüder unsre Reihn.
Sollt wo ein Schwacher fallen, so greif der Stärkre zu;
man trag, man helfe allen, man pflanze Lieb und Ruh.
Kommt, bindet fester an; ein jeder sei der Kleinste,
doch auch wohl gern der Reinste auf unsrer Liebesbahn.“
                                                                G.   Tersteegen 1738, EG 393

23 Denn ihr seid wiedergeboren nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da bleibt.

Wieder greift Petrus auf das Bild von der Wiedergeburt zurück. Um seinen Lesern zu sagen: Ihr steht in einer neuen Wirklichkeit, die ihr nicht selbst geschaffen habt. Ihr seid in sie hinein geboren. Gezeugt durch das Wort. Es ist ein geschenktes Leben, das ihr so lebt, keine selbst erarbeitete Existenz.

Und: Diese Existenz ist unvergänglich, weil der Same, σπορ (Spora), aus dem sie kommt, unvergänglich ist. Es scheint so, als hätten manche Handschriften des Petrusbriefes aus Jesaja (s.u.) dieses „ewiglich“ oder „in Ewigkeit“ ergänzt: ες τν αἰῶναgenauso, wie es in der Septuaginta steht.

Auf eine Übersetzungsmöglichkeit bin ich gestoßen worden. Statt aus dem lebendigen Wort Gottes kann man auch übersetzen: „aus dem Wort des lebendigen und bleibenden Gottes.“ Vom Griechischen her ist beides möglich und auch beides sinnvoll: Gott ist der lebendige und sein Wort ist ein lebendiges Wort. „Ein Grieche konnte also aus der Formulierung beides heraushören: Das Wesen Gottes, des Lebendigen und Ewigen bestimmt die Qualität dieses Wortes – und die Qualität dieses Wortes Gottes bestimmt wiederum die der Aussaat und der Wiedergeburt.“(U. Holmer, aaO. S.68) 

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Teuer erkauft

1. Petrus 1, 17 – 21

17 Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben in Gottesfurcht, solange ihr hier in der Fremde weilt;

Es ist eine enge, wohl auch eine emotional gefärbte Beziehung zu Gott, die sich in der Anrede Vater – πατέρzeigt. Anders als „Tiefe“ oder „Grund allen Seins“ oder „Ewige Kraft“ oder gar „das Gott“. Darum geht es Petrus: „Das Bild von Gott, das Christen infolge ihres Christusglaubens haben, hat Konsequenzen für ihr Tun.“(N. Brox, aaO. S.79)

Erst recht das Bild als Vater. Dieses Bild verhindert auch, den Hinweis auf das Richten ohne Ansehen der Person als eine Drohung zu lesen. Es geht nicht darum, den Leser*innen Angst zu machen vor dem zornigen, richtenden Gott. Aber dieser Hinweis unterstellt schon „väterliche Konsequenz“ und nicht Wegschauen und Durchgehen lassen. Sein Richten ist gerecht, weil es das Werk jedes einzelnen betrachtet. Das ist eine gemeinchristliche Überzeugung, die sich durch die Schriften des Neuen Testamentes zieht.

Aus dem Wissen um dieses kommende Gericht ergibt sich die Aufforderung zum Leben in Gottesfurcht. Jetzt. Auch in der Fremde. Misstrauisch beäugt und manchmal ausgegrenzt. Das allein schon wäre Grund genug, sich vor den Menschen, der Umwelt und den staatlichen Behörden zu fürchten.

Es ist die Lutherbibel 2017, die aus der Furcht, φβος, „Gottesfurcht“ macht. Über den reinen Wortlaut hinaus, aber sachlich wohl doch richtig. „Unter Gottesfurcht ist die ehrerbietende Anerkennung Gottes als Vater und Richter zu verstehen.(T. Popp, aaO. S.172) Ihm alleine gebührt Ehre und Anbetung und eben auch Furcht. Es kann sein, hier klingen auch Worte Jesu nach: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.“(Matthäus 10,28) „Teuer erkauft“ weiterlesen

Gott entsprechen

1. Petrus 1, 13- 16

13 Darum umgürtet die Lenden und stärkt euren Verstand, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.

Darum. Weil das alles gilt. Aus den großen Zusagen folgt die Aufforderung, ihnen im eigenen Leben Raum zu geben. „Wer lebendige Hoffnung hat, wird entsprechend leben.“(T. Popp, aaO. S.161) Das ist kein rein passiver Akt: Stärkt euren Verstand.

