Was bleibt

Markus 13, 1 – 13

1 Und als er aus dem Tempel ging, sprach zu ihm einer seiner Jünger: Meister, siehe, was für Steine und was für Bauten! 2 Und Jesus sprach zu ihm: Siehst du diese großen Bauten? Hier wird nicht ein Stein wird auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.

             Jesus und seine Jünger verlassen den Tempel. Er wird auch nicht mehr dorthin zurückkehren. Unterwegs äußert einer der Jünger seine Bewunderung für das Bauwerk. „Der Tempelbau des Herodes galt als eines der alten Weltwunder. Der bewundernde Jünger sieht das wie für die Ewigkeit gebaute Heiligtum.“(W. Grundmann, aaO.  S.350) Er sieht, was vor Augen ist. Bis heute kann man kaum anders als staunend vor der Westmauern des Tempels mit ihren unglaublichen Quadern stehen.

Jesus sieht auch, was sein Jünger sieht. Und sieht doch anders. Hinter dem Glanz und der Pracht die zukünftige Zerstörung.  Nicht ein Stein wird auf dem andern bleiben. Das ist nicht Pessimismus, der hinter allem Schönen den Verfall sieht. Sondern es ist eine Gerichtsansage. „Die Ankündigung der Tempelzerstörung als Gerichtsansage hat ihre Parallele bei den Profeten.“ (J. Gnilka, aaO. S. 182) Schon sehr früh: „Darum wird Zion um euretwillen wie ein Acker gepflügt werden, und Jerusalem wird zu Steinhaufen werden und der Berg des Tempels zu einer Höhe wilden Gestrüpps.“(Micha 3,12) Später hört sich das so an: „Werdet ihr mir nicht gehorchen und nicht nach meinem Gesetz wandeln, das ich euch vorgelegt habe, und nicht hören auf die Worte meiner Knechte, der Propheten, die ich immer wieder zu euch sende und auf die ihr doch nicht hören wollt, so will ich’s mit diesem Hause machen wie mit Silo und diese Stadt zum Fluchwort für alle Völker auf Erden machen.“(Jeremia 26,4-6)

 3 Und als er auf dem Ölberg saß gegenüber dem Tempel, fragten ihn Petrus und Jakobus und Johannes und Andreas, als sie allein waren: 4 Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein, wann das alles vollendet werden soll?

             Die Jünger hören ihn und fragen nach. Die Frager sind die Vier, die er zuerst berufen hat, die von daher eine besondere Rolle haben. Als sie allein sind, wollen sie mehr wissen – über das wann, über Vorzeichen. In ihrem Fragen klingt auch an, ob denn eine Zerstörung des Tempels als eine Art Zeichen für die dann bevorstehende Vollendung zu verstehen sei. Ob es also einen Kalender als Zeitplan hin zur Vollendung gibt: erst dies, dann das und dann das Ende. … Bis heute gibt es fromme Leute, die so fragen wie diese fragenden Vier.  Die die Zeichen der Zeit eintragen wollen in eine Zeittafel, damit sie wissen, ob es schon fünf vor zwölf ist.

κα συντελεσθσεται πντα τατα – wenn das alles vollendet werden soll ist eine wörtliche Übernahme von Daniel 12,7 aus der Septuaginta-Übersetzung. Das ist nicht ohne Bedeutung für unser Verstehen. „Es geht um die Frage, wann das Leiden und die Bedrängnis des Gottesvolkes beendet sein wird und Gott seine Geschichte mit ihm und der Welt vollendet und eine neue Weltzeit des Heils heraufführt.“ (W. Klaiber, aaO. S.246) Also nicht: distanziertes Bescheid-wissen-wollen oder schlichte Neugier, sondern ein Fragen aus der Bedrängnis heraus hat hier das Wort. „Wie lange noch?“(Sacharja1,12)

5 Jesus fing an und sagte zu ihnen: Seht zu, dass euch nicht jemand verführe! 6 Es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin’s, und werden viele verführen.

             Die Antwort Jesu geht nicht auf die Frage nach der Zeitspanne ein. „Nicht eschatologische Neugier, sondern eschatologische Wachsamkeit“(J. Gnilka, aaO.  S.186) ist das Gebot der Stunde.  In Krisenzeiten schlägt die Stunde der Verführer. Der Vereinfacher. Derer, die sich mit fremden Federn schmücken. Die sich auf die Autorität Jesu berufen werden, aber in Wahrheit nicht von ihm sind. Die das Ende und das Heil ansagen, als Gegenwart behaupten, aber in Wahrheit steht es noch aus.

