Mein Wort bleibt

Markus 13, 28 – 37

  28 An dem Feigenbaum aber lernt ein Gleichnis: Wenn jetzt seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. 29 Ebenso auch: wenn ihr seht, dass dies geschieht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist.

             Wir erinnern uns: da stand ein Feigenbaum auf dem Weg von Betanien nach Jerusalem Jetzt wird dieser Feigenbaum zum Gleichnis. Seine   Blätter sagen, wie es um die Zeit steht. So sollen die Jünger lernen, an den Zeichen der Zeit, dass er nahe vor der Tür ist. Der Sommer? Der kommende Menschensohn? Oder es könnte ja auch so zu verstehen sein: Im Wirken Jesu jetzt, in seinen Worten und Taten steht das Himmelreich vor der Tür. Also nicht erst in und als Zukunft, sondern schon jetzt.

30 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.

             An diesem Wort haben sich Generationen von Auslegern die Zähne ausgebissen. Ein Ausweg: Dieses Geschlecht meint die Auserwählten. Dann wäre das so eine Art Garantie-Erklärung: ihr werdet es auf jeden Fall schaffen. Ihr seid dabei. Eine andere Erklärung: dieses Geschlecht meint die Menschheit. Was daran aber wäre bemerkenswert?

Es führt kein Weg daran vorbei: γενε ατη heißt: diese gegenwärtige Generation. Damit müssen wir uns zufriedengeben und uns eingestehen: „Es gibt Elemente der Naherwartung in der Verkündigung Jesu und der Gemeinde, die wir nicht wegerklären können, auch wenn das den Eindruck vermittelt, Jesus und die frühe Gemeinde hätten sich getäuscht.“ (W. Klaiber, aaO.  S.258)

Was aber, so frage ich, wäre daran schlimm? Weil der Gottessohn alles weiß, darf er nicht irren, etwas nicht wissen? Wir kommen mit solchen Gedanken ins Stolpern, weil sie uns vor Augen führen, dass unsere viel später gewonnen theologischen Setzungen – Allwissenheit, Allgegenwart, auch Allmacht – schwer zu vereinbaren sind mit dem schlichten Erzählen vom Weg des Jesus von Nazareth als Mensch unter den Menschen. Mir will es scheinen, dass Markus weniger Schwierigkeiten mit der zu seiner Zeit noch ausstehenden Wiederkunft Jesu hat, mit der enttäuschten Naherwartung als wir heutigen Theologen.

Mein persönlicher Umgang: Ich halte mir vor Augen, dass es immer wieder Zeiten im Leben gibt, in denen das Leben sein Gang geht und ich mich im Leben einrichte. Es gibt aber auch die Zeiten, in denen ich das Kommen Christi anders erwarte, sehnsüchtiger – und am besten gleich. Manchmal beten wir auch:  

  Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not;
stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod
uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein,
so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.         P. Gerhardt, 1653, EG 361

 Und es gibt Zeiten, da mache ich mir fremde Worte zu eigen, weil sie meine eigene Sehnsucht besser zum Ausdruck bringen als ich es mit eigenen Worten je könnte.

  „Noch eine kleine Weile, dann ist’s gewonnen.                                                              Dann ist der ganze Streit in Nichts zerronnen.                                                                 Dann werd’ ich laben mich an Lebensbächen                                                                      und ewig, ewiglich mit Jesus sprechen.“                                                                                                   Inschrift auf dem Grabstein von  Sǿren Kierkegaard

 31 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.

             Ob Himmel und Erde nun bald oder erst in ferner Zukunft vergehen, ob er nun heute kommt oder erst morgen oder erst in ferner Zukunft: „Wichtiger ist, festzuhalten, was man jetzt schon hat: die Worte Jesu.“ (J. Gnilka, aaO.  S.206) Weil diese Worte bleiben und wer sich an diese Worte hält, so der Gedanke, wird auch bleiben.

             Ich denke, dass dieser Satz nahe dran ist an Sätzen, wie sie im hohenpriesterlichen Gebet überliefert werden: „Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast. Ich bitte für sie und bitte nicht für die Welt, sondern für die, die du mir gegeben hast; denn sie sind dein.“ (Johannes 17, 8-9)

32 Von jenem Tage aber oder der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.

             Noch einmal wird allem Berechnen und Bescheid-wissen-wollen der Boden entzogen. Es ist nicht unsere Sache, den Termin zu kennen, um daraus einen Zeitplan zu entwickeln. Wenn auch der Sohn es nicht weiß, sondern einfach im Willen des Vaters lebt, dann steht auch uns das nicht zu, wissen zu wollen, was auch die Engel im Himmel nicht wissen. „Es ist ein Wort der ruhigen Zuversicht, mit welcher Jesus es Gott selbst als Seinem „Vater“ überlässt, wann (und wie) er auch im physischen Sinne die Welt, die gesamte irdische Existenz, ihrem Ende zuführen wird.“(E. Drewermann, aaO. S. 351) Es reicht, im Vertrauen auf den Vater zu leben.

Allein der Vater. Überliefert Markus, sagt Jesus. Man kann leicht überlesen:  Vater und nicht Gott. Darin steckt Vertrauen. Es ist nicht ein distanzierter, unberührter, unbewegter und unbeteiligter Gott, nicht „das Gott“ des Theismus. Es ist der Vater, der sein Ja zum Weg Jesu gesagt hat. Bei ihm ist dieses Wissen, wann es so weit sein wird, in guten Händen. Gut aufgehoben.

 33 Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. 34 Es ist wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er sollte wachen: 35 So wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen, 36 damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt. 37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!

             Alles Reden vom Kommen Christi ist keine Einladung, die Welt und das eigene Leben als eine Art Warteraum zu betrachten für das Bessere, das noch kommen wird. Sondern es ist der Hinweis: Alle Zeiten sind gleich unmittelbar zur Ewigkeit. Sie bricht immerzu herein.

Zum Weiterdenken

So ist es auch heute noch und wieder: Wir hätten gerne feste Fahrpläne, terminsichere Auskunft. Wir wüssten gerne, wann es so weit ist, dass …  In diesen Tagen taucht die Frage regelmäßig in Interviews auf: Wann ist der Zeitpunkt, um die Beschränkungen zu lockern, die Kontakt-Restriktionen zu beenden? Die Antwort wiederholt sich gleichfalls: Wir können noch nichts sagen. Es wird sich zeigen müssen. Später.

Warten ist schwer auszuhalten. Heute auf ein Ende der Corona-Pandemie. Aber auch das Warten auf die Zukunft Gottes. Deshalb gibt es die verrückten Berechnungen des Datums. Vor Jahren hielt eine Prophezeiung der Majas zum Weltende manche in Atem. Die Zeugen Jehovas rechnen – und rechnen immer wieder neu. Sogar ein so besonnener Bibel-Ausleger wie Albrecht Bengel ließ sich zu solcher End-Berechnung verführen – und machte sich so ein wenig lächerlich Es ist, das lernt man aus solche Beobachtungen, schwer, mit dem Zustimmen zum Wort Jesu: allein der Vater.

Der gesamte Abschnitt, dieses anscheinend unabwendbare Ende macht freilich die Aufforderung nicht überflüssig, sondern nur noch dringlicher: Wachet. Dreimal in wenigen Sätzen. Das unterstreicht die Dringlichkeit. Die Lebensform der Christen angesichts des Kommens Christi ist nicht Aussteigen aus der Zeit, auch nicht die Zeit verschlafen, sondern Wachen. Wachsein in der Zeit. Wachsam in den Herausforderungen des Tages. Seine Arbeit tun. „Die Zeitgeschehnisse aufmerksam verfolgen, die vom Herrn übertragene Vollmacht ausüben, und der Rechenschaft bewusst bleiben, die er einverlangen wird.“ (J. Gnilka, aaO.  S.210) sich einmischen, wo es angesagt ist – so lese ich das heute. Aber auch: sich nicht in den engen Horizont des Hier und Jetzt einfangen zu lassen, sondern darüber hinaus zu schauen. Den weiten Horizont nicht aus den Augen zu verlieren.

 

Vergessen wir Dich, Jesus und Dein Kommen, so wie wir leben mit unserer Arbeit, zufrieden mit unserem Glück und manchmal unter Tränen?

Vergessen wir Dich, Jesus und Dein Kommen, so wie wir schlafen, müde geworden, erschöpft vom Treiben des Tages und manchmal glücklich gelassen?

Lassen wir uns erinnern an Dich, Jesus und an Dein Kommen, wenn sich Stimmen nähern, wenn die Zeituhr schlägt, wenn die Tür sich öffnet, enn wir aufschrecken aus unseren Träumen?

Lehre uns, Du Kommender, wachen und warten, mit gespannten Sinnen und dem Leben zugewandt. Nähre unsere Träume, dass wir unterwegs bleiben, voller Neugier nach dem Leben, das Du bringst.

Halte unsere Sehnsucht im Spiel, dass wir offen bleiben für Deine Zukunft und für das Zuhause hinter aller Zeit. Amen