Mehr braucht es nicht – nur die Liebe

Markus 12, 28 – 34

 28 Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn:

             Das vorangegangene Gespräch hat nicht im geschlossenen Kreis stattgefunden, sondern vor Publikum. Zu diesem Publikum gehören auch Schriftgelehrte. Einer von ihnen tritt jetzt auf Jesus zu. Offensichtlich beeindruckt. Vielleicht sogar berührt. Weil es ihm gefällt, wie Jesus antwortet. Weil er seinen Antworten innerlich zustimmen kann? Weil sie gut, sind, καλϛ, schön – früher mit fein übersetzt.

Es fällt auf: Nach den vorherigen Debatten, die fast durchgängig als Scheingespräche eingeführt werden, da das Motiv der Gesprächspartner Fallenstellen, Fangen, Überführen ist, kommt jetzt einer zu Wort, der einfach fragt. Nur fragt. Kein Kommissions-Mitglied, keiner, der einer Gruppe verpflichtet ist in seinem Fragen, sondern einer, der sich von Jesus Antwort erhofft. Für sich selbst. Für sein Fragen.  Es wäre kein Wunder, wenn Jesus ihn zurückhaltend aufnehmen würde, weil er einer von „denen“ ist, ein Schriftgelehrter. „Es gehört ein sehr weites Herz dazu, angesichts solcher Herausforderung mit solcher Ruhe und Klarheit zu sprechen, wie Jesus es hier tut.“(E. Drewermann, aaO. S. 284) Er sieht nur den Fragenden, nicht die Gruppe, aus der er kommt.

  Welches ist das höchste Gebot von allen?

           Seine Frage geht von einer Vorstellung aus, die nicht unumstritten ist: es gibt womöglich eine Rangfolge der Gebote. Wichtige und weniger wichtige, größere und kleinere. Dem widerspricht die folgende Überlegung: „Da alle Gebote Gottes Satzungen sind, kann nicht von wichtigen und unwichtigen Satzungen gesprochen werden und ihre Verschiedenheit kann nicht auf ein Prinzip gebracht werden.“ (W. Grundmann, aaO.  S. 337)

             Aber es gibt auch das andere – ein Denken, das die Tora nicht wie eine große Landmasse sieht, sondern profiliert. So dass man nach dem bedeutendsten, dem höchsten oder vornehmsten Gebot fragen kann. Mir scheint, dass hier im Griechischen das Wort ντολ  für Gebot steht und nicht νόμος – für Gesetz, spricht dafür, dass er tatsächlich nach dem einen Gebot fragt, von dem her sich alle anderen ordnen. In diesem Sinn wird die Antwort Hillels an einen Heiden überliefert, der Proselyt, ein Gottesfürchtiger, werden wollte, wenn ihn einer „die ganze Tora lehren könne, solange er auf einem Fuß stehe.Was dir unliebsam ist, das tue auch deinem Nächsten nicht; dies ist die ganze Tora; das andere ist ihre Auslegung; gehe hin und lerne das.“ (W. Grundmann, aaO.  S. 336)

Aber, der Schriftgelehrte fragt eben nicht danach, auf welcher Seite des Schulstreites Jesus steht, eher auf der liberalen Seite oder eher auf der konservativen. „Er möchte wissen, ob sich die Quintessenz dessen, was Gottes Willen ausmacht, aussagen lässt.“(J. Gnilka, aaO.   S. 164)

 29 Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, 30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften«. 31 Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

             Auch das fällt auf: diesmal stellt Jesus keine Gegenfrage. Hier sieht er sich nicht in eine Diskussion gezogen, sondern wirklich als Lehrer, als Wegweiser gefordert. Er antwortet, schulmäßig und als Jude, wie er es selbst gelehrt worden ist: schema israel. „Es ist das Bekenntnis, das jeder Israelit am Morgen und am Abend rezitierte; diese Rezitation bedeutete, dass einer die Herrschaft Gottes auf sich nahm.(W. Grundmann, aaO.  S. 337) Eine Antwort also, die Jesus ganz mit seinem Volk verbunden zeigt. Ihn als den jüdischen Mann zeigt, der er ist.

