Wie soll ich Dich nennen?

Markus 12, 35 – 37

35 Und Jesus fing an und sprach, als er im Tempel lehrte:

             Jesus ergreift die Initiative. Er ist nicht nur auf Streitgespräche aus. Sondern er lehrt, von sich aus. Im Tempel.

 Wieso sagen die Schriftgelehrten, der Christus sei Davids Sohn?

             Sie kommt uns weit weg, diese Frage, die er stellt: Wieso sagen die Schriftgelehrten, der Christus sei Davids Sohn? Es geht um die Herkunft des kommenden Christus. Er wird als Davids Sohn bezeichnet. Einer aus dem Geschlecht und Haus Davids. Einer, der das Reich Davids wiederherstellen wird. „Es war allgemeine Überzeugung im Judentum der damaligen Zeit, dass ein Nachkomme Davids als Gesalbter Gottes und endzeitlicher König Israel erlösen würde.“(W. Klaiber, aaO.  S. 238) Im Gegensatz zu Matthäus und Lukas aber verzichtet Markus auf einen Stammbaum Jesu, der ihn als einen Nachkommen Davids erweist. Der Grund ist einfach, schlicht: „Fragen des Heils sind Fragen der Existenz, nicht Fragen der Biologie.“(E. Drewermann, aaO. S. 299) Wer also nach dem Christus fragt, der fragt nach dem Heil und nicht nach einer lückenlosen Genealogie.

36 David selbst hat durch den Heiligen Geist gesagt (Psalm 110,1): »Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde unter deine Füße lege.« 37  David selbst nennt ihn ja Herr. Woher ist er dann sein Sohn?

Dennoch ist es kaum das Interesse Jesu, die Anrede Sohn Davids zurück zu weisen, sie zu relativieren. Immerhin ist es auch Markus, der erzählt: „Und als er hörte, dass es Jesus von Nazareth war, fing er an, zu schreien und zu sagen: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und viele fuhren ihn an, er solle stillschweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“(10,47-48) Jesus weist diese Anrede des Blinden nicht zurück, wie er auch den Ruf bei seinem Einzug nicht zurückweist: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt! Hosianna in der Höhe!“(11,9-10)

 Was also stellt er in Frage, wenn es nicht die Anrede als solche ist? Oder was will er lehren? Der Schlüssel liegt im Verständnis des Psalmenzitates. „Die Deutung Jesu geht von der Voraussetzung aus, dass hier David zum Messias spricht, dem endzeitlichen Repräsentanten der Gottesherrschaft, dem Gott die Feinde unter die Füße legen wird.“(W. Klaiber, aaO. S. 239) David ist ja der Beter des Psalms. Und das was er als Beter sagt, ist, was er gehört hat: „David hört ein Gespräch, das im Schoß der Gottheit die Gottheit mit sich selbst führt, das dort der Vater mit dem Sohn führt.“(P. Schütz, aaO.  S. 416)

 Ich lese das alles so, dass es sich nicht um eine Zurückweisung der Bezeichnung Sohn Davids handelt: Wohl aber geht es darum, zurückzuweisen, dass man sich mit der Diskussion um irgendwelche Anreden, Titel, Hoheits-Namen seiner, des Christus bemächtigen kann. Man kann ihn eben nicht auf den Begriff oder auf den Titel bringen. Man kann und darf damit auch keine Machtansprüche verbinden: „Wenn David selbst den Messias seinen Herrn nennt, dann ist es ganz deutlich, dass man den Gesandten Gottes nicht als Davidssohn“ verstehen kann: dann ist es nicht möglich, das Heil Gottes in der Kontinuität irdischer Machtentfaltung zu sehen; dann liegt der Anfang der Gottesherrschaft gerade darin, dass die Macht der Machthaber sich beugt vor einem Adel und einer Würde, die ihnen absolut überlegen sind, weil sie der Sphäre Gottes,  nicht der Sphäre der Menschen zugehören.“(E. Drewermann, aaO. S. 309)

Noch einen Schritt weiter und darüber hinaus: Auch wer ihn „korrekt“ anreden würde, hat ihn damit noch nicht begriffen und erst recht kann er ihn damit nicht irgendwie in die eigenen Rechnungen einbauen.