In der alten Luther-Übersetzung von 1964 hieß es dafür: umgürtet die Lenden eures Gemüts. Das mochte heutigen Leser*innen als Bild zunächst Schwierigkeiten machen, aber wer sich erinnert; „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, der versteht leichter, was gemeint sein kann: Dem eigenen Gemüt Festigkeit geben durch einen Gürtel, so wie ein Gürtel hilft, den eigenen Körperschwerpunkt zu stabilisieren.

Im Griechischen steht hier mit δίανοια ein Wort mit vielen Schattierungen: „Das griechische „dianoia“ ist mehrdeutig: Gemeint ist Denkkraft, Verstand, Gesinnung, Gedanke, aber auch Gemüt oder Gedankenwelt – all das ist in dem Ausdruck enthalten. In der LXX (= Septuaginta – die griechische Übersetzung des Alten Testamentes) ist „dianoia“ meist Übersetzung für Herz.“(U. Holmer, aaO. S.49) Es geht also um eine Haltung, die aus der Person-Mitte kommt und eine geistig-seelische Einstellung zu Menschen, Dingen und Situationen einschließt. Es geht demnach um mehr als um die intellektuellen Fähigkeiten, als das Denkvermögen. Das schließt gleichwohl nicht aus, nüchtern zu sein – νήφοντες, besonnen, sachlich.

Dabei wird diese „seelische Verfassung“, weil sie nicht aus sich selbst ihre Kraft hat, sofort wieder zurückgebunden an die Gnade. Sie ist in der Offenbarung Jesu Christi zugänglich geworden. In seinem Erbarmen, seinem Vergeben, seiner Treue, seiner Güte.

14 Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, in denen ihr früher in eurer Unwissenheit lebtet; 15 sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. 16 Denn es steht geschrieben (3.Mose 19,2): »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.«

„Hoffende aber sind die Christen nur als Gehorsame.“(W. Schrage, aaO. S.73) Ganz nahe ist diese Überlegung des Exegeten bei dem berühmten und so provozierenden Satz: „Nur der Glaubende ist gehorsam und nur der Gehorsame glaubt.“ (D. Bonhoeffer, Nachfolge, München 1976, S. 35) Der Gedanke wird fortgesetzt, jetzt aber mit einem anderen Bild: die Angeredeten sind Kinder. Ihr Kind-Sein wird näher bestimmt durch das Adjektiv: gehorsam. Kinder, die so sind, wie es sich der Vater, die Mutter, die Eltern wünschen. Die auf sie hören – das meint ja das Wort „gehorchen“ zuerst und zuletzt. Nicht eine „Autoritätsstruktur“, unter die man sich, manchmal widerwillig beugt, sondern ein Vertrauensverhältnis, das aus dem Hören kommt.

Kinder Gottes – so würde ich ergänzen. In der Bergpredigt wird auch indirekt auf diesen Status als Kinder Gottes angespielt: „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“(Matthäus 5,48)Auch hier führt die Anrede als Kinder zur Aufforderung, das angemessene Verhalten zu suchen. Sich abzuwenden von alten Verhaltensmustern, von der Knechtschaft unter Begehrlichkeiten und Wünschen. Was das im Einzelnen ist, wird nicht gesagt. Begierden, – πιθυμαις reicht als pauschaler Hinweis für die Lesenden. Offensichtlich verlässt sich Petrus darauf: Das Wort als solches löst Bilder im Kopf seiner Leser aus. Sie werden wissen, was gemeint ist.