Es liegt großes Gewicht auf dem Ich bin’s. „Es geht um den Anspruch dieser Leute, dass man in ihnen Gott so unmittelbar wie in Jesus begegnet und sie deshalb unbedingte Gefolgschaft fordern können.“ (W. Klaiber, aaO.  S.247) Wo immer Menschen mit diesem Anspruch auftreten, dass sie die Stimme Gottes seien, ist höchste Wachsamkeit geboten. Ein Prüfen an den Worten Jesu. Ein Prüfen, das den Maßstab der Liebe, des Erbarmens, der Geduld und der Gnade anlegt. Und alle Gehorsamsforderung daran misst.

7 Wenn ihr aber hören werdet von Kriegen und Kriegsgeschrei, so erschreckt nicht. Es muss  geschehen. Aber das Ende ist noch nicht da. 8 Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; es werden Erdbeben geschehen hier und dort, es werden Hungersnöte sein. Das ist der Anfang der Wehen.

             So geht es in der Welt zu. Damals. Seitdem. Heute. Es ist eine so erschreckend nüchterne Analyse. Die Geschichte der Welt ist Kriegs- und Katastrophengeschichte. Menschengemacht das eine, schicksalhaft das andere. Aber eben kein Zeichen, dass jetzt alles vorbei ist. „Jesu Wiederkunft ereignet sich nicht mehr in Geschichtlichen Dimensionen, sondern in solchen, die die Geschichte durchbrechen und beenden werden.“ (J. Gnilka, aaO.  S.187)

Das ist der Anfang der Wehen. Wehen sind schmerzhaft. Aber sie werden ertragen um des Zieles willen. Sie tragen, allem Schmerz und aller Angst zum Trotz, in sich das Versprechen neuen Lebens. Wenn die Kriegs – und Katastrophengeschichte so in das Bild der Wehen gezeichnet wird, dann enthält dieses Bild eben genau dieses Versprechen: Neues Leben. Eine neue Welt wird geboren.

  9 Ihr aber seht euch vor! Sie werden euch den Gerichten überantworten, und in den Synagogen werdet ihr geschlagen werden, und vor Statthalter und Könige werdet ihr geführt werden um meinetwillen, ihnen zum Zeugnis.

             Seht zu – erschreckt nicht – seht euch vor. Die Aufforderungen an die Jünger sind alle nicht zu verstehen als Ansagen der Schrecken, sondern als Rückenstärkung für harte Zeiten. Dem dient, dass enthüllt wird, was auf sie zukommt. Schrecken, die man kennt, um deren Kommen man weiß, verlieren an Macht.

Hier also: ihr werdet gefordert werden als Zeugen. Überantwortet. Ausgeliefert. Es ist das gleiche Wort παραδίδωμι, mit dem Jesu Überantwortet-werden in der Passion beschrieben wird. Die Jünger erhalten ihren Anteil am Weg Jesu in ihrem Weg in den Synagogen, vor die Statthalter und Könige. Sie werden seine Zeugen sein.

10 Und das Evangelium muss zuvor gepredigt werden unter allen Völkern. 11 Und wenn sie euch hinführen und überantworten werden, so sorgt euch nicht vorher, was ihr reden sollt; sondern was euch in jener Stunde gegeben wird, das redet. Denn ihr seid’s nicht, die da reden, sondern der Heilige Geist.

             Das ist ihr Zeugnis: dass das Evangelium gepredigt wird. Die Situationen vor Gericht sind mehr als nur Gerichts-Situationen. Sie sind der Anfang des Evangeliums auf dem Weg zu allen Völkern. Auf diesem Weg braucht es eine Sorge nicht: Was sollen wir sagen? Was sollen wir reden? Es wird sich ergeben ν κεν τ ρ. Zur gegebenen Zeit. Gott flüstert in das Ohr, was zu sagen ist. „Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.“(Matthäus 10,27) Der Heilige Geist ist ein Geist, der vorsagt. In der Schule streng verboten. In der Bekenntnis-Situation erlaubt und geübt – vom Geist Gottes. In jener Stunde gilt: „Nicht mehr die Frage nach den letzten Dingen ist das Gebot der Stunde. Das Gebot der Stunde ist die Bitte um den Geist.“ (P. Schütz, , aaO.  S.423)

 12 Und es wird ein Bruder den andern zum Tod überantworten und der Vater und das Kind, und die Kinder werden sich empören gegen die Eltern und werden sie zu Tode bringen.

Vielleicht das Härteste: Das Zeugnis für Jesu entzweit Familien. Es entfremdet Geschwister voneinander, bringt Eltern und Kinder auseinander. „Das klingt krass und entspricht doch den Erfahrungen, die Menschen in totalitären Diktaturen haben machen müssen, die es systematisch darauf anlegten, das Vertrauen zwischen Menschen zu zerstören, um so die totale Herrschaft über die Menschen und ihre Herzen zu gewinnen.“ (W. Klaiber, aaO.  S.251) Die unangefochten heilige Familie, in der sich alle unter das Evangelium versammeln, ist nicht das Bild, das Jesus malt.

