Hütet euch!

Markus 12, 38 – 40

 38 Und er lehrte sie und sprach zu ihnen: Seht euch vor vor den Schriftgelehrten, die gern in langen Gewändern umhergehen und sich auf dem Markt grüßen lassen 39 und sitzen gern obenan in den Synagogen und beim Gastmahl; 40 sie fressen die Häuser der Witwen und verrichten zum Schein lange Gebete. Die werden ein umso härteres Urteil empfangen.

             Jesus setzt seinen Unterricht fort: ν τῇ διδαχῇ, wörtlich: in seiner Lehre sagte er. Eine Warnung richtet er an seine Zuhörern, die ihn umstehen, Männer, Frauen Jünger und Jüngerinnen, das Volk.. Vor den Schriftgelehrten. Sie werden in diesen Worten als außengeleitet beschrieben. Sie sind imagebedacht. Sie sind ehrsüchtig in ihrem Achten auf das eigene Ansehen, in ihrem Streben nach öffentlicher Anerkennung. Sie zeigen gerne ihre beste Seite. Es ist schon auffällig, dass Jesus hier zunächst so an Äußerlichkeiten hängen bleibt. An langen Gewändern, an dem Achten auf Höflichkeiten und Anerkennung. Gibt es nichts Wichtigeres zu den Schriftgelehrten zu sagen? Es könnte allerdings mehr hinter dieser Warnung stecken: „Sobald der Lehrer einen „Ornat“ bekommt, eine besondere Tracht, eine Standeskleidung, dann hast du den amtlichen Gottesdienst -und den will Christus nicht haben. Lange Kleider, prächtige Kirchengebäude usw., all das hängt zusammen und ist die menschliche Fälschung des neutestamentlichen Christentums.“(S. Kierkegaard, zit. nach E. Drewermann, aaO. S. 316)  

Dennoch: Vor allzu raschen Urteilen über diese Gruppe von Menschen hüte man sich. Das Streben nach Anerkennung, nach Aufmerksamkeit, nach Zuwendung ist zutiefst menschlich. Keine und keiner kann auf die Dauer ohne die Zuwendung und Anerkennung durch Menschen leben. „Allein gehst du ein“. Auch der Weg Jesu ist nicht denkbar ohne die Stimme, die ihm vor allem Anfang die unumstößliche Anerkennung Gottes zusichert: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“(1,11) Er lebt in dieser Anerkennung und handelt aus ihr.

Das Wort Jesu richtet sich dagegen, dass diese eine, die äußere Seite, die Schau-Seite keine Entsprechung im Inneren hat. Sie ist nur Image, nur Fassade, nur Schein. προφάσις. Es ist nichts dahinter als Selbstsucht. Sie suchen nicht Gott und das Wohl der Nächsten, der Witwen, für die sie angeblich da sein wollen, auch nicht in ihren Gebeten, sondern nur sich selbst. Sie sind Wölfe im Schafspelz, wie reißende Bestien. Sie fressen sich durch,  sind im wahrsten Sinn des Wortes gefräßig.

Es gibt ein Verhalten von Menschen mit Einfluss, auch mit geistlichem Einfluss, das von erschreckender Brutalität ist. Das nur sich selbst kennt. Rücksichtslos nur dem eigenen Ego verpflichtet. „Sie haben ihren Lohn schon gehabt.“(Matthäus 616) ist das Urteil über die Heuchler. Hier: Es wird umso härter werden, weil sie Frömmigkeit heucheln, wo nur Eigennutz herrscht.

Zum Weiterdenken

Es gibt sie. Profiteure der Frömmigkeit. Die aus ihr ein Geschäft gemacht haben, das sie gut ernährt. Es gibt die Profiteure der Angst. Es gibt sie, die aus dem zutiefst menschlichen Bedürfnis nach Trost und Nähe, nach Beistand und Zuwendung ihr Gewinn machen. Sie sind überall im Geschäft. Nicht nur in der organisierten Religion.   Auch in Zeiten von Corona blüht das Geschäft mit der Angst und seinen es „nur“ überteuerte Gesichtsmasken.

 Es ist ein hartes, vielleicht sogar unfaires Urteil über die Schriftgelehrten. Pauschal und weint differenziert. Es gab bestimmt auf den anderen Typ Schriftgelehrter. Aber er ist in diesen Worten Jesu einfach nicht im Blick. Umso mehr gilt: man tut gut daran, es nicht als Urteil über eine fremde Gruppe zu lesen, sondern mit der Frage: Was daran trifft mich? Lebe ich anders, nicht außenorientiert, sondern innengeleitet, nicht bestimmt durch die Jagd nach Ansehen, sondern geführt durch den Geist Gottes, der mich frei macht von aller Angst um mich selbst, frei auch von der Angst, zu kurz zu kommen.

Es ist nicht so einfach! Ich habe ein Leben lang von der organisierten Religionsausübung profitiert Mein Ruhestandsgehalt ist auskömmlich, reichlich. Ich muss mir keine Sorgen machen. Das Geld kommt pünktlich, jeden Monat. Darum die selbstkritische Frage: Gehöre ich zu denen, die unter dem Vorwand der Religion ihr Schäfchen ins Trockene gebracht haben? Die Seelsorge sagen, aber dabei nur an sich gedacht haben? Selbst wenn ich von mir weiß, dass ich nie den „Herrn Pfarrer“ gegeben habe, dass ich immer Mensch unter Menschen, Christ unter Christ*innen sein wollte – mir steht der Freispruch in eigener Sache nicht zu. Der Herrr Jesus wird urteilen. Was ich weiß: die Lebensform Pfarrer war wohl bei dem Herrn Jesus nicht vorgesehen. Aber es hat sie im Lauf der Geschichte gegeben – Schriftgelehrte in der christlichen Gemeinde. Und ich gestehe mir ein: Ich war Pfarrer und es war das Glück meines Lebens, ich war es gern

Auch das wird man zu bedenken haben: Es wird so sein, diese Worte treffen nicht zu für den/die Einzelnen. Vielleicht aber meint Jesus ja die Institution „Schriftgelehrte“. Dann ist die Frage an uns: wie steht es mit unserer Glaubensinstitution? Wie ist das mit dem Gehabe der Kirchen? Nach außen, in Veröffentlichungen sozial, besorgt um die Armen, aber jenseits der öffentlichen Wahrnehmung sieht es zu oft anders aus.

Ich weiß von Niedrigstlöhnen im Bereich der diakonischen Einrichtungen für ungelernten Arbeitskräfte, Reinigungspersonal, gerne auch einmal aus dem Ausland und auf der Kehrseite von der Anpassung an Denkweisen des gehobenen Managements. Kirchliche Wohlfahrtskonzerne funktionieren eben auch nach den Gesetzen des Marktes. Man gönnt sich ja sonst nichts. Es ist der wahre Mensch Jesu, der in diesen Worten seinem gerechten Zorn über das Gehabe der Frommen freien Lauf lässt

 

Jesus, dass Du so hart urteilen kannst, dass Du so schonungslos verurteilen kannst, das lässt mich erschrecken.

Machen wir uns etwas vor über Dich, den wir so gerne Bruder nennen, wenn wir glauben, dass Du schon nicht so genau hinsehen wirst? Gib Du uns doch, dass wir ehrlich sind, dass wir uns mühen um Gerechtigkeit, dass wir keine Machtpositionen für uns ausnützen, sondern immer das Wohl der Anderen suchen.

Lehre uns Deine Demut und Deine Wahrhaftigkeit, auch wenn sie wehtut. Amen