Ganz hingegeben

Markus 12, 41 – 44

 41 Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. 42 Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das ist ein Heller.

             Genug geredet. Den vielen Worten folgt jetzt – völlig anders – eine Zeit, in der Jesus im Tempel sitzt und zusieht, was geschieht. Was die Leute so machen. Er sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Das Wort γαζοφυλάκιον kann sowohl die „Schatzkammer“ des Tempels als auch den Opferkasten bezeichnen. Jesus sitzt also vor der Schatzkammer und sieht zu, was in den Opferkasten dort eingelegt wird. Es geht vermutlich lebhaft zu. „Viele Leute kommen dort daher, relativ begüterte Leute zumeist – so wie wir es sind -, und sie alle entrichten, wie gewöhnlich, einen gewissen Beitrag ihres Eigentums als „Almosen“ für die Armen.“(E. Drewermann, aaO. S. 324)Es gibt die Vermutung, dass bei besonders hohen Opfergaben eine Posaune auf Gabe und Geber aufmerksam gemacht hat.

Uns heute kommt dieses Zuschauen Jesu fast ein bisschen unanständig vor. Es gehört sich nicht, zu beobachten, was da am Opferkasten geschieht. Über Geld spricht man nicht. Über Spenden und Kollekten auch nicht. Es steht doch keinem zu, mich dabei zu beobachten, wie ich spende, an wen und wie viel.

Damit man sich vorstellen kann, was da vor sich geht: „In der Schatzkammer waren dreizehn posaunenförmige Opferkästen aufgestellt, von denen einer für freiwillige Gaben bestimmt war.“(J. Gnilka, aaO. S.176) Jesus beobachtet und sieht: Viele Reiche spenden viel. Sie sind nicht knauserig, sondern großzügig. Sie lassen es sich etwas kosten.

Im Kontrast dazu steht, was die arme Witwe gibt. λεπτ δο. „Es sind zwei Lepta, die kleinste griechische Münze“ (W. Klaiber, aaO.  S. 242) In dieser Gabe wird ihre Armut sichtbar. Sie ist wirklich bettelarm. Sie gehört zu den Menschen, die von der Hand in den Mund leben. Ärmlich genug – zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.

Der Vorgang als solcher ist alltäglich. Es ist wohl immer wieder so, dass die Opfer am Gotteskasten weit auseinander gehen. Die viel haben, geben viel, die wenig haben können nur wenig geben. Kein Mensch richtet wirklich seine Aufmerksamkeit auf diesen Unterschied. Wir haben uns längst damit abgefunden, dass es große und kleine Reichtümer gibt und volle und tendenziell eher leere Geldbeutel und deshalb auch große und kleine Spenden.

 43 Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. 44 Denn sie haben alle von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

Jesus aber sieht anders hin. Er sieht nicht die Beträge, sondern die Menschen. Er sieht, dass die eine arme Witwe sich mit ihrer Gabe ausliefert. Ihr Leben preisgibt. Sie hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt. Sie hat nichts zur eigenen Sicherheit behalten. Es wird nicht gesagt, aber es ist ein Schritt eines Vertrauens auf die Fürsorge Gottes, wie er größer nicht sein kann. Und es ist ein Akt der Liebe zu Gott.

Das kommt erst richtig hell zum Leuchten im Kontrast zu den großen Gaben. Ja, sie sind groß, aber sie haben nicht wehgetan. Es sind Gaben aus dem Überfluss. Gaben, die, auch wenn sie groß sind, keinen Mangel riskieren.

Es bleibt eine der herausfordernden Geschichten des Evangeliums. Erzählt sie doch davon, dass es Menschen gibt, damals, wohl auch heute, die darauf verzichten, sich selbst zu sichern durch stille Reserven, durch vernünftige Rücklagen, durch Spenden nur nach Sicherung des eigenen Existenzminimums. Im Bild dieser Frau, deren Namen wir nicht kennen, von der wir nur wissen: eine arme Witwe, wird uns ein Mensch vor Augen gestellt, „der sehr praktisch sich selbst und alle seine Sicherungen fahren lässt und sich ganz Gottes Barmherzigkeit ausliefert.“ (E. Schweitzer, aaO. S. 148)

 Zum Weiterdenken

 Diese arme Witwe hat viele gefunden, die sie nachgeahmt haben. Nicht auf Befehl. Nicht unter der Weisung: „gehe hin und tue desgleichen.“(Lukas 10,37) Genau das sagt Jesus ja nicht. Es geht also um ein Nachahmen, von innen her gewonnen. Einer unter vielen, die so auf diese Geschichte antworten, ist Franz von Assisi. Der sich in seiner Armut derart entblößt, dass er nackt dasteht vor seinem leiblichen Vater. Auf alles verzichtet, auf sein Erbe und allen Besitz, weil er in Christus alles gewonnen hat.