13 Und ihr werdet gehasst sein von jedermann um meines Namens willen. Wer aber beharrt bis an das Ende, der wird selig.

„Vielleicht sind hier konkrete Erinnerungen aufbewahrt, die örtlich beschränkt sind und wiederum auf Palästina verweisen. Spricht Markus römische Adressaten an, so gewann das Logion auf dem Hintergrund der neronischen Verfolgung neue Aktualität.“(J. Gnilka, aaO.  S. 192) Nicht nur im Evangelium aufbewahrt, sondern auch im Geschichtswerk des römischen Historikers. „Um also dieses Gerücht niederzuschlagen, schob Nero die Schuld auf andere und belegte mit den ausgesuchtesten Strafen jene Menschen, die das Volk wegen ihrer Schandtaten hasste und Christen nannte.“ (Tacitus, Annalen 15,44)

             Es wirkt wie ein Ruhepol inmitten dieser so harten Worte. Ein Überwinder-Wort, so wie es mehrfach in der Offenbarung begegnen wird.  Wer aber beharrt bis an das Ende, der wird selig. σωθήσεται. Man kann auch übersetzen: der wird gerettet werden. So wird es gegenwartsnäher, aktueller. Nicht so jenseitig abgehoben.Ein Wort, um heute den Rücken zu stärken. Zum Durchhalten. πομένω und πομένη Standhalten und Geduld gehören nicht von ungefähr zu den Hauptworten des christlichen Glaubens, nicht nur in der ersten Christenheit. Auch heute.

Zum Weiterdenken

             Es gibt Ausleger, die diese Worte erst nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n. Chr. für möglich, wahrscheinlich halten. Mich überzeugt das nicht. Gerade der Hinweis auf die alttestamentliche Prophetie zeigt doch, dass es ein Rechnen damit gab, dass das Gericht Gottes über dem Tempel „schwebt“. Warum sollte Jesus diese Sicht nach seinen Erfahrungen im Tempel und mit denen, die in ihm das Sagen haben, nicht geteilt haben?

Es gibt auch die andere Stimme: „Man nimmt heute an, dass es sich bei dieser „Rede“ um ein „Flugblatt“ handelt, das aus der Zeit um 40 n. Chr. Stimmen könnte. Damals hatte der römische Kaiser Caligula sein Standbild im Tempel von Jerusalem aufstellen lassen, ein für die bilderlose Religion der Juden unerhörter Akt.“ (E. Drewermann, aaO. S. 333) Das ist eine These, die für sich hat, dass es diesen Übergriff des Caligula gegeben hat. Aber es ist schon kühn, unter den „Unterlagen“, die Markus verarbeitet, dieses „Flugblatt“ zu vermuten.

Wichtiger ist ohnehin der Inhalt der Warnungen: Jesus bereitet seine Jünger auf harte Zeiten vor. Der Weg hinter ihm her wird kein Triumphzug sein, kein Spaziergang. Er wird durch große Bedrängnis und Ängste führen. Das ist eine Botschaft, die unserer Zeit heute in Mitteleuropa sehr fremd klingt.

Und doch: die Worte lesen sich – jetzt im März 2020 – irgendwie hochaktuell. Es bleibt kein Stein auf dem anderen was das Gefüge der Gesellschaft angeht. Gewissheiten brechen zusammen – Industrie-Anlagen stehen still, Bahnhöfe sind entleert, Gaststätten geschlossen, Straßen wie leergefegt, Spielplätze gesperrt, Stadien, wo Hundertausende zusammenkommen, verödet. Vor vier Wochen alles noch undenkbar – in Deutschland, in Italien, in Spanien, Frankreich, England.

Keine Angst vor Verfolgungen, weil man Christ*in ist. Damit muss keiner heute rechnen. Aber die Frage stellt sich ein: Wo finden wir Halt, wenn alle Gewissheiten so ins Wanken geraten? Wenn es im Miteinander nicht nur schöne Erfahrungen der Solidarität geben wird, sondern auch Gegenwind. Wenn auf einmal doch jeder sich selbst der Nächste ist?

Der letzte Satz Jesu ist ein Satz wie gesagt ins Heute hinein. Wer aber beharrt bis an das Ende, für den ist Rettung. Jetzt, nicht erst am lieben jüngsten Tag. Wer sich nicht abbringen lässt vom öffentlichen Rückzug, wer durchhält in aller Umsicht und Vorsicht, für sich selbst und die Nächsten Distanz hält, der hat eine gute Chance, auch in dieser Krise bewahrt zu werden. Lange Atem tut not.  

 

 

Herr Jesus, wenn alle Bindungen zerbrechen -Du hältst fest. Wenn alles Vertrauen scheitert – Du bleibst treu. Wenn es einsam wird um uns, einsam auch in uns selbst – Du bleibst da. Amen