Gott ist nicht vergesslich

Markus 13, 14 – 23

 14 Wenn ihr aber sehen werdet den Gräuel der Verwüstung stehen, wo er nicht soll – wer es liest, der merke auf! -, alsdann, wer in Judäa ist, der fliehe auf die Berge. 15 Wer auf dem Dach ist, der steige nicht hinunter und gehe nicht hinein, etwas aus seinem Hause zu holen. 16 Und wer auf dem Feld ist, der wende sich nicht um, seinen Mantel zu holen.

             Jetzt nicht mehr: Achtung, das wird kommen. Sondern: Wenn ihr sehen werdet. Es sind Sätze, die sich direkt an die Zuhörer – oder Leser*innen – wenden. Wenn das kommt, ist Fliehen angesagt. Nicht mehr standhalten. Fliehen ohne Zögern.

Der Gräuel der Verwüstung – davon ist schon im Danielbuch die Rede: „Und im Heiligtum wird stehen ein Gräuelbild, das Verwüstung anrichtet, bis das Verderben, das beschlossen ist, sich über die Verwüstung ergießen wird.“ (Daniel 9,27) Meistens wird das auf einen Götzenopferaltar bezogen, der von den Syrern im 2. Jahrhundert v. Chr. im Tempel errichtet worden ist. Und der ein wesentlicher Baustein zum Ausbruch der Makkabäer-Kriege war.

             Aber Jesus verwendet den Ausdruck, um von einem zukünftigen Geschehen zu reden. Die Formulierung bei Markus „kann durch die Erinnerung an das Vorhaben des Kaisers Caligula, im Tempel ein Kaiserbild aufstellen zu lassen, inspiriert worden sein, wenn sie einen ähnlichen Gräuel für die letzte Zeit ankündigt.“(J. Gnilka, aaO.   S.195)

             Was genau gemeint ist, wissen wir nicht. Aber eindeutig ist die Aufforderung zu sofortiger Flucht. Ohne Aufenthalt, ohne Zwischenstopp. Es gilt, keine Zeit zu verlieren, um das nackte Leben zu retten.

 17 Weh aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! 18 Bittet aber, dass es nicht im Winter geschehe.

             Es gibt in solchen Katastrophen immer die, die besonders betroffen sind. Deren Not noch einmal gesteigert ist. Hier: die Schwangeren und Stillenden. Und mit ihnen wohl, wenn auch ungenannt, Kinder und Alte. Auf der Flucht sind sie, weil sie geschwächt sind, noch nicht oder nicht mehr stark, mehr gefährdet als alle anderen. „Die Erfahrung der Kriegsnot wird auf die endzeitlichen Schrecken übertragen.“(J. Gnilka, aaO.  S.196) 

 19 Denn in diesen Tagen wird eine solche Bedrängnis sein, wie sie nie gewesen ist bis jetzt vom Anfang der Schöpfung, die Gott geschaffen hat, und auch nicht wieder werden wird.

             Das, was da bevorsteht, hat es vorher in diesem Ausmaß nie gegeben und wird es auch nie mehr geben. Darf ich sagen: Weil es der Intention des Schöpfers widerspricht? Es fällt ja auf, dass inmitten dieser Chaos-Schilderung plötzlich vom Anfang der Schöpfung, die Gott geschaffen hat, die Rede ist. Gott sei Dank nicht so, dass das Geschehen auf ihn zurückgeführt wird. Auch nicht auf irgendwelche Gesetzmäßigkeiten in der Schöpfung.  Aber auch nicht so, dass er alles irgendwie zum Guten regelt.

Vielleicht ist es so: „Die Erwähnung des Schöpfers weist auf die lenkende Macht, die die Führung der Geschichte von Anfang an in der Hand behält.“ (J. Gnilka, ebda.) Und doch: auch dieser Gedanke wirft mehr Fragen auf als er beantwortet. Es sind ja nicht nur unfromme Leute, die manchmal bang fragen: Hat Gott die Welt sich selbst überlassen?

 20 Und wenn der Herr diese Tage nicht verkürzt hätte, würde kein Mensch gerettet werden; aber um der Auserwählten willen, die er auserwählt hat, hat er diese Tage verkürzt.

 Die Drangsal ist auch Bedrohung des Glaubens und Gottvertrauens.“(J. Gnilka, ebda.) Es ist ein Akt der Fürsorge Gottes, dass er keinen Schrecken ohne Ende gewähren lässt, dass er die Tage  – der Drangsal – verkürzt. Um der Auserwählten willen.  Es wird nicht deutlich gesagt: Aber die Fürsorge Gottes für sie kommen allen zugute. Sie werden nicht in Sicherheit gebracht, während die anderen untergehen.  Sondern für alle wird die Zeit der Schmerzen verkürzt.

In Israel erzählt man die Legende von den „Zehn Gerechten“, herausgesponnen aus der Fürbitte Abrahams für Sodom (1. Mose 18,32f). Sie leben unerkannt in der Menschheit. Um ihretwillen wird die Menschheit bewahrt.