Es ist keine Geschichte mit einer Aufforderung zum Nachahmen. Auch keine Geschichte, die zu Rechenspielen einlädt – wann ist ein Spende groß und wann ist sie klein, womöglich gar zu klein? Jesus sieht bei der armen Witwe das Vertrauen, das sich und das eigene Leben loslässt. Darum also geht es, sich zum Staunen und zum Fragen herausfordern zu lassen: Wozu darf mich die Liebe Christi, die Liebe zu Gott bewegen? Wozu kann mich mein Vertrauen auf Gott bringen? Ich ahne: Die Stelle, an der ich persönlich Gottvertrauen zu lernen haben, ist Loslassen. Loslassen der Sorgen um den Weg unserer Kinder. Loslassen der von mir gefühlten und manchmal schwer geschleppten Verantwortung für ihren Weg. Im Vertrauen, dass Gott ihren Weg mit den gleichen Augen des Erbarmens und der Liebe sieht wie meinen Weg.

Vielleicht erwächst aus dieser Geschichte noch eine andere Einsicht: „Es ist ein schweres Missverständnis, wenn in unseren Tagen gesagt wird, das Christentum sei dazu bestimmt, „von der Armut zu erlösen“. Die Religion Jesu ist dazu bestimmt, „zur Armut zu befreien“ und die ganze Kunst besteht darin, wie wir einen Menschen dazu bringen können, dass er inmitten seiner Armut aufhört, sich zu schämen, und den Reichtum fühlt, den er besitzt, wenn er nur weitherzig und großzügig genug ist.“(E. Drewermann, aaO. S.326) Das ist ziemlich provokativ formuliert und ich weiß nicht, was jemand darüber denken wird, der in Hartz IV festhängt. Richtig allerdings – es geht um die Würde, die nicht am Reichtum hängt und nicht von der Armut abgehängt wird. Die Würde des Menschen ist ihm von Gott her zugeeignet – er würdigt ihn als sein Geschöpf und Gegenüber, in seiner Liebe. Es geht auch um ein Lernen, sich wirklich Gott anzuvertrauen und es zu nichts mehr bringen zu wollen als zu der vertrauensvollen Hingabe.

In den Zeiten von Corona: Sich und das eigene Leben loslassen – wie geht das? Auf gewohnte Freiheiten verzichten. Auf gewohnte Spielräume verzichten Nur tun, was keinen anderen gefährdet. Sich so verhalten, dass ich Rücksicht nehme. Abschied von der Haltung: „Erst komme ich.“ Mag sein, mein Beitrag zur Eindämmung der Infektionsgefahr ist winzig klein, keine zwei Schekel. Aber diesen Beitrag gilt es zu leisten. Einfach so. Unauffällig. Auch ohne Applaus.

Ich habe Achtung vor der Bereitschaft der leicht einmal  als abgehoben geschmähten Kicker, Millionäre in kurzen Hosen, dass sie bereit sind, Millionenbeträge zu spenden, um helfen zu können. Und ich habe Achtung vor den „Einkaufshelfern“, in Braunschweig Nürnberg und anderswo, die sich von ihren Vereinen, Kommunen, Kirchengemeinden dazu werben lassen, aktiv zu werden, einzukaufen für die „Risiko-Gruppe“. Der Herr Jesus hat wohl an beiden Gruppen sein Freude.

 

Jesus, so selbstvergessen bin ich nicht, dass ich alles hingebe, keine Reserve für mich behalte. Das gebietet mir die Vernunft, auch die Verpflichtung denen gegenüber, die auf mich angewiesen sind. Und doch möchte ich lernen, nicht immer, aber hier und da, aus einem Augenblick heraus zu geben, was ich habe, ohne zu fragen, ob es vernünftig ist, ob mir denn noch genug bleibt an Kraft, Besitz, Zeit.

Öffne Du mir das Herz und die Augen und dann auch die Hände. Amen