Daneben stellt er – gleichwertig – das andere Gebot – die Liebe zum Nächsten. Damit ist er ganz nahe bei dem, was Rabbi Hillel dem fragenden Heiden (s. o.) sagte.  In der Verknüpfung dieser Worte geschieht eine Grundklärung des Glaubens: die Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst gehören zusammen. Diese Liebe ist unaufteilbar. Und immer, wenn man die Liebe zu Gott in eine Alternative zur Liebe zu den Mitmenschen oder sich selbst gestellt hat, „darf es gar kein Zweifeln und Zögern geben. Die Liebe zu Gott und dem Nächsten befreit von jedem anderen Gebot oder Verbot, das ihr entgegensteht, von jedem.“(E. Drewermann, aaO. S. 286) Wann immer man hier einen Gegensatz, Entweder-oder konstruiert und lebt, hat man das Wort Jesu überlesen. Nicht geachtet.

 32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; 33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.

             Der Schriftgelehrte stimmt Jesus zu. Lobt ihn: du hast wahrhaftig recht geredet! Mit den eigenen Worten wiederholt er und stellt die Worte in den Horizont, in dem sein Denken und frommes Tun zu Hause ist. Er antwortet auf die Frage, die sich ja wie von selbst stellt: Welche Gestalt nimmt das an, diese dreifache Liebe in Lebenspraxis umzusetzen? Er sieht, dass die Prioritäten sich ändern. Brandopfer, Schlachtopfer treten zurück hinter der Liebe, sie werden zweitrangig. Er  ahnt, dass die Liebe mehr ist, größer als aller Kult und alles Opfer. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“(1. Korinther 13,13)

  34 Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Jesus hört seine Antwort. Sie ist verständig. νουνεχς .Vom Verstehen geleitet. Sinnvoll. Was er gesagt hat, „macht Sinn.“ Und so gibt er ihm ein Wort mit auf den Weg, das ihm den Weg weist, den Rücken stärkt, ihn auf dem Weg bleiben heißt: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Jesus „anerkennt ausdrücklich die Nähe dieses Mannes zu Gottes Reich.“(W. Klaiber, aaO.  S. 237) Er ist ja in seinem Nachsprechen Jesus nahegekommen. In dieser Nähe zum Reich ist alles Fragen überholt.

Zum Weiterdenken

Was heißt das übersetzt ins Heute? Eine Zeitlang auf die öffentliche Feier des Gottesdienstes verzichten, weil die Liebe zum Nächsten ihm Raum gewährt. Abstand hält. Mir fällt das Gedicht von Ingeborg Bachmann ein aus den 60-er Jahren: „Abstand, um Himmels willen Abstand.“ So sieht Nächstenliebe in diesen Zeiten aus.

„Was dann im Einzelnen zu tun ist auf dem Weg der Liebe, weiß man oft gar nicht.“(E. Drewermann, aaO. S. 293) Aber vielleicht muss man es auch gar nicht im Voraus wissen. Wir sind geprägt von einem Denken in Verantwortlichkeiten. Wofür ich verantwortlich bin, was in meine Zuständigkeit fällt, dass muss ich tun. Das Wort Jesu hat eine geradezu verstörend andere Tendenz. Es reißt die Grenze der Zuständigkeit ein und sagt: Gehe darüber hinaus. Lass dich leiten von der dreifaltigen Liebe – zu Gott, dem Nächsten, dir selbst. Es wird wohl so sein, dieses Wort hat den großen Kirchenlehrer Augustinus bewegt zu seinem so kühnen Satz:   „Dilige, et quod vis fac“ (In epistulam Ioannis ad Parthos, tractatus VII, 8) – Liebe und dann tue, was du willst.

 

Gott, Dich möchte ich lieben von ganzen Herzen, von ganzer Seele, mit allen Kräften, im Großen und im Kleinen. Mit meinen Nächsten möchte ich liebevoll umgehen, ihr Leben fördern, sie Gutes erfahren lassen, ihnen Halt geben und Schutz und Rückenwind im Großen und im Kleinen.Mir selbst möchte ich gut sein, Zeit gönnen, mich wahrnehmen mit allen Sinnen, in allem Sein, im Gelingen und im Scheitern im Großen und im Kleinen.

Ich danke Dir Gott, dass Du uns in die Liebe rufst, in die Hingabe, in die Freundlichkeit, in das Wagnis der Nähe im Großen und im Kleinen. Zünde in uns Deine Liebe an, damit wir Liebende werden im Großen und im Kleinen. Amen