Geborgen in Ewigkeit

Markus 12, 18 – 27

18 Da traten die Sadduzäer zu ihm, die sagen, es gebe keine Auferstehung; die fragten ihn und sprachen:                                 

            Die Diskussionspartner Jesu stehen Schlange. Er ist ein gesuchter Mann. Diesmal sind die Sadduzäer an der Reihe. „Sie sind die priesterliche Gruppe, die „jüdische Aristokratie“, die konservativ nur das Gesetz, also die fünf Bücher Mose als Autorität anerkennt.“(E. Schweitzer, aaO.  S. 140) Und weil in diesen Büchern nirgends von einer Auferstehung die Rede ist, ist das für sie auch kein Thema, kein Gegenstand ihres Glaubens und Lehrens von Gott.

 19 Meister, Mose hat uns vorgeschrieben (5. Mose 25,5-6): »Wenn jemandes Bruder stirbt und hinterlässt eine Frau, aber keine Kinder, so soll sein Bruder sie zur Frau nehmen und seinem Bruder Nachkommen erwecken.« 20 Nun waren sieben Brüder. Der erste nahm eine Frau; der starb und hinterließ keine Kinder. 21 Und der zweite nahm sie und starb und hinterließ auch keine Kinder. Und der dritte ebenso. 22 Und alle sieben hinterließen keine Kinder. Zuletzt nach allen starb die Frau auch. 23 Nun in der Auferstehung, wenn sie auferstehen: wessen Frau wird sie sein unter ihnen? Denn alle sieben haben sie zur Frau gehabt.

             Und nun konfrontieren ausgerechnet diese Leute, die alles Leben über den Tod hinaus leugnen, Jesus mit einer Geschichte, die über den Tod hinaus reicht. Sie wirkt reichlich konstruiert, herausgesponnen „aus dem alttestamentlichen Gebot der Leviratsehe.“ (W. Grundmann, aaO.  S. 332) Das ist die Verpflichtung, dem kinderlos gestorbenen Bruder Kinder durch eine Ehe mit dessen Witwe zu erwecken.

Die Geschichte, die sie erzählen, klingt abstrus. So, als wäre die Frau ein Todesengel. Vage könnte ihr Story anknüpfen an die Erzählung über Tamar, die zwei Brüder überlebt und der deshalb der dritte „vorenthalten“ werden soll. „Da sprach Juda zu seiner Schwiegertochter Tamar: Bleibe eine Witwe in deines Vaters Hause, bis mein Sohn Schela groß wird. Denn er dachte, vielleicht würde der auch sterben wie seine Brüder.“(1. Mose 38, 11)

             Eine zweite Möglichkeit: die Sadduzäer bedienen sich aus der frommen Tradition, die sie aber von ihrer Denkart eher antiquiert finden, unglaubwürdig: Im Buch Tobit, das im Judentum der Exilszeit spielt, wird von einem Mädchen erzählt, das sieben Hochzeitsnächte überlebt, während die sieben Bräutigame alle dahin gehen. (Tobit 6, 14ff) Das könnte gut die Vorlage für ihr Fragen sein.

Aber im Grunde muss man wohl sagen: sie erzählen eine Geschichte, die sie selbst zwar in ihrer abstrusen Gesetzlichkeit für gerade noch denkbar halten. Aber die Schlussfrage ist für sie keine Frage mehr: Am Ende steht das Nichts und kein erotischer Verteilungskampf im Himmel.  Auch hier gilt: Die Frage, die sie stellen, ist nicht die Frage der Fragenden. Sie ist nur der Versuch, den Gefragten lächerlich zu machen. Ihn bloß zu stellen und vorzuführen.

24 Da sprach Jesus zu ihnen: Irrt ihr nicht darum, weil ihr weder die Schrift kennt noch die Kraft Gottes.  

Wir hören: ihr habt keine Ahnung. Ihr seid auf dem Holzweg. Ihr seid Irrende. μ εδτες „Es klingt fast wie eine Titulatur.“(J. Gnilka, aaO. S. 159) Nichtswissende. Obwohl sie sich so auf die Schrift berufen, kennen sie sie nicht – wohl deshalb nicht, weil sie die Kraft Gottes, δναμις το θεο nicht kennen. „Er sagt ganz einfach: Ihr wisst nichts von der Hauptsache. Ihr haltet euren Horizont für die Welt. Ihr wisst nichts von der Hauptsache dahinter und darüber.“(P. Schütz, aaO. S. 415) Weil sie nicht wissen, dass Gottes Kraft wirkt.

 25 Denn wenn sie von den Toten auferstehen, so werden sie weder heiraten noch sich heiraten lassen, sondern sie sind wie die Engel im Himmel. 26 Aber von den Toten, dass sie auferstehen, habt ihr nicht gelesen im Buch des Mose, bei dem Dornbusch, wie Gott zu ihm sagte und sprach (2.Mose 3,6): »Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs«?