Auch das reicht meines Erachtens nicht aus – hier eine Art Zweistufen-Christologie zu sehen, wie es sie bei Paulus zu geben scheint: Paulus sieht seinen Auftrag, ihm von Gott gegeben  darin, das Evangelium zu predigen „von seinem Sohn Jesus Christus, unserm Herrn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, und nach dem Geist, der heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten. (Römer 1, 3-4) Nach irdischen Kategorien Davidssohn, nach himmlischen Gottessohn.

Unser Text kennt vielleicht schon oder noch diese Zuordnung, aber er hält sie in der Schwebe, weil es nicht um das intellektuelle Verstehen des Geheimnisses des Christus geht, sondern um das Leben aus seiner Kraft. „Wer Jesus ist, erfährt man nicht als Schultheorie, sondern im Glauben und in der Nachfolge des Gekreuzigten.“(J. Gnilka,  aaO.  S. 172)

Und die große Menge hörte ihn gern.

            „Das Herz des Volkes besitzt ja noch Sinn, wie wir zu sagen pflegen, für das Mehr-als- Menschliche in der Welt, für die übersinnlichen Zusammenhänge der Dinge, für das Unlogische und das Geheimnisvolle, für das Märchen und für die Legende.“(P. Schütz aaO.  S. 417) Man muss nicht alles verstanden haben, um davon berührt, ergriffen zu sein. Weil seine Worte die Herzen berühren, hört das Volk ihn gern. Seine Worte tun gut. Das reicht.

Zum Weiterdenken

Ich glaube, dass schon das Markus-Evangelium damit zu kämpfen hat, dass es eine Tendenz gab und noch heute gibt, das Vertrauen auf die Gegenwart des Auferstandenen, auf die Kraft des Geistes zu ersetzen durch eine Zustimmung zu Sätzen des Glaubens, durch die richtige Anrede Jesu, durch die Titel Jesu. Es ist ein Trost aus den Anfangszeiten: „Niemand kann sagen: „Jesus ist der Herr“ außer durch den Heiligen Geist.“(1.Korinther12,3) Damit ist alles gesagt.

Aber schon sehr früh wird sichtbar, dass auch mit den richtigen Sätzen über Jesus noch nicht alles gesagt ist und schon gar nichts gelebt ist. Es ist damit noch nichts gesagt über das Leben dessen, der so etwas sagt. Es ist eben nur in Satz mehr, wenn es nicht zur Hingabe an den Herrn Jesus kommt, nicht zum vertrauensvollen Schrein nach dem Davidssohn, nicht zum Laufen in der Spur des Menschensohnes. Die Titel Jesu können die gelebte Nachfolge und den Glauben nicht ersetzen Es geht um die Existenz und nicht nur um ein paar fromme, theologisch korrekte Sätze.

Es ist eine Schwierigkeit bis heute. Wir haben in den Kirchen Denk-Systeme etabliert, durch die wir glauben, Jesus ordentlich zu beschreiben. Seiner Bedeutung gerecht zu werden. Es ist schon eine echter Fortschritt, dass wir lernen, dass es nicht die korrekte Anrede ist, die ihn in Gang setzt. Auch nicht der richtige Glaubens-Satz über hin. In mir wachsen, vorsichtig gesagt, die Bedenken, ob es überhaupt möglich ist, richtige Sätze über ihn zu sagen. Ihn definieren geht nicht – er ist der Mann, der in kein Schema passt. Was bleibt, ist wenig genug, aber auch wirklich genug: Es bleibt, ihn anzurufen, anzubeten, sich an ihn zu halten in allem glück und aller Angst.

 

Jesus, wie soll ich Dich nennen? Ich nenne Dich Gottessohn, weil ich in Dir Gott in unserer Nähe glaube. Ich nenne Dich Menschensohn, weil ich so Dir nahe sein kann. Ich nenne Dich Davidssohn, weil ich so die Treue Gottes begreifen will. Ich nenne Dich meinen Heiland, weil ich Dir meine Rettung verdanke, meine Erlösung, meine Zukunft im Land des Heils.

Ich danke Dir, Jesus, dass Du Dich von mir rufen lässt und es immer weißt und es auch immer hörst, wenn Du gemeint bist. Amen