Eine schöne Tat

Markus 14, 1 – 11

1 Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der Ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten. 2 Denn sie sprachen: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe.

             Szenenwechsel zu einer präzisen Zeitangabe. Es ist unmittelbar vor dem Passafest. Vor der Erinnerung an den Aufbruch aus der Gefangenschaft in Ägypten. Vor der Erinnerung an die Verschonung Gottes.  Aber Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten sind nicht mit der Vorbereitung des Festes befasst, sondern mit ihren Plänen, die sie mit List – ν δλ – voranbringen wollen. δλοςTrug, verheimlichte böse Absicht, Ränke, Kniffe (Gemoll, aaO. S. 224) Weder die Motive noch die Art und Weise des Vorgehens sind wirklich „sauber.“. Nur das bewegt sie, wie sie Jesus fangen können. „Eine öffentliche Konfrontation muss vermieden werden“ (W. Klaiber, aaO.  S.263)

Die zurückliegenden Tage haben es ja gezeigt: Jesus fürchtet sich nicht vor ihnen. Er scheut auch die Auseinandersetzung nicht. Und: das Volk ist auf seiner Seite, Es hört ihn gern: Was man in der Übersetzung nicht sehen kann. Markus gebraucht hier für Volk nicht das sonst bei ihm übliche χλος, die Menge, sondern ungewöhnlich λαός, das Wort, mit dem das Volk Gottes bezeichnet wird. Unser deutsches „Laie“ hat hier seinen Ursprung! Es ist, als wolle er zeigen: Was die Oberen planen, entspricht nicht dem, was das Volk Gottes denkt und fühlt.

Weil es um dieser Sympathie des Volkes willen nicht offen geht, setzen sie auf List. Auf Heimlichkeit. Keineswegs aus Ehrfurcht vor dem Fest, aus einer religiösen Angst, es zu entweihen, suchen sie diesen Weg ins Verborgene, sondern ausschließlich aus Zweckmäßigkeitsüberlegungen. Man will sich unberechenbare Situationen ersparen und keinen Konflikt riskieren. Was, wenn das Volk sich auf die Seite dieses seltsam beliebten Predigers schlagen würde.

  3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.

             Jesus ist, derweil diese Planungen laufen, in Betanien. Im Hause Simons des Aussätzigen. Das klingt nach einem genau bestimmten, bekannten Haus. Aber: „Der Personenname berechtigt zu keinen weiterreichenden Schlüssen, weder dass Simon von Jesus geheilt wurde, noch dass er beim Mahl zugegen ist.“ (J. Gnilka, aaO.  S.223) Vielleicht konnten die ersten Leser des Evangeliums mit der so genauen Angabe mehr anfangen als wir.

          In diesem Haus kommt es zu einem denkwürdigen Auftritt: Beim Mahl kommt es zu einer Unterbrechung: Eine Frau tritt ein, mit einem Alabasterglas, das sie zerbricht und den Inhalt, unverfälschtes und kostbares Nardenöl, auf das Haupt Jesu gießt. Es mag irritieren: „Das war in der Antike nicht ungewöhnlich, aber nur bei feierlichen Anlässen gebräuchlich, nicht bei einem gewöhnlichen Gastmahl.“ (E. Drewermann. aaO. S. 419) Es ist eine stumme Aktion. Die Frau sagt kein Wort. Begründet nichts, erklärt nichts. Sie erfüllt das ganze Haus mit dem Duft ihres Öls.

 4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.  

   Es bleibt offen, „wer die unwillige Frage stellt.“(E. Schweitzer, aaO.  S.167) Es reicht, dass diese geräuschlose Aktion Diskussionen auslöst. Genau betrachtet, keine offene Diskussion, sondern heftige Schelte. Vergeudung wird ihr vorgeworfen. Verschwendung. Falscher Mitteleinsatz. ἀπώλεια „Vernichtung, Untergang, Verderben“(Gemoll, aaO. S. 117) Ganz und gar daneben, dieser exaltierte Auftritt. Tausend Projekte fallen ihnen ein, die vernünftiger gewesen wären. Wenn sie es schon nicht will – man hätte daraus doch etwas Sinnvolles machen können. Geld für die Armen. „Die Summe, die sie nennen, 300 Denare, entsprecht etwa dem Jahresverdienst eines Tagelöhners.“ (W. Klaiber, aaO.  S.264)

 Kein Wunder, dass sie sie anfahren. Sie bekommt es zu spüren: Was sie getan hat, ist schlicht unvernünftig. So etwas macht man doch nicht. Es ist schon bemerkenswert: das stumme Handeln der Frau löst heftige Männer-Gespräche aus.

6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. 8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis. 9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.

Erst als Jesus das Wort nimmt, wird die Szene anders. Die Atmosphäre verändert. Lasst sie in Frieden! Er schützt sie, stellt sich mit seinen Worten vor sie. Mehr noch: was sie getan hat, ist ein gutes Werk. καλν ργον.  Sie erfüllt mit ihrem Tun eine Forderung des rabbinischen Judentums: „Gute Werke verlangen den spontanen und persönlichen Einsatz und sind von konkreten Situationen gefordert.“(J. Gnilka, aaO.  S. 224) Almosen dagegen brauchen keine besondere Zeit und keinen Extra-Anlass.

Wenn man so will: Die Frau hat den Augenblick erfasst. Einen Augenblick, von dem sie nicht wissen konnte, was er bedeutet: sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis. Es ist Jesus, der weiß, was an ihm geschieht. Keine Königs-Salbung, aber eine Bereitung für den Tod. Vorwegnahme der Salbung, zu der es nicht kommen wird. Würden die Anwesenden aber hören, was er sagt, so würden sie verstehen: mich aber habt ihr nicht allezeit. Diese beiden Sätze zusammen sind eine klare Todesansage. Jesus weiß, was ihm bevorsteht. Und nimmt darum ihre Tat als Wohltat an, als gutes Werk.

Die Situation wird geweitet, über das Haus des Simon hinaus, über alle Zeiten hinweg:  Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat. Es ist eine Augenblicksbegegnung und wir hören von der Frau kein einziges Wort. Was sie getan hat, hat die Welt nicht verändert. Aber ihre Tat gehört unauflöslich mit dem Evangelium zusammen. Und die Welt, in der alles weiter geht, wird doch das Evangelium hören und von dieser Frau. Im Gedächtnis der Welt ist ihr Tun aufgehoben. Man könnte so deuten: Was aus Liebe getan wird, bleibt für immer unvergesslich, eingebunden in die große Erzählung von der Liebe, in der Gott bis zum Äußersten gegangen ist. Die Taten der Liebe bleiben in Ewigkeit unvergessen.  

 10 Und Judas Iskariot, einer von den Zwölfen, ging hin zu den Hohenpriestern, dass er ihn an sie verriete. 11 Da sie das hörten, wurden sie froh und versprachen, ihm Geld zu geben. Und er suchte, wie er ihn bei guter Gelegenheit verraten könnte.

             An diese Szene schließt sich an: Judas bricht auf und geht zu den Hohenpriestern. Um ihn zu verraten. Es ist, als wolle Markus jedes Missverständnis ausschließen: Judas ist einer von den Zwölfen. Er hat dazu gehört. Man kann von ihm eben nicht sagen: er war nie wirklich bei uns. So wie es später von manchen heißt, die sich vom Glauben abgewendet haben: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns.“(1.Johannes 2, 19) Doch. Er war dabei. Im innersten Kern. „Es mag sein, dass Judas, der Mann aus Karioth bereits insofern eine Ausnahm im Jüngerkreis bildete, als er als einziger aus Judäa stammte, nicht aus Galiläa wie alle anderen.“ (E. Drewermann, aaO. S. 436) Vielleicht also auch in diesem Kern doch ein Außenseiter?

Judas findet Ansprechpartner. Findet Gehör und sie werden froh über dem, was er ihnen verspricht. Sie versprechen ihm dafür Geld. Sozusagen Aufwandsentschädigung für seine Mühen. Seitdem sucht er nach einer passenden Gelegenheit. Ihn auszuliefern. Zu übergeben. So wörtlich παραδο.

Fragen über Fragen: Ist Judas an dieser Salbung aufgegangen, was ihn von Jesus trennt?

Ist diese Verschwendung, die Jesus sich gefallen lässt und rechtfertigt, ein hinreichender Grund? „Judas Tat erscheint völlig frei gesetzt und so, menschlich gesehen, nur noch rätselhafter.“(J. Gnilka, aaO.  S. 229) Was er da anfängt zu tun, muss aber am Ende dem dienen, was zum Heil der ganzen Welt geschieht: Dass Jesus dahingegeben wird. Παραδιδόναι. Ausgeliefert in die Hände der Menschen.

Zum Weiterdenken

Es ist wohl bis heute so – auch wenn die Antike mit solchen Salbungen nicht so irritiert umgeht wie unsere Zeit, es ist eine seltsame Szene. Erst recht, wenn man den Zusammenhang herstellt: „Auf der einen Seite die sanften Hände einer Frau, die streicheln, pflegen und zärtlich sein möchten; auf der anderen Seite die rohe Gewalt und Zerstörung, die schon in wenigen Tagen eben diesen Leib in einen bloßen Gegenstand  sadistischer Quälereien verwandeln werden; auf der einen Seite fürsorgliche Güte, auf der anderen Seite abgestumpfte, ungehemmte Grausamkeit.“(E. Drewermann, ebda.) Man kann noch weitergehen und im Haus des Simon bleiben. Auf der einen Seite selbstvergessenen Hingabe, auf der anderen zweckrationale Argumentation. Ist es wirklich eine Frage, wo das größere reicht liegt?

 

Mein Jesus, Liebe braucht nicht immer Worte. Deine Liebe geht über alle Worte hinaus. Du lässt Dir die wortlose stumme Liebe gefallen.

Das macht mir Mut zu Worten, von denen ich doch weiß, dass sie nie ausreichen werden, zu Taten, von denen ich weiß, dass sie immer zu kurz greifen, zur Liebe, die sich Dir stumm hinhält. Du wirst sehen und verstehen. Amen