             Es geht inhaltlich weiter: Das Leben der Auferstehung ist keine Fortsetzung der irdischen Wirklichkeit, wie sie sich im Heiraten und sich heiraten lassen zeigt. Es ist eine andere Existenz, kategorial verschieden vom Leben in der Welt. Darum der Satz: sie sind wie die Engel im Himmel. Darauf läuft die Antwort Jesu hinaus: „Gott schafft Neues und noch nicht Erfahrenes.“(J. Gnilka, ebda.) Deshalb ist es auch müßig, sich diese neue, engelhafte Existenz irgendwie vorstellen zu wollen. Es wird ganz anders sein. Totaliter aliter.

             Das ist noch nicht die ganze Antwort Jesu. Sondern jetzt führt er weiter und geht auf die Auferstehungsleugner ein. „Mose wird durch Mose, auf den sich die Sadduzäer berufen, widerlegt.“(J. Gnilka, ebda.) Es ist die für den Glauben so zentrale Selbstvorstellung Gottes aus dem Dornbusch, die das für Jesu entscheidende Argument liefert. Weil Gott in seinem Wort nicht auf historische Fakten verweist, sondern auf die Erzväter Israels, Abraham, Isaak und  Jakob als die bei ihm Gegenwärtigen. „Die Patriarchen leben bei Gott und sind für die Auferstehung bestimmt.“(J. Gnilka, aaO.  S. 160)

27 Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden. Ihr irrt sehr.

             Damit wird die Summe aus den vorhergehenden Sätzen gezogen. Gott ist der Schöpfer, der Lebendige, der das Leben will. Darum widerspricht es dem Wesen Gottes, Leben im Tod zu lassen, die Toten dem Tod zu lassen. „Als der Lebendige ist Gott ein Gott der Lebenden.“ (J. Gnilka, ebda.) Vor dem Tod und nach dem Tod. Vor dem Horizont und hinter dem Horizont.

Weil sie das nicht sehen, nicht sehen wollen oder nicht sehen können, bekräftigt Jesus noch einmal, wie es um die Sadduzäer in ihrem vermeintlichen Wissen steht: Ihr irrt sehr. Was weiter mit den Sadduzäern ist, wird nicht mehr erzählt.

Zum Weiterdenken

Es gibt echte Fragen und unechte Fragen. Unechte Fragen haben nichts mit der eigenen Existenz zu tun. Eine Antwort auf solche Fragen ändert nichts, weder am Leben der Fragensteller noch am Leben des/der Antwortenden. Echte Fragen dagegen entstehen aus der Existenz. Das Leben stellt sie und wir können ihnen nur zum eigenen Schaden ausweichen, wenigstens eine Zeit lang. Der Virus < oder muss es doch heißen: das Virus?> der im Augenblick seine unheimliche Tour durch die Welt nimmt, wird zur Frage an unsere Existenz. Was bin ich bereit zu verändern? Worin bin ich bereit, mich einzuschränken, auf Abstand zu gehen von meinen Gewohnheiten? Wo bin ich bereit, Einschränkungen auf mich zu nehmen. Existentiell wird es auch darin, dass ich mich damit auseinandersetzen muss: es wird nicht in ein paar Tagen vorbei sein. Es kann dauern, länger als es uns lieb ist.

Die Sadduzäer sind heute nicht mehr eine obskure jüdische Gruppe. Sie sind mit ihrem Denken, ihrem Zweifel an der Auferstehung heutzutage mehrheitsfähig. Was also ihnen entgegenhalten? Vom Menschen her betrachtet – nichts. Wir vermodern wie alles organische Leben im Tod vermodert. Wer Auferstehung sagt, muss Gott sagen, muss sie im Wesen Gottes festmachen. In dem „Gott, der uns schuf, und von Ewigkeit her wollte und in Ewigkeit möchte, dass wir sind. Die ewige Liebe, die beschloss, uns ins Dasein zu rufen, will niemals mehr diesen Ruf zurücknehmen.“(E. Drewermann, aaO. S. 275) Oder anders gesagt: Gott will die bei sich, die er in dieser Welt geliebt hat. Seine Liebe hört nie auf.

Anders gesagt: Wir stehen vor der Frage, wie wir es mit der Gegenwart Gottes halten. „Gott ist gegenwärtig.“ Wenn ich das singe, bekenne ich: Seine Gegenwart ist nicht nur die, für die Lebenden, sondern auch für die toten. Auch sie sind Gott gegenwärtig. Auch ihnen ist Gott gegenwärtig. Wir alle, lebendig oder tot, sind Gott gleich nah, ihm gleich nah, gleich gegenwärtig. Da ist kein Unterschied.    

 

Heiliger barmherziger Gott, Du lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. In Dir leben alle, die vor uns waren, die nach uns kommen, deren Leben zerbrochen wird von einem Augenblick auf den anderen und die alt und lebenssatt sterben.

Lass es mich immer wieder ergreifen mit meinem Herzen und meinem Gemüt, gegen alle Einwände meines Herzens und Denkens, dass alle Tage unseres Lebens aufgehoben sind in Dir, dass auch über den Tod hinaus unser Leben geborgen ist. In Deiner Ewigkeit. Amen