 21 Wenn dann jemand zu euch sagen wird: Siehe, hier ist der Christus; siehe, da ist er!, so glaubt es nicht. 22 Denn es werden sich erheben falsche Christusse und falsche Propheten, die Zeichen und Wunder tun, um, wenn möglich, die Auserwählten zu verführen.

       In dieser Notsituation werden Menschen empfänglich. Für Botschaften. Für Versprechen. Für das Angebot der einfachen Lösungen. Für Zeichen und Wunder. Möglicherweise stehen hinter diesen Worten „Vorgänge der Anfangszeit des jüdischen Aufstandes, wo viele messianische Gestalten auftauchten.“(W. Klaiber, aaO.  S. 254) Diesen Botschaften fallen Menschen zum Opfer.

Es ist der kritische Hinweis: „Zeichen und Wunder allein beweisen nichts.“(W. Klaiber, ebda.) Das zieht sich durch das ganze Evangelium, das doch so viel von den Taten Jesu zu erzählen weiß. Markus will nicht, dass der Glaube sich am Wunder festmacht. Weil Jesus es nicht will.

Es ist auch ein Trost: Die Auserwählten sind gegen diese perfiden Verführungsversuche immun. Sie sind ihnen ausgesetzt, aber sie können standhalten. Wie, sagt Markus nicht. Aus welcher Kraft sagt er auch nicht. Da muss man wohl selbst weiterlesen: Weil sie dem Christus vertrauen und unterscheidungsfähig sind. Weil die Gemeinde die Gabe hat, „die Geister zu unterscheiden.“(1. Korinther 12,11) Aus der Bindung an Christus. Der Glaube macht nicht vertrauensselig, sondern unterscheidungsfähig, auch im Chaos dieser Weltzeit.

 23 Ihr aber seht euch vor! Ich habe euch alles zuvor gesagt!

             Alles, was Jesus ansagt, wird kommen. Aber in seinem Ansagen erweist er sich als der, auf dessen Wort Verlass ist. Ich habe euch alles zuvor gesagt! Dieses Ansagen von Zukunft, auch von erschreckender Zukunft ist im Jesaja-Buch durchgängig eine Art Qualitätssiegel für Gottes Reden. „Ich hab’s verkündigt und habe auch geholfen und hab’s euch sagen lassen; und es war kein fremder Gott unter euch.“(Jesaja 43,12)  – „Wer hat dies hören lassen von alters her und vorzeiten verkündigt? Hab ich’s nicht getan, der HERR? Es ist sonst kein Gott außer mir, ein gerechter Gott und Heiland, und es ist keiner außer mir.“(Jesaja 45,21) So ist dieses Ich habe es euch gesagt Jesu wie ein verborgener Hinweis: In mir hat Gott das Wort, deckt er die Zukunft auf.

Zum Weiterdenken

Hinter diesen Worten steht die Auseinandersetzung mit Apokalyptikern, mit Leuten, die die Untergangsängste nicht nur pflegen, sondern noch schüren. Ihnen werden diese Worte Jesu entgegengesetzt. Ja, es kommen harte Zeiten. Ja, es geht durch Bedrängnisse und Trübsale. Aber immer gilt, dass der Tod nur das Tor ist, das zur Herrlichkeit Gottes führt, dass auch der Untergang der Welt der Anfang nur der neuen Welt Gottes die Tür weit aufmacht.

Was hier angesprochen wird, gehört zum kollektiven Gedächtnis der Menschheit. Zur Flucht, zu Vertreibungserfahrungen, zu den mörderischen Umsiedlungsprogrammen, in denen Menschen wie Vieh getrieben werden. Und heute zu dem Strom von Flüchtlingen, der Hilfe und Zuflucht in einem der reichsten Länder der Erde sucht. Die schwarze Pest im Mittelalter hatten wir lange vergessen – das war ja finsterstes Mittelalter. Jetzt wird die Erinnerung an diese Seuche wieder ausgegraben, weil wir erleben, was wir uns nie im Leben im 21. Jahrhundert vorstellen konnten. Und gefragt wird in besonderer Weise sein, was Jesus damals in den Vordergrund rückt – Sorge um die Schwangeren und Stillenden, die Alten und Kinder, die Kranken und Vorerkrankten. Wie eine Gesellschaft mit den Schwächsten, den Schutzbedürftigen umgeht – daran zeigt sich ihre humane Qualität. vor allem in Krisenzeiten.

             „Zwei Dinge werden in dieser letzten und höchsten Not notwendig sein: das vertrauende Wissen, dass Gott auch dann Lenker der Geschichte bleibt wie er Schöpfer der Welt war, und dass er seine Gemeinde nicht vergessen wird.“(J. Gnilka, aaO. S. 199)

 

Mein Gott, mache mich immun gegen die Stimmen, die mein Vertrauen einfordern, weil sie angeblich wissen, was ansteht, die rasche Lösungen versprechen, die sich dabei auf ihr Urteil berufen, aber auch auf die göttliche Einsicht und Weisheit, die ihnen zuteil geworden ist.

Hilf Du mir, dass ich mich festhalte an Deinem Wort, an Deinem Erbarmen, dass ich mich berge in Dir. Amen