Es gibt eine Zeit im Leben, auch bei Kindern, da sieht man ihnen vieles nach. Sie sind noch nicht verständig. Sie haben noch nicht den Überblick. Sie sind einfach noch zu klein um zu verstehen, was sie tun, was sie anstellen. Das alles schwingt mit in dem Wort Unwissenheit. Es geht allerdings nicht um fehlende intellektuelle Einsicht, sondern γνοία, Unwissenheit ist „in erster Linie existentielle Verschlossenheit und somit auch eine verkehrte Orientierung des Daseins und Handelns.“(T. Popp, aaO. S.165) Es führt zu falschen Entscheidungen, wie sich auch andernorts zeigt: „Den Fürsten des Lebens habt ihr getötet. Den hat Gott auferweckt von den Toten; dessen sind wir Zeugen. Nun, liebe Brüder, ich weiß, dass ihr’s aus Unwissenheit getan habt wie auch eure Oberen.“(Apostelgeschichte 3, 15.17) Es ist der Gnade Gottes zu danken, dass er solche Zeiten der Unwissenheit nicht gegen uns wendet.

Es geht in den wenigen Worten um mehr als nur um eine Abkehr von Lastern und schlechten Gewohnheiten. Verzicht macht noch keine neuen Leute. Sondern es geht, positiv gewendet, um eine Entsprechung zu Gott – so wie sie das Bergpredigtwort auch anspricht: Weil Gott, der die Leser*innen des Briefes berufen hat, heilig ist, sollen auch sie heilig sein. Und das nicht nur am Sonntagmorgen oder zu irgendwelchen Höhepunkten des Lebens: in eurem ganzen Wandel. Ἀναστροφή. Im Benehmen, im Verhalten. Darum also sollen sie, die das lesen, sich mühen: Dass in ihrem Wesen, ihren Worten und Werken etwas aufleuchten kann von der Wirklichkeit des Vaters im Himmel.

Zum Weiterdenken

Hüten muss man sich davor, in solchen Worten so etwas wie eine Perfektionismus-Forderung zu hören. Es ist ein ausgesprochen bitterer und zugleich verfehlter Vorwurf, jemandem vorzuhalten, wenn er sich nach dem eigenen Urteil falsch verhält: „Und Du willst Christ sein?“ Es geht im Christsein nicht um das perfekte, vollkommene, fehlerfreie Leben. Damals nicht. Heute nicht. „Heilig“ ist nicht fehlerfrei. Sondern heilig sind die, die zu Gott gehören, die auf ihn zu hören suchen, die in ihrem Leben die Wege Gottes zu gehen suchen. Die Zugehörigkeit zu Gott macht heilig, nicht die eigene Vollkommenheit. Aber, das ist auch mitgemeint, diese Zugehörigkeit zu Gott verpflichtet auch: ihr lebensmäßig zu entsprechen.

In einer Welt, in der jeder nach seinem Gusto lebt, ist das eine fremde Botschaft: So leben, dass das eigene Leben Gott entspricht. Ihn abbildet. „Die Bibel kennt bereits den Appell, sich durch Heiligkeit Gott ähnlich zu machen. Im Umwelt-Milieu heidenchristlicher Gemeinden lautet dieses Schriftwort „Seid heilig, weil ich heilig bin“, wie der Aufruf zum Überlaufen auf die Seite Gottes.“(N. Brox, aaO. S.77f.) Dass diese Botschaft weltfremd wirkt, daran hat sich bis heute nichts geändert.

Adel verpflichtet – habe ich gelernt. Mein Herr Jesus, dass ich Deinen Namen trage, mich Christ nennen darf, verpflichtet mich zu einem Leben, das Deine Güte widerspiegelt, das die Gnade nicht billig macht, das der Gerechtigkeit den Weg bahnen will – zuallererst in meinem eigenen Tun und Lassen.

Schenke Du es doch, dass mein Leben durchsichtig wird hin auf Dich, Deine Güte und dein Erbarmen, Deine Treue und Dein Vergeben. Amen

Festhalten im Glauben

1. Petrus 1, 1 – 12

1 Petrus, Apostel Jesu Christi, an die auserwählten Fremdlinge, die in der Zerstreuung leben, in Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asia und Bithynien, 2  nach der Vorsehung Gottes, des Vaters, durch die Heiligung des Geistes zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi: Gott gebe euch viel Gnade und Frieden!

Ein Brief mit höchster Autorität. Petrus, der diesen Brief schreibt, ist nicht irgendwer, sondern Apostel Jesu Christi. Er „versteht sich nicht als Privatperson, die einen nichtöffentlichen Brief schreibt, sondern als Abgesandter Jesu Christi, der eine zur öffentlichen Verlesung in der Gemeinde bestimmte Botschaft verfasst hat.“(T. Popp, Die Kunst der Konvivenz. Theologie der Anerkennung im 1. Petrusbrief, Leipzig 2010, S.123) Ob der Schreiber wirklich der Jünger Simon Petrus, der Weggefährte Jesu ist oder ob sich einer nur seinen Namen „leiht“, ist demgegenüber zweitrangig. Wichtiger ist, was er zu sagen haben wird – ob es eine Weisung im Geiste Jesu ist, in der Spur einer Stärkung und Ermutigung zum Glauben und zum Leben.

Wichtiger ist vor allem auch, wer die Adressaten sind: die auserwählten Fremdlinge, die in der Zerstreuung leben. Schon das alte Gottesvolk aus Israel hatte diese Erfahrung machen müssen, dass sie in der Zerstreuung lebten – in Babylon, in Medien, in Ägypten. Das wiederholt sich nun auch für das neue Gottesvolk der Christusgläubigen. Sie sind Fremde in einer Welt, die sie als Fremde wahrnimmt – bestimmt durch „Fremdheit der Geburt, der Sprache und Sitte sowie der Götter.“(T. Popp, aaO. S.125) Sie sind für ihre Zeitgenossen Außenseiter.

Keine Mehrheitskirche, sondern eine verschwindende Minderheit, wie hingestreut als winzige Samenkörner auf ein riesiges Ackerfeld. Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asien und Bithynien. Diese Namen römischer Provinzen umfassen fast ganz Kleinasien. Dort leben sie in der Fremde. „Die Christenheit ist noch nicht am Ziel, sie lebt noch im Provisorium.“ (W. Schrage, Der erste Petrusbrief, NTD 10, Göttingen 1973, S.66) „Festhalten im Glauben“ weiterlesen

Was am Ende zählt

1.Korinther 16, 13 – 24

13 Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!

Bis dahin, bis zum Kommen des Paulus ist noch einige Zeit. Keine leere Zeit. Deshalb Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark! Fest im Glauben sollen sie sein. Nüchtern. Mutig. „Sei stark und lass uns stark sein für unser Volk und für die Städte unseres Gottes!“ (2. Samuel 10,12, Elberfelder Übersetzung) Daran knüpft Paulus an – weil er die Gemeinde herausgefordert sieht. Weil es beides braucht – geistliche Stärke und menschlichen Mut. Alle geistlichen Gaben und Verhaltensweisen haben zugleich auch eine menschliche Seite. Die will Paulus nicht weniger stärken. Zugleich gilt: „Den festen Stand „im Glauben“ gewinnt man „im Herrn“, an dem sich der Glaube extra se festmacht.“(W. Schrage, aaO. S.451) Also nicht: die eigene Mitte suchen und finden, sondern sich an den Herrn binden macht stark!

14 Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen!

Es wirkt wie ein Rückgriff auf das Hohe Lied der Liebe. In Wahrheit aber ist es mehr – geistliches Leben ist immer daran gebunden und dadurch gekennzeichnet, dass es in der Liebe geschieht. Stärke im Glauben ist Stärke und Bestärken in der Liebe. Es gibt eine lieblose „Glaubensstärke“, die zwar alles weiß, aber dennoch nicht dem Glauben dient. Weil sie in ihrem Wissen kalt ist. „Was am Ende zählt“ weiterlesen

So Gott will

1.Korinther 16, 1 – 12

1 Was aber die Sammlung für die Heiligen angeht: Wie ich den Gemeinden in Galatien geboten habe, so sollt auch ihr tun! 2 An jedem ersten Tag der Woche lege ein jeder von euch bei sich etwas zurück und sammle an, so viel ihm möglich ist, damit die Sammlung nicht erst dann geschieht, wenn ich komme. 3 Wenn ich aber gekommen bin, will ich die, die ihr für bewährt haltet, mit Briefen senden, dass sie eure Gabe nach Jerusalem bringen. 4 Wenn es aber die Mühe lohnt, dass ich auch hinreise, sollen sie mit mir reisen.

Es ist ein kühner Sprung und doch nur ein kleiner Schritt: „nehmt immer zu in dem Werk des Herrn“(15,58) hat Paulus eben gemahnt und kommt jetzt – folgerichtig? – auf die Kollekte zu sprechen, die er seit Jahren sammeln lässt. Eine Sammlung zugunsten der Gemeinde in Jerusalem. λογεα ist eine Spende, nicht eine Steuer, freiwillige Gabe und kein Zwang.

Warum sammeln alle Gemeinden für die in Jerusalem? Warum diese Unterstützung? „Es geht darum, geistliche und materielle Gaben miteinander zu teilen und in der Not solidarisch zu sein.“(W. Klaiber, aaO. S. 276) So ist diese Sammlung – für die Armen in Jerusalem, wie es auch heißt (Galater 2,10) – ein Zeichen für die Einheit der Kirche. Weltweit damals – über die Ägäis hinaus bis nach Jerusalem, das kaum einer der Spender in Korinth jemals zu Gesicht bekommen wird.

Ist es Regelungswut oder Menschenkenntnis, die Paulus zu seinen praktischen Vorschlägen treibt? Er legt ein Verfahren nahe, das unabhängig von Gefühlsschwankungen macht: an jedem ersten Tag der Woche etwas zur Seite legen. Das erinnert an den Dauerauftrag, möglichst am Ersten des Monats. Nicht von dem, was übrig bleibt, sondern vorab zurücklegen – weil sonst vermutlich nichts übrig bleiben wird.

Der Vorschlag ist klug. Und er lässt Freiheit: Jede und jeder sammle an, so viel ihm möglich ist. Wie es für ihn stimmt. Die alte Luther-Übersetzung 1964 hatte noch: was ihn gut dünkt – nahe am griechischen εὐοδέω „einen freien Weg haben“(Gemoll, aaO. S. 342). Jeder also wie es ihm gefällt. Aus freiem Herzen geben, nach den eigenen Möglichkeiten. Dieses Anspar-Verfahren erspart auch die Beschämung, sich plötzlich verpflichtet zu fühlen, geben zu müssen, wenn Paulus wieder da ist. „So Gott will“ weiterlesen

Die große Verwandlung

1.Korinther 15, 50 – 58

50 Das sage ich aber, liebe Brüder, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können; auch wird das Verwesliche nicht erben die Unverweslichkeit.

Es wirkt wie ein Neueinsatz, vielleicht auch wie ein Atemholen zu einem abschließenden Gedankengang. Noch einmal schärft es Paulus ein: Es gibt keinen natürlichen Übergang und Zugang zum Reich Gottes. „Fleisch und Blut machen das Wesen des natürlichen und sterblichen Menschen in seiner Kreatürlichkeit aus.“(W. Schrage, aaO, S.368) Einmal mehr ist Paulus ganz nahe bei dem, was der 4. Evangelist später schreiben wird und nimmt es gewissermaßen vorweg: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ (Johannes 3,3)

Der gleiche Paulus, dem so viel daran liegt, dass der Gekreuzigte der Auferstandene ist, der Auferstandene der Gekreuzigte, dass es eine nicht auflösbare Identität zwischen den Entschlafenen mit denen, die auferweckt werden, gibt, betont hier die Diskontinuität: Kein nahtloser Übergang. Das Sterbliche ist nicht Reich-Gottes-fähig, wird also die „Unvergänglichkeit“ – so besser statt Unverweslichkeit – nicht erben. Daran liegt Paulus: „Es geht nicht um eine Wiederbelebung der sterblichen, vergänglichen, verwesenden Leiber der Toten, sondern um eine ganz neu geschaffene, dem Wesen Gottes entsprechende Leiblichkeit.“(W. Klaiber, aaO. S.269) „Die große Verwandlung“ weiterlesen