Alle werden ihn sehen

Markus 13, 24 – 27

24 Aber in jenen Tagen, nach jener Bedrängnis, wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, 25 und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.

             „Was hier geschildert wird, ist im Grunde das Ende menschlicher Geschichte und damit auch aller Not und Bedrängnis.“ (W. Klaiber, aaO.  S.255) Die Wirklichkeit der Welt löst sich auf. Was nicht nur für damalige Menschen, sondern auch für uns heute Sinnbild für Ewigkeit ist – der Himmel mit seinen Sternen, mit Sonne und Mond, gerät ins Wanken. Die Stabilität des Alls erweist sich als instabil.   

             Man muss sich vor Augen halten: Der Glaube an den Schöpfer ist ein Grundelement des Glaubens Israels geworden, gerade auch in schweren Zeiten: „Ich habe die Erde gemacht und den Menschen auf ihr geschaffen. Ich bin’s, dessen Hände den Himmel ausgebreitet haben und der seinem ganzen Heer geboten hat.“ (Jesaja 45,12) Das hat Israel in schweren Zeiten getröstet: Der Himmel stürzt nicht ein, weil Gott, der HERR, ihn ausgebreitet hat. Und die Erde hat Bestand, weil Gott sie bestehen lässt.

Es ist die Zuversicht des Glaubens, die sich hier zu Wort melden wird, die sich am Wort Jesus festmacht – er weiß, was in Zulunft sein wird. In eine Zeit hinein, der die alten Gewissheiten zu zerbrechen drohen. Die Vorstellung von einer statisch unbewegten Ordnung des Alls hat sich aufgelöst – das all ist in Bewegung, es driftet auseinander. Es gibt die streng wissenschaftliche Debatte, ob das All dem Kältetod oder dem Wärmetod entgegensteuert, wenn auch erst in Millionen Jahren. Es gibt, beängstigend für viele, die Zunahmen an extremen Wetterereignissen – Hitzewellen, Flutwellen, Erdbeben, Vulkanausbrüchen. Und jetzt zu, allem Überfluß eine Heuschreckenplage in Afrika, die ganze Länder mit einer Hungersnot bedroht und das Corona-Virus, das wie eine schleichende Seuche die ganze Welt im Griff zu haben scheint.   Kein wunder, dass Mesnchen das Gefühl haben: die Welt, wie wir sie kennen, ist ins Wanken geraten.  alles löst sich auf.

Hinter den Worten Jesu steht eine Denkform der Propheten, besonders bei Jesaja: „Siehe, was ich fürher verkündigt habe, ist gekommen. So verkündige ich auch Neues : ehe denn es sprosst, lasse ich ´s euch hören,“ (Jesaja 42, 9) Gott erweist sich gerade darin als Gott, dass er zukunftsmächtig ist, dass er in der Gegenwart das Zukünftige ansagt.

 26 Und dann werden sie sehen den Menschensohn kommen in den Wolken mit großer Kraft und Herrlichkeit. 27 Und dann wird er die Engel senden und wird seine Auserwählten versammeln von den vier Winden, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.

             In diesen Zusammenbruch hinein geschieht das Kommen des Menschensohnes. Alle werden ihn sehen. Seine Kraft, seine Herrlichkeit. Die einen sehen den, dem sie vertraut haben. Die anderen sehen ihn, den sie abgelehnt haben. Von dem sie gesagt haben: Was macht er aus sich? So ist sein Kommen Gericht für die einen und Sammlung von den Enden der Erde für die anderen.

Diese Sammlung vergisst  keinen. Sie lässt keinen verloren gehen. Von den Enden dieser Erde sammeln die Engel Gottes.

             Gesagt wird das nicht- es reicht, dass gesagt wird: sie werden ihn sehen. Nicht mehr den Menschensohn, der ist wie unsereiner. Sondern den voller Kraft und Herrlichkeit. μετ δυνμεως πολλς κα δξης. Es gibt eine Zeit, in der Jesus – er ist ja der Menschensohn – verwechselbar ist, auch ohne Macht und ausgeliefert an die Menschen. Aber am Ende der Zeiten wird er der Welt gegenüber treten in der Macht Gottes.  Und „Alle, die zu Gott gehören, werden in seine Gemeinschaft geholt werden, selbst von den äußersten Winkeln des Weltgebäudes.“ (W. Klaiber, aaO.  S.256) Das ist das Ziel seines Kommens – nicht das Gericht. Sondern dieses Heimbringen.

Zum Weiterdenken

Bei Bonhoeffer habe ich irgendwo gelesen: Die Unsichtbarkeit macht uns kaputt. Es setzt einem zu, gerade auch in unserer Welt voller Bildet, dass Gott nicht zu sehen ist. Weil man so leicht darauf hereinfallen kann: was nichts zu sehen ist, ist nicht. Es ist die großartige Leistung des Glaubens Israels, dass es an dem unsichtbaren Gott festgehalten hat, gegen alle Götterbilder rundum. Das ist die Herausforderung auch an uns: Gegenüber allem sichtbaren festzuhalten an dem Unsichtbaren, gegen allen Augenschein einer gottverlassenen Welt zu glauben: Gott lässt seine Welt nicht.

Keiner weiß, wann; keiner weiß, wie; doch alle werden dich sehn.                        Einer sagt: Jetzt, ein anderer „nie“, doch alle werden dich sehn.                                Du hast gesagt, du kommst zurück, und alle werden dich sehn.                                      Du allein weißt den Augenblick, doch alle werden dich sehn.

Wird es Tag oder Nacht bei uns sein?                                                                           Kommst du in unser Spiel, unsre Arbeit hinein

Keiner weiß, wann…

Tänzer beim Tanz, Läufer beim Lauf sie alle werden dich sehn.                        Schläfer im Schlaf und Käufer beim Kauf sie alle werden dich sehn.                             Und dann zweifelt der Zweifler nicht mehr,                                                                   denn dann weiß er ‑ Dein Grab war am dritten Tag leer.

Keiner weiß, wann…

Beter auf Knien, Kranke im Leid alle werden dich sehn.                                      Freunde beim Fest und Feinde im Streit alle werden dich sehn.                                 Und wir sehn, wenn der Schleier sich hebt:                                                                        Du hast immer schon bei uns auf Erden gelebt.

Keiner weiß, wann…

Manche erschreckt, manche erfreut alle werden dich sehn.                                   Mach uns bereit für jene Zeit, wenn wir dich alle sehn.                                                                                      M. Siebald   1979

 

Manchmal, mein Jesus, wird mir das Warten lang. Manchmal geht mir die Sehnsucht aus. Und ich finde mich ab.Mit dem, was ist. Mit dem, was ich sehe. Die Hoffnung fällt mir schwer, weil Dein Kommen so weit weg scheint.

Halte du die Sehnsucht in meiner Seele wach, damit ich Dir entgegenwarte. Alle Tage, auch wenn die Sehnsucht der früheren Jahre irgendwie erloschen scheint. Fache Du das Feuer neu an